mini|Das Mathildenkreuz im Essener Domschatz

Das Mathildenkreuz ist ein Vortragekreuz des Essener Domschatzes, das unter der Essener Äbtissin Theophanu († 1058) angefertigt wurde. Seinen Namen hat es nach Äbtissin Mathilde, die auf einem Email am Kreuzstamm als Stifterin abgebildet ist. Das Kreuz, das auch häufig als das jüngere oder zweite Mathildenkreuz bezeichnet wird, steht in einem künstlerischen Zusammenhang zum etwa 60 Jahre älteren Otto-Mathilden-Kreuz, das auch als das „ältere“ oder erste Mathildenkreuz bezeichnet wurde, und zum Kreuz mit den großen Senkschmelzen. Es wird unter der Inventarnummer 4 in der Essener Domschatzkammer aufbewahrt.

Beschreibung mini|Die Rückseite des Mathildenkreuzes

Das Mathildenkreuz ist 45 cm hoch und 30,5 cm breit, die Kreuzbalken sind 6,3 cm breit und 2,2 cm stark. Es besteht aus einem mit Goldblech beschlagenen Eichenholzkern. Unter dem Kreuz befindet sich eine neuzeitliche Glaskugel als Nodus. Die Enden des Lateinischen Kreuzes sind untypisch verbreitert. Schmalseiten und Rückseite des Mathildenkreuzes sind mit vergoldetem Kupferblech beschlagen, auf der Rückseite verziert durch ein punziertes Agnus Dei, das von den ebenfalls punzierten Evangelistensymbolen begleitet wird. Der Kruzifixus auf der Vorderseite ist aus BronzeDie in der Literatur vielfach anzutreffende Angabe Silber ist laut Pawlik, Heilige, Reliquien und Reliquiare im Essener Stift – ein Inventar. S. 286 Anm. 71 fehlerhaft. gegossen, vergoldet und weist drei Aushöhlungen, zwei im Rücken und eine im Hinterkopf, auf, die Reliquien enthalten. Es wird rechts und links von zwei runden Emails mit den Personifikationen von Sonne und Mond begleitet, die jeweils von vier Perlen und Filigran umgeben sind. Oberhalb des Kruzifixus ist die aus einem Email bestehende Kreuzinschrift IHCNAZA / RENUS REX /IVDEORV angebracht, über diesem befindet sich ein großer roter, von vier Perlen umgebener Stein. Unterhalb des Kruzifixus befindet sich ein brauner Kameo eines Löwen, unter diesem das Email mit der Stifterdarstellung, die die namentlich bezeichnete Mathilde in der Kleidung einer Sanctimonialen kniend im Gebet vor einer Madonnenfigur zeigt. Das mittlere Feld mit Kruzifixus, Stifterbild, Kreuzinschrift, Sol, Luna und der Löwenkamee wird durch alternierende Emailplättchen und Steine, die jeweils von vier Perlen begleitet werden, bortenartig gerahmt. Auf den Kreuzenden weisen jeweils vier tropfenförmige farbige Steine auf einen zentralen Stein. Auf dem rechten Kreuzarm handelt es sich dabei um ein Kameo mit einer nach links schauenden weiblichen Halbfigur, auf dem linken Kreuzstamm um einen in einen gestreiften Onyx geschnittenen Inaglio, einem im Profil stehenden behelmten Krieger mit einem Speer.

Das Mathildenkreuz gilt allgemein als das künstlerisch schwächste der vier Essener Vortragekreuze,Eckenfels-Kunst, Goldemails. Untersuchungen zu ottonischen und frühsalischen Goldzellenschmelzen. S. 64. Pothmann bezeichnete die künstlerische wie kunsthandwerkliche Qualität als nicht gerade hoch.Pothmann, Der Essener Kirchenschatz aus der Frühzeit der Stiftsgeschichte. S. 147. Humann schrieb ihm 1904 eine überladene Pracht und in jeder Hinsicht rohere Bildung zu.Humann, Die Kunstwerke der Münsterkirche zu Essen. S. 145. Die Beurteilung des Kreuzes wird durch eine undokumentierte Restauration, die zwischen 1904 und 1950 erfolgt sein muss, erheblich erschwert. Bei dieser sind unter anderem die Kantenemails überschmolzen worden, worunter die Farben gelitten haben.Falk, Katalog „Krone und Schleier“, S. 273; Beuckers, Katalog „Gold vor Schwarz“, S. 86.

Kruzifixus mini|Der Kruzifixus in Nahaufnahme

Der Kruzifixus steht auf einem Suppedaneum, die Beine nebeneinander. Die Füße sind nicht angenagelt. Der Lendenschurz ist mittig geknotet und fällt gleichmäßig in breiten Falten. Die Arme sind leicht ungleich lang. Der Kopf ist stark zur Seite geneigt und wird von einem Nimbus hinterfangen, der auf der Kreuzvierung befestigt ist und der Kopfneigung nicht angepasst ist. Humann nennt die Haltung des Körpers insgesamt unbeholfen und befangen.Humann, Die Kunstwerke der Münsterkirche zu Essen. S. 119. Die Aushöhlungen auf der Rückseite, die mitgegossen sind, enthielten bis 2010 drei kleine Reliquienpäckchen, die durch ihre Verschnürung exakt in die Vertiefungen eingepasst waren. Die Reliquien gehörten damit originär zum Mathildenkreuz. Die Reliquie im untersten Teil ist in purpurfarbenen Taft gehüllt und ohne Cedula. Im mittleren Teil befand sich eine in weißen Leinen verschnürte Reliquie mit einer beigefügten Cedula innocentu, aufgelöst Innocentum, also von den unschuldigen Kindern. Stauffer, Bedeutungsebenen textiler Reliquienhüllen im frühen und hohen Mittelalter, in: Beuckers/Schilp (Hrsg.) Frage Perspektiven und Aspekte der Erforschung mittelalterlicher Frauenstifte, Essen 2018, S. 153 Die Schrift, karolingische Minuskel, wurde ins 10./11. Jahrhundert datiert und in das Skriptorium des Essener Frauenstifts lokalisiert.Pawlik, Heilige, Reliquien und Reliquiare im Essener Stift – ein Inventar. S. 285. In der Aushöhlung im Kopf befanden sich drei weitere, fragmentierte Pergamentcedulae an roten Seidenstofffragmenten. Auch bei diesen wies die Schrift typische Elemente des Essener Skriptoriums auf, eines der Fragmente konnte zu laurenci vervollständigt werden. Das Kreuz enthielt somit Reliquien des Heiligen Laurentius und der unschuldigen Kinder, sowie weitere, nicht mehr zu identifizierende Reliquien. Annemarie Stauffer wies auf die Farbsymbolik der Reliquienhüllen hin: Der weiße Leinenstoff im Körper der Christusfigur befindet sich an der Stelle des geschundenen Körpers Christi, Leinen damit als typische Verbandsstoff für die Heilung der Menschheit durch den Opfertod Christi und das rote Bündelchen an der Stelle des Lendentuchs für das Martyrium. Das Purpurfarbene im Haupt Christi sei nicht eindeutig, hänge aber bestimmt mit dem Triumph Christi über den Tod und seinem Königtum zusammen. Stauffer, Bedeutungsebenen textiler Reliquienhüllen im frühen und hohen Mittelalter, in: Beuckers/Schilp (Hrsg.) Frage Perspektiven und Aspekte der Erforschung mittelalterlicher Frauenstifte, Essen 2018, S. 162. Die Reliquienpäckchen und Cedulae werden heute unter den Inventarnummern MK1 bis MK4 gesondert in der Domschatzkammer aufbewahrt.

Emails Das Mathildenkreuz war mit 40 Emailtäfelchen besetzt, von denen noch 37 vorhanden sind: Dem Email mit dem Stifterbild, dem Email mit der Kreuzinschrift, zwei runden Emails mit den Personifikationen von Luna und Sol sowie 33 ornamentalen Emails, es fehlen 3 weitere ornamentale Emails, die vor der ersten Beschreibung des Kreuzes abhandengekommen sind. Innerhalb des Essener Schatzes ist das Mathildenkreuz damit das Objekt mit dem reichsten Emailschmuck. Alle Emailfassungen bestehen aus Filigranschlingen.

Stifterbild mini|links|Das Email mit der Stifterdarstellung

Das Stifteremail ist 6 × 2,9 cm groß. Es zeigt rechts eine frontal abgebildete Madonna, die ihr Kind auf dem linken Knie hält, vor der sich eine in das weiße Gewand einer Sanctimonialen gekleidet Figur krümmt. Die Sanctimoniale hält in beiden Händen ein Kreuz, das sie Jesus als Adressaten darbringt. Das Kind streckt dem Kreuz in einer annehmenden Geste beide Hände entgegen. Eine Beischrift MA/HTH/ILD/AB/BH/II erlaubt die Identifikation der Sanctimonialen mit Äbtissin Mathilde. Die Inschrift wurde vermutlich fehlerhaft ausgeführt, das zweite Wort sollte wohl ABBATI(SSA) lauten.Hermann: Die Inschriften der Stadt Essen (Die Deutschen Inschriften Bd. 81), S. 17 Nr. 8. Oberhalb und rechts der Madonnenfigur finden sich zwei weitere Beischriften, die unverständlich sind. Vermutet wird, dass es sich um eine missverstandene und verstümmelte Darstellung von griechischen Inschriften handelt. Die Inschriftenexpertin Sonja Hermann nimmt an, dass der Emailleur den dritten und vierten Buchstaben verwechselt und ein T verkehrt herum gesetzt hat, was MHTHP ergeben würde (μήτηρ „heilige Mutter“). Die rechts senkrecht angeordneten Zeichen liest Hermann als IY XY für den Genitiv von Jesus Christus (Ί(ησο)ύ Χ(ριστο)ύ). Der Grund des Emails ist in tranzluzidem Grün gehalten, in das die Buchstaben aus einzelnen oder doppelten Goldstegen gesetzt sind. Marias Haupt ist von einem gelben, opaken Nimbus umgeben, sie trägt eine weiße Haube sowie ein transluzides, braun-violettes Gewand mit rot-ockernen Ärmeln. Gewand und Ärmel werden durch einzelne Goldstege rhythmisiert. Maria sitzt auf einem gelben Thron, ihre in graue Schuhe gekleideten Füße ruhen auf einer blauen Fußbank. Das Gesicht ist beige, die kreisrunden Augen im gleichen Farbton wie das Gewand gefärbt. Augenbrauen, Nase und Mund werden aus Goldstegen gebildet. Auffällig ist die starre Haltung Mariens.

Das Kind sitzt auf Marias linken Oberschenkel, die Beine hängen zwischen Mariens leicht geöffneten Knien herab. Jesus trägt einen rot-ockerfarbigen Kreuznimbus, das Kreuz ist aus dickeren Goldstegen gebildet. Das Gesicht ist wie bei Maria aus Stegen gebildet. Christus trägt ein blaues Gewand, bei dem einzelne Goldstege Faltenwurf andeuten, und graue Schuhe. Mathildes Kleidung besteht aus dem weißen, engen Gewand einer Sanctimonialen einschließlich einer weißen Haube, das durch Goldstege belebt wird, darunter trägt sie, wie an den Armen erkennbar ist, ein blaues Untergewand. Das Kreuz, das sie senkrecht hält, ist aus breiteren Stegen gebildet. Da der senkrechte Kreuzbalken mit der Thronseite und der waagrechte Kreuzbalken mit dem oberen Abschluss des Throns verschmilzt ist das Kreuz selbst schwer zu erkennen. Die Blickrichtung Mathildes geht durch die Vierung des von ihr dargebrachten Kreuzes und die Hand Christi zum Antlitz des Erlösers.

Die Stifterdarstellung weist Parallelen zur Stifterdarstellung auf dem Buchdeckel des Theophanu-Evangeliars auf, in der Theophanu in ähnlicher Körperhaltung, allerdings liegend, ihre Stiftung einer thronenden Maria darbringt. Aufgrund der ähnlichen Haltung der abgebildeten Madonnen mit der Skulptur wird angenommen, dass beim realen Stiftungsakt Empfängerin die Goldene Madonna war.Fremer, Äbtissin Theophanu und das Stift Essen. S. 102; Westermann-Angerhausen, Das Gedächtnis der Gegenstände. S. 218.

Kreuzinschrift Die Kreuzinschrift IHCNAZA/RENVS REX/IVDEORV ist mit goldenen Stegen in den transluziden, blauen Grund gesetzt. Sie wird von einem breiten Goldrand umgeben, die Zeilen werden durch goldene Streifen getrennt. Die Buchstaben sind lesbar ausgeführt, erreichen aber nicht die Präzision ihres Vorbilds am Otto-Mathilden-Kreuz.Eckenfels-Kunst, Goldemails. Untersuchungen zu ottonischen und frühsalischen Goldzellenschmelzen. S. 67. Die dort vorhandene Punktierung des Goldrandes, die ein Charakteristikum der Egbert-Werkstatt darstellt, fehlt. Im Gegensatz zum Inschriftenemail des Otto-Mathilden-Kreuz sind die trennenden Goldstreifen auf die Glasmasse aufgelegt und nicht beim Austiefen der die Glasmasse aufnehmenden Gruben stehen gelassen.Eckenfels-Kunst, Goldemails. Untersuchungen zu ottonischen und frühsalischen Goldzellenschmelzen. S. 251.

Sol und Luna mini|Die Personifikation der Luna und die antike Gemme des rechten Kreuzarmes

Die beiden runden Emailmedaillons mit den Personifikationen von Sol und Luna (Sonne und Mond), die für die um Jesu Kreuztod klagende Schöpfung stehen, befinden sich am waagrechten Kreuzbalken. Beide Personifikationen blicken in Richtung des Kruzifixus, Sol von Links und Luna von Rechts. Der Grund des Sol darstellenden Emails ist grün. Das Brustbild Sols hat einen klagenden Gesichtsausdruck und die Hände sind vor das Gesicht erhoben. Die braunvioletten Augen sind rund. Die Augenbrauen und die knollige Nase sind aus einem Steg geformt, der Mund mit den hängenden Mundwinkeln aus zwei Stegen. Eine durch einen Y-förmigen Steg gebildete Stirnfalte verstärkt den klagenden Ausdruck. Sol trägt im gelben Haar eine aus vier Zacken gebildete Strahlenkrone und hält ein Tuch vor das Gesicht.