Victory Boogie Woogie ist die letzte, zwischen Juni 1942 und Januar 1944 in New York entstandene, unvollendete Komposition des niederländischen abstrakten Malers Piet Mondrian. Das Bild gilt als Krönung der etwa 300 Werke umfassenden Mondrian-Sammlung des Kunstmuseums in Den Haag und als eines der wichtigsten Werke eines niederländischen Malers im 20. Jahrhundert.

Dank einer Schenkung der Nederlandsche Bank (niederländischen Zentralbank) wurde das Werk 1997 für 82 Millionen Gulden (37,2 Millionen Euro) durch eine Stiftung erworben und als Dauerleihgabe dem Museum zur Verfügung gestellt. Der Vorgang führte zu Kontroversen in der niederländischen Öffentlichkeit und zu Fragen im Parlament, wodurch das Werk noch größere mediale Aufmerksamkeit erlangte.

Werkbeschreibung miniatur|hochkant|Piet Mondrian. Foto aus De Stijl, Vol. V, Nr. 12 (Dezember 1922) Victory Boogie Woogie hat die Maße 127 × 127 cm und ist mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Zusätzlich verwendete Mondrian bemalte Papier- und Cellophanstreifen und schwarze Kreide. Charakteristisch ist die Rhombusform; die gesamte Leinwand samt Rahmen ist um 45 Grad gedreht, sodass die vertikale wie horizontale Achse 179 cm beträgt. Das Werk ist hauptsächlich in den drei Primärfarben Rot, Blau und Gelb sowie den Nichtfarben Weiß, Grau und Schwarz gemalt. Die darauf aufgeteilten Flächen, Kleinstflächen und kleine Vierecke, sind linear horizontal-vertikal angeordnet und scheinen auf der Leinwand wie auf einem musikhaft flimmernden Teppich in wildem Rhythmus zu tanzen.Susanne Deicher: Mondrian. 1872–1944. Konstruktion über dem Leeren. Taschen, Köln 2011, ISBN 978-3-8228-0928-0, S. 90. Weiß wechselt ab mit verschiedenen Grautönen, Blau mit dunkelblauen Vierecken, die fast schwarze Akzente zu sein scheinen, und Gelb, das an markanten Stellen durch gebrochenes Gelb ersetzt wird. Sogar das Rot wird, wenn auch weniger auffallend, variiert. Die durcheinander tanzenden Farben und die Dynamik des aufgebrochenen Netzwerkes von Linien entsprechen, so Betrachtungen zum Werk, den dynamischen Musiktempi des Boogie Woogie und dem brausenden Rhythmus in den Straßen zwischen den Häuserblöcken der Metropole New York. Aufgrund dieser Entsprechungen wurden Videoanimationen publiziert, die diese Interpretation des Werkes in besonderem Maße hervorheben.Videoanimation zu Victory Boogie-Woogie, Gemeentemuseum Den Haag, abgerufen am 21. Mai 2019Videoanimation von Willem van den Hoed, publiziert auf der Website von De Volkskrant online und zugehörigen Website toward victory online (Niederländisch) abgerufen am 2. April 2012.

Zeugin der Entstehung Im Januar 1941 besuchte die Malerin Charmion von Wiegand Piet Mondrian in seinem Atelier und sah dort eine Komposition mit farbigen Linien, die mit Klebeband „wie eine Mumie“ versehen war. Es war der Anfang seiner neuen Arbeitsweise, bei der er farbiges (oder auch bemaltes) Klebeband in der Entstehungsphase seiner Kompositionen anwendete. Nachdem sie den Künstler am 12. April 1941 interviewt hatte, schlossen sie Freundschaft, und sie besuchte ihn regelmäßig während seiner drei letzten Lebensjahre. Von Wiegand notierte ihre Erinnerungen an Mondrian in ihrem Tagebuch und wurde Zeugin des Entstehungsprozesses des Gemäldes und Mondrians zweijährigen Ringens um das Bildkonzept.

Anfang 1942 besuchte sie Mondrian erneut, und er kam ihr schon im Korridor entgegen und wedelte mit einem Stück Papier. Er erklärte, dass er von einer prächtigen Komposition geträumt habe, und zeigte das Papier mit der ersten Skizze für Victory Boogie Woogie. Laut von Wiegand war Mondrian nie fertig mit dem Werk. Er arbeitete ständig daran und zeigte die Zwischenergebnisse seinen Freunden. Einmal fragte sie ihn, weshalb er keine Serie mache, statt fortlaufend an Versuchen zu arbeiten. Er antwortete, dass er kein Interesse an zu vielen Malereien habe, sondern es bevorzuge, eine Malerei richtig gut zu machen. Mondrian bezog von Wiegand aktiv in seine Arbeit an dem Bild ein. Sie machte Vorschläge, und er probierte diese aus, so wurden Klebebandstücke neu arrangiert und Linien unterbrochen.

Im Januar 1944 arbeitete Mondrian bereits zwei Jahre an Victory Boogie Woogie. Bei einem Besuch von Wiegands zu dieser Zeit war Mondrian stark erkältet und sah schlecht aus. Sie betrachteten zusammen das Bild, das sehr gut aussah und fertig zu sein schien. Laut Mondrian fehlte jetzt nur noch an der Oberkante ein letzter Pinselstrich. Eine Woche später fand von Wiegand ihn krank im Bett liegend vor. Harry Holtzman ließ einen Arzt kommen. Noch am selben Tag wurde Mondrian in ein Krankenhaus gebracht. Erst zu diesem Zeitpunkt bemerkte Wiegand, dass die Malerei wiederum verändert war.Margaret Rowell: Interview mit Charmion von Wiegand, in Piet Mondrian Centennial Exhibition, Guggenheim Foundation, 1971 online

Victory Boogie Woogie und Mondrians letzte zehn Tage Mondrian hatte die letzten zehn Tage seines Lebens noch intensiv an dem Bild gearbeitet. In seinem Nekrolog sprach Johnson Sweeney, Kurator des Museum of Modern Art (MoMA), über Mondrians Kampf mit Victory Boogie Woogie: „Drei Tage bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde, hatte er angefangen, seine neueste Malerei drastisch zu ändern, eigentlich war es fast fertig gewesen, um ausgestellt zu werden, nachdem er mehr als neun Monate daran gearbeitet hatte. Auch Charmion von Wiegand war betroffen von den ‚radikalen Veränderungen‘ an Victory Boogie Woogie. Am 17. Januar 1944 waren alle Klebebandstreifen entfernt worden, nun aber war es wieder voller Klebestreifen, und es sah aus, als ob Mondrian wieder fieberhaft und ganz intensiv an dem Werk gearbeitet hatte. Es hatte mehr dynamische Qualität bekommen, und es schienen mehr kleine Vierecke mit bemaltem Klebeband in verschiedenen Farben appliziert zu sein. Mondrian hatte zwischen den 17. und den 23. Januar 1944 das fast abgeschlossene Werk noch einmal überdacht, sich von allen Geraden losgerissen und die Fläche erweitert.“ Früh am Morgen des 1. Februar 1944 starb Mondrian an den Folgen einer Lungenentzündung, sein letztes Werk ließ er unvollendet zurück.Film und zugehöriger Website zum Kauf von Victory Boogie Woogie 1997–1998 online abgerufen am 28. März 2012.

Name mini|Broadway Boogie Woogie, 1942/43, Öl auf Leinwand, 127 × 127 cm, Museum of Modern Art, New York Der Name Victory Boogie Woogie stammt nicht, oder zumindest ist es nicht schriftlich dokumentiert, von Piet Mondrian. Bekannt ist jedoch, dass er das Werk als Fortsetzung des früheren Broadway Boogie Woogie (1942–1943) ansah und dass er den Begriff „Victory“ (Sieg) erwähnte. Vermutlich ist Mondrians Nachlassverwalter und Erbe Harry Holtzman der formelle Namensgeber, wobei das Bild seinen definitiven Namen während der sechswöchigen Gedächtnisausstellung erhielt, die Holzmann unmittelbar nach dem Tod des Künstlers in seinem Atelier organisierte.Seite des Gemeentemuseum Den Haag über Victory Boogie Woogie, abgerufen am 25. März 2011.

Verschiedentlich ist beschrieben worden, dass Mondrian gern tanzte,Michel Seuphor: Piet Mondrian. Leben und Werk. Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1957, S. 129. auch als Siebzigjähriger in New York, und dass er Jazz liebte. Sein Protegé Holtzman machte ihn am Anfang seiner New Yorker Zeit erstmals mit der neuen Boogie-Woogie-Musik bekannt und überlieferte Mondrians Reaktion: „Enorm! Enorm! Enorm!“, rief Mondrian aus, als Holtzman ihm die ersten Boogie-Woogie-Platten vorspielte. Sean Sweeney, Sohn des MoMA-Kurators James Johnson Sweeney, der seinen Vater bei Besuchen in Mondrians Atelier öfter begleitete, erinnerte sich an Mondrians Vorliebe für den Boogie Woogie: „Er spielte gern Gene Krupas Drum Boogie für mich ab und witzelte darüber, dass er Jazzplatten sammelte, obgleich sie rund und nicht viereckig waren wie die geliebten farbigen Flächen auf seinen Wänden und Malereien“.

„Victory“ im Titel weist vermutlich ebenso auf den erwarteten Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg hinJohn Sharidan: Mondrian and Victory Boogie Woogie: a radical couple about town online wie auf Mondrians Überwindung der früheren strengen Kompositionen zugunsten der neuen musikalischen Rhythmisierung des Motivs.Dietmar Elger: Abstrakte Kunst. Taschen, Köln 2012, ISBN 978-3-8228-5617-8, S. 56. Hans Locher, der Direktor des Gemeentemuseums, formulierte: „Der Victory Boogie Woogie ist die triumphierende Antwort auf den Zweiten Weltkrieg. Das berühmte Guernica von Picasso ist das Bild schlechthin für Gewalt und Kriegsopfer im zwanzigsten Jahrhundert geworden. Nun, Victory Boogie Woogie von Mondrian ist das Bild schlechthin für den Sieg von Lebensfreude und Freiheit“.Hans Janssen, Joop Joosten, Yve-Alain Bois en Angelica Zander Rudenstine, Mondriaan (Ausstellungskatalog), Haags Gemeentemuseum, S 294, Den Haag, 1995.

Provenienz Valentine Dudensing Mondrian hatte testamentarisch Harry Holtzman als seinen Testamentsvollstrecker und Alleinerben bestimmt. Die einzige Ausnahme war Victory Boogie Woogie, das als Legat an seinen New Yorker Galeristen Valentine Dudensing ging, der Mondrian im Voraus 400 US-Dollar für das Bild gezahlt hatte. Ab dem zweiten Jahr seines Aufenthaltes in New York bis zu seinem Tod befand sich Mondrian in einer finanziell abgesicherten Lage, da Dudensing Mondrians Bilder ohne Schwierigkeiten für 200 US-Dollar und darüber hinaus verkaufte.Michel Seuphor: Piet Mondrian. Leben und Werk. Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1957, S. 187.

Emily Hall Tremaine Emily Hall Tremaines Biografin, die Journalistin Kathleen L. Housley, beschreibt, wie Tremaine Besitzerin wurde.Kathleen L. Housley: Emily Hall Tremaine. Emily Hall, Tremaine Foundation, New Heaven 2001, ISBN 0-9705011-0-2. Der Galerist Dudensing kündigte ihr an, er wolle ihr das aufregendste Werk, das sie jemals gesehen habe, zeigen. Die Art der Ankündigung verfehlte trotz des Zusatzes, es sei unverkäuflich, seine Wirkung nicht. Noch nie sei Tremaine, bereits eine erfahrene Sammlerin moderner Kunst mit einer damals schon beträchtlichen Kollektion, so von einer Malerei berührt gewesen wie durch ihre Begegnung mit Victory Boogie Woogie, und sie wollte das Werk unbedingt in ihrer Sammlung haben. Sie machte Dudensing ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte, da er es selbst provoziert hatte. Könne er mit dem Erlös ein Château in Frankreich kaufen, würde er sich von Victory Boogie Woogie trennen wollen, hatte er beiläufig geäußert. Während der Wirren der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs im halb befreiten Frankreich gelang dies Ansinnen für erstaunliche 8000 US-Dollar. Burton Tremaine, Ehemann von Emily Tremaine, soll ihr die Aussage entlockt haben: „Nicht viel Geld für ein Château, aber viel Geld für einen Mondrian.“ Von 1944 bis 1988 blieb Victory Boogie Woogie im Besitz der Tremaines, und der Buchumschlag ihrer Biografie wurde mit dem Bild illustriert.Buchcover der Biographie von Emily Hall Tremaine mit einer Abbildung von Victory Boogie Woogie online abgerufen am 27. März 2012.

Samuel Irving und Victoria Newhouse Der nächste Eigentümerwechsel wurde 1988 von Larry Gagosian vermittelt. Der Vorgang fand Erwähnung in einem Buch über den heutigen Kunstmarkt, das den Aufstieg des heute als prominent geltenden, weltweit vertretenen Galeristen behandelt.Don Thompson: The $ 12 Million Stuffed Shark; The curious economics of contemporary art. Palgrave Macmillan, New York 2008, ISBN 978-0-230-62059-9, S. 71 Der Preis betrug 10 Mio. US-Dollar. Neuer Eigentümer wurde der Zeitungsmagnat und Milliardär Samuel Irving Newhouse, einer der 100 reichsten US-Amerikaner,Forbes-Liste der reichsten US-Amerikaner online, abgerufen am 28. März 2012. der es als Geschenk für seine Frau Victoria erwarb, womöglich deshalb, da der Titel des Bildes ihren Namen enthielt. Neuer Standort wurde Victorias Arbeits- und Schlafzimmer in Manhattan. Das Bild blickte gewissermaßen auf die Skyline des Big Apple, der eine der Inspirationsquellen für Mondrian gewesen war.

Ankaufsbestrebungen durch das Gemeentemuseum Den Haag