Die Arbeitsmarktökonomik ist eine Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften, die sich aus ökonomischer Sicht mit der Funktionsweise von Arbeitsmärkten befasst. Zentraler Untersuchungsgegenstand ist dabei das Angebot an und die Nachfrage nach Arbeit als essenziellem Produktionsfaktor. Im Fokus der Disziplin stehen zu diesem Zweck beispielsweise die Faktoren und Mechanismen, durch die die Entscheidung zur Arbeitsaufnahme, die Wahl des individuellen Arbeitseinsatzes, die Lohnhöhe sowie die Höhe der Arbeitslosigkeit beeinflusst werden.
Die neoklassische Theorie Im Standardmodell der neoklassischen Theorie folgt der Arbeitsmarkt denselben Regeln wie ein klassischer Gütermarkt und lässt sich analog dazu ebenfalls durch Angebots- und Nachfragekurven charakterisieren. Der Verlauf der Kurven ist von den individuellen Präferenzen der Arbeitsanbieter (Haushalte) und der Arbeitsnachfrager (Unternehmen) abhängig, wobei im einfachsten Modell von folgenden Voraussetzungen ausgegangen wird:Die Darstellung der Prämissen folgt weitgehend Keller 2008, S. 270 und Sesselmeier / Blauermel 1998, S. 47 f. Auf dem Arbeitsmarkt bestehen weder Marktzutrittsbarrieren noch andere Wettbewerbsbeschränkungen. Die Arbeitskraftanbieter sind homogen: Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Produktivität nicht und sind aus diesem Grund vollständig substituierbar (austauschbar). Zudem existiert keinerlei Diskriminierung. Der Arbeitsmarkt ist transparent: Alle Akteure (Arbeitsanbieter und -nachfrager) verfügen stets über vollständige Information, wissen also zu jedem Zeitpunkt über die aktuelle und zukünftige Marktsituation Bescheid. Dies schließt beispielsweise ein, dass sowohl Haushalten als auch Unternehmen der markträumende Anspruchslohn für eine Stelle bekannt ist. Die Anpassungsprozesse sind unendlich schnell und werden nicht durch Rigiditäten oder Friktionen beeinflusst. Angebot bzw. Nachfrage reagieren also beispielsweise sofort auf Preisveränderungen. Die Arbeitsanbieter sind vollständig mobil (und mobilitätsbereit), sodass Raumfaktoren keinerlei Relevanz für ihre Angebotsentscheidung besitzen. Es gibt keine Transaktionskosten. Hiermit werden insbesondere auch Kosten für die Informationsbeschaffung (zum Beispiel über offene Stellen) ausgeschlossen.
Das Arbeitsangebot Dem Arbeitsanbieter steht grundsätzlich eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung, sein Zeitbudget aufzuteilen. Die denkbaren Aktivitäten können zur besseren Erfassbarkeit in verschiedene „Zeit(verwendungs)-Gruppen“ unterteilt werden, worunter beispielsweise Erwerbsarbeitszeit, Hausarbeitszeit, Regenerationszeit und Freizeit fallen.Vgl. Alfred Endres und Jörn Martiensen: Mikroökonomik. Eine integrierte Darstellung traditioneller und moderner Konzepte in Theorie und Praxis. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019778-7, S. 169. Zur Vereinfachung wird gewöhnlich nur zwischen Arbeit und Freizeit als Alternativen unterschieden, wobei der Begriff „Arbeit“ für Erwerbsarbeit und „Freizeit“ für alle anderen Aktivitäten steht.Vgl. Wagner / Jahn 2004, S. 15 sowie explizit Franz 2006, S. 27.
Ein Akteur wählt diejenige Zeitallokation, die ihm den größtmöglichen Nutzen bringt (Prinzip der Nutzenmaximierung).
Bestimmung des individuellen Arbeitsangebots mini|hochkant=1.3|rechts|Zwei Budgetgeraden zu unterschiedlichen Haushaltseinkommen und sowie die dazugehörigen höchstmöglichen Indifferenzkurven bzw. . wäre zwar bei mit beiden Budgets erreichbar, aber nicht optimal. Für die dargestellten Budgetgeraden gilt .
Ein individueller Akteur setzt sein (beliebig teilbares) Zeitbudget stets entweder für Arbeit oder Freizeit ein. Die persönliche Freiheit, seine Zeit für verschiedene Verwendungszwecke einzuteilen, unterliegt daher der Zeitrestriktion .( : Gesamtzeitbudget in Stunden, : Arbeitszeit in Stunden, : Freizeit in Stunden) Neben dieser Zeitrestriktion besteht eine zweite Einschränkung, die Budgetrestriktion. Sie lässt sich als ( : Konsumausgaben in Euro, : Lohn in Euro / Stunde, : Nichtlohneinkommen in Euro) formulieren (aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden alle Preise auf 1 normiert, sodass Nominal- und Realeinkommen identisch sind).Vgl. Franz 2006, S. 28. Da nur eine Periode betrachtet und von einem positiven Grenznutzen des Einkommens ausgegangen wird, gilt für die Budgetgleichung eines nutzenmaximierenden Arbeitsanbieters (das gesamte Geldeinkommen wird ausgegeben). Die resultierende Budgetgerade weist die Steigung auf. Als Nutzenmaximierer löst der Arbeitsanbieter somit das Maximierungsproblem
unter der Nebenbedingung , wobei quasi-konkav und stetig differenzierbar sei.Präzise formuliert müsste man das Optimierungsproblem zudem noch um die Bedingungen und ergänzen. Hierauf wird an dieser Stelle wie auch regelmäßig in der Einführungsliteratur verzichtet. Will man sie berücksichtigen, kann man das resultierende Problem beispielsweise mithilfe der Karush-Kuhn-Tucker-Bedingungen lösen. Hierzu ausführlich Franz 2006, S. 28–30 sowie Cahuc / Zylberberg 2004, S. 7 f. Diejenigen Freizeit-Konsum-Kombinationen, die dasselbe Nutzenniveau stiften, bilden eine (streng monoton fallende und konvexe) Indifferenzkurve.Es lässt sich leicht zeigen, dass die Eigenschaften strenger Monotonie und Konvexität einer Indifferenzkurve unmittelbar aus der obigen Annahme der Quasi-Konkavität der Nutzenfunktion folgen. Ein Beweis findet sich beispielsweise bei Cahuc / Zylberberg 2004, S. 53. Für diese gelten die klassischen Eigenschaften, insbesondere steigt das Nutzenniveau von Einkommen-Freizeit-Kombinationen mit zunehmender Entfernung der jeweiligen Kurve vom Ursprung. Bei einem maximal erreichbaren Einkommen von markiert im Schaubild der Punkt den nutzenmaximalen Arbeitseinsatz. Die Steigung der Indifferenzkurve entspricht dort derjenigen der Budgetgerade; hierzu identisch lässt sich auch formulieren, dass das Grenznutzenverhältnis von Freizeit und Konsum dem Lohn entspricht.Dass die Grenzrate der Substitution (GRS) dem Grenznutzenverhältnis von Freizeit und Konsum entspricht, lässt sich unter Heranziehung des totalen Differenzials der Nutzenfunktion einsehen. Dieses beträgt . Da für eine Indifferenzkurve definitionsgemäß null beträgt, resultiert die Gleichung , welche nach – der bereits ermittelten Steigung der Budgetgeraden, mit der ja gleichgesetzt werden soll – aufgelöst werden kann. Dies führt auf , also genau den Quotienten der Grenznutzen von Freizeit und Konsum. Anders formuliert: „Das ‚subjektive‘ Austauschverhältnis zwischen den beiden Gütern ist gleich dem ‚objektiven‘ Austauschverhältnis, welches durch die Höhe des Lohnsatzes angegeben wird.“Franz 2008, S. 30. Vgl. auch Alfred Endres und Jörn Martiensen: Mikroökonomik. Eine integrierte Darstellung traditioneller und moderner Konzepte in Theorie und Praxis. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019778-7, S. 170. In Punkt liegt somit das Haushaltsgleichgewicht.
Die vorangegangenen Betrachtungen implizieren für das neoklassische Standardmodell als Ganzes die Existenz individueller Reservationslöhne, womit derjenige Lohnsatz bezeichnet wird, welcher mindestens erforderlich ist, um zur Aufnahme einer (weiteren) Stunde Arbeit zu motivieren. Der Reservationslohn entspricht somit gerade der Grenzrate der Substitution im tiefsten Punkt der Budgetgerade; er ist im obigen Modell einzig abhängig von der konkreten Gestalt der Nutzenfunktion sowie der Höhe des Nichtlohneinkommens , wobei er von diesem positiv abhängig ist (sofern Freizeit ein normales Gut ist).
Reaktion auf Lohn- und Einkommensänderungen mini|rechts|hochkant=1.2|Auswirkungen einer Lohnerhöhung. Die graphische Hicks-Zerlegung offenbart einen auf die Arbeitszeit positiven Substitutionseffekt und einen betragsmäßig geringeren negativen Einkommenseffekt. In der Summe führt die Lohnerhöhung hier im Beispiel also zu einer Ausweitung der Arbeitszeit.mini|rechts|hochkant=1|Rückwärtsgebogene Arbeitsangebotskurve (backward-bending)
Bei einer Lohnerhöhung sind für einen Arbeitnehmer zwei Reaktionen denkbar. Er kann zum einen sein Arbeitsangebot ausweiten, also mehr arbeiten und dafür auf einen Teil seiner Freizeit verzichten. Ökonomisch ist dies mit den Opportunitätskosten der Freizeit begründbar: Steigt der angebotene Lohn, wird es relativ teurer, nicht zu arbeiten. Dieser Effekt wird als Substitutionseffekt bezeichnet, weil der Arbeitsanbieter Freizeit durch Arbeit substituiert (ersetzt). Eine zweite denkbare Reaktion ist die Einschränkung des Arbeitsangebotes – der Lohnzuwachs gibt dem Arbeiter die Möglichkeit, sich anderen Gütern zuzuwenden (Urlaub, Familie etc.). Hierbei handelt es sich um den Einkommenseffekt. Der Einkommenseffekt bei einer Lohnerhöhung unterscheidet sich von einem Einkommenseffekt auf einem klassischen Gütermarkt dergestalt, dass sich das monetäre Einkommen eines Akteurs (qua definitionem) verändert, während dies bei entsprechenden Preisänderungen auf anderen Märkten nicht der Fall ist.
Aus diesem Grund kann man den Einkommenseffekt in einen „normalen“ oder „reinen“ Einkommenseffekt und einen „zusätzlichen“ Einkommenseffekt (endowment income effect) zerlegen.Die nachfolgende Darstellung der Zweigestalt des Einkommenseffektes folgt Varian 2006, S. 174 ff.; ähnlich Cahuc / Zylberberg 2004, S. 10f. Ersterer ist hinsichtlich einer Lohnerhöhung aufgrund der Annahme der Normalität von Freizeit immer negativ, was leicht einzusehen ist, wenn man sich vorstellt, dass statt des Lohneinkommens das Nichtlohneinkommen erhöht würde. Das Vorzeichen des letzteren ist hingegen nicht bestimmt, sodass eine Erhöhung des Lohnsatzes theoretisch auch durchaus zur Einschränkung der Arbeitszeit führen kann, obwohl Arbeit an sich ein normales Gut ist.Vgl. Varian 2006, S. 175 f., Wagner / Jahn 2004, S. 22 und Zerche / Schöning / Klingenberger 2000, S. 193. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass die Stärke des Einkommenseffektes eng mit der Höhe des Einkommens zusammenhängt, das der Akteur bislang bezogen hat: Erhöht sich der Lohn, steigt zunächst auch das Arbeitsangebot, ab einem Reallohn verringert es sich dann jedoch wieder. Dies impliziert für Angebotskurven mitunter halbkreisartige, rückwärtsgebogene Verläufe (backward-bending labor supply curve).Vgl. Ehrenberg/Smith 1997, S. 184, zur Beobachtung abnehmender Arbeitszeit ab einer gewissen Einkommenshöhe auch Cahuc / Zylberberg 2004, S. 12. Eine ausführliche (modellgebundene) analytische Untersuchung des Kurvenverlaufs findet sich beispielsweise bei Thorsten Hens und Paolo Pamini: Grundzüge der analytischen Mikroökonomie. Springer, Berlin und Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-28157-3, insbesondere S. 59 ff. In der Literatur wird diese Unterteilung des Einkommenseffektes meist nicht vorgenommen und man spricht schlicht von einem in seiner Wirkrichtung unbestimmten Gesamteffekt.
Die Auswirkung einer Lohnänderung auf den Arbeitseinsatz lassen sich mittels der (Marshall’schen) Elastizität des Arbeitsangebots beziffern. Sie ist definiert als
und gibt die prozentuale Änderung der Arbeitszeit an, die eine einprozentige Lohnänderung nach sich zieht. Dominiert der Substitutionseffekt, gilt wegen auch , ein Überwiegen des Einkommenseffektes impliziert dementsprechend .Als weitere Präzisierung spricht man bei von einer unelastischen Arbeitsangebotskurve, bei von einer elastischen. Ein analoges Konzept existiert auch für die Reaktion des Arbeitsangebots auf Änderungen des gesamten Einkommens . Diese Einkommenselastizität der Arbeit ist entsprechend gegeben durch
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