Die Claustra Alpium Iuliarum (lateinisch für „Sperre in den Julischen Alpen“) waren ein spätrömisches Befestigungssystem auf dem heutigen Staatsgebiet von Slowenien (Region Ober-/Innerkrain), Kroatien (Rijeka), Italien (Region Friaul-Julisch Venetien) und Österreich (ein kleiner Abschnitt bei Rattendorf in Kärnten).
Das insgesamt mehr als 80 km lange Wallsystem verlief durch die Karstlandschaft im Westen Sloweniens und sicherte vom 3. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. die Kernprovinzen des römischen Imperiums. Die Überreste der Claustra gelten als das flächenmäßig größte römische Bodendenkmal in Slowenien. Ihre Befestigungen sollten vor allem eine wichtige Verbindungsstraße nach Italien, die Via Gemina, und den Passübergang im Birnbaumer Wald vor Einfällen potentieller Invasoren schützen. Sie sicherten in weiterer Folge auch die Pforte von Postojna, eine der verkehrsreichsten Landverbindungen zwischen dem westlichen und östlichen Teil des Römischen Reiches.Charles R. Whittaker: Frontiers of the Roman empire. A social and economic study. Johns Hopkins University Press, Baltimore, London 1997, ISBN 0-8018-5785-6, S. 197. Das Wallsystem wurde auch mehrmals bei antiken Autoren, zum Beispiel Herodian und Prosper Tiro von Aquitanien, erwähnt.
Lage und Straßenverbindungen mini|Lage der Claustra Alpium Iuliarum mini|Blick vom Nanos-Gebirge auf den Birnbaumer Wald Die Sperrzone der Claustra Alpium Iuliarum erstreckte sich nach der Provinzreform unter Kaiser Diokletian (um 300 n. Chr.) über drei römische Provinzen:
Noricum mediterraneum im Nordosten, Venetia et Histria im Südwesten und Dalmatia im Osten.
Die Kastelle der Claustra lagen entlang der Via Gemina, einer schon unter Augustus durch das Karst-Gebirge errichteten Militärstraße, die unter anderem die Städte Emona (Ljubljana), Forum Iulii (Cividale del Friuli) und Tergeste (Triest) mit dem Donauhafen Siscia in Pannonien verband und so die Strecke nach Aquileia um zwei Reisetage verkürzte.„...sub Julio Octaviano Caesare Augusto per Alpes Julias iter factum est.“ Rufus Festus, Breviarum 7,51. Die Straße war stellenweise mit teilweise in den Fels gehauenen oder im Laufe der Zeit ausgefahrenen Geleiserillen und Treppenstufen für die Lastenträger und Tragtierkolonnen versehen. Mittelpunkt der Claustra war das Ocra-Gebirge (Nanos und Umgebung) mit dem Kastell Ad Pirum im Birnbaumer Wald (slowenisch Hrušica, italienisch Selva del Pero), einem etwa 100 km² großen Kalksteinplateau am südöstlichen Rand der Ostalpen.
In der Tabula Peutingeriana wird Ad Pirum mit in alpe Iulia bezeichnet („in Alpe“ ist die Bezeichnung von Passstationen)So In Alpe am Radstädter Tauernpass, zwischen Virunum und Iuvavum. und befindet sich am Hrušica-Pass zwischen Castra fluvio frigido (Ajdovščina) und der Herberge (mansio) von Longatico (Logatec).Segmentum III, 5. Im Itinerarium Burdigalense, dem Reisehandbuch eines anonymen christlichen Pilgers aus dem Jahre 333, wird Ad Pirum als Etappenstation angeführt.Itinerarium Burdigalense 560, 3 f.
Entwicklung mini|Lageskizze der Kastelle und Sperrmauern, Ausbaustufe im 4. Jahrhundert n. Chr. Die Region war bereits seit dem Neolithikum besiedelt, wie die Überreste von befestigten Höhensiedlungen in Logaško schließen lassen. Die größte von ihnen war die von Velike Bukve auf dem Tabor von Gornji Logatec. In der Antike führte durch diese Region auch ein Abschnitt der Bernsteinstraße, die die Ostsee mit dem Handelszentrum Aquileia in Nordostitalien verband.
Die ersten Verschanzungen (Wallanlagen und Wachtürme) gehen auf das Jahr 6 n. Chr. zurück und entstanden als Reaktion auf den großen Pannonischen Aufstand, der das Kernland des Römischen Reiches massiv bedroht hatte.Velleius Paterculus, Historia Romana 2,110,4. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. gab es auf dem Birnbaumer Pass eine Poststation für den cursus publicus, ab dem 2. Jahrhundert auch einen Stützpunkt der Benefiziarier. Eine Reise auf dieser Passstraße war ohne Begleitschutz offensichtlich eine gefährliche Angelegenheit, wie die Inschrift eines bei Ajdovščina aufgefundenen Grabsteins eines Centurios der Legio XIII Gemina, Antonius Valentinus, berichtet.Inscriptiones Latinae selectae 2646: „[Valentinus wurde] an diesem unheilvollen Ort in den Julischen Alpen von Straßenräubern erschlagen,[…] in Alpes Iulias loco quod appellatur Scelerata interfecto a latrionibus.“ Die Region um die Claustra Alpium Iuliarum war im Laufe der Jahrhunderte auch immer wieder Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Befestigungsanlagen konnten 169/170 die Markomannen auf ihren Marsch nach Aquileia nur kurz aufhalten, das sie anschließend belagerten. Das benachbarte Opitergium (Oderzo) wurde von ihnen vollständig zerstört. Als Reaktion darauf wurde vorübergehend eine Militärzone, die Praetentura Italiae et Alpium eingerichtet. Zuständig hiefür war der ehemalige Konsul Quintus Antistius Adventus,Siehe die Ehreninschrift der auch das Kommando über die in dieser Zeit in Italia neu aufgestellten Legionen (Legio II und III Italica) innehatte. Diese Militärzone umfasste die regio decima, das östliche Friaul und Emona (Ljubljana), das südöstliche Noricum mit der Stadt Celeia (Celje) und den Südosten der Pannonia Inferior um die Stadt Poetovio (Ptuj). Sie sollte die Straße von Aquileia nach Emona sichern, die ein Teil der Bernsteinstraße war. Die Militärzone wurde 171 wieder aufgelöst. Die Alamannen konnten bei ihrem Einfall im Jahr 271 die claustra anscheinend problemlos überwinden und dabei ebenfalls bis weit nach Norditalien vordringen. Der massive Endausbau zur Verstärkung der Sperrwerke begann ab dem Jahr 284 unter Diokletian und Konstantin I., Anlass war wohl der Plünderungszug der Alamannen 13 Jahre zuvor.Günther Moosbauer: Die vergessene Römerschlacht. Der sensationelle Fund am Harzhorn. C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72489-3, S. 26.
mini|hochkant|Illustration des Tractus Italiae circa Alpes in der Notitia Dignitatum. Die beiden mittig abgebildeten, mit Türmen bewehrten Wälle stellen möglicherweise die Claustra Alpium Iuliarum dar Im 4. Jahrhundert wurden die Truppen und Befestigungen der Wallzone und Oberitaliens in einem eigenen Militärbezirk, dem Tractus Italiae circa Alpes, zusammengefasst. Die claustra bewährten sich aber offensichtlich nur in Bürgerkriegen. Im Jahre 351 konnte der Usurpator Magnentius den Einmarsch von Constantius II. in Italien verhindern, indem er dessen Armee – vermutlich im Birnbaumer Wald – in einen Hinterhalt lockte und nach einem kurzen Gefecht bei Atrans (Trojane) zum Rückzug nach Pannonien zwang.Julian, Oratio 1,28; 1,31 f.; 3,17 f.; Zosimos, Neue Geschichte 2,45,3; Pedro Barceló: Constantius II. und seine Zeit. Die Anfänge des Staatskirchentums. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94046-4, S. 98. 394 unternahm Theodosius I., Kaiser im Osten des Reiches, mit 100.000 Mann einen Feldzug gegen seinen westlichen Widersacher Eugenius, der unter anderen vom Senat in Rom unterstützt wurde. Archäologische Hinweise sprechen dafür, dass Theodosius’ Armee, vom Magister militum Stilicho geführt, in der sich auch ein Kontingent von 20.000 Goten unter Alarich I. befand, die Festung Ad Pirum belagerte und bald darauf auch einnahm.Thilo Ulbert 1981, S. 31. Einer anderen Darstellung zufolge war die Passhöhe schon vor Ankunft der östlichen Truppen vom westlichen Heer wieder geräumt worden.Hartmut Leppin: Theodosius der Große, auf dem Weg zum christlichen Imperium (= Gestalten der Antike). Primus Verlag, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-471-4, S. 217. Der Kaiser soll danach die Nacht betend im Kastell verbracht haben. Die nachfolgende Auseinandersetzung, die Schlacht am Frigidus, wurde zwischen Castra fluvio frigido und Ad Pirum ausgetragen. In diesem besonders für den Westen äußerst verlustreichen Kampf triumphierte Theodosius über seinen Rivalen und die Reichseinheit konnte zum letzten Mal und auch nur für kurze Zeit wiederhergestellt werden.
In der Zeit der Völkerwanderung im frühen 5. Jahrhundert n. Chr. verlor das Sperrsystem seine militärische Funktion und der Birnbaumer Wald wurde von verschiedenen Völkern als Einfallstor nach Italien benutzt. Besonders Alarich hatte auf dem Feldzug gegen Eugenius das Terrain und die Schwächen der Verteidigungsanlagen gründlich studieren können. Zwischen den Jahren 401 und 409 marschierte er deswegen mit seiner Gotenarmee wiederholt über den Birnbaumer Pass in Italien ein (Plünderung Roms (410)).Rufinus von Aquileia, Prologus in libros historiarum Eusebii; Philostorgios, Kirchengeschichte 12,2; Zosimos, Neue Geschichte 5,45,5. Im Jahre 452 zogen auch Attilas Hunnen über den Birnbaumer Wald und zerstörten dabei das Kastell von Ajdovščina. Theoderich der Große traf 489 auf seinem Eroberungszug nach Italien dort ebenfalls auf keinen Widerstand, denn Odoaker stellte sich ihm erst an der Brücke über den Isonzo entgegen. Zuletzt fielen 568 die Langobarden unter Alboin über den Birnbaumer Wald in Norditalien ein.Aleksander Jankovič Potočnik 2008, S. 21–23.
Forschungsgeschichte mini|Detail der Stadtansicht Rijekas in dem Werk Die Ehre dess Hertzogthums Crain (1689); entlang der Berghänge im Hintergrund ist ein Teilstück der Claustra Alpium Iuliarum eingezeichnet und mit dem Schriftzug „rudera muri antiquissimi“ („Ruinen einer sehr alten Mauer“) versehen mini|Darstellung der Sperrwerke von 1863 Das älteste nachantike Zeugnis für die Claustra Alpium Iuliarum ist eine gefälschte Urkunde, die im 15. Jahrhundert aufgezeichnet und dabei als Schenkung des ungarischen Königs Béla IV. (regierte 1235–1270) ausgegeben wurde. Darin wird die Adelsfamilie Frankopan mit der Region Vinodol beschenkt, von der in dem Text nur die Westgrenze genauer definiert wird. Dieser Grenzabschnitt entspricht genau einem Teil der Claustra Alpium Iuliarum, die in der Urkunde auch zwei Mal als Mauer (lateinisch murus) erwähnt werden und folglich im Spätmittelalter noch stellenweise in der Landschaft gut sichtbar waren.Jaroslav Šašel, Peter Petrù: Claustra Alpium Iuliarum. Band 1: Fontes. Narodni Muzej, Ljubljana 1971, S. 46–49 (mit vollständigem lateinischem Text und slowenischer Übersetzung) und S. 62 f. Vereinzelte weitere Erwähnungen der römischen Festungsanlage datieren in die frühe Neuzeit, ohne dass bis ins späte 19. Jahrhundert die Zusammengehörigkeit der einzelnen Anlagen zu einem spätantiken Verteidigungssystem erkannt worden wäre.Jaroslav Šašel, Peter Petrù: Claustra Alpium Iuliarum. Band 1: Fontes. Narodni Muzej, Ljubljana 1971, S. 50 f.