miniatur|Jüdische Frauen aus Tripolis in traditioneller Kleidung 1914

Die Geschichte der Juden in Libyen begann in der griechischen Kyrenaika vor rund 2500 Jahren. Sie hat ihre Spuren in der Bibel hinterlassen und wurde in wechselnder Herrschaft über Libyen von Puniern, Römern, Berbern, Vandalen, Arabern, Türken und Italienern geprägt. Nach der Gründung des Staates Israel wurden zwischen 1949 und 1951 32.000 Juden vertrieben, was 90 % ihrer Gemeinschaft entsprach. Im Gefolge des Sechstagekriegs wurde der überwiegende Teil der verbliebenen Juden evakuiert, und unter Muammar al-Gaddafi siedelte die letzte verbliebene Jüdin 2003 nach Rom über. Libysche Juden und ihre Nachkommen leben heute vor allem in Israel, aber auch in Italien.

Altertum Kyrenaika miniatur|Griechische Inschrift auf der Grabstele einer jüdischen Familie aus der Kyrenaika (1. Jahrhundert v. Chr.) miniatur|Tumultus Judaicus – Schrifttafel an den trajanischen Thermen von Kyrene

Die Kyrenaika, also das heutige Ost-Libyen, war ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. Siedlungsraum der Griechen und verfügte schon bald über einen starken jüdischen Bevölkerungsanteil. Die wohl älteste hebräische Inschrift in Libyen ist der Name des Besitzers auf einem Siegelstein, der in der Stadt Kyrene, dem Zentrum des Siedlungsgebiets der Griechen, gefunden wurde. Er konnte nur grob auf das zehnte bis vierte Jahrhundert vor Christus datiert werden.Applebaum: Jews and Greeks in Ancient Cyrenaica. 1979, S. 130. (Inschrift des Siegelrings: von Avadyu, Sohn des Yashav - לעבדיו בן ישב ) Aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. stammt eine Grabstele, ausgestellt im kleinen Museum von Marsa Susa am Rande des antiken Apollonia, der früheren Hafenstadt von Kyrene, mit Namen und Alter von drei Personen einer jüdischen Familie. Weitere ähnliche Funde belegen, dass es in allen fünf Städten der Pentapolis jüdische Gemeinden gab.E. J. Schnabel: Urchristliche Mission. Brockhaus, Wuppertal 2002, ISBN 3-417-29475-4, S. 846/847.

Die ältesten jüdischen Diaspora-Gemeinden in Libyen gehen laut Flavius Josephus auf den Diadochen Ptolemäus I. (305–285 v. Chr.) zurück. Er soll Juden aus Alexandria in Kyrene und anderen Städten Ost-Libyens angesiedelt haben, um dieses Gebiet seines Reiches besser unter Kontrolle zu haben. Von ihrer starken Verbreitung und ihrem Einfluss in der Kyrenaika, die 74 v. Chr. römische Provinz wurde, berichtet Flavius Josephus, indem er den griechischen Geschichtsschreiber Strabon (ca. 63 v. Chr. bis 23 n. Chr.) zitiert: „In der Stadt Kyrene gab es vier Klassen: Bürger, Bauern, Metöken und Juden. Sie sind bereits in jede Stadt gekommen, und man kann nicht leicht einen Ort in der Welt finden, der nicht dieses Geschlecht aufgenommen hat und von ihm eingenommen wird.“Flavius Josephus: Antiquitates Judaicae. XIV 7.2, (französisch, Philippe Remacle) Allerdings wurden zur Zeit Strabons die Juden in der Kyrenaika von ihren griechischen Nachbarn so drangsaliert und bestohlen, dass Kaiser Augustus ihre Position per Dekret stärken musste. Er bestätigte den Juden das Recht freier Religionsausübung, erlaubte ausdrücklich die Abführung von Tempelgeldern nach Jerusalem und erklärte, deren Entwendung sei als Tempelraub zu bestrafen.M. Rachmuth: Die Juden in Nordafrika bis zur Invasion der Araber. 1906, S. 26.Flavius Josephus: Antiquitates Judaicae. XVI 6.1–2, (griechisch und französisch, Philippe Remacle)

Nachdem 70 n. Chr. der erste große Aufstand der Juden in Palästina von Titus niedergeworfen und der Tempel von Jerusalem zerstört war, kam es im Jahre 73 in Kyrene zu dem vergeblichen Versuch eines Sikariers, den Kampf gegen die Römer wieder aufzunehmen.Flavius Josephus: Geschichte des Judäischen Krieges. Reclam, Leipzig 1985, VII 11.1–3, S. 505. Große Verwüstungen und einen hohen Blutzoll – der Geschichtsschreiber Cassius Dio spricht von über 200.000 getöteten Römern und GriechenCassius Dio: Römische Geschichte. Buch 68, 32.1–32.3 – forderte der jüdische Diasporaaufstand, der 115 von Kyrene ausging. Seine Niederwerfung verlangte den Römern große militärische Anstrengungen ab und dezimierte letztlich die jüdische Bevölkerung in der Kyrenaika, Zypern und Ägypten. An Hadrians Wiederaufbau der Stadt Kyrene nach diesem Tumultus Judaicus erinnern mehrere noch heute erhaltene lateinische Inschriften.

Wichtige Quellen zum Gemeindeleben in der Kyrenaika sind die in der frühen römischen Kaiserzeit entstandenen griechischen Inschriften von Berenike (Euhesperides), dem heutigen Bengasi.Berenike-Inschrift (griechisch): D. Emil Schürer: Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi. Hinrichs, Leipzig 1886, Bd. II S. 515/516 und Bd. III S. 42.Berenike-Inschrift (französische Übersetzung), in: David Cazès: Essai sur l’histoire des Israélites de Tunisie. Armand Durlacher, Paris 1888, Appendice I, S. 193/194 Das jüngere von zwei Ehrendekreten des jüdischen Politeuma der Stadt stammt von 24/25 n. Chr. Es war laut Inschrift an prominenter Stelle im „Amphitheater“ der Stadt angebracht und verlieh dem Dank der jüdischen Gemeinde an den römischen Präfekten Marcus Tittius für dessen humanen Umgang mit den Juden Ausdruck.

Kyrene in der Bibel Die Existenz jüdischer Gemeinden in der Kyrenaika ist auch aus der Bibel herauszulesen. So taucht in den Apokryphen ein Autor Jason von Kyrene auf, dessen nicht erhaltenes fünfbändiges Geschichtswerk die Basis für das Zweite Buch der Makkabäer bildete.2. Makk. 2:23 Es ergänzt die im Ersten Buch der Makkabäer enthaltene Berichterstattung über den jüdischen Freiheitskampf gegen die Seleukiden (167–142 v. Chr.). Zu den Adressaten eines Rundschreibens des römischen Senats zugunsten der Juden von 139/138 v. Chr., das im Ersten Buch der Makkabäer1. Makk. 15:16-24 erwähnt wird, gehört Kyrene.

Auch im Neuen Testament wird Kyrene mehrfach genannt. So wird beispielsweise ein Mann namens Simon von Kyrene, eventuell ein in Jerusalem lebender Diaspora-Jude aus der Kyrenaika, von römischen Soldaten gezwungen, das Kreuz Christi zu tragen.Siehe zum Beispiel Mt 27:32 Und der Apostelgeschichte ist zu entnehmen, dass Diasporajuden aus Kyrene in Jerusalem eine eigene Synagoge hatten.Apostelgeschichte 6:9

Tripolitanien Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich Juden bereits ab 813 v. Chr. im Gefolge der sprachverwandten phönizischen Siedler längs der nordafrikanischen Küste niedergelassen haben.M. Rachmuth: Die Juden in Nordafrika bis zur Invasion der Araber. 1906, S. 22.A. Chouraqui: Histoire des juifs en Afrique du Nord. 1998, S. 49. Gesicherte jüdische Spuren aus vorrömischer Zeit sind westlich der Kyrenaika allerdings praktisch nicht vorhanden. In Tripolitanien, das zum neu entstandenen punischen Kulturraum mit Zentrum Karthago gehörte, gab es ab 70 n. Chr. nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem jüdische Einwanderer in größerer Zahl. Zuwanderungswellen dürfte auch die Niederschlagung des Diasporaaufstands und des Bar-Kochba-Aufstands ausgelöst haben. Hinweise auf jüdische Gemeinden wurden in Leptis Magna und Oea, dem heutigen Tripolis, gefunden.E. Schnabel: Urchristliche Mission. 2002, S. 348/349.

Carthago, im Nachbarland Tunesien, muss eine starke Anziehungskraft auf jüdische Händler und Siedler ausgeübt haben. Nach der totalen Zerstörung des punischen Metropole 146 v. Chr. baute sie erst Kaiser Augustus wieder auf und machte sie zur Hauptstadt der 27 v. Chr. gebildeten Provinz Africa proconsularis. Die am nordwestlichen Stadtrand Carthagos unter dem Gammarth-Hügel gefundene große Nekropole aus dem ersten bis fünften Jahrhundert enthält zahlreiche jüdische Schiebegräber.Le Bohec: Inscriptions juives et judaisantes dans l’Afrique romaine. In: Antiquités Africaines. 17, CNRS, Paris 1981, S. 165–207 und 209–229. Eine aktuelle Zusammenstellung der archäologischen Tatbestände und deren neutrale Analyse hebt allerdings die stark lokale (nordafrikanische) Prägung der in Gammarth beobachtbaren Bestattungskultur hervor und hinterfragt den Grad talmudischer Einflüsse.Karen B. Stern: Keeping the Dead in their Place: Mortuary Practices and Jewish Cultural Identity in Roman North Africa. In: Erich S. Gruen (Hrsg.): Cultural Identity in the Ancient Mediterraneum. Getty Research Institute, Los Angeles 2011, ISBN 978-0-89236-969-0, S. 307–334.

Schon der frühe christliche Schriftsteller Tertullian (ca. 150–230 n. Chr.) berichtete aus Carthago von missionarischer Aktivität der Juden, und der islamische Historiker Ibn Chaldun (1332–1406) erwähnt in seinem Werk über die Geschichte der Berber, dass diese vor der muslimischen Eroberung zum Teil jüdischen Glaubens gewesen seien. Zu den explizit genannten Stämmen gehören nicht nur die Dscharawa aus dem Aurès mit ihrer berühmten Führerin al-Kahina, sondern auch die „Nefouca, Berber aus Ifriqiya“.Ibn Khaldoun: Histoire des Berbères et des dynasties musulmanes de l’Afrique septentrionale. Übersetzung William McGuckin de Slane. Herausgeber: Paul Geuthner, Paris 1978, Bd. 1, S. 208–209. Ifrīqiya ist die mittelalterliche Bezeichnung für das Gebiet der römischen Provinz Africa proconsularis, die auch Tripolitanien einschließt, und die Nefouca teilen ihren Namen mit den Nefusa-Bergen, welche sich hinter der flachen Küstenzone Tripolitaniens erheben. Die von Ibn Chaldun angeführten wesentlich älteren Theorien über die Abstammung der Berber von Einwanderern aus Palästina dürften allerdings in die Kategorie der Legenden gehören.A. Chouraqui: Histoire des juifs en Afrique du Nord. 1998, S. 49–50.

Im Lauf der Jahrhunderte hatten sich die indigenen Berber in Sprache und religiösen Vorstellungen den semitischen Phöniziern und Juden stark angenähert. Aber auch Juden, die im Hinterland Libyens lebten, haben ihrerseits Sitten der Berber übernommen.A. Chouraqui: Histoire des juifs en Afrique du Nord. 1998, S. 263–264.

Spätantike Bereits in der klassischen römischen Kaiserzeit war Libyen wegen seiner jüdischen Gemeinden und der geringen Entfernung zu Palästina ein wichtiges Ziel der ersten christlichen Missionsarbeit, die in Konkurrenz zu jüdischen Bekehrungsbemühungen stand. Die nordafrikanischen Christenführer bekämpften daher die Juden, so etwa der Kirchenvater Tertullian aus Carthago mit seiner Streitschrift Adversus Judaeos.Tertullian, Adversus Judaeos. (deutsch) Der Konflikt blieb ohne große Folgen, solange die römischen Kaiser, beispielsweise der aus Tripolitanien stammende Septimius Severus und sein Sohn und Nachfolger Caracalla die Christen verfolgten und die Juden weiterhin privilegiert behandelten. Tendenziell änderte sich aber die Lage, als Konstantin der Große ab 313 mit der Mailänder Vereinbarung das Christentum förderte und dieses ab 380 zur Staatsreligion avancierte. Konstantins Nachfolger verschlechterten mit Konzilsentscheiden und Gesetzen den rechtlichen Staus der Juden. So wurden beispielsweise 388 n. Chr. Eheschließungen zwischen Christen und Juden verboten.Codex Theodosianus III 7.2 und XIV 8.6 (lateinisch)