mini|hochkant=1.3|Die 1974 im Zuge des „Experiments Straßenkunst“ aufgestellten Nanas
Kunst im öffentlichen Raum hat in Hannover eine jahrzehntelange Tradition: Als erste deutsche Stadt hatte sich der Rat der Stadt 1970 mit dem „Experiment Straßenkunst“ die Förderung von Kunst im öffentlichen Raum zur kommunalpolitischen Aufgabe gemacht.Helmut Knocke, Hugo Thielen: Hannover Kunst- und Kultur-Lexikon. S. 40. 2010 verzeichnete die niedersächsische Landeshauptstadt mehr als 200 Skulpturen, Plastiken und Installationen insbesondere im Bereich der Innenstadt. Zu dem Kunstprogramm gehören unter anderem die Nanas, heute Teil der Skulpturenmeile, oder künstlerische Objekte wie die Busstops.
Geschichte Vorgeschichte mini|links|Die 1956 angekaufte Große Kugelform war eine der ersten abstrakten Plastiken im öffentlichen Raum in Deutschland.
Im Zuge des Wiederaufbaus hatte Hannover schon 1956 als eine der ersten Städte in Deutschland eine abstrakte Plastik im öffentlichen Raum aufgestellt, wenngleich die Große Kugelform 1960 zum Symbol für die gewünschte Wiedervereinigung umgewidmet wurde.Ehrtfried Böhm (Texte), Reinhold Lessmann (Fotos): neue plastik in hannover / Kunstsinn, Mäzenatentum, Urbane Ästhetik / Ein Beispiel im Spiegel zweier Jahrzehnte, Steinbock-Verlag, Hannover 1967, S. 27, 75, 80.
mini|Die Schenkungen von Bernhard Sprengel 1969 gingen dem Bau des Sprengel Museums voran
Dem Experiment Straßenkunst vorausgegangen war 1969 die Schenkung der Kunstsammlung, die der hannoversche Schokoladenfabrikant Bernhard Sprengel zu seinem 70. Geburtstag der Stadt überantwortete. Als „eine der umfangreichsten und qualitätsvollsten deutschen Sammlungen der Gegenwartskunst“ bildete sie zusammen mit Sprengels Schenkung von 2,5 Millionen Mark die Grundlage zum Bau des Sprengel Museums. Im selben Jahr wurden im Kunstverein Hannover Arbeiten von Niki de Saint Phalle gezeigt.
mini|links|Die Ile de France war im Auftrag Frankreichs für die Weltausstellung in Montreal geschaffen worden
Ebenfalls 1969 wurde die Stahlplastik Ile de France des Franzosen Berto Lardera angekauft. Sie war im Auftrag Frankreichs für die Weltausstellung in Montreal geschaffen worden. Harald Seiler, seinerzeit Direktor des Niedersächsischen Landesmuseums, hatte den Ankauf vorgeschlagen. Ursprünglich gegenüber dem Landesmuseum aufgestellt, dann auf dem Hof des Sprengel Museums, fand die bis 1969 „konsequenteste Umsetzung autonomer Plastik“ im öffentlichen Raum Hannovers 1998 ihren heutigen Standort an der Culemannstraße Ecke Friederikenplatz. ()
Experiment Straßenkunst mini|Den Auftakt des „Experiments Straßenkunst“ bildete 1970 das bundesweit erste Altstadtfest; hier mit Aktionskunst von János Nádasdy. 1970 initiierten der hannoversche Oberstadtdirektor Martin Neuffer, Kommunalpolitiker wie Rudolf Hillebrecht und Heinz Lauenroth gemeinsam mit „sachverständigen Bürgern“ wie Bernhard Sprengel oder Wieland Schmied das „Experiment Straßenkunst“. Den Auftakt für alle folgenden Aktionen bot Ende August 1970 das erste Altstadtfest in Hannover,Ines Katenhusen: Straßenkunstprogramm (siehe Literatur) das bundesweit beachtet wurde und das erste seiner Art in Deutschland war.Imre Grimm (Text), Dirk Meußling (Bilder): Das neue Hannover, Hannover: Schlütersche, 2002, ISBN 3-87706-671-2, S. 79; online über Google-Bücher
Die künstlerische Leitung und Koordination für das Experiment Straßenkunst übernahm Manfred de la Motte, der Leiter des Kunstvereins Hannover,Anmerkung: Im Kunst- und Kultur-Lexikon von Hannover auf Seit 40 (siehe Literatur) wird abweichend ein Dieter de la Motte genannt. nachdem der Rat der Stadt Hannover die Finanzierung bewilligt hatte, für eine zunächst begrenzte Laufzeit vom 1. September 1970 bis 31. August 1973. Danach wurden die Aktionen jedoch fortgesetzt und fanden mit der Aufstellung der Nanas im Februar 1974 ihren vorläufigen Höhepunkt.
In der Bevölkerung, aber auch unter den Initiatoren selbst sorgten sowohl die Programmatik als auch die konkreten Ausgestaltungen der Kunstaktionen immer wieder für teils heftige Kontroversen.
Für die ersten 27 Kunstwerke, die im Rahmen des Experiments Straßenkunst installiert worden waren, verausgabte die Stadt knapp 2 Mio. DM, rund 70 % davon für sogenannte „Sockelkunst“, die im öffentlichen Raum aufgestellt wurde.
Liste von Künstlern und deren Kunstobjekte Die unten aufgeführten Künstler schufen Objekte, die in den Straßen Hannovers installiert wurden. Die – nicht vollständige – Liste ist alphabetisch nach den Namen der Künstler sortiert.
Otto Almstadt Die Skulptur Kontakte von Otto Almstadt (geboren 1940 in Einbeck) entstand 1973 im Rahmen des „Straßenkunstprogramms“. Aus diesem Anlass organisierte die Hildesheimer Künstlergruppe „Kontakt-Kunst“ zwischen 1971 und 1974 jährlich eine mehrwöchige Kunstaktion in Hannover. Die Künstler baten dabei Passanten, öffentliche Kunstwerke mitzugestalten. Auch bei der Skulptur Kontakte waren vor allem Interaktion und Kommunikation wichtig. Gemäß dem städtischen Kulturbüro zeige die aus Sandstein gefertigte Arbeit eine lebendige, abstrakte Körperlichkeit. Sie deute damit auch auf die langjährigen Natur- und Anatomiestudien Almstadts hin. Ein weiteres Werk, die Skulptur Einschnürung, steht am Eingang des Zoos.
Eine von der Stadt eingesetzte Gutachterkommission untersuchte ab 2006 den Zustand der öffentlich Kunstwerke in Hannover. Bei Almstadts Kontakte stellte sie in Frage, ob die Arbeit noch dem Grundgedanken der „Kontakt-Kunst“ genüge. Bei dem Projekt sei es darum gegangen, gemeinsam etwas herzustellen und sich dabei auszutauschen, während das gegenständliche Ergebnis nur eine untergeordnete Rolle spielte. Sollte es zu einer Umgestaltung des Theodor-Lessing-Platzes kommen, müsse mit dem Künstler geklärt werden, ob die Arbeit auch nach über 30 Jahren noch dort bleiben solle. Falls ja, könne eine Texttafel helfen, das damalige Konzept zu vermitteln. Standort Kontakte: Theodor-Lessing-Platz () Standort Einschnürung: Am Eingang des Zoo Hannover, nahe der Straßenbahnhaltestelle ()
Bernd Altenstein Bernd Altenstein (geboren 1943) schuf die Bronzeplastik Mensch im Aufbruch. Sie wurde 1982 als Kunst am Bau vor dem Gebäude der Oberfinanzdirektion aufgestellt. Standort: Waterloostraße, vor dem Eingang der Oberfinanzdirektion ()
Horst Antes Horst Antes (geboren 1936) etablierte zusammen mit anderen Künstlern die neue figurative Malerei in Deutschland. Zunächst war sein fast ausschließliches Motiv der „Kopffüßler“, umgesetzt in Malerei, Grafik und Plastik. Der Kopf geht hier direkt in die Füße über, so auch bei seiner Plastik Figur 1. September. Die aus einer Aluminium-Legierung entstandene Arbeit wurde 1972 in Hannovers Altstadt aufgestellt. Da das empfindliche Material dort oft beschädigt wurde, übergab man die Plastik 1983 in die Obhut des Sprengel Museum Hannover. Das Museum platzierte sie vor seinem Eingang. Nach Auffassung des städtischen Kulturbüros sei Figur 1. September dort dezent zum Teil der städtischen Umgebung geworden. Die Arbeit stünde für die körperliche und geistige Beweglichkeit.
Am Georgsplatz finden sich die beiden aufeinander bezugnehmenden Plastiken Antes', Kopf in der Hand und Kopf mit zwölf Augen. Sie stehen quer zur Gehrichtung entlang der historischen Achse vom Aegidientorplatz zum Kröpcke. In einem Faltblatt des städtischen Kulturbüros heißt es dazu, die vielen Augen der einen Plastik veranschaulichten die verschiedenen Perspektiven der Menschen, die gemeinsam für das städtische Leben sorgen. Augen und Hand symbolisierten Denken und Handeln als wichtigste Tätigkeiten des Zusammenlebens. Die beiden Stahlplastiken wurden im Jahr 1981 aufgestellt. Standort Figur 1. September: Kurt-Schwitters-Platz, vor dem Eingang des Sprengel Museum Hannover () Standort Kopf in der Hand: Georgsplatz () Standort Kopf mit zwölf Augen: Georgsplatz ()
Stephan Balkenhol Zwei Figuren im öffentlichen Raum Hannovers stammen von Stephan Balkenhol (geboren 1957 in Fritzlar). Die grob gehauene Skulptur Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose ist aus Holz gearbeitet; bei ihr werden der Werkstoff und seine Behandlung deutlich. Für diese Arbeit findet sich in der Literatur auch der alternative Titel Große Säulenfigur. Die Figur steht auf einer 5 m-hohen Säule nahe dem Gebäude der Deutschen Bundesbank. In einem Faltblatt des städtischen Kulturbüros heißt es dazu, der stehende Mann scheine in die Ferne zu blicken und dort etwas zu beobachten. Das umgäbe ihn mit einer rätselhaften Aura. Die Deutsche Bundesbank kaufte die Skulptur ursprünglich für eine Niederlassung in den neuen Bundesländer. Nachdem die Filiale geschlossen worden war, kam der Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose 2007 nach Hannover. Die Skulptur kann nur tagsüber besichtigt werden, weil ihr Standort an einem halb-privaten Durchgang nachts verschlossen ist.
Der frühere Kaufhauskonzern KarstadtQuelle kaufte die Bronzeplastik Mann mit Hirsch (oder: Mann im Hirschgeweih), um sie 2002 neben einem Warenhausneubau aufstellen zu lassen. Nach Ansicht des städtischen Kulturbüros zeige der Mann mit Hirsch eine unwirkliche, geheimnisvolle Verbindung zwischen Mensch und Tier. Dabei erscheine der Mensch – im Gegensatz zu vielen anderen Kunstwerken – dem Tier nicht übergeordnet. Die dargestellte Situation wirke beiläufig, wie ein Schnappschuss. Die Plastik breche so mit den Posen historischer Vorbilder und könne als alternatives Reiterstandbild aufgefasst werden. Standort Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose: Durchgang zwischen Georgsplatz und Osterstraße () Standort Mann mit Hirsch: Andreaeplatz, Ecke Schillerstraße ()
Floriano Bodini Das Ensemble Göttinger Sieben von Floriano Bodini besteht aus mehreren überlebensgroßen Bronzeplastiken. Sie wurden 1998 aufgestellt. Bodinis Arbeit ist ein Denkmal für die sieben Professoren der Universität Göttingen, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestierten. Als Folge entließ König Ernst August die Hochschullehrer, einige von ihnen wurden zudem des Landes verwiesen. Nach Ansicht des städtischen Kulturbüros solle das Denkmal dazu ermuntern, Details zu erkunden und Bezüge zu Demokratie, Macht und Teilhabe herzustellen. Bei dem Reiter handelt es sich um den Widersacher der Professoren, König Ernst August. Von eben jenem schuf Albert Wolff bereits 1861 ein Reiterstandbild, das vor dem Hauptbahnhof steht. Als Vorlage für die Figuren dienten Freunde Bodinis, die er stellvertretend porträtierte. Die Göttinger Sieben wurden gemeinsam bezahlt von niedersächsischen Firmen, Stiftungen, Verbänden und Bürgern. Die Plastiken gehören dem Land Niedersachsen.