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Vindolanda war ein römisches Hilfstruppenkastell, nahe der Gemeinde Bardon Mill/Henshaw, Ortsteil Chesterholm, Grafschaft Northumberland, England.
Die Römer rückten im 1. Jahrhundert n. Chr. bis ins heutige Grenzgebiet zwischen England und Schottland vor. Hier konzentrierten sie zur Zeit ihrer Herrschaft über Britannien die meisten ihrer Besatzungstruppen. Auch die Sicherung der Grenze durch eine dichte Kette von Kastellen (wie Vindolanda) an Heerstraßen, begann im späten 1. Jahrhundert, nachdem die Römer einen Teil ihrer Eroberungen in Schottland (Gask-Ridge) wieder aufgegeben hatten. Die permanente Anwesenheit römischer Soldaten seit frühtrajanischer Zeit konnte vor Ort durch die Archäologie zweifelsfrei belegt werden. Die Grenzregion, die sich über den Norden Englands von der Mündung des Tyne bis zum Solway Firth erstreckte, wurde durch eine gut ausgebaute Militärstraße erschlossen, die seit dem Mittelalter als Stanegate bekannt ist. Sie markierte die erste feste Grenzlinie im römischen Britannien. Die Kastellbesatzung Vindolandas war anfangs für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben an der Grenze und später für die Kontrolle des Hinterlandes des Hadrianswalls zuständig. Aufgrund der Lage am äußersten Rand einer der abgelegensten Provinzen Roms waren die Bewohner Vindolandas in hohem Maße von der Nutzung vor Ort vorhandener Ressourcen und ihrem Einfallsreichtum abhängig. Heute ist bekannt, dass sich in Chesterholm die Überreste von neun aufeinanderfolgenden römischen Kastellen befinden. Aufgrund der damaligen Praxis, vor dem Beginn eines Neubaus das Areal zu planieren bzw. mit einer neuen Lehmschicht zu bedecken, sind Tausende von antiken Artefakten bemerkenswert gut erhalten geblieben. Überregional populär wurde die Grabungsstätte vor allem durch zahlreiche dort geborgene Fragmente antiker Schreibtafeln. Außerhalb der Festung befand sich eine größere Zivilsiedlung mit Badehäusern, Tempeln und angeschlossenem Gräberfeld. Wegen seiner langen Belegungsdauer, der teilweise noch sehr gut erhaltenen Mauersubstanz sowie der spektakulären Bodenfunde zählt Vindolanda zu den am besten erforschten archäologischen Denkmälern im Vereinigten Königreich. Zu sehen sind heute das großflächig ergrabene, spätantike Steinkastell und die Zivilsiedlung, außerdem ein Museum mit ausgewählter Fundsammlung und mehrere Gebäuderekonstruktionen auf dem Schaugelände.
Dieser Artikel enthält die Beschreibung des Kastells, der Zivilsiedlung und zweier benachbarter Wachtürme in der Flur Barcombe.
Name 1914 fand ein Arbeiter bei der Suche nach einem Brunnen 110 Meter westlich des Kastells einen Altar aus Sandstein, der von den einstigen Bewohnern der Zivilsiedlung (vicani) dem regierenden Kaiserhaus und dem Gott Vulcanus gewidmet worden war. Dessen Inschrift enthüllte den antiken Namen der Siedlung. Der Altar stammt wahrscheinlich aus den Jahren zwischen 223 und 225. Der Ortsname erscheint auch in einer der Vindolanda-Tafeln. Er lässt sich aus dem Keltischen ableiten. Vindo bedeutet weiß, es kann sich dabei aber auch um einen Personen- oder Flurnamen handeln. Die wohl latinisierte Form Vindolanda könnte somit als Weiße Festung, weißschimmernde Wiese oder auch Haus oder Hof des Vindo aufgelöst werden. Der Standort wird auch in den beiden wichtigsten spätantiken Schriftquellen erwähnt. In der Notitia dignitatum (spätes 4. und frühes 5. Jahrhundert) erscheint es als Vindolana zwischen Borcovicio (Housesteads) und Aesica (Great Chesters). In der Kosmographie des Geographen von Ravenna (7. Jahrhundert) findet man es als Vindolanda, wo es zwischen den Einträgen für Camboglanna (Castlesteads) und Longovicium (Lanchester) angeführt ist. In den Aufzeichnungen der Antiquare, die Chesterholm aufgesucht hatten, wird es als „Chesters on Caudley“, „Little Chesters“ und „The Bower“ bezeichnet.Albert Rivet, Colin Smith: The Place-names of Roman Britain. 1979, S. 502, Bidwell 1985, S. 3 RIB 1700: vicani Vindolandenses, Robin Birley 1977, S. 35.
Lage Vindolanda liegt in Nordengland, an der Grenze zu Schottland, im Hügelland der Pennines, in jenem Abschnitt der Insel, wo die Distanz zwischen den Küsten der Nordsee und der Irischen See am geringsten ist. Es stand etwa drei Kilometer südlich des Hadrianswalls, an seinem landschaftlich schönsten Abschnitt, dem Höhenzug des Whin Sill, in der Nähe von Hexham und Haltwhistle, etwa 40 km von Luguvalium (Carlisle) im Westen entfernt. Die römische Festung mit den dazugehörigen zivilen Siedlungen und Gräberfeldern befanden sich unmittelbar südlich der Stanegate-Straße. Letztere verband Corbridge im Osten mit Carlisle im Westen an der Küste von Cumbria. Das Kastell stand im Trogtal des South Tyne, am Ostrand eines 154 × 93 Meter großen, leicht nach Südwesten abfallenden, 160–165 Meter hohen Plateaus zwischen den Wasserläufen des Doe Sike im Westen und den Chainley Burn im Osten. Von dort aus hatte man einen guten Blick auf das dicht bewaldete Allen-Tal und den Mittelgebirgszug der Pennines. Nach Osten hin war die Sicht durch den Barcombe Hill und die Cod-Law-Ridge im Norden etwas eingeschränkt. Letztere verdeckte vor allem die Sicht auf den Höhenzug der Whin Sills. Dieser Umstand war für die Erbauer aber wohl ohne große Bedeutung, da das Kastell vor allem die Stanegate-Straße sichern sollte. Das Gelände war ansonsten flach genug und verfügte insbesondere über ein ausreichendes Wasservorkommen für eine größere Besatzung. Bradley und Brackies Burn vereinigen sich zunächst unterhalb des Plateaus zum Chainley Burn, der wiederum drei Kilometer entfernt als Bardon Burn in den Südarm des Tyne mündet. Die archäologische Stätte ist heute über die A69 (Schnellstraße zwischen Carlisle und Newcastle) erreichbar. Die nächstgelegenen Wallkastelle waren das 3 km entfernte Vercovicium (Housesteads) im NO und Aesica (Great Chesters ca. 6 km im NW). Im späten 2. Jahrhundert gehörte die Region zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda.R. Birley 1977, S. 109–110.
Straßenverbindungen Die Straßen, die von der Armee in Nordbritannien angelegt wurden, waren für die Kommunikation zwischen den Garnisonen und die Kontrolle über das neu eroberte Territorium von entscheidender Bedeutung. Über das gut ausgebaute Straßennetz Britanniens konnte der Süden der britischen Insel, wie z. B. die Handelsmetropole Londinium und die Kanalhäfen in weniger als einer Woche erreicht werden. Konkrete Zeugen für den Anschluss Vindolandas an das Fernstraßennetz sind u. a. Importgeschirr aus Gallien und Olivenölamphoren aus Hispanien. Ein Schreibtafeltext bezieht sich vermutlich sogar auf eine Reise nach Rom. Vindolanda war eine Etappe an der von Agricola oder einem seiner Nachfolger angelegten Stanegate, die die Nachschubbasis Coriosopitum (Corbridge) im Osten mit Luguvalium (Carlisle) im Westen durch die Flusstäler des Tyne und Irthing verbindet, die das Pennine-Hügelland durchschnitten. Der Ort war nur etwa 24 Kilometer von der Hauptversorgungsbasis der Wallgarnisonen entfernt, was ungefähr einem Tagesmarsch entsprach. Trotz Anlage der Militärstraße, die sich näher am Wall entlangzog, blieb die Stanegate eine stark frequentierte Route, da erstere teils über schwieriges, für Fuhrwerke nicht passierbares Gelände verlief. Der Name der Straße stammt aus dem Mittelalter, aber ihren Verlauf legten römische Landvermesser fest. An manchen Stellen folgen einige der heutigen Straßen noch ihrer Route, aber ein Großteil der antiken Trasse ist nur noch anhand von Feldwegen oder -grenzen, erkennbar. Die Stanegate lief in Vindolanda unmittelbar nördlich am Kastell VI vorbei, etwas weiter nordöstlich überquerte sie den Bradley Burn. Im Westen wird sie durch einen Gehweg und durch die Zufahrtsstraße zum archäologischen Park markiert. Überreste des antiken Straßenbelags sind vor Ort nicht mehr sichtbar. Bei der Untersuchung der Nordwestmauer des Kastells wurde weiters festgestellt, dass der bislang angenommene Verlauf der Stanegate nicht stimmen kann, da dort zeitweise ein Wehrgraben existiert haben muss. Ergänzende Luftbild- und Magnetometeruntersuchungen lassen daher vermuten, dass die Trasse etwa 50 Meter weiter nördlich des Kastells lag.
Straßenverbindungen bestanden – über die Stanegate und ihre Nebenstraßen – nach Barcombe, zum Wallkastell Cilurnum (Chesters), Crindledykes, zum Wallkastell Aesica (Great Chesters), Grindon Hill, zum Kleinkastell Haltwhistle Burn (Haltwhistle), Wallkastell Magnis (Carvoran), Newbrough, Seatsides und ziemlich sicher auch zum Wallkastell Vercovicium (Housesteads).
Meilensteine Römische Meilensteine dienten nicht nur dazu, die Entfernung zur nächsten Etappe anzugeben. Sie sollten auch die von den Kaisern oder anderen Honoratioren angeordneten Neuanlagen und Reparaturen gebührend herausstreichen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Statthalter in einigen der Provinzen, die Hadrian besuchte, ein oder zwei Jahre vor seiner Ankunft veranlassten, die Straßen wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Der Statthalter Britanniens in dieser Zeit war Quintus Pompeius Falco. Sieben römische Meilensteine wurden 1885 nördlich der Stanegate etwa ¼ Meile östlich der Crindledykes Farm entdeckt. Ein Exemplar befindet sich heute im Chesters Museum. Laut seiner Inschrift wurden die Entfernungsabstände am östlichen Abschnitt der Stanegate von Corbridge aus gemessen. Die Replik eines dieser Steine wurde direkt am Zugang zum Schaugelände, nach der Brücke über den Chainley Burn platziert. Die Meilensteine, die noch im dritten und vierten Jahrhundert entlang der Stanegate aufgestellt wurden, unterstreichen die fortwährende Bedeutung dieser strategisch wichtigen Ost-West-Route für die Römer.