mini|Stifterfiguren im Naumburger Dom Hermann von Meißen und Reglindis mini|Stifterfiguren im Naumburger Dom Ekkehard II. und Uta Naumburger Meister (auch Meister von Naumburg) ist der Notname eines namentlich nicht bekannten Steinbildhauers des Mittelalters. Er wirkte in der Mitte des 13. Jahrhunderts und gilt als einer der Hauptmeister dieser Epoche. Seine Skulpturen zählen zu den bedeutendsten Kunstwerken des europäischen Mittelalters.
Ausgebildet wurde der Naumburger Meister sehr wahrscheinlich in Nordfrankreich, als dort bereits die Hochgotik blühte. Um 1225 war er wahrscheinlich in Noyon Kapitell mit männlicher Figur, Internetseite der Gipsformerei Staatliche Museen zu Berlin abgerufen am 19. Januar 2020 auf Basis einer Erkenntnis von Richard Hamann-Mac Lean aus dem Jahr 1935, Amiens und Reims tätig, später vielleicht in Metz. Etwa ab 1230 arbeitete er in Mainz am Dom, wo er den nur fragmentarisch erhaltenen Westlettner schuf. Zu dessen Figurenprogramm gehörte auch sein um 1240 entstandenes Martinsrelief, das sich heute in der Pfarrkirche von Bassenheim bei Koblenz befindet und als Bassenheimer Reiter bekannt ist. Im Mainzer Dom wurde 2021 ein mögliches Selbstbildnis entdeckt. Diana Ecker: Ein Selbstbildnis des Naumburger Meisters? Der Atlant aus dem Ostchor des Mainzer Domes neu gesehen. In: Kunstchronik, Jg. 77, 2024, Nr. 5, S. 291–304. (Digitalisat auf journals.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 15. Mai 2024) Danach zog er weiter nach Osten. Der Westchor des Naumburger Doms und die zwölf Stifterfiguren sowie der vorgelagerte Lettner gelten als sein Hauptwerk, weshalb er die Bezeichnung Naumburger Meister erhielt. Seiner Werkstatt werden außerdem die um 1260 entstandenen Stifter- und Patronatsfiguren im Meißner Dom zugerechnet.
Einzelne Aspekte zum Werk des Naumburger Meisters Als der Naumburger Meister in der für ihn namengebend gewordenen Domstadt an der Saale eintraf, war der um 1210 begonnene Domneubau beinahe fertiggestellt. Um 1245, vielleicht auch erst um 1250, wurde mit dem Bau eines Westchores begonnen. Im Jahr 1249 riefen der Bischof Dietrich II. und das Domkapitel zu Spenden für die Vollendung des Dombaus auf, also für den Weiterbau oder die Errichtung des Westchores, der gegen 1257 vollendet gewesen sein dürfte. Die Datierung der skulpturalen Arbeiten bewegt sich in der aktuellen Forschung in der Regel zwischen der zweiten Hälfte der 1240er Jahre und den 1250er Jahren.
Die Errichtung des Westchores begann mit dem Bau des Polygons. Der Westlettner entstand erst, als der Westchor baulich an den spätromanischen Dom angeschlossen wurde. Dem neuen, frühgotischen Stil entsprechend, ist der Neubau mit reichen, wirklichkeitsnahen Blattkapitellen ausgestattet. Besonders die Blattkapitelle am Westlettner sind oft bewundert worden.
Kreuzigungsgruppe und Passionsreliefs Die Kreuzigungsgruppe steht unmittelbar am Eingang zum Chor. Links und rechts des senkrechten Kreuzbalkens befinden sich die beiden Durchgänge in das Chorinnere. Beim Betreten des Westchores geht man demnach unter den ausgebreiteten Armen Christi hindurch, vorbei an den seitlichen Figuren der Maria und Johannes des Täufers. Im Kopf der Christusfigur haben sich Reliquien befunden. An der Brüstung der Lettnerbühne sind Reliefs mit Darstellungen des Passionsgeschehens angebracht. In dem Giebel in der Mitte befindet sich in einem Vierpass ein Stuckrelief mit der Darstellung Christi als Weltenrichter, umgeben von den arma Christi.
Die Reliefs zeigen die Passion auf dramatisch bewegte, eindringliche und dabei wirklichkeitsnahe Weise. Auch auf eine wirklichkeitsnahe Tiefenwirkung hat der Naumburger Meister geachtet.
Im Einzelnen sind dargestellt (von Süd nach Nord): das letzte Abendmahl, der Verrat des Judas, die Gefangennahme Christi, die Verleugnung Christi durch Petrus (nicht als Relief, sondern als Figurengruppe: Petrus und die Magd, sowie zwei Kriegsknechte, links und rechts der Giebelabläufe), Christus vor Pilatus, die Geißelung und die Kreuztragung. Die beiden letztgenannten Reliefs sind Kopien, da die Originale bei dem Dombrand im Jahre 1532 schwer beschädigt wurden.
Die Stifterfiguren mini|Uta von Naumburg (Naumburger Dom) Einige der Stifterfiguren aus Grillenburger Sandstein sind inschriftlich bezeichnet. Die übrigen sind nicht durchgängig sicher zu identifizieren.
Vor den Dienstbündeln, die das Vorjoch und den Chorschluss trennen, stehen nördlich und südlich die Hauptstifter – im Norden Markgraf Ekkehard (durch die Schildumschrift bezeichnet) und Uta, im Süden Markgraf Hermann und Reglindis. Mehr oder weniger sicher identifiziert sind die vier, sämtlich mit Schildumschriften versehenen Figuren im Chorschluss: Dietmar, Syzzo (von Kevernburg), Wilhelm von Camburg und Thimo von Kistritz. Die vier Figuren an den Wänden des Vorjoches sind nicht sicher zuzuordnen.
Ernst Schubert hat die These entwickelt, dass die Stifterfiguren als Ersatz für im Zuge des spätromanischen Domneubaus aufgegebene Stifter-Grabmäler im Dom und in der frühromanischen Stiftskirche angefertigt worden seien. Diese Überlegung ist aber kürzlich von Holger Kunde mit neuen Belegen unwahrscheinlich gemacht worden.
Die Figuren der Markgrafenehepaare und die Statuen im Polygon sind baueinheitlich mit den Diensten hinter ihnen ausgeführt worden. Deswegen ist immer wieder vermutet worden, dass der Naumburger Meister nicht nur der Schöpfer der Figurenentwürfe und der wichtigste Bildhauer, sondern auch der für den Westchor verantwortliche Baumeister gewesen sei. Dass außer ihm mehrere Steinmetze an den Figuren gearbeitet haben, ist ebenfalls immer wieder vermutet worden.
Bischofsgrabmal und Diakon Außer den genannten Bildwerken sind dem Naumburger Meister im Dom das Bischofsgrabmal im Ostchor und der heute ebenfalls dort aufgestellte „Diakon“ zuzuschreiben. Das Grabmal zeigt Bischof Dietrich II. von Naumburg, den Bauherrn des Westchores und Vollender des Domneubaus des 13. Jahrhunderts. Die Zuschreibung gilt als sicher; die frühere Identifizierung als Grabmal des Bischofs Hildeward ist überzeugend widerlegt worden. Auch die Platzierung der Grabstätte spricht für Dietrich: Als Bauherr und Vollender des Dombaus bekam er den vornehmsten Platz im Kirchenbau unmittelbar vor dem Hauptaltar. Die Diakonsfigur ist eigentlich ein Lesepult. Die hier gewählte bildnerische Lösung wurde mehrmals nachgeahmt.
Bassenheimer Reiter mini|Bassenheimer Reiter Ein weiteres Kunstwerk, das dem Naumburger Meister zugeschrieben wird, ist der so genannte Bassenheimer Reiter. Das etwa 1 Meter im Quadrat messende Sandsteinrelief zeigt den heiligen Martin von Tours, wie er seinen Mantel mit dem Bettler teilt. Ursprünglich war das Relief um 1240 für den Westlettner des Mainzer Doms geschaffen worden. Als dieser 1683 abgebrochen wurde, ließ Domherr Waldbott von Bassenheim das Relief in der äußeren Chorwand der damaligen Pfarrkirche seines Stammsitzes vermauern. In deren Nachfolgebau ist es heute innen über dem linken Seitenaltar angebracht. Die Zuordnung zum Naumburger Meister erfolgte 1935 durch den Kunsthistoriker Hermann Schnitzler.
Weitere kunst- und rezeptionsgeschichtliche Aspekte mini|hochkant|Grabmal des Ritters Hermann von Hagen In jüngerer Zeit hat erstmals Wolfgang Hartmann die These vertreten, der Naumburger Domherr Magister Petrus von Hagen habe die Verbindung zu dem überragenden Künstler hergestellt. Neuere Untersuchungen von Volker SeifertVolker Seifert: Neue Forschungen über den Naumburger Domherrn Magister Peter von Hagen. In: Jahrbuch der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt. Bd. 25, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 95–108. und Holger KundeIn seinem Festschrift-Beitrag erwähnt H. Kunde (s. „Literatur“) auf S. 215 das Buch von W. Hartmann lediglich bei einer Kritik an der ungenügenden Berücksichtigung von Quellen zum Westchorensemble. kommen unabhängig voneinander zu dem gleichen Ergebnis. Beide weisen u. a. darauf hin, dass dem Naumburger Meister auch das im Merseburger Dom erhaltene Grabmal des Ritters Hermann von Hagen zuzuschreiben ist, der nachweislich ein Bruder des Magisters war.
Stilistische Ähnlichkeiten mit den Skulpturen im Meißner Dom ebenso wie deren Steinmetzzeichen lassen vermuten, dass sie vom Naumburger Meister und Mitarbeitern nach Abschluss der Arbeiten in Naumburg geschaffen worden sind.
Weiterhin wird die Horburger Madonna dem Naumburger Meister zugeschrieben.
Zur Rezeptionsgeschichte Die ältere Kunstgeschichtsschreibung zum Naumburger Meister in den 100 Jahren vor 1990 hat G. StraehleStraehle 2009. in seiner Dissertation unter Berücksichtigung von über 800 Titeln umfänglich referiert. Zahlreiche Zitate aus den mitunter schwer zugänglichen Originalpublikationen sind hier online zugänglich. Gegenüberstellungen der oft stark differierenden Auffassungen, die trotz aller Fortschritte in der Erschließung der Quellen und der UntersuchungsmethodenVielfältige geistes- und naturwissenschaftliche Untersuchungen laufen im „Naumburgkolleg“, einem Graduiertenkolleg für Interdisziplinäre Forschungen zur Baugeschichte, Ausstattung und Konservierung des Westchors des Naumburger Doms 2009–2012. bis heute aufeinandertreffen, zeigen Grenzen der Objektivierbarkeit auf.
So spricht Straehle im Blick auf die meist als Gepa bezeichnete Stifterfigur des Naumburger Westchors von „einer langen Reihe von Deutern dieser Figur, welche immer wieder unsicher waren, ob die Witwe nun als alt oder jung zu bezeichnen sei.“Straehle 2009, S. 7. In einer weiteren Fußnote auf S. 907 werden dafür acht Beispiele vom einen Extrem bis zum anderen gegeben. Dies illustriert die Bedeutung subjektiver Befindlichkeiten der Deuter und anderer Betrachter beim künstlerischen und religiösen Erleben, die bei Interpretationen von Mimik und Gestik noch höher ist.
Zur RezeptionsgeschichteJens-Fietje Dwars: Fortgesetzte Spiegelungen – Kontinuitäten und Brüche in der Rezeptionsgeschichte der Naumburger Meisters. In: Krohm und Kunde, 2011, Bd. I, S. 43–64. Eine illustrierte Kurzbeschreibung des zugehörigen Ausstellungsteils steht in der bei den Weblinks aufgeführten Internet-Broschüre auf S. 22f. – Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Juni 2011 laut faz-net hieß es zu den beschriebenen Sünden der Vergangenheit: „Der Missbrauch, den Deutschtümelei an ihm übte, hat den genialen Naumburger Meister aus unserem Bewusstsein verdrängt. Jetzt rehabilitiert ihn eine Ausstellung über seine gesamteuropäische Gotik.“ gehört auch der im Abschnitt 4.1 angeführte Roman zum Ketzer von Naumburg, der mit zahlreichen Auflagen weite Verbreitung gefunden hat. Die fiktive und phantasievolle Story entstand vor dem Hintergrund einer ebenfalls vielfach aufgelegten Darstellung des Pastors Paulus Hinz über den Naumburger Meister als einen Protestanten im Mittelalter.Paulus Hinz: Der Naumburger Meister. Ein protestantischer Mensch des 13. Jahrhunderts. 1.–8. Aufl. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1951–1960. Diese wiederum stützt sich auf die 1938 von Ernst Lippelt, einem professionellen Kunsthistoriker, aufgebrachte These vom Einfluss der Waldenser als der „Protestanten vor der Reformation“ auf den Naumburger Meister.Eine protestantische Waldenser-Kirche gibt es noch heute mit weltweit fast 100 000 Mitgliedern. – Die mittelalterlichen Waldenser werden im Roman von R. Schuder weitgehend mit den von der römischen Kirche noch intensiver verfolgten und schließlich in Kreuzzügen vernichteten Katharern gemeinschaftlich abgehandelt. Diese waren die ursprünglichen Namensgeber der Ketzer und hatten ihre Anhänger ebenfalls vorwiegend in Südfrankreich. – Die selbst in den kunstgeschichtlichen Darstellungen, die diese Fragen tangieren, nicht durchgängig gegebene Ideologiefreiheit kann man für eine romanhafte Darstellung nicht erwarten.