mini|Heinrich Julius von Lindau mit Haarnetz, Vignette von Georg Friedrich SchmollDer Zeichner und Kupferstecher Georg Friedrich Schmoll stammte aus Ludwigsburg; er starb frühzeitig in Urdorf im Kanton Zürich 1785. Seit 1776 war er der zweite Ehemann von Johann Caspar Lavaters Schwester Anna von Orelli, verwitweter Schmoll, verwitweter Schinz, geb. Lavater (1740–1807). Ihr erster Ehemann war seit 1768 Hans Conrad Schinz, ihr dritter seit 1787 Hans Caspar von Orelli. 1775 Heinrich Julius [Friedrich?Der Immatrikulationseintrag (Matrikel Nr. 9392) nennt Friedrich als dritten Vornamen. Es ist allerdings möglich, dass dem eine in der Literatur zu v. Lindau gelegentlich begegnende irrtümliche Zuschreibung des Adelsprädikats "Freiherr" an v. Lindau zugrunde liegt. Die Abkürzung "Fr." für dieses Prädikat könnte nachmals irrtümlich als Abkürzung für "Friedrich" verstanden worden sein.] von Lindau (* 20. Juli 1754 in Celle; † vermutlich kurz nach dem 16. November 1776 auf Manhattan) war ein seelisch kranker hessischer Adeliger und Leutnant, der sich seine Todessehnsucht als „Werther im Waffenrock“Vgl. Reinhard Breymayer: Goethe, Oetinger und kein Ende. Charlotte Edle von Oetinger, geborene von Barckhaus-Wiesenhütten, als Wertherische „Fräulein von B..“ (2012), S. 53. in einer Art selbstgewählten „Himmelfahrtskommandos“ während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs geradezu als „Kanonenfutter“Vgl. Breymayer: Goethe, Oetinger und kein Ende (2012), S. 53. 81 f. 143. erfüllte.

Familie Heinrich Julius [Friedrich?] von Lindau wurde 1754 in der zu dieser Zeit dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (umgangssprachlich „Kurfürstentum Hannover“) zugehörigen Stadt Celle geboren. Er gehörte als nichttitulierter, landsässiger Adeliger der mittelbaren Ritterschaft innerhalb der 1532 gegründeten Althessischen Ritterschaft an, besaß aber nicht die Ritterwürde. Väterlicherseits entstammte er einem in Hessen-Kassel mit Gütern belehnten Zweig des uradeligen rheinischen Geschlechts von Lindau aus nassauischem Gebiet. Stammgut war im 13./14. Jahrhundert der Lindauer Hof (heute „Lindenthaler Hof“ in Wiesbaden-Bierstadt). Der Vater, Philipp Heinrich Julius von Lindau (1725–1762), war ein hessen-kasselscher Kammerherr und Kriegsrat. Die Mutter, Henriette Marie, geborene Henry de Cheusses (1731–1763), war die Tochter eines Gouverneurs in der niederländischen Kolonie Suriname, Carel/Charles Aemilius Henry de Cheusses (1702–1734), und dessen Ehefrau, Charlotte Elisabeth Henry de Cheusses, geb. van der Lith (1700–1753), die insgesamt mit drei Gouverneuren von Suriname und zwei Pastoren der Französisch-Reformierten Gemeinde in Paramaribo verheiratet war.Sie starb 1753 als Witwe Charlotte Elisabeth du Voisin, verwitwete Audra, verwitwete Raye, verwitwete Henry de Cheusses, verwitwete Temming, geb. van der Lith. Als seine Mutter am 17. März 1763 im „Lindauschen Hof“ in Spangenberg starb, war Heinrich Julius bereits im Alter von acht Jahren Vollwaise. Er hatte fünf Geschwister, von denen drei Schwestern das Erwachsenenalter erreichten und in Celle heirateten.

Jugend und Studium; unglückliche Liebe zu Magdalena Poel Nach dem Tod der Eltern wurde Heinrich Julius von Lindau von seinem Großonkel Frédéric Henry de Cheusses (1701–1773) nach Hamburg geholt. Der in Kopenhagen geborene Großonkel hatte seinen Dienst als dänischer Diplomat quittiert und sich in Altona niedergelassen. Heinrich Julius kam in das Haus des in der Schweiz geborenen Pastors der Französisch-Reformierten Gemeinde in Hamburg Jean Conrad Landolt (1731–1776). Der Großonkel lebte zurückgezogen und hielt den jungen Lindau vom gesellschaftlichen Leben fern. Erlaubt waren ihm lediglich der Schul- und Kirchenbesuch. Mit siebzehn Jahren verliebte er sich unglücklich in Magdalena Poel, nachmals verehelichte Pauli (und dann von Caspar Voght auch „Manon“ genannt), die dreizehnjährige Tochter eines wohlhabenden Hamburger Großkaufmanns niederländischer Herkunft. Ein offenbar im Mai 1774 gestellter HeiratsantragVgl. Breymayer: Goethe, Oetinger und kein Ende (2012), S. 61; vgl. Ernst Fritz: Aus Goethes Freundeskreis (1941), S. 61 des nicht sonderlich vermögenden jungen Mannes wurde von Manons Vater, Jacobus Poel (1712 bis September 1775), abgelehnt. Am 14. April 1776 wurde Manon die Ehefrau des Lübecker Kaufmanns Adrian Wilhelm Pauli (1749–1815); die Ehe wurde 1801 wegen Manons Zuneigung zu dem Kaufmann und Sozialreformer Caspar Voght geschieden.Vgl. zu Manon das Buch von Susanne Woelk: Der Fremde unter den Freunden. Biografische Studien zu Caspar von Voght. Weidmann, Hamburg 2000, S. 193–197. In Hamburg hatte sich Lindau mit dem Schweizer Kaufmannssohn Peter Ochs angefreundet, mit dem er von 1771 bis 1775 in engem Briefkontakt stand.

Ein Studium der Rechtswissenschaften, für das er sich am 23. April 1773 an der Universität Göttingen immatrikulierte, brach Lindau 1774 ab. Der Immatrikulationseintrag (Matrikel Nr. 9392) nennt Friedrich als dritten Vornamen. Es ist allerdings möglich, dass dem eine in der Literatur zu Lindau gelegentlich begegnende irrtümliche Zuschreibung des Adelsprädikats "Freiherr" an Lindau zugrunde liegt. Die Abkürzung "Fr." für dieses Prädikat könnte nachmals irrtümlich als Abkürzung für "Friedrich" verstanden worden sein. Zu Lindaus Kommilitonen gehörte der Staatsmann und Reformer Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein.Karl Stein (Freiherr vom und zum), Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft, Briefe und amtliche Schriften: Bd. Studienzeit. Eintritt in den preussischen Staatsdienst. Stein in Westfalen (1773–1804), Kohlhammer, 1969, S. 32.

Die Reise in die Schweiz; in Zürich Freundschaft mit Lavater und Goethe Heinrich von Lindau suchte Trost in der Literatur. Angeregt durch den XXIII. Brief im ersten Band von Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloïse entschloss er sich 1775, in der Einsamkeit des Schweizer Gotthardmassivs Heilung für seinen Liebeskummer zu suchen. Anfang Mai traf er bei Goethes Schwager Johann Georg Schlosser in Emmendingen ein. Der Aufenthalt in der Schweiz dauerte von der Zeit kurz vor Mitte Mai bis Ende Oktober 1775. Lindau reiste spontan und unstet. Jeweils etwa sechs Wochen seines Aufenthaltes verbrachte er auf dem Gotthard und dem Albis. Danach reiste er durch die Kantone Bern, Graubünden, St. Gallen und Appenzell mit den Élogen des Antoine Léonard Thomas als Lektüre. In Zürich wurde Lindau vom Philologen Bodmer empfangen, der ihn bei Lavater einführte. Bei dem begeisterungsfähigen "Diaconus" Pfarrhelfer des Zürcher Waisenhauses und dessen zahlreichen Freunden und Bekannten fand Lindau Verständnis und Zuspruch. Doch auch in dieser exaltierten Gesellschaft blieb Lindau ein Außenseiter. Bei Lavater begegnete er der vierköpfigen Reisegruppe der „Haimonskinder“Diese Bezeichnung hatte sich das Quartett selbst beigelegt. Vorbild war dabei das Volksbuch französischen Ursprungs Die vier Haimonskinder (deutsch 1531)., Goethe und drei seiner eigenen früheren Göttinger Kommilitonen, dem Freiherrn Christian von Haugwitz, der sich am 18. Oktober 1772, und den Grafen Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg, die sich am 20. Oktober 1772 in Göttingen immatrikuliert hatten.Vgl. dazu Reinhard Breymayer: Goethe, Oetinger und kein Ende (2012), S. 22–24. Lindaus Bitte, Goethe begleiten zu dürfen, wurde von diesem abgeschlagen. Goethe suchte jedoch Lindau danach im Sihltal auf, um sich für die Absage persönlich zu entschuldigen.

Während seiner unsteten Reise hatte Lindau im Oberen Haslital bei Meiringen im Berner Oberland des Kantons Bern den Hirtenjungen Peter im Baumgarten, getauft Meiringen 30. Aug. 1761, gest. Hamburg 1799 (?), entdeckt. In den Jungen, den er als Pflegesohn „Peter Lindau genannt im Baumgarten“ annahm (von dritter Seite her begegnet auch der Name „Peter im Baumgarten genannt Lindau“), projizierte Lindau seine unerfüllten gesellschaftlichen Wünsche und Perspektiven. Der unverbrauchte Junge sollte gemäß Lindaus am 17. Mai 1776, wenige Stunden vor seinem Aufbruch nach Amerika, eigenhändig auf Französisch geschriebenem geistigen AuferstehungsplanPlan pour effectuer la resurection de Henri Jules présenté à ses amis par leur très humble & très obeissant Serviteur Lindau (Faksimile bei Fritz Ernst: Aus Goethes Freundeskreis <1941>, zwischen S. 80 und S. 81). - "Auferstehungsplan für Heinrich Julius, seinen Freunden unterbreitet durch ihren sehr ergebenen und sehr gehorsamen Diener Lindau" (bei Fritz Ernst: Aus Goethes Freundeskreis <1941>, S. 20); auszugsweise zitiert in: GB 3 II A, S. 88 f. nach seinem Tod die geistigen, militärischen und liebhaberischen Fähigkeiten entwickeln und ausleben, die ihm versagt blieben. Lindau erlangte in Zürich von Goethe die Zusage, sich um Peter zu kümmern, falls er zu Tode käme. Einstweilen brachte er seinen Schützling im Philanthropinum Schloss Marschlins unter. Von den 20 Dukaten Kostgeld konnte er jedoch nur sieben selbst aufbringen.

Unglückliche Liebe zu Charlotte von Barckhaus-Wiesenhütten; Tod in Amerika als Werther im Waffenrock