Das Kastell Mursa war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungsaufgaben im Grenzraum des Limes Pannonicus an einer wichtigen Straßenbrücke zuständig war. In Pannonien bildete die Donau als Flussgrenze eine natürliche Barriere zwischen dem römischen Reich und dem Barbaricum. Der etwas rückwärtig zu dieser Grenzlinie an der Drau gegründete Garnisonsort befindet sich heute auf der Gemarkung von Osijek (Esseg), einer kroatischen Stadt in der Gespanschaft Osijek-Baranja.

Lage mini|Die Lage von Mursa am pannonischen Limes. Die Fortifikation wurde am Rand einer sich südlich der Drau erstreckenden Ebene errichtet. Im Gegensatz zu den meisten pannonischen Kastellen des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstand sie nicht unmittelbar an dem zu überwachenden Donaulimes, sondern einige Kilometer weiter westlich. Dadurch war die unmittelbare Kontrolle und Beobachtung der Grenze vom Kastell aus nicht möglich. Der Hauptgrund für die ungewöhnliche Ortswahl ist eines der bis heute größten, weitgehend naturbelassenen Sumpfgebiete Europas (Stagnus Mursianus?Wolfgang Meid: Keltische Personennamen in Pannonien. Archaeolingua, Budapest 2005, ISBN 963-8046-56-2, S. 14.), das auf kroatischer Seite den Naturpark Kopački rit und in Ungarn den Nationalpark Duna-Dráva bildet. Diese nur schwer zugängliche Auenlandschaft entstand im Mündungsbereich der Drau, die sich hier mit der Donau vereinigt. Neben zahlreichen Feuchtgebieten und Überschwemmungsflächen wird sie hauptsächlich von Altarmen und kleinen Seen geprägt. Die Vegetation der Flussaue entlang der Donau wird neben den Sumpfflächen von der baumartig wachsenden Silber-Weiden dominiert. Diese urtümliche, seit der Antike fast unverändert erhalten gebliebene Landschaft, machte der römischen Armee eine organisierte und nachhaltige Landeserschließung an diesem Abschnitt der Flussgrenze fast unmöglich und führte letztendlich dazu, dass Mursa nur eingeschränkt zur Grenzsicherung genutzt werden konnte und zeitweilig sogar aufgegeben wurde. Nur die sich aus dem frühen Lagerdorf (Vicus) entwickelte Zivilsiedlung an der Draubrücke konnte ihre Bedeutung auf Dauer beibehalten. Da die sonst stellenweise in Pannonien nachgewiesenen mittelkaiserzeitlichen Wachtürme beziehungsweise spätantiken Burgi im Bereich der Sumpfgebiete nicht vorhanden gewesen sein dürften, lag die Hauptlast der Grenzkontrolle in diesem Raum sicherlich bei der Donauflotte (Classis Pannonica), die ab der Spätantike unter neuer Bezeichnung und geänderten Organisations- und Befehlsstrukturen als Classis Histrica in Mursa einen wichtigen Flottenstützpunkt unterhielt.Zsolt Visy: Die jugoslawische Strecke des pannonischen Limes. In: Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 126–130; hier: S. 127.

Forschungsgeschichte mini|Die Festung von Esseg in ihrer Ausbaustufe von 1861. Die vielfach umkämpfte Anlage entstand im Mittelalter westlich der Unterstadt. Der Befestigungsring wurde erst ab 1923 abgebrochen. Mursa war unter der Herrschaft des Kaisers Hadrian (117–138) zur Colonia erhoben worden und verlor bis zu Beginn der Spätantike seine militärische Bedeutung. Insbesondere die Reste der antiken Zivilsiedlung, die sich überwiegend in Essegs Unterstadt befanden, hatten schon in der frühen Neuzeit unter den Gelehrten für Aufsehen gesorgt. Ein Großteil der antiken Hinterlassenschaften, die Humanisten wie Stephanus Brodericus (1490–1539) und Wolfgang Lazius (1514–1565) in Esseg noch gesehen und beschrieben haben, ging aufgrund der zahlreichen Belagerungen der Stadt durch die Osmanen (Türkenkriege) unwiederbringlich verloren. Die Frontstädte an der Militärgrenze zum Osmanischen Reich wurden damals – teils mehrfach – neu verschanzt, wofür Unmengen an Baumaterial benötigt wurde, das am raschesten und billigsten aus den antiken Ruinen gewonnen werden konnte. Sowohl 1526, bei der Erstürmung der Stadt durch die Türken, als auch 1687 bei seiner Wiedereroberung durch die Habsburger war Esseg weitestgehend zerstört worden. Im 18. Jahrhundert dokumentierte die zwischen 1782 und 1785 erfolgte Josephinische Landesaufnahme das wenige an antikem Baubestand, das damals noch erhalten war. Der anhaltende Substanzverlust an den antiken Strukturen ging auch während des Wirtschafts- und Bevölkerungsaufschwungs nach dem Ende der Türkenkriege ungebremst weiter. Um diese Zeit berichtete der Gelehrte Matthias Petrus Katancsich (Matija Petar Katančić) (1750–1825) unter anderem, dass an einer Stelle 1600 Pariser Klafter (3118,46 Meter) an römischen Bausteinen gefunden und für Neubauten wiederverwendet wurden. Der Archäologe und Numismatiker Friedrich von Kenner (1834–1922) schrieb 1870, dass von den „Resten des alten Mursa“ aufgrund dieser Ausbeutung „fast nichts übrig“ sei.Friedrich von Kenner: Noricum und Pannonia. Eine Untersuchung über die Entwicklung, Bedeutung und das System der römischen Verteidigungsanstalten in den mittleren Donauländern. In: Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien. 11, 1870, S. 1–176; hier: S. 110.

Viktor Hoffiller (1877–1954), einer der Begründer der modernen kroatischen Archäologie, sondierte bei der Suche nach dem Kastell im Jahr 1913 das Gelände, auf dem sich heute die gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses von Osijek befindet,Gynäkologische Abteilung der Klinicka Bolnica Osijek bei . doch gibt es bis heute – auch bedingt durch den jahrhundertelangen, tiefgreifenden Steinraub – keinen einzigen stichhaltigen archäologischen Befund zur Bestimmung des genauen Standortes der römischen Befestigungsanlage.

Baugeschichte Im Zuge der Stationierung römischer Truppen in Pannonien entstand in Mursa ein wichtiger Militärstützpunkt. Wie groß das Lager in seiner frührömischen beziehungsweise frühmittelkaiserzeitlichen Phase gewesen sein könnte, ist bisher reine Spekulation geblieben. Wissenschaftler vermuten, dass es schon vor dem großen Pannonischen Aufstand (6 bis 9 n. Chr.) – im Zuge der Besetzung des Landes – an dieser Stelle eine befestigte Militärstation zur Sicherung einer frühen Brücke über die Drau gegeben haben könnte. Vermutlich an der Stelle des im Zuge der Stadterhebung von Mursa aufgegebenen Kastells.Mihály Nagy: Stadtentwicklung in Pannonien. In: Martin Kemkes (Hrsg.): Von Augustus bis Attila. Leben am ungarischen Donaulimes (= Schriften des Limesmuseums Aalen. 53). Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 978-3-8062-1541-0, S. 79 ff.; hier: S. 81. Inschriftensteine aus den Gräberfeldern rund um Mursa erwähnen Angehörige mehrerer berittener und teilberittener Einheiten, die vermutlich hier auch in Garnison gelegen hatten.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts waren die meisten kroatischen Wissenschaftler davon überzeugt, dass hier im Prinzipat eine Legion stand, um den Druck der kriegerischen sarmatischen Jazygen, die am gegenüberliegenden Donauufer lebten, von der pannonischen Südflanke zu nehmen. Diese Theorie stammte noch aus den Tagen des in Kroatien hochangesehenen Gelehrten Katancsich, der während der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Behauptung aufgestellt hatte, das Legionslager auch tatsächlich gefunden zu haben. Nach den Angaben Katancsichs besaß es einen quadratischen, 631,76 × 631,76 Meter großen Grundriss und bot daher ausreichend Platz für eine Legion und mehrere Hilfstruppenkohorten. Der österreichische Garnisonskommandant von Esseg, Karl Matasic, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls zu dem Ergebnis, dass dieses Lager rechteckig gewesen sein müsse und Seitenlängen von 500 × 640 Metern besessen habe.Josip Klemenc: Der pannonische Limes in Jugoslawien. In: Acta et dissertationes archaeologicae. 3, 1963, S. 55–68; hier: S. 60. Zuletzt vermaß nur wenig später der auch als Hobbyarchäologe tätige Wasserbauingenieur Radoslav Franjetić den angeblichen Standort des Lagers mit 760 × 680 Metern. Franjetić hatte 1910 als Grundlage für seine Arbeit einen Stadtplan von 1786 mit den Aufzeichnungen Katancsichs verglichen.Marin Zaninović: Antička arheologija u Hrvatskoj. In: Opuscula Archaeologica. 11–12, 1, 1987, S. 14. (online) Letztendlich sollten diese Vermessungen aber immer die Dimensionen der ganzen antiken Stadt erfassen und nicht nur speziell die der militärischen Anlagen.

Truppe und Militärpersonal Aus Mursa sind durch Inschriftensteine mehrere Truppenkörper bekanntgeworden, die hier stationiert gewesen sein könnten. Welche dies im Einzelnen waren, lässt sich bis heute allerdings nicht mehr exakt festlegen. Einige der in Mursa bestatteten Militärpersonen sind wohl auch erst nach ihrer aktiven Dienstzeit in die Stadt oder ihr unmittelbares Einzugsgebiet zugezogen. Aus Grab 110, im nordöstlichen Gräberfeld, wurde 1906 die Grabstele eines Reitersoldaten, Velagenus Ulattius, Sohn des Mantus, geborgen. Bevor er im Alter von 38 Jahren starb, diente er 16 Jahre lang in der Cohors II Alpinorum equitata („2. teilberittene Kohorte der Alpenbewohner“). Seine Erben, der Centurio Longinus sowie Primus, ein Custos armorum der Benefiziarier, setzten ihm den Grabstein.. Im gleichen Gräberfeld fand sich 1800 in Grab 111 die Stele des Niger Sveitrius, Sohn des Bataronis, er diente 17 Jahre als Reiter in der Ala I Aravacorum, als er mit 37 Jahren starb. Die beiden als Erben eingesetzten Geschwisterkinder Marcellus und Publius setzten dem Verstorbenen den Grabstein..

1925 kam in Grab 112 des nordöstlichen Gräberfeldes die Stele des Gaius Iulius Verecundus, Sohn des Gaius, zu Tage, der als Legionär der Legio X Gemina in der Zenturie des Paetus bereits 20 Jahre gedient hatte, bevor er in Mursa verstarb. Den in der Inschrift genannten Beinamen pia fidelis („pflichtbewusst und treu“) trug die Legion seit den Tagen des Kaisers Domitian (81–96).. Eine nur bruchstückhaft erhaltene Grabinschrift aus der Unterstadt nennt den Veteranen Marcus Aurelius Achilleus, einen ehemaligen Custos armorum der in Aquincum (Budapest) stationierten Legio II Adiutrix.. Auf einer weiteren Grabinschrift wird der mit 40 Jahren verstorbene Centurio Aurelius Secundus von der Legio XIIII Gemina genannt. Für seine Begräbnis sorgen seine Söhne, der Centurio Aurelius Annianus und der Feldzeichenträger (Signifer) Maximianus..

Eine in die Esseger Festung verschleppte Votivinschrift hinterließ der Militärtribun und Kohortenpräfekt (…)ntius Antoninus. Der Offizier gibt an, dass er als Tribun sowohl für die im oberpannonischen Legionslager Brigetio gelegene Legio I Adiutrix als auch für die in Aquincum stationierte Legio II Adiutrix tätig war und als Präfekt die Cohors I Ulpia Traiana Cugernorum (civium Romanorum) („1. Kohorte der Cugerner römischen Bürgerrechts ‚Ulpia Trajana‘“) führte.. Einen weiteren Altar – dem Jupiter geweiht – hinterließ der Beneficiarius consularis Censorinius Maximus. und der Tesserarius Aelius Balbinus löste ein Gelübde an die Glücksgöttin Fortuna Casualis ein..

Nach seiner Erhebung zur Colonia waren in Mursa bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. offensichtlich keine römischen Truppen mehr stationiert. Erst danach wurden möglicherweise wieder eine Vexillation der unter der Herrschaft des Kaisers Diokletian (284–305) aufgestellten Legio VI Herculia („6. Legion des Herkules“) sowie eine Flottille der Donauflotte (Classis Histrica) hierher verlegt. Wenn auch ihr genauer Standort beziehungsweise Hafen bisher unbekannt geblieben ist, so lässt sich ihre Anwesenheit zumindest anhand der Notitia Dignitatum, einem spätantiken Staatshandbuch aus dem 5. Jahrhundert, die in ihren Truppenlisten einen Praefectus classis Histricae MursaeNotitia Dignitatum occ. 32, 52. (Kommandeur der in Mursa liegenden Classis Histrica) erwähnt, beweisen.

Colonia Aelia Mursa