mini|hochkant|Lutz Dammbeck, 2015 Lutz Dammbeck (* 17. Oktober 1948 in Leipzig) ist ein deutscher Maler, Grafiker und Filmemacher.

Leben Dammbeck wuchs in Leipzig als Sohn des Rennpferd-Trainers Walter Dammbeck und der Sekretärin Gertrud Dammbeck, geborene Hoyk auf.Lutz Dammbeck – Filmmacher, Grafiker. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film Seine Jugend wurde zum einen durch das regelmäßige Tennisspielen in der Südvorstadt geprägt, zum anderen durch die Tätigkeit des Vaters auf der Pferderennbahn. Seit er acht war, half Dammbeck in den Sommerferien im Stall aus. Die Arbeit band die ganze Familie ein, zog sie auf die Rennplätze verschiedener Städte und bestimmte den Lebensrhythmus. „Mir gefiel diese Mischung aus Sport, Zirkus und Geschäftemachen.“ Ab den 1950ern beherbergte die Familie Messegäste aus der BRD. Am 17. Juni 1953 konnte er den Einzug russischer Panzer in Leipzig beobachten.

Seine Mutter meldete ihn in einem privaten Zeichenzirkel einer ehemaligen Bauhaus-Schülerin an. Die Aufnahme in die Erweiterte Oberschule gelang mit Intervention der Mutter bei einer Klassenkameradin mit notwendigem Einfluss. In der Berufsausbildung mit Abitur wollte er eigentlich Landschaftsgestalter werden, für den aber alle Plätze vergeben waren. Dammbeck entschied sich Schriftsetzer zu werden, ohne zu wissen, was sich damit verband, und fand Gefallen am Beruf.

Zur Studiumsvorbereitung und Mappenberatung besuchte er Typografie-Kurse der Abendhochschule der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. 1966 begann er dort sein Grundstudium in der Abteilung Buchgestaltung. An der Hochschule lehrten u. a. Egon Pruggmayer, Jan Tschichold, Walter Schiller und Heinz Wagner, in dessen Plakatklasse Dammbeck wechselte. Er hatte u. a. Kontakt mit der Fotografin Carin Plessing (* 1949), mit Günther Huniat, Lutz Friedel, Thomas Ranft, Hans-Hendrik Grimmling, Gil Schlesinger, Günter Firit und Frieder Heinze. Im mitgestalteten Studentenklub gab es Barbetrieb, Konzerte von Bands mit Auftrittsverbot, Jazz-Sessions und Tanz. Weitere Orte seines Studentenlebens waren u. a. eine Bar des Ring-Cafés und im Besonderen das Kino Casino. 1968 erlebte er, auf dem Rückweg von den Weltfestspielen in Sofia, die Besetzung Prags durch sowjetische Truppen.

In den frühen 1970er Jahren entdeckte Dammbeck den Animationsfilm als Experimentierfeld und Ausdrucksmittel.

Inspirationsquellen für ihn sind u. a. Franciszek Starkowieyski, Jan Lenica, Walerian Borowczyk, Filme im westdeutschen Fernsehen seit 1967, Filme von Michelangelo Antonioni und Jean-Luc Godard, amerikanische Cartoons, Pop Art und Rock-Musik (Cream, Vanilla Fudge, Jefferson Airplane, Renft), sowie die jährliche internationale Dokumentarfilmwoche in Leipzig.

Von 1972 bis 1974 leistete Dammbeck Dienst bei der NVA. Seit 1974 ist er freier Maler und Grafiker. Seit 1976 war er auch als Autor, Animator und Regisseur verschiedener Experimental- und Animationsfilme der DEFA und eigener Produktion tätig. Er hatte schon in der DDR und im Ausland eine bedeutende Zahl von Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, u. a. 1977/1978 und 1982/1983 an der VIII. und IX. Kunstausstellung der DDR in Dresden.

Seit 1979 arbeitete er an verschiedenen Aktions- und intermedialen Ausstellungsprojekten, gab eine Künstlerzeitschrift heraus und stiftete den alternativen Mogollon-Kunstpreis. Er nahm an der Internationalen Triennale der Handzeichnung in Zürich und Lausanne teil.

Fasziniert von den Filmen der klassischen Avantgarde, des Expanded Cinema und der Pop Art, begann Dammbeck Ende der 1970er Jahre sein Werk weg von der reinen Grafik und Zeichnung zu entwickeln. Er verwendete Fotografien, mischte Zeichnung und Realfilm, kombiniert mit Found Footage und Teilen aus Archivfilmen. Im Anschluss an die Uraufführung von Metamorphosen I erhielt er Zuspruch von Wieland Herzfeld, Bruder des von Dammbeck verehrten John Heartfield. Dies nahm Dammbeck als „Ritterschlag“ wahr.

Er notierte zu Hommage à la Sarraz:

1982 begann er mit der Arbeit am Herakles-Konzept, einem permanent fortgeschriebenen Gesamtkunstwerk aus Malerei, Collagen, Installationen, Filmen und Medieninszenierungen, Archiv und Collage zugleich, inspiriert durch den Text Herakles 2 oder Die Hydra Heiner Müllers, dem er das Märchen vom eigensinnigen Kind gegenüberstellt. Als Monteur sammelt, bearbeitet und fügt er Zeitungsausschnitte, Archivalien und Fotografien zu einer Archäologie der Erinnerung zusammen.

Seit 1984 arbeitete er an Mediencollagen aus Malerei, Tanz, Film und Musik, u. a. für das Bauhaus Dessau und die Internationalen Musikfestspiele Dresden, und konzipierte mit Freunden den 1. Leipziger Herbstsalon, eine außerhalb des Verbandes Bildender Künstler organisierte Ausstellung im Leipziger Messehaus. 1985 nahm er an der Internationalen Biennale in São Paulo teil.

Nach Ablehnung des zehnten Reiseantrags auf Genehmigung einer „Studienreise in das nichtsozialistische Ausland“ stellte er 1986 einen Ausreiseantrag und übersiedelte nach Hamburg. Dort setzte er das Herakles-Konzept fort und wendete sich verstärkt dem Dokumentar- und Animationsfilm zu. 1990 gründete er eine eigene Filmproduktionsfirma. Von 1992 bis 1993 war er Gastprofessor an der Fachhochschule für Gestaltung Hamburg und von 1998 bis 2015 Professor an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Er nahm u. a. an der Ausstellung Deutschlandbilder 1997 im Martin-Gropius-Bau Berlin und der Ausstellung Das XX. Jahrhundert teil.

2005 erhielt er den Käthe-Kollwitz-Preis und den Preis der DEFA-Stiftung zur Förderung der deutschen Filmkunst. 2019 tourte Lutz Dammbeck unter der Überschrift Art & Power: Lutz Dammbeck mit seinem filmischen Werk durch die USA.

Dammbeck war Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR und ist seit 2015 Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Einzelausstellungen (Auswahl) Jahr Ort Titel1979Galerie Wort und Werk (mit Hendrik Grimmling), Leipzig1980Galerie Mitte, Dresden1983Kunstkabinett, Erfurt1985Galerie Oben, Karl-Marx-Stadt1986Bauhaus DessauLutz Dammbeck – Bilder, Collagen, Aktionsdokumentationen1988Künstlerhaus Hamburg1990Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Realismusstudio, Berlin1994Galerie Atelier Sainte Anne, Brüssel1997/98Haus am Waldsee, Berlin / Lindenau-Museum, Altenburg / Städtische Galerie Rähnitzgasse, Dresden / Kunstverein HeidelbergHerakles Konzept2000Brecht-Zentrum BerlinKrieg der Viren II2005Akademie der Künste BerlinAll Systems Go2006Akademie der Künste BerlinParanoia2007Galerie COMA BerlinRe_Re-Education2010Kunst-Raum des Deutschen Bundestages, BerlinAtlasmacher2010Sprengel Museum HannoverRe_Re-Education

Filme (Autor, Animator, Regisseur, Produzent) Titel Land Jahr Länge Art ProduktionDer MondDDR19756'AnimationsfilmDEFA-Studio für Trickfilme, DresdenLebe!DDR197810'AnimationsfilmDEFA-Studio für Trickfilme, DresdenMetamorphosen IDDR1978/19797'ExperimentalfilmMogollon Film, LeipzigDer Schneider von UlmDDR197914'AnimationsfilmDEFA-Studio für Dokumentarfilme, Potsdam-BabelsbergEinmartDDR198115'AnimationsfilmDEFA-Studio für Trickfilme, DresdenHommage à la SarrazDDR198112'ExperimentalfilmMogollon Film, LeipzigDie EntdeckungDDR198317'AnimationsfilmDEFA-Studio für Trickfilme, Dresden1. Leipziger HerbstsalonDDR1984/200620'DokumentationLutz Dammbeck FilmproduktionDie FlutDDR198610'AnimationsfilmDEFA-Studio für Trickfilme, DresdenDer Maler kam aus fremdem Land...BRD198844'DokumentarfilmCinecentrum Hamburg für den SWF, Baden-Baden und den WDR, KölnHerakles HöhleDeutschland1983/199045'ExperimentalfilmLutz Dammbeck Filmproduktion für den SWF, Baden-BadenZeit der GötterDeutschland199292'DokumentarfilmLutz Dammbeck Filmproduktion für den SWF, Baden-BadenHerzog ErnstDeutschland1984/199345'AnimationsfilmLutz Dammbeck Filmproduktion für La Sept/Arte und den WDR, KölnDürers ErbenDeutschland199559'DokumentarfilmLutz Dammbeck Filmproduktion für den MDR, Leipzig und Arte, StrasbourgDas MeisterspielDeutschland1998106'DokumentarfilmLutz Dammbeck Filmproduktion für den WDR, KölnDas Netz – Unabomber, LSD und InternetDeutschland2003121'DokumentarfilmLutz Dammbeck Filmproduktion für den SWR, Baden-BadenBesuch bei Rudolf ArnheimDeutschland200420'DokumentationLutz Dammbeck Filmproduktion, HamburgOvergamesDeutschland2007/2015164'DokumentarfilmLutz Dammbeck Filmproduktion, Hamburg, in Co-Produktion mit dem RBB, Brandenburg, in Zusammenarbeit mit Arte, StrasbourgBruno & Bettina, Gespräch mit Masao AdachiDeutschland2018105'Dokumentarfilm

Veröffentlichungen

Herakles-Konzept. Verlag der Kunst, Dresden 1997, ISBN 90-5705-072-2. Das Netz – Die Konstruktion des Unabombers (= Nautilus Flugschrift). Edition Nautilus, Hamburg 2010, ISBN 978-3-89401-453-7. Besessen von Pop (= Kleine Bücherei für Hand und Kopf). Edition Nautilus, Hamburg 2012, ISBN 978-3-89401-765-1.

Literatur Hans-Michael Bock: Lutz Dammbeck – Filmmacher, Grafiker. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, Lieferung 9, 1987. Katalog Lutz Dammbeck – Bilder, Collagen, Aktionsdokumentation, Bauhaus Dessau 1986 Katalog Lutz Dammbeck – Herakles Konzept, Berlin 1997 Saur. Allgemeines Künstlerlexikon. Band 24, 2000, S. 38/39 Dammbeck, Lutz. In: Dietmar Eisold (Hrsg.): Lexikon Künstler in der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 2010, ISBN 978-3-355-01761-9, S. 140

Weblinks

Webseite zum Herakles-Konzept (inkl. Biografie)

Lutz-Dammbeck-Archiv im Archiv der Akademie der Künste, Berlin Biografie auf der Webseite Medien Kunst Netz mit Informationen zu einzelnen Werken Zeit für muskulöse Götter (Kurzrezension zu Zeit der Götter), In Der Spiegel vom 18. Oktober 1993.

Jürgen Hohmeyer: Germanias Hammelsprung (zur Reichstags-Ausstellung 1999), In: Der Spiegel vom 12. April 1999.

Kunst im Bundestag: "Atlasmacher" von Lutz Dammbeck. (Faltblatt). In: Webseite Deutscher Bundestag. April 2010, archiviert vom Original am 18. Oktober 2021; abgerufen am 6. Juli 2026.

Sandra Schmid: Ab welchem Punkt ist die Freiheit bedroht? (zur Bundestags-Ausstellung 2010), In: Das Parlament, 26. April 2010. Fabian Lambeck: Die Suche nach der Lücke (zur Bundestags-Ausstellung 2010), In: Neues Deutschland vom 28. Mai 2010. Thomas Meder: Lutz Dammbeck – Ein Dissident der Form. Ein Werkporträt. In: epd Film. 13. April 2016. Lutz Dammbeck: Bruno & Bettina. Ein Gespräch über Kunst und Revolution. Radio-Feature für Deutschlandfunk vom 27. Juli 2018. DFF Deutsches Filminstitut & Filmmuseum: Filmgespräch zu BRUNO & BETTINA vom 11. Dezember 2018. Sukhdev Sandhu: From the Unabomber to contaminated art: a series surveys the work of the German filmmaker. In: 4Columns vom 13. September 2019. Lutz Dammbeck: Kunst, Computer und Wüstenrennmäuse – Notizen aus dem Erinnerungsalbum der Moderne. Radio-Feature für SWR Kultur vom 8. Oktober 2023.

Einzelnachweise

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