mini|Neptune offre à la France l’empire de la mer (Hommage auf den entscheidenden Anteil der französischen Marine am Unabhängigkeits­krieg der USA)

Die Geschichte der Französischen Marine umfasst die Entwicklung der französischen Seestreitkräfte von ihren Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart. Sie begann mit den spätmittelalterlichen Kreuzzügen im 13. Jahrhundert. Vom 17. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Marine Nationale die zweitstärkste Kriegsflotte der Welt nach der britischen Royal Navy. Trotz wiederholter Niederlagen und schwerer Verluste vor allem gegen die Royal Navy blieb Frankreich eine bedeutende Seemacht. Den Rückstand zur Royal Navy in Schiffszahl und Ausbildungsdrill versuchte die französische Marine wiederholt durch bauliche und technische Neuerungen im Schiffsbau auszugleichen.

Vorgeschichte Obwohl bereits in der vorrömischen Antike die von Griechen gegründete Hafenstadt Massilia (das heutige Marseille) über eine Schiffsbautradition sowie eine Kriegs- und Handelsflotte verfügte, spielte sie dann innerhalb des Römischen Reiches eine untergeordnete Rolle. Die Römer stationierten Kriegsflotten stattdessen in den Häfen Forum Julii (das heutige Fréjus) und Bononia (das heutige Boulogne). Von Boulogne aus starteten Caesar, Claudius und Constantius zu Invasionen Britanniens. Als Handelshäfen spielten darüber hinaus auch Nantes und Bordeaux seit der Römerzeit eine gewisse Rolle. Die römischen Flotten lösten sich mit dem Untergang des Römischen Reiches auf, unter den Westgoten und Franken verfielen auch die Werften. Bis zum Anfang des 9. Jahrhunderts wurden an der französischen Mittelmeerküste, vor Korsika und vor Sardinien zwar noch Küstenwachtschiffe gegen arabische Überfälle aus Andalusien und Nordafrika eingesetzt,Franz Schnabel: Harms Geschichts- und Kulturatlas. Berlin/München 1965, S. 25. doch gegen Ende des 9. Jahrhunderts setzten sich die Araber in der Provence fest (Fraxinetum) und fortan konnten „die Christen auf dem Meer kein Brett mehr schwimmen lassen“.Heinrich Dannenbauer: Die Entstehung Europas. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1959, S. 140.Hans Leicht: Sturmwind über dem Abendland. Wiesbaden 2002, S. 143. Den ebenfalls seit dem 9. Jahrhundert von See angreifenden normannischen Wikingern hatten die Franken bzw. Franzosen nichts mehr entgegenzusetzen. Sie überließen den Normannen daher die Normandie zur Ansiedlung, und von Saint-Valery-sur-Somme brach eine normannische Flotte 1066 zu einer erneuten Invasion Britanniens auf. Vor allem die Nachkommen dieser Normannen und der benachbarten Bretonen (vor den Angelsachsen von Britannien geflüchtete Kelten) sollten seit der Unterwerfung der Normandie (1203) stets zu den verwegensten Seefahrern Frankreichs gehören.Fuchs, Henseke: Kolonialreich. S. 21.

mini|Aufbruch Ludwigs IX. und der französischen Flotte zum Kreuzzug (1270) in einer Mystifizierung des 19. Jahrhunderts Erneut landeten Franzosen unter Ludwig VIII. in England, unterlagen dann jedoch in der Seeschlacht von Sandwich (1217). Die normannischen Versuche, ihren französischen Besitz mit dem von ihnen beherrschten England zu vereinen, mündeten schließlich in jahrhundertelange Kriege zwischen Frankreich und England.

Während England zunächst die französischen Gebiete an der Atlantikküste beherrschte, brachen im 12. und 13. Jahrhundert französische Kreuzritter von Marseille und oberitalienischen Mittelmeerhäfen nach Palästina und in die Levante auf. Anders als die englischen Kreuzfahrer, die über eigene Flotten verfügten, waren die Franzosen zunächst noch auf den Transport mit italienischen (genuesischen) Flotten angewiesen – so z. B. 1190/91 König Philipp II. beim Dritten Kreuzzug.Zöllner, S. 124 Auch König Ludwig IX. (Frankreich) brach zum Sechsten Kreuzzug 1248 von Aigues-Mortes und Marseille noch mit genuesischen und pisanischen Schiffen auf.Zöllner, S. 163 Für den Siebten Kreuzzug ließ Ludwig in Aigues-Mortes eigene französische Schiffe bauen und stellte sie 1270 unter das Kommando des neugeschaffenen Rangs eines Admirals von Frankreich. Der Kreuzzug scheiterte jedoch, der König starb – der französischen Flotte blieb nur noch die Aufgabe, Ludwigs Leichnam nach Frankreich zurückzuführen. Nachdem auch die französischen Herrschaftspläne in Sizilien gescheitert waren (Sizilianische Vesper, 1282) und auch die Kreuzzüge ein Ende gefunden hatten (1291), ließen die mediterranen Ambitionen französischer Könige zunächst nach.Zöllner, S. 164 Etwa dreihundert Jahre später waren der Hafen und die Werften von Aigues-Mortes versandet.

Stattdessen kämpften seit 1337 französische Flotten im Ärmelkanal und im Atlantik gegen englische Flotten: 1338 siegten die Franzosen im Seegefecht von Arnemuiden und planten eine Landung in England. Die nach der Zerstörung einer französischen Galeerenflotte im Hafen von Boulogne (1340) erlittenen Niederlagen gegen die Engländer in den Seeschlachten von Sluis (1340) und von Brest (1342) machten das jedoch unmöglich. Bis zum erneuten Sieg der Franzosen in der Seeschlacht von La Rochelle (1372) beherrschten die Engländer den Ärmelkanal und somit die Nachschubwege nach Frankreich.Köller/Töpfer-1, S. 163 f. Unter Admiral Jean de Vienne ging die in Rouen neugebaute französische Flotte danach wieder offensiv gegen England vor, doch der Hundertjährige Krieg wurde an Land entschieden.

Nach dem Krieg gegen England führte Frankreich 1494–1559 auch im Mittelmeer wieder mehrere Kriege mit Spanien um die Vorherrschaft in Italien. Zu diesem Zweck wurde in den 1490ern die Galeerenflotte nach genuesischem bzw. venezianischem Vorbild neuaufgebaut und neuorganisiert. Doch die Franzosen begannen den Krieg zu verlieren, als die bisher traditionell verbündete Republik Genua und deren Flotte unter Admiral Andrea Doria die Seiten wechselten (1528). König Franz I. verbündete sich daraufhin stattdessen mit osmanischen TürkenKöller/Töpfer-1, S. 212 und algerischen Piraten, und gemeinsam griffen französische, türkische und algerische Schiffe spanische und italienische Häfen an. Die osmanische Flotte überwinterte dafür im französischen Toulon (1543/44), bei ihrer Rückkehr schlossen sich ihr fünf französische Galeeren unter Antoine Escalin des Aimars zu einem Gegenbesuch in Istanbul an.

Nach dem Scheitern der Italienpläne blickte König Franz wieder verstärkt über den Atlantik und gründete die Hafenstadt Le Havre (1517). Schon um 1504 hatte Binot Paulmier de Gonneville die brasilianische Küste erreicht, und 1524 hatte Franz den italienischen Kapitän Giovanni da Verrazzano ausgeschickt, weiter nördlich der von Spanien und Portugal beherrschten Atlantikrouten eine „Nordpassage“ nach Indien zu finden. Ebenfalls auf der Suche nach einer solchen Passage erreichte der französische Kapitän Jacques Cartier 1534 Kanada. Ab 1530 drang Jehan Ango wiederholt in die portugiesischen Gewässer vor Brasilien ein. Eine französische Flotte griff 1545 erfolglos den Hafen Bembridge auf der englischen Isle of Wight an, doch erst 1558 konnte mit Calais die letzte unter englischer Herrschaft stehende Hafenstadt auf der Festlandseite des Ärmelkanals erobert werden. Französische Schiffe mit von Admiral Coligny ausgesandten Kolonisten an Bord stießen danach über den Atlantik bis nach Florida (Fort Caroline, 1562–1565) und Brasilien (France Antarctique, 1555–1567 und France Équinoxiale, 1612–1615) in den spanischen und portugiesischen Machtbereich vor, wurden aber zunächst geschlagen.Fuchs, Henseke: Kolonialreich. S. 15 f.

Nachdem der portugiesische Thronprätendent António von Crato den Franzosen Brasilien versprochen hatte, unterstützte ihn eine französische Flotte unter Filippo Strozzi, die 1582 von den Spaniern in der Seeschlacht bei Ponta Delgada (vor den Azoren) geschlagen wurde. Dennoch gelangten einzelne Schiffe französischer Piraten immer wieder bis nach Westafrika und in die Karibik und störten dort den atlantischen Sklavenhandel der Spanier bzw. Portugiesen und attackierten deren aus Mittel- und Südamerika kommende Gold-, Silber- und Zuckerflotten. Wie die englische Königin Elisabeth I. hatte auch die französische Krone zahlreiche Piraten dafür mit Kaperbriefen ausgestattet.

17. Jahrhundert Um 1604 hatte Samuel de Champlain auf Cartiers Spuren Kanada erreicht und in Québec endlich dauerhaft Kolonisten angesiedelt, auch in der Karibik begannen sich die Franzosen festzusetzen. Angesichts des stetig anwachsenden Verkehrs zwischen Frankreich und seiner Kolonie „Neufrankreich“ gewannen die französischen Atlantikhäfen gegenüber denen des Mittelmeers zunehmend an Bedeutung.Fuchs, Henseke: Kolonialreich. S. 12 und 14Köller/Töpfer-2, S. 75

mini|Champlain erreicht die Region Québec (1603) und begründet die Kolonie „Neufrankreich“ Frankreichs Chefminister, der Kardinal Richelieu (1624–1642) erkannte, dass zum Schutz der neuen Kolonien und Handelswege eine starke Kriegsflotte notwendig sei.Köller/Töpfer-2, S. 14 Noch 1627 hatte eine englische Flotte den Franzosen die Belagerung von La Rochelle (1627–1628) erschwert, 1628 kappten englische Piraten die Verbindungswege zwischen Frankreich und Québec. Zur Verbesserung der Effektivität der französischen Flotte wandelte Richelieu die bisherige Admiralität in ein Oberstes Marineamt um (1626) und legte ein großes Schiffsbauprogramm auf.Fuchs, Henseke: Kolonialreich. S. 13 Die bisher selbständigen und oft nur saisonal aufgestellten Flotten der verschiedenen Küstenstädte, die in den verschiedensten Ländern (Niederlande, Italien, Frankreich) gebauten Schiffe und ihre aus unterschiedlichen Nationen (Franzosen, Italiener, Niederländer) bestehenden Mannschaften wurden zur permanenten königlichen Marine zusammengefasst und daraus zwei Flotten gebildet – die westliche Flotte du Ponant und die östliche Flotte du Levant. Erstere war in Brest zentriert und sollte den Atlantik sichern, letztere war in Toulon basiert und sollte das Mittelmeer sichern.

Seit 1626 unterhielt die Flotte ihren ersten westafrikanischen Stützpunkt im senegalesischen Saint Louis, 1635 konnten französische Landungstruppen Guadeloupe und Martinique erobern. Ab 1643 begannen sich französische Piraten, aber auch französische Siedler in Madagaskar festzusetzen,Fuchs, Henseke: Kolonialreich. S. 28 und seit 1667 besaßen französische Schiffe mit Surat auch in Indien einen Handelsposten.Fuchs, Henseke: Kolonialreich. S. 29 f. Richelieus Reformen des Marinewesens waren nach seinem Tod (1642) bzw. während des Fronde-Bürgerkriegs (1648–1653) zunächst ins Stocken geraten, die gerade erst entstandene Flotte verfiel rasch wieder. Hatten französische Flotten noch 1638, 1640, 1642, 1643 und 1646 bei erfolgreichen Angriffen auf die spanischen Häfen Getaria, Cádiz, Barcelona, Cartagena und Orbetello (Toskana) einige Schiffe zerstören bzw. erbeuten können, so unterlagen sie 1650 vor Tortosa und war es 1653 eine spanische Flotte, die Bordeaux überfiel und viele französische Kriegsschiffe erbeutete bzw. den Rest verbrannte. Im Gegenzug schlug 1655 eine französische Flotte eine spanische vor Barcelona, und im Pyrenäenfrieden (1659) löste Frankreich Spanien als vorherrschende Macht in Europa ab. Spaniens Vorherrschaft zur See wurde von den Niederlanden abgelöst, und auch England und Frankreich rangen fortan um die Seeherrschaft.