mini|Parerga und Paralipomena Erster Band, Titelseite

Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften lautet der Titel eines zweibändigen Werks von Arthur Schopenhauer, das erstmals 1851 im Berliner Verlag A. W. Hayn erschienen ist. Es umfasst 37 in allgemein verständlichem und gefälligem Stil gehaltene philosophische Essays, die sich mit ihren vielfältigen, den Lebensalltag berührenden Themen an eine breite Leserschaft wenden.

Während einige Essays des zweiten Bandes Erläuterungen zu Schopenhauers pessimistischem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung enthalten, stehen die Schriften des ersten Bandes in der Tradition antiker Glückslehren, des pädagogischen Projekts der Aufklärung und der neuzeitlichen, romanischen Moralistik. Sie geben Ratschlägen zur Lebenskunst, etwa „wie man dem eigenen Dasein trotz aller Nichtigkeit der Welt die bestmögliche Gestalt verleihen kann“.Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit. (Hrsg.): Franco Volpi, Kröner Verlag (KTA 16), 16., verbesserte und ergänzte Auflage, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-01616-4, Einleitung des Herausgebers, S. VII. Ganz im Sinne der Aufklärung wollen die Parerga und Paralipomena also zugleich „unterhalten und belehren“, prodesse et delectare, plaire et instruire:

Etymologie des Titels Die „abschreckenden“,Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit. (Hrsg.): Franco Volpi – mit einer Einleitung des Herausgebers und einer Biographie Schopenhauers von Rudolf Marx), Kröner Verlag (KTA 16 –, 16., verbesserte und ergänzte Auflage, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-01616-4, Einleitung des Herausgebers, S. VIII. bildungssprachlichen Begriffe aus dem Titel des Werks entstammen dem Altgriechischen: Par-erga, „πάρ-εργα“, ist der Plural von Par-ergon „πάρ-εργον“, und bedeutet „Nebenarbeiten“. Die Pluralform Paral(e)i-pómena, „παρα-λ(ε)ιπόμενα“ (Singular Paralipomenon), bedeutet Auslassungen, hier gemeint sind „Nachträge“.

Werkaufbau Die Parerga, der erste Band, enthalten neben der Vorrede sechs philosophische Abhandlungen: Skizze einer Geschichte der Lehre vom Idealen und Realen, Fragmente zur Geschichte der Philosophie, Über die Universitäts-Philosophie, Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen, Versuch über Geistersehn und was damit zusammenhängt sowie die umfangreichen „Aphorismen zur Lebensweisheit“, die wegen ihrer Beliebtheit auch als eigenständige Buchausgabe verlegt werden.

Die Paralipomena, der zweite Band, umfassen 31 Kapitel mit 396 fortlaufenden Paragraphen. Die Kapitel I–XIV bringen Nachträge zum zweiten Band von Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Dies sind insbesondere: Kapitel IV: Einige Betrachtungen über den Gegensatz des Dinges an sich und der Erscheinung, Kapitel VIII: Zur Ethik, Kapitel XI: Nachträge zur Lehre von der Nichtigkeit des Daseins, Kapitel XII: Nachträge zur Lehre vom Leiden in der Welt sowie Kapitel XIV: Nachträge zur Lehre von der Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben.

Darüber hinaus enthalten die Paralipomena Schriften zu Themen, wie Kapitel XV: Über Religion, Kapitel XXI: Über Gelehrsamkeit und Gelehrte, Kapitel XXII: Selbstdenken, Kapitel XXIII: Über Schriftstellerei und Stil, Kapitel XXIV: Über Lesen und Bücher, Kapitel XXIV: Über Sprache und Worte Kapitel XXVII: Über die Weiber, Kapitel XXX: Über Lerm und Geräusch. Dazu kommen das Kapitel XXX (Gleichnisse, Parabeln und Fabeln) sowie Einige Verse des dichtenden Philosophen Schopenhauer die den Band abschließen.

Aphorismen zur Lebensweisheit mini|Aphorismen zur Lebensweisheit EinleitungParerga und Paralipomena, Erster Band

Die Aphorismen zur Lebensweisheit bilden das Kernstück des ersten Bandes der Parerga und Paralipomena. Sie bescherten Schopenhauer die langersehnte Lesergunst eines weiten Publikums. Diese umfangreiche Schrift wurde seit 1904 von Editoren aus den Parerga herausgelöst und mit Verkaufserfolg als eigenständiges Buch veröffentlicht.Der Stuttgarter Alfred Kröner Verlag veröffentlichte bereits in seinem Gründungsjahr 1904 die Aphorismen zur Lebensweisheit als eigenständiges Buch. In dieser Tradition des Kröner Verlages edierte 2007 der italienische Philosophiehistoriker Franco Volpi eine Neuauflage dieses populären Kernschrift des ersten Bandes der Parerga und Paralipomena erneut als eigenständiges Buch: Arthur Schopenhauer. Aphorismen zur Lebensweisheit. (Hrsg.): Franco Volpi, KTA 16, 16., verbesserte und ergänzte Auflage, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-01616-4.

Schopenhauer betreibt in dieser längeren Schrift „Philosophie“ im ursprünglichen, altgriechischen Sinne als „Liebe zur Weisheit“, „φιλο-σοφία“ (Philo-sophía). Unter „Philosophie als Lebensweisheit“ versteht er:

„die Kunst, das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen [...], die Anweisung zu einem glücklichen Dasein.“Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, Einleitung. In: Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, erster Band. Hrsg.: Arthur und Angelika Hübscher, Zürcher Ausgabe. Werke in zehn Bänden, Band VIII, Diogenes Verlag (detebe) Zürich 1977, ISBN 3-257-20428-0, Einleitung S. 343.

Von Schopenhauer, dessen pessimistische Philosophie von der metaphysischen These ausgeht, dass Dasein und Leben besser gar nicht wären, erwartet der Leser eigentlich keine Anweisungen zu einem glücklichen Leben, denn:

Aber den Menschen, die nun einmal in dieser Hölle leben, und die – obwohl doch letztendlich alles eitel ist – versuchen wollen, das Beste aus dem Übel ihrer Existenz zu machen, gibt er Ratschläge, die er aus antikenPlatonismus, Aristotelismus (Nikomachische Ethik), Epikureismus, Epiktet, (Stoa), indischen und moralistischen Weisheits- und Glückslehren schöpft. Schopenhauer präsentiert eine „negative“ Lehre von der Glückseligkeit, eine Art „Unglücksvermeidungs-Technologie“Martin Morgenstern: Schopenhauers Lehre vom Glück, in: Aufklärung und Kritik, Sonderband 14, 2008, (Schwerpunkt: Glück und Lebenskunst), S. 46: (PDF)., weil „Glückseligkeit“ nach seinem pessimistischen Weltbild nicht positiv gefasst werden kann.

In der Einleitung der Aphorismen zur Lebensweisheit prägt er einen bildungssprachlichen Neologismus, um seiner Lehre von der Lebenskunst, seiner Anweisung zu einem glücklichen Leben, einen Namen zu geben. Er tauft sie auf Altgriechisch: „Eudämonologie“, ευδαίμωνία (eudaimonía = Glück(seligkeit) + λόγος (lógos = Lehre)), wörtlich Lehre vom Glück.

Die Schrift gliedert sich in eine Einleitung sowie sechs Kapitel: Einleitung Kapitel I. Grundeinteilung Kapitel II. Von Dem, was Einer ist (Bildung der Persönlichkeit; sich selbst genügen) Kapitel III. Von Dem, was einer hat (äußeren Besitz nur mit Maß anstreben) Kapitel IV. Von Dem, was einer vorstellt (soziale Anerkennung; es gilt, kein Sklave fremder Meinungen zu seinVolker Spierling: Arthur Schopenhauer zur Einführung. 4., korrigierte Auflage. Junius Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-88506-631-6, Seiten 111–112.) Kapitel V. Paränesen und Maximen (53 Lebensregeln)siehe auch Franco Volpi (Hrsg.): Arthur Schopenhauer: Die Kunst, glücklich zu sein. Dargestellt in fünfzig Lebensregeln, Verlag C.H.Beck 2013, ISBN 978-3-406-58590-6. Aus Schopenhauers Nachlass und den Paränesen hat Volpi diese 50 Lebensregeln rekonstruiert und mit einem Vorwort versehen. Kapitel VI. Vom Unterschiede der Lebensalter

Der Autor fasst die wichtigste Botschaft seiner Kapitel II–IV wie folgt zusammen:

Schopenhauer knüpft in seinem Werk an die romanische Moralistik an. Französische Moralisten, deren Aphorismen Schopenhauer zitiert, sind Michel de Montaigne, La Rochefoucauld, Vauvenargues, Montesquieu und Nicolas Chamfort.

Im Jahre 1832 übertrug Schopenhauer die 300 Aphorismen des Oráculo manual y arte de prudencia, Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, Werk (1647) des spanischen Moralisten Baltasar Gracián, ins Deutsche. Etliche Lebensregeln Schopenhauers greifen auf entsprechende Aphorismen des Jesuiten Gracián zurück, dessen pessimistisches Weltbild und elitistische Haltung er teilte.Franco Volpi (Hrsg.): Arthur Schopenhauer: Die Kunst, glücklich zu sein. Dargestellt in fünfzig Lebensregeln, Verlag C.H.Beck 2013, ISBN 978-3-406-58590-6, Seite 15. So hat zum Beispiel die 13. Lebensregel des Kapitels V. Paränesen und Maximen im Handorakels Graciáns ihre Entsprechung: „In Allem, was unser Wohl und Wehe betrifft, sollen wir die Phantasie im Zügel halten.“ Der 24. Aphorismus Graciáns lautet:

Seinen Aphorismen zur Lebenskunst stellt Schopenenhauer als Motto eine Sentenz des französischen Moralisten Nicolas Chamforts voran:Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit 1851, Hrsg.: Hans-Peter Haack u. Carmen Haack, S. 9: (Volltext).

Im Kapitel II. Von Dem, was Einer ist kommentiert Schopenhauer die Quintessenz dieser Sentenz Chamforts mit den Worten:

Werkeditionen Parerga und Paralipomena, Erster Band und Zweiter Band Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena. Kleine Philosophische Schriften. Zweite und beträchtlich vermehrte Auflage, aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers herausgegeben von Julius Frauenstädt, Druck und Verlag A. W. Hahn, Berlin 1862, zwei Bände: Erster Band: Zweiter Band: Arthur Schopenhauer: Zürcher Ausgabe. Werke in zehn Bänden. Hrsg.: Arthur und Angelika Hübscher, Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, Diogenes Verlag (detebe) Zürich, 1977, Bände VII–X. Der erste Band und der zweite Band der Parerga und Paralipomena sind jeweils in zwei Teilbände aufgeteilt: I/1 ISBN 3-257-20427-2, I/2 ISBN 3-257-20428-0. II/1 ISBN 3-257-20429-9, II/2 ISBN 3-257-20430-2.

Aphorismen zur Lebensweisheit, eigenständige Buchausgaben Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit. (Hrsg.): Franco Volpi – mit einer Einleitung des Herausgebers und einer Biographie Schopenhauers von Rudolf Marx), Kröner Verlag (KTA 16 –, 16., verbesserte und ergänzte Auflage, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-01616-4. Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit 1851, Hrsg.: Hans-Peter Haack u. Carmen Haack, Wiederherstellung des ursprünglichen, von Schopenhauer autorisierten Textes. Bibliophiler Druck von 40 nummerierten Exemplaren, davon 35 für den Buchhandel. Antiquariat und Verlag Dr. Haack, Leipzig 2013, (Volltext).

Sekundärliteratur Martin Morgenstern: Schopenhauers Lehre vom Glück, in: Aufklärung und Kritik, Sonderband 14, 2008, (Schwerpunkt: Glück und Lebenskunst), S. 116–135: (PDF). Sebastian Neumeister: Schopenhauer als Leser Graciáns, in: El mundo de Gracián. Actas del Coloquio Internacional Berlín 1988, hrsg. von Sebastian Neumeister und Dietrich Briesemeister, Berlin 1991, S. 261–277, (PDF). Barbara Neymeyr: Pessimistische Eudaimonologie? Zu Schopenhauers Konzeptionen des Glücks. In: Schopenhauer Jahrbuch 77 (1996), S. 133–165. Volker Spierling: Arthur Schopenhauer zur Einführung. 4., korrigierte Auflage. Junius Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-88506-631-6, Seiten 108–114. Robert Zimmer: Philosophie der Lebenskunst aus dem Geist der Moralistik. Zu Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit, in: Schopenhauer Jahrbuch 90, 2009, S. 45–64: (PDF). Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer Weltbürger. dtv, München 2012, ISBN 978-3-423-34750-1, Kapitel sechs, Auf den Spuren Montaignes: ›Parerga und Paralipomena‹ (1851), S. 208–240. Robert Zimmer: Schopenhauers zweites Hauptwerk. Die Parerga und Paralipomena und ihre Wurzeln in der Aufklärungsessayistik und Moralistik, in: Schopenhauer-Jahrbuch, Bd. 94, 2013, S. 143–155, (PDF – Uni Mainz). Günther Baum, Dieter Birnbacher (Hrsg.): Schopenhauer und die Künste. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-947-8

Weblinks

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Einzelnachweise

Kategorie:Philosophisches Werk Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Arthur Schopenhauer