Karl Schlau, auch Carl, vollständig Carl Leberecht Eduard Schlau, lettisch Karls Šlaus oder Kārlis Šlavs, vollständig Kārlis Lēberehts Eduards Šlavs, (*  in Riga, Gouvernement Livland; † 26. März 1919 in Riga) war ein deutsch-baltischer evangelisch-lutherischer Pfarrer in Lettland. Er gilt als evangelischer Märtyrer.

Die Datumsangaben in diesem Artikel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum bis 1918Kalenderreform durch die Bolschewiki zum , Unabhängigkeitserklärung Lettlands am nach dem julianischen Kalender.

Leben Herkunft Karl Schlau war ein Sohn von Leonhard Adolph Schlau und Caroline Amalie Marie Schlau. Er wurde im März 1851 in der Jakobikirche zu Riga getauft.Getaufte. in Rigasche Stadtblätter, Nr. 10, 8. März 1851, online unter Seine Brüder hießen Hermann und Wilhelm.

Ausbildung Karl Schlau studierte aus Überzeugung Evangelische Theologie an der Kaiserlichen Universität Dorpat, der Universität Göttingen und der Universität Leipzig, und erlangte im zweiten Semester des Jahres 1875 den Kandidatengrad.Zur Tages-Chronik. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 9, 4. März 1876, online unter 1877 wurde er an der Universität Leipzig mit einer patristischen Dissertation über die Paulusakten und die Heilige Thekla promoviert.

Pfarrer in Allasch und Wangasch mini|Kirche zu Wangasch Am Ende des Jahres 1877 berief Johann von Blanckenhagen, der Patronatsherr der neu gegründeten Gemeinde von Allasch und Wangasch, die vorher kirchlich zu Rodenpois gehört hatten, Karl Schlau zum Pastor, womit er seinen ab nun lebenslangen Dienst für die leidgeprüfte evangelisch-lutherische Kirche Livlands begann. Am 5. Februar 1878 wurde er nach dem Gottesdienst in der St. Jakobikirche zu Riga ordiniert.In der St. Jakobikirche in der Rigaschen Zeitung, Nr. 30, 6. Februar 1878, online unter Zur Tages-Chronik. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 8, 23. Februar 1878, online unter

Am , dem Sonntag Quinquagesimae, erfolgte seine Amtseinführung. Der Propst mit seinen Assistenten und dem Kirchenvorstand führte Schlau durch die zahlreich versammelte lettische Gemeinde hindurch zum Altar. Das Datum war bedeutsam als erster Sonntag nach dem Frieden von San Stefano und wurde als erster Passionssonntag gefeiert. (Üblich in den Westkirchen ist der nachfolgende Sonntag Invocavit als erster Passionssonntag, Quinquagesimae gilt für gewöhnlich als letzter Sonntag der Vorpassionszeit, siehe auch Karneval.) Da die Passion für Christen einem Friedensschluss Gottes mit der Menschheit entspricht, nahm der Propst mit seiner Eröffnungsrede also aus doppeltem Grund auf den Frieden Bezug. Die Anfangsworte stammten aus : „Bekehret euch, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR, denn ich will euch mir vertrauen und will euch holen - und will euch bringen gen Zion, und will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und Weisheit.“ Damit ermahnte er die Gemeinde, den neuen Pfarrer gut aufzunehmen und den Pastor, der Gemeinde gut zu dienen. Schlau nahm die Wahl an und erhielt die Bestätigungsurkunde. Der Propst legte ihm die Hand auf; die anderen Geistlichen, die Schlau geholfen hatten, sich auf sein neues Amt vorzubereiten, sprachen Segenssprüche.

Den anschließenden lettischen Gottesdienst führte Schlau allein, danach folgte der deutsche Gottesdienst. Da die Anforderungen beider Gemeinden unterschiedlich waren, gab ihm der Propst für die deutsche Gemeinde ein weiteres Bibelwort mit auf den Weg, diesmal aus : „Ich suche nicht das Eure, sondern euch.“, um anzudeuten, was Schlau in der Gemeinde suche, wie er es finde, und was er davon habe. Erneut brachten die anderen Geistlichen ihm Segenswünsche entgegen. Schlau dankte dem Patronatsherrn und der Gemeinde und drückte seine Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit aus. In seiner Predigt wurde seine Freude über die Amtsübernahme deutlich. Die Feier an der Tafel des Herrenhauses zog sich bis spät in den Abend hinein.Der 26. Februar in Allasch in der Rigaschen Zeitung, Nr. 60, 14. März 1878, online unter

Am 6. Februar 1880 heiratete Karl Schlau Brigitte Charlotte, geb. Hoerschelmann (1852–1933). Am 13. Februar 1883 wurde sein Sohn Johannes Hans Leonhard Schlau († 1942) geboren.

Pfarrer in Salis Im Jahre 1884 wurde Karl Schlau Pfarrer in Salis. Ebenfalls im Jahre 1884 erhielt Karl Schlau von der Universität Dorpat seine Zulassung als Oberlehrer im Fach Religion.Von der Universität Dorpat. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 211, 11. September 1884, online unter Zunächst waren die Verhältnisse in seiner Gemeinde einigermaßen ruhig und friedlich, so dass er das Gemeinde- und Schulleben ausbauen konnte. Am 11. März 1886 wurde sein Sohn Wilhelm Carl Emil Schlau († 1976) in Salis geboren, am 8. Dezember 1887 folgte seine Tochter Anna Helene Mathilde Schlau (verheiratete Masing, † 1981), am 18. Oktober 1889 sein Sohn Otto Konrad Robert Schlau († 1919).

Propst von Wolmar 1890 wurde Karl Schlau zum Propst des Sprengels Wolmar (lettisch Valmiera) ernannt.

Am 12. Oktober 1892 wurde Karl Schlaus Tochter Elisabeth Charlotte Kitty Julie Schlau (verheiratete Wonsiatsky, † 1973) in Salis geboren.

Mit seiner Ernennung zum Propst begannen Schlaus heftige Konflikte mit der Russisch-Orthodoxen Staatskirche, die aus seiner tiefen evangelisch-lutherischen Überzeugung erwuchsen; ab nun teilte er das schwere Schicksal, das über die livländische Pastorenschaft kommen sollte. Am 19. Mai wurde in Wolmar durch die Delegation des Rigaschen Bezirksgerichts aufgrund von Artikel 193 P. 1 des Strafgesetzbuches gegen ihn verhandelt. Das Vergehen bestand im wissentlichen Vollzug evangelischer kirchlicher Amtshandlungen an Mitgliedern der Russisch-Orthodoxen Kirche.Die Delegation des Rigaschen Bezirksgerichts in der Düna-Zeitung, Nr. 103, 10. Mai 1893, online unter Inland. in der Libauschen Zeitung, Nr. 105, 12. Mai 1893, online unter Er wurde für acht Monate seines Amtes enthoben. Ende September 1893 wurde er wegen eines identischen Vergehens ein weiteres Mal angeklagt.Wolmar. Pastorenprozesse. in der Libauschen Zeitung, Nr. 211, 18. September 1893, online unter

Das Urteil vom 19. Mai wurde im März 1894 von der Gerichtspalate in Sankt Petersburg bestätigt.Pastorenprocesse. in der Düna-Zeitung, Nr. 67, 25. März 1894, online unter Die Amtsenthebung war für insgesamt ein Jahr angesetzt. Ein kaiserliches Manifest vom 14. November 1894 sorgte dafür, dass die Verurteilung im August 1895 von der Gerichtspalate aufgehoben wurde.Inland in der Rigaschen Rundschau, Nr. 193, 26. August 1895, online unter Danach gab es immer wieder Differenzen mit der Landbevölkerung. Deutsch-baltische Kreise führten dies später auf russische Beamte zurück, welche die Bevölkerung angeblich aufgehetzt hatten. Allerdings hatte er nicht seine gesamte Gemeinde gegen sich.

Am 25. Oktober 1895 wurde Karl Schlaus Tochter Brigitte Auguste Marie Schlau geboren, am 31. August 1897 sein Sohn Hermann Werner Franz Schlau († 1945).

Neben seiner geistlichen Tätigkeit war Karl Schlau, ebenso wie der 1905 ermordete Pastor Karl Schilling, der 1906 ermordete Propst Ludwig Zimmermann, die 1919 von Bolschewiki hingerichteten Geistlichen Hans Bielenstein, Alexander Bernewitz, Xaver Marnitz, Arnold von Rutkowski, Paul Fromhold-Treu, Christoph Strautmann, Eberhard Savary, Eugen Scheuermann und Wilhelm Gilbert und wie die Pastoren Gustav Cleemann und Erwin Gross, die an den Folgen ihrer Gefangenschaft bei den Bolschewiki starben, ordentliches Mitglied der Lettisch-Literärischen Gesellschaft, die sich der Erforschung der lettischen Sprache, Folklore und Kultur widmete. Diese Gesellschaft wurde überwiegend von deutsch-baltischen Pastoren und Intellektuellen getragen. Für die Letten selbst war eine höhere Bildung zur Zeit der kaiserlich-russischen Vorherrschaft noch kaum zugänglich.

Karl Schlau versuchte, zwischen Letten und Deutsch-Balten zu vermitteln, indem er sie zu gemeinsamer Gemeinde- und Heimatarbeit anhielt. Dieses Vorhaben verlief nicht erfolgreich. Er zog nationalistischen Hass auf sich, der ihm große Schwierigkeiten bereitete. Es gab sogar wiederholte Mordversuche, darunter einen geplanten Sprengstoffanschlag auf sein Pastorat. Selbst während der Russischen Revolution von 1905 bis 1906 kam er weiter seiner Arbeit nach, obwohl er mehrmals erschossen werden sollte.

1913 wurde Schlau mit dem Brustkreuz ausgezeichnet.Inland. Auszeichnungen. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 85, 16. April 1913, online unter

Während des Ersten Weltkrieges wurde er als Deutsch-Balte für drei Jahre ins Innere Russlands verbannt; der Dienst seines Sohnes bei der russischen Armee änderte nichts daran. 1917 diente Karl Schlau in Ustjug als Seelsorger.

Am 27. April 1917 wurde Karl Schlau Großvater eines später als Soziologe und Hochschullehrer bekannten Enkels: Seinem Sohn Wilhelm Carl Emil Schlau wurde Wilfried Schlau geboren.

1918, am Ende des Krieges, nach dem Frieden von Brest-Litowsk, konnte Karl Schlau nach Salis zurückkehren. Auch nach dem russischen Sieg und dem Abzug der deutschen Truppen blieb er bei seiner Gemeinde. mini|Der Bolschewik (Ölgemälde von Boris Kustodijew; 1920) Während des Lettischen Unabhängigkeitskrieges, im Januar 1919, wurde sein Sohn Otto Konrad Robert Schlau wegen der antirevolutionären Haltung seines Vaters von den Bolschewiki, die in Riga die Macht übernommen hatten, verhaftet und nach St. Petersburg verschleppt. Karl Schlau blieb nach der Machtübernahme der Bolschewiki im Baltikum bei seiner Gemeinde, obwohl ihm klar war, dass dies einem Todesurteil gleichkam. Auch ein weiterer Mordanschlag auf ihn im Wald änderte nichts daran.

Gefangenschaft Mehrere Tage nach der Verhaftung seines Sohnes, kurz nachdem er erfahren hatte, dass dieser im Gefängnis verstorben war, am 27. Januar 1919, wurde auch Karl Schlau zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern verhaftet. Er wurde zunächst nach Wolmar gebracht, dann im Rigaer Zentralgefängnis inhaftiert. Auch im Gefängnis, wo er freudig einen jungen Pastor begrüßte und mehrere Mitglieder der Gemeinde zu Salis, nämlich den Kirchenvorsteher, den Arzt, den Gemeindeältesten, den Müller, den Waldhüter und viele lettische Landwirte vorfand, nahm Schlau noch seelsorgerische Aufgaben wahr und hielt Andachten ab. An seine Familie schrieb er:

Die anderen Gefangenen nahmen ihn gerne auf, da sie ihn als jemanden betrachteten, der ihnen Kraft geben könne. Er hatte bereits weiße Haare, befand sich aber in einem guten Allgemeinzustand. Es gelang ihm, seinen Mitgefangenen die Haft zu erleichtern. Die äußeren Bedingungen waren denkbar ungeeignet; die Zelle war dunkel, schmutzig, von Ungeziefer befallen und mit Eisen vergittert; der Umgang des Personals mit den Gefangenen war roh; die Gefangenen mussten hungern und in dieser Jahreszeit bei der gegebenen hohen geographischen Breite sehr lange Nächte in Dunkelheit verbringen.

In einem Brief aus seiner Gefängniszelle äußerte Schlau die Hoffnung

Weiter schrieb er:

Die von Schlau beschriebene Güterteilung bezog sich auch auf geistige Dinge wie Literatur. Man las gemeinsam oder einzeln Werke wie England von Steffen, die Göttliche Komödie von Dante Alighieri oder die Ilias von Homer und besprach sie dann. Auch kommunistische Literatur wurde einbezogen.

Hinrichtungen anderer Gefangener Ein sogenanntes fliegendes Gericht besuchte am 19. März die einzelnen Zellen des Gefängnisses. Die Gefangenen wurden von zwei jungen, fast analphabetischen Kommunisten kurz verhört.