mini|hochkant=1.5| mini|Weltkulturerbe Markgräfliches Opernhaus Die historische Innenstadt von Bayreuth darf nicht mit dem weit außerhalb des Zentrums gelegenen Stadtteil Altstadt (bis ins 19. Jahrhundert Altenstadt) verwechselt werden. Aus diesem Grund wäre die Bezeichnung Altstadt für den Stadtkern irreführend und ist daher nicht gebräuchlich.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, S. 91.
Lage Als historische Innenstadt wird der Bereich innerhalb des heutigen Stadtkernrings behandelt. Er umfasst den alten Stadtkern intra muros, der bis zur Markgrafenzeit mit der Stadt quasi identisch war, und die Erweiterungen in diesem Gebiet, wie z. B. Oberes Tor und Dammallee.
Geschichte mini|links|Stadtplan aus dem Jahr 1851 mini|Kanzleistraße mit (von links) Dekanat und den Burggütern Seckendorffer Haus und Nanckenreuther Haus, im Vordergrund der Obeliskenbrunnen mini|Obere Maximilianstraße (meist nur „Markt“ genannt) im Jahr 1891 Der älteste Kern des Städtchens Bayreuth, 1231 erstmals als „civitas“ (Stadt) erwähnt, entstand um den – für meranische Siedlungen typischenStadt Bayreuth – Gassenviertel. Kommunales Denkmalkonzept Modul 1 bei bayreuth.de, abgerufen am 19. November 2024 – langgezogenen Straßenmarkt. Mit den südlich anschließenden Gassen um die „Pfarr peyr Reut“, den Vorgängerbau der Stadtkirche, bildete er eine bescheidene ummauerte Stadtanlage. Erst im Spätmittelalter kamen Keimzellen von Vorstädten außerhalb der Stadtmauer hinzu.
Im Jahr 1430 wurde die Stadt von den Hussiten stark zerstört, die Kirchen, das Rathaus und viele Bürgerhäuser wurden niedergebrannt. Die stadtgeschichtlich bedeutenden Dokumente aus der davorliegenden Zeit gingen dabei weitgehend verloren.
Zwei große Stadtbrände in den Jahren 1605 und 1621 vernichteten große Teile der Bausubstanz (Holzhäuser), im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt 1634 und 1640 geplündert und teilweise zerstört. Die Grundrissstruktur der mittelalterlichen Straßen, Gassen und Parzellen blieb jedoch weitgehend erhalten.
mini|links|Stadtansicht von Westen Richtung Pauschenberglein mit dem betonierten neuen Bett des Sendelbachs, 1908 Neben der Stadtkirche gehören die Burggüter zu den ältesten noch vorhandenen Gebäuden. 1398 sind das Nanckenreuther Haus (Kanzleistraße 15) und das Seckendorffer Haus (Kanzleistraße 13) belegt, Letzteres wurde ab 1511 nahezu neu gebaut.Die feste Burg wird wieder fest in: Nordbayerischer Kurier vom 18./19. August 2018, S. 11. 1461 ist die Plassenberger Hofstatt (Sophienstraße 22) nachweisbar.Karl Müssel, op. cit., S. 45. Zu ihnen gesellt sich das alte Zeug- und Vorratshaus am Eingang zur Sophienstraße mit seinem breitauslaufenden Giebel.
Einen Wachstumsschub erfuhr die Stadt als Residenzstadt der Markgrafen. Der Sitz des Fürstentums war 1603 von Kulmbach nach Bayreuth verlegt worden. In den Regierungszeiten der Markgrafen Christian Ernst (1655–1712) bis Friedrich (1735–1763) erlebte die Stadt als kleines Zentrum absolutistischer HerrschaftsausübungHerbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, S. 25. eine kulturelle und städtebauliche Blüte. Sie hat das Stadtbild nachhaltig geprägt. Markgraf Georg Wilhelm ließ 1723 vor der nördlichen Stadtmauer den Stadtgraben auffüllen und dort von Privatleuten Gärten anlegen. Davor ließ er zwei dichte Kastanienreihen pflanzen, die einen neu geschaffenen öffentlichen Spazierweg („Schwarze Allee“ im Verlauf der heutigen Kanalstraße) flankierten.Hier herrschte einst „liebliche Finsterniß“ in: Heimatkurier 4/1998 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4.
Auf eine erneute Phase weitgehenden Stillstands folgte ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine vorwiegend gewerblich geprägte Stadtentwicklung, der in der Innenstadt bis in die jüngste Zeit immer wieder alte Häuser zum Opfer fielen. In bescheidenerem Umfang wurde nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs historische Substanz wie die Fassade des Alten Schlosses auch wieder aufgebaut.
In den 1850er Jahren ließ der Magistrat die Fettöl-Laternen über den Straßen durch eine Gasbeleuchtung ersetzen. Im Mai 1887 wurden die Ludwig- und die Opernstraße erstmals provisorisch mit zehn Bogenlampen elektrisch beleuchtet. Die erste dauerhafte elektrische Straßenbeleuchtung der Innenstadt wurde jedoch erst 1893 installiert.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 50.
Struktur mini|links|Straßenmarkt Maximilianstraße mini|Spitalkirche und Gerichtsgebäude am unteren Markt, dazwischen die Gasse zum Mühltürlein (um 1900) mini|hochkant|links|Fachwerkhaus in der Münzgasse mini|Stadtauswärtige Front des Mühltürleins (vor 1895) mini|Geißmarkt (2012) Die Hauptachse der Innenstadt verläuft von Ost nach West mit der Richard-Wagner-Straße (vormals Rennweg)Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, S. 101. und dem langgezogenen Marktplatz (Maximilianstraße) zum ehemaligen Unteren Tor am Pauschenberglein. Der Straßendurchbruch am Mühltürlein (ehemalige Auslasspforte und Durchfluss des Tappert) stammt aus dem Jahr 1895, in seiner heutigen Breite wurde er erst 1934 geschaffen.
Südlich des Markts schließt sich ein Gewirr von engen Gässchen an, das von der Von-Römer-Straße (ehemalige Judengasse), der Sophienstraße und der Kanzleistraße begrenzt wird. Das Gassenviertel blieb von den Bombenabwürfen der Alliierten im April 1945 verschont, seine Bausubstanz ist bis heute überwiegend erhalten. Auf Wärmebildfotos ist zu erkennen, dass unter dem Putz der Fassaden vielfach Fachwerkstrukturen verborgen sind.Ein Hauch von Rothenburg ob der Tauber in: Nordbayerischer Kurier vom 10./11. Juni 2017, S. 14. Viele Gebäude sind allerdings in einem schlechten Zustand, einige Häuser sind baufällig und/oder stehen leer. Obwohl dieser Umstand seitens der Stadtverwaltung gelegentlich thematisiert wird, wurde bislang kein schlüssiges Sanierungskonzept erarbeitet.Neue Ideen fürs Gassenviertel in: Nordbayerischer Kurier vom 14. Juli 2015, S. 11.
Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Bereich des heutigen Luitpoldplatzes angelegt. Zwischen zwei parallelen Straßen (Jägerstraße und Kleine Allee) entstand eine langgestreckte Grünanlage, zunächst an der Westseite der Jägerstraße wurden repräsentative Gebäude errichtet: das Layritz-Haus mit seinem Gartenhaus „Tabulatur“ und das Reitzenstein-Palais, das 1916 zum neuen Rathaus umgebaut wurde.Bayreuths Bürgermeister: Die vier Bayreuther Rathäuser bei: bayreuther-tagblatt.de, abgerufen am 27. Oktober 2020 Die untere Opernstraße und der Luitpoldplatz mit ihrer großbürgerlichen Architektur aus dem 19. Jahrhundert nach großstädtischem Vorbild galten als eines der schönsten Ensembles der Stadt.Kurt Herterich: Vom Bayreuther Schloßturm zum Festspielhügel, S. 36.
Die das Stadtbild prägende Friedrichstraße entstand ab 1763 in einem einheitlichen Baustil als Vorstadt vor dem Friedrichstor.Kurt Herterich: Im historischen Bayreuth, S. 30. Der Straßenzug Ludwigstraße – Opernstraße – Luitpoldplatz kreuzt die Ost-West-Achse rechtwinklig am Sternplatz. Mehrere historische Straßen und Gassen sind mit dem Bau des Stadtkernrings in der Nachkriegszeit verschwunden, so die Wolfsgasse (der Name wurde an anderer Stelle wiederverwendet) und der Graben.
In den Jahren 1864/65 kaufte die Stadt das damalige Haus Maximilianstraße 82 und ließ es abreißen. In der entstandenen Bresche wurde eine Straße hinunter zur Schwarzen Allee (seit 1889: Kanalstraße) angelegt, die nach der Errichtung des Zentralschulhauses (Graserschule) den Namen Schulstraße erhielt. 1895 wurde mit dem Abbruch des Mühltürleins ein weiterer für Wagen passierbarer Durchgang geschaffen, in ihrer heutigen Breite existiert diese Straße aber erst seit 1934.Karl Müssel, op. cit., S. 174.
Etwas versteckt zwischen dem Hofgarten und den Rückfronten der Häuser Friedrichstraße 21 bis 27 liegt der Geißmarkt. Am Ort des rechteckigen Platzes wurden mit der in den Jahren 1748/49 errichteten markgräflichen Reithalle Stallungen, Remisen, Wohnhäuser und eine Kaserne gebaut. In bayerischer ZeitAb 1810 gehörte Bayreuth zum Königreich Bayern. waren dort die Chevaulegers untergebracht, bis sie in den 1890er Jahren in das Kasernenviertel umquartiert wurden. Von 1908 bis nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Anlage nochmals militärisch genutzt, bis 1936 waren in der „Geißmarktkaserne“ dann Notwohnungen und bis zu deren Abbruch 1940 ein Obdachlosenasyl untergebracht. Die Stallungen wurden bereits 1934 abgerissen, an ihre Stelle traten das „Kleine Haus“ der späteren Stadthalle und eine große Freifläche. Zwischen 1977 und 1979 wurde darunter eine der ersten Tiefgaragen der Stadt angelegt.
Um 1890 war südlich der Wölfelstraße eine katholische Kirche („Sankt Joseph“) geplant. Obwohl dieser Bau nicht verwirklicht wurde, trägt die Stelle seit 1901 den Namen Josephsplatz. In den Jahren 1924/25 ließ die Bayerische Elektricitäts-Lieferungs-Gesellschaft (BELG) dort ein repräsentatives Verwaltungsgebäude errichten, das sich trotz neuer Formen in den Charakter der Markgrafenresidenz einordnen sollte. Der Architekt Hans Reissinger versah dessen östliche Ecken mit zwei Rundtürmen, um stumpfe Winkel zu vermeiden. Im April 1945 wurde es vollkommen zerstört, die BELG bezog daraufhin das ehemalige Haus der Deutschen Erziehung.Bernd Mayer: Baulücke wurde nie geschlossen in: Heimatkurier 1/2010 des Nordbayerischen Kuriers, S. 14.
Veränderungen und Planungen während des „Dritten Reichs“ mini|Kaufhaus Friedmann, um 1900 Im Lauf der Geschichte verlor die Stadt immer wieder Bausubstanz, neue wurde geschaffen. Größere Breschen wurden erst im „Dritten Reich“ geschlagen. Bereits vor den Bombardierungen von 1945 hatte die Stadt etliche schöne Gebäude verloren. Das mondäne Kaufhaus Friedmann, 1898 durch einen jüdischen Mitbürger errichtet, fiel 1939 den Spitzhacken der Nationalsozialisten zum Opfer. Stattdessen wurde in jenem Jahr, an der Ecke der Kanalstraße mit der Schulstraße, an der Stelle des Gesellschaftsgebäudes Frohsinn das Kaufhaus Loher errichtet. Um 1939 wurde auch das Haus der Bürgerressource an der äußeren Richard-Wagner-Straße abgerissen,Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 26. seit 1828 geselliger Treffpunkt von Kaufleuten und Handwerkern.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 151.
Unweit davon verschwand beim Bau des Hauses der Deutschen Erziehung ein Teil des Mühlkanals. Analog zu den Plänen für Berlin („Welthauptstadt Germania“) und die „Führerstadt“ Linz hatten die Nazis vor, umfassende Teile der Stadt abzureißen und bombastisch wieder aufzubauen. Zumindest der Abriss gelang ihnen, wenn auch indirekt, im Bombenhagel der Alliierten.
Im April 1945 wurde die Stadt dreimal von Bombenflugzeugen angegriffen. Die bedeutendsten Schäden in der historischen Innenstadt entstanden im Bereich um den Luitpoldplatz, in der unteren Opernstraße und der Wölfelstraße. Das Alte Schloss und zahlreiche Häuser auf der Nordseite der Maximilianstraße wurden hingegen nicht durch Fliegerbomben, sondern durch ein von Nationalsozialisten entfachtes Feuer zerstört.
Eine bemerkenswerte Episode jener Zeit war das Schicksal des Denkmals für die nationalsozialistische Bewegung, das 1934 auf dem Luitpoldplatz in Höhe der Alexanderstraße errichtet wurde. Der Bayreuther Architekt Hans Reissinger hatte ein 1,23 m hohes liegendes Hakenkreuz aus Granit entworfen, aus dessen Schnittpunkt eine geballte, Schlangen zerquetschende Faust hervorragte. Dieses wurde von der örtlichen Bevölkerung jedoch als Pissoir zweckentfremdet – und schließlich, nach einem „Wink von oben“, sang- und klanglos wieder entfernt.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 121.Ein Treppenwitz der Geschichte. Wie die Bayreuther ein Nazi-Denkmal „weggepinkelt“ haben in: Nordbayerischer Kurier vom 28./29. Dezember 2019, S. 12.
Vernichtung historischer Bausubstanz nach 1945 mini|hochkant|Infostele zum 1970 abgerissenen Geburtshaus Max Stirners mini|Wolfsgasse 1908 – rechts die Städtische höhere Schule für Mädchen, das heutige Richard-Wagner-Gymnasium