mini|„Bildung ist keine Ware“ war eines der zentralen Mottos des Aufstandes in Chile 2011
Bei den Schüler- und Studentenprotesten in Chile im Jahr 2011 und im Jahr 2012, an denen sich zeitweise auch Gewerkschaften des produzierenden Gewerbes beteiligten, wurden umfassende Reformen im Bildungssystem des Landes gefordert. Es waren die größten Proteste in Chile seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahre 1989. Die Bewegung wurde vor allem von Studentenverbänden organisiert, jedoch nahmen zeitweise auch Lehrer, Hochschulprofessoren und Eltern teil.
Die ersten Proteste fanden Ende April und Anfang Mai in einigen Universitäten des Landes statt. Zum ersten nationalweiten Protestmarsch am 12. Mai 2011 rief das Bündnis von Studentenorganisationen mehrerer Universitäten Confech auf. Im Juni und im Juli 2011 begann die Anzahl von protestierenden Schülern und Studenten erheblich anzusteigen. Zum Protestmarsch am 9. August 2011 riefen auch andere Verbände, vor allem die wichtigste Gewerkschaft des Landes (Central Unica de Trabajadores – CUT), auf. Gegen Ende des Jahres 2011 ebbten die Proteste ab. Die letzten fanden im November 2011 statt.
Hintergrund In den letzten 20 Jahren wurden viele Bereiche, die ehemals vom chilenischen Staat wahrgenommen wurden, privatisiert, auch drei Viertel der Hochschulausbildung in Chile wurden in den letzten 20 Jahren privatisiert. Nur 45 Prozent der Gymnasiasten in Chile besuchen eine öffentliche Schule, weil das Bildungssystem weitgehend privat organisiert ist. Der chilenische Staat investiert umgerechnet rund 800 US-Dollar pro Student im Jahr in das Bildungssystem (Stand 2011).
70 Prozent der Studierenden müssen private oder staatliche Kredite aufnehmen, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Deshalb beginnen die meisten das Berufsleben mit hohen Schulden. Da viele der ärmeren Studierenden zuvor die billigeren und schlechter ausgestatteten öffentlichen Schulen besucht haben, sind deren Chancen für eine Aufnahme bei den begehrten staatlichen Universitäten gering und so müssen sie oft an den teureren Privat-Universitäten immatrikulieren. Die Entscheidung Schulen in den Kommunen zu finanzieren geht noch auf die Zeit der Diktatur Pinochets zurück, so unterscheidet sich die Qualität der Ausbildung stark. Im Durchschnitt sei ein Chilene mit dem 22,4-fachen seines Monatslohns verschuldet, sagt der chilenische Gewerkschafter Iván Saldías der deutschen Zeitung Jungle World.https://jungle.world/artikel/2011/48/bildung-fuer-den-ganzen-kontinent abgerufen am 24. März 2012. Im Jahr des Aufstands verzeichnete Chile ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent.
„Pinguin-Proteste“ 2006 mini|hochkant|Ein Schüler parodiert im Jahr 2006 die damalige Präsidentin Bachelet. Auf dem oberen Schild sagt die Präsidentin: „Ich bin mit dir“ (Bachelets Wahlkampf-Slogan) auf der linken Seite. Auf der rechten Seite steht: „Du kannst deine Niere verkaufen, um mich zu bezahlen“. Bereits 2006 kam es zu Protesten von Sekundarschülerinnen und Sekundarschülern. Angelehnt an die schwarz-weißen Schuluniform wurden die Proteste als Revolución pingüina, dt. etwa Pinguinrevolution bekannt. Sie begannen Ende April in Santiago de Chile und breitete sich immer weiter aus, weil die Regierung nicht auf die Forderungen reagierte. Am 19. Mai wurden erste Schulen besetzt. Den Höhepunkt erreichte der Protest am 30. Mai, als bei einem landesweiten Bildungsstreik knapp 800.000 junge Menschen auf der Straße waren. In Santiago kam es zu Ausschreitungen, die Polizei nahm 700 Schülerinnen und Schüler gewaltsam fest. Das koordinierende Gremium Asamblea Coordinadora de Estudiantes Secundarios ACES stellte der Regierung ein Ultimatum und drohte mit einem Generalstreik.
Präsidentin Michelle Bachelet verkündete am 2. Juni im Fernsehen Zugeständnisse, etwa mehr Stipendien für die Hochschulzulassungen (PSU) und eine verbilligte Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Die ACES lehnte dies als unzureichend ab und rief für den 5. Juni erneut zum Streik auf. Danach kündigte die Präsidentin an, einen neuen Beirat (Consejo Asesor Presidencial para la Calidad de la Educación) einzurichten, der Probleme im Bildungssystem identifizieren sollte. Am 9. Juni erklärte die ACES den Streik für beendet, weil die Besetzungen anstrengend gewesen seien. Gleichzeitig erklärte sie, den Druck weiter aufrechterhalten zu wollen.
Teile der Protestbewegung waren mit der Arbeit im Beirat und dem Reformtempo unzufrieden. Sie riefen zu weiteren Demonstrationen auf, bei denen es im August auch wieder zu Ausschreitungen kam. Ein Bündnis aus dem Bildungsbereich, aber auch aus Gesundheitsberufen und der öffentlichen Verwaltung veranstaltete am 28. September einen landesweiten „Sozialstreik“.
Forderungen und Organisation Begonnen hatte der Protest mit der Unzufriedenheit über das privatisierte Bildungssystem in Chile. Jedoch stellten die Studenten ihre Forderungen schnell in den Kontext der zunehmenden „Neoliberalisierung Lateinamerikas“. Soziale Missstände und Ungerechtigkeiten spielten eine wichtige Rolle bei den Forderungen und Protesten. Die Radikalität und Beharrlichkeit der Proteste, die 80 Prozent der chilenischen Bevölkerung unterstützen, war nach Angaben von Gewerkschaftern darauf zurückzuführen, dass es nicht nur um das Recht auf ein kostenloses Studium ging, sondern ein Protest gegen die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen insgesamt war. Die horizontale Organisation der Protestbewegung und ihre Kompromisslosigkeit unterstützten viele gesellschaftliche Gruppen. Paul Flor, internationaler Sekretär der chilenischen Studierendenföderation Confech sagte zu den Gründen des Aufstands gegenüber der Zeitung El Ciudadano: https://jungle.world/artikel/2011/48/bildung-fuer-den-ganzen-kontinent JW 48/2011.
Confech mini|Camila Vallejo bei Protesten im August 2011 in Brasilia
Die Konföderation Chilenischer Studenten (Confederación de Estudiantes de Chile, CONFECH) ist die nationale Studentenorganisation Chiles. Sie vereinigt die meisten Studentenorganisationen von staatlichen, privaten und indigenen Universitäten in Chile. Zum Symbol der Proteste der chilenischen Studenten auf der ganzen Welt wurde die damalige Geographiestudentin Camila Vallejo von der Universidad de Chile. Sie war Anführerin der Studentenbewegung und Vertreterin der Studierenden bei den Verhandlungen mit der Regierung. 2011 war Vallejo Präsidentin der Federación de Estudiantes de la Universidad de Chile (FECh) (Studentenvereinigung der Universität von Chile) und eine der Sprecherinnen der Confederación de Estudiantes de Chile (Confech) (Verband der Studierenden der traditionellen Universitäten Chiles) des Juventudes Comunistas de Chile (Jugendverband der Kommunistischen Partei Chiles).
Schülerproteste Schüler vieler staatlicher Schulen schlossen sich den protestierenden Studenten an. Ende August 2011 beendeten sechs Schüler nach 37 Tagen ihren Hungerstreik. Von der „Deutschen Schule“ im nördlichen Arica wurde eine Schülerin der Schule verwiesen, weil sie sich an den Protesten beteiligte. Nach Protesten an der Schule ließ der Schuldirektor Juan Osorio zwei Mannschaftswagen der Polizei kommen und nach der Räumung der Schule wurden 17 Schüler festgenommen.taz.de
Die Regierung startete eine Initiative Verpasse nicht das Schuljahr, mit dem sie die Schüler aufforderte, dem Unterricht nicht fernzubleiben. Da ein durch die Streiks verlängerter Schulabschluss den jeweiligen Schüler privat mehr Geld kostet, versuchte die Regierung auf diesem Weg die Proteste zu untergraben.spiegel.de
Studentenproteste mini|Protestierende Studierende der Mathematischen Fakultät der Universidad de Chile
In Santiago de Chile und vielen weiteren größeren Städten Chiles gingen ab Ende Mai 2011 hunderttausende Studenten auf die Straße, um gegen die soziale Lage in Chile und das Bildungssystem zu protestieren. Sie forderten kostenlose Bildung und besseren Unterricht an staatlichen Schulen und Universitäten. Während der Proteste versammelten sich Hunderte von Studenten jeden Morgen an der Escuela del Derecho der Universidad de Chile. 250.000 Studenten boykottierten über fünf Monate lang die Vorlesungen verschiedener Universitäten in ganz Chile. Nachdem die Umfragewerte von Präsident Pinera auf 26 Prozent (chilenisches Meinungsforschungsinstitut Centro de Estudios Públicos)dw.de gesunken waren, ließ sich die Regierung auf Verhandlungen mit einer Abordnung der Confech ein. In Santiago protestierten im Oktober 2011 noch zehntausende Studenten, obwohl die Regierung Kundgebungen untersagt hatte.
Gewalt bei den Protesten Die Proteste verliefen bis Ende August 2011 weitgehend friedlich. Ab August kam es immer wieder bei Großdemonstrationen zu Übergriffen durch gewaltbereiten Demonstranten und Sicherheitskräften. Demonstranten bauten Barrikaden, zündeten Autos an, warfen mit Steinen, und die Polizei setzte teilweise massiv Tränengas und Wasserwerfer ein. Die wichtigsten Straßen in Santiago de Chile waren über Wochen blockiert. Die Masse der Demonstranten blieb friedlich. Von Regierungsseite wurden die Proteste regelmäßig verboten, was laut der Wochenzeitung Die Zeit stets zeit.de Bis August 2011 wurden insgesamt rund 1400 Personen festgenommen. Im Oktober 2011 wurden in Santiago nach Behördenauskunft 132 Menschen verhaftet und mindestens 30 Menschen verletzt.
Im August 2011 schoss die Polizei erstmals in der Hafenstadt Valparaíso mit scharfer Munition auf Studierende. Im gleichen Monat wurden geheime Waffenlieferungen an die Armee bekannt. Der rechtsgerichtete Bürgermeister von Santiago de Chile forderte, die Armee gegen Demonstranten einzusetzen.
Besetzung des Bildungsministeriums Der 16-jährige Manuel Gutiérrez wurde am 26. August 2011 von Polizisten erschossen. Der Jugendliche starb im Stadtteil Macúl der Hauptstadt Santiago de Chile durch einen Schuss in die Brust.
Am 30. August 2011 gelang es den protestierenden Studenten und Schülern zwei Stunden lang das Bildungsministerium zu besetzen. Rund 50 Jugendliche drangen bis ins Büro des Ministers Felipe Bulnes vor, der nicht anwesend war. Die Studenten brachen nach Angaben des Ministeriums Türen auf und schlugen Fensterscheiben ein. Die Delegation forderte den Rücktritt von Innenminister Rodrigo Hinzpeter, den sie für den Tod von Manuel Gutiérrez verantwortlich machten. Die Polizei räumte das Gebäude anschließend friedlich.
Neue Protestformen Neben der Besetzung ihrer Schulen und Fakultäten versuchten die Studenten, mit kreativen Aktionen Aufmerksamkeit zu erzeugen. So führten Studenten vor dem Präsidentenpalast das Lied Thriller von Michael Jackson auf. Studenten veranstalteten auch eine Wasserschlacht oder einen Massen-Küss-Marathon. Als der Bildungsminister ankündigte, die Winterferien vorzulegen, um die Proteste zu zerstreuen, breiteten mehrere hundert Studenten ihre Handtücher auf der zentralen Plaza de Armas in Santiago de Chile aus und imitierten einen Badestrand.
Arbeiterproteste Viele Gewerkschaften solidarisierten sich mit den streikenden Studierenden und Schülern. Am 24. und 25. August 2011 folgten hunderttausende Menschen dem Aufruf des Gewerkschaftsverbandes CUT sowie von über 80 weiteren Organisationen zu einem landesweiten Streik. Angestellte des öffentlichen Dienstes, Mitarbeiter aus dem Gesundheitssystem, Kupferarbeiter, Busfahrer, Studierende, Schüler, Lehrer, Universitätsangestellte und andere gingen in ganz Chile auf die Straße. Insgesamt beteiligten sich nach Angaben der Gewerkschaft über 600.000 Menschen an den Aktionen.amerika21.de Die Proteste waren vielfältig und dezentral. Geschlossene Behörden, Menschenketten und unzählige Märsche gab es nicht nur in der Hauptstadt, sondern in vielen Landesteilen. In der südlichen Hafenstadt Puerto Montt protestierten 20.000 Menschen, 70 Schiffe formierten sich zu einer Demonstration im Hafen.