miniatur|hochkant=1.2|Das bislang einzig bekannte Porträt: Marie von Kleist auf dem Sterbebett, gezeichnet von ihrer Tochter Lulu Gräfin von Stosch, 1831 Marie Margaretha Philippine von Kleist, geborene von Gualtieri (* 24. Oktober 1761 in Bernau; † 17. Juni 1831 in Manze, Kreis Nimptsch) war sowohl Hofdame und Freundin der Königin Luise von Preußen als auch bedeutsamste Förderin und Vertraute Heinrich von Kleists.
Leben Familie Die in Preußen beheimateten Gualtieri stammten ursprünglich aus Lyon. Sie ließen sich zunächst um 1700 in der Grafschaft Solms-Tecklenburg nieder, wo in Daubhausen, wie man einer Urkunde von 1703 entnehmen kann, „Aldebert gualtiery de lion en france“ als Prediger wirkte.Horst Häker: Überwiegend Kleist, S. 51 Aldeberts Sohn, Samuel MelchisedekSamuel Melchisedek de Gualtieri († 1774) war ab 1723 französisch-reformierter Prediger in Bernau, ab 1729 erster Pfarrer an der wallonischen Gemeinde in Magdeburg und ab 1744 zweiter Pfarrer an der französisch-reformierten Kirche in der Friedrichstadt bei Berlin. Vgl. Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg seit der Reformation, Bd. 2, Bearb. v. O. Fischer, Teil 1, Berlin 1941, S. 278 war von 1744 bis 1765 Prediger an der Vorgängerkirche des Französischen Doms in Berlin. Die Gualtieri gehörten wie die Ancillon, die Erman, die Formey oder die Théremin zu den herausragenden Familien unter den Hugenotten, aus denen die Prediger kamen. 1769 bestätigte und anerkannte Friedrich II. den Adel für den Vater von Marie von Kleist, da dessen Vorfahren, einer Überlieferung zufolge, dem italienischen Adel des Herzogtums Orvieto angehört haben sollen. miniatur|Adolph von Kleist (1793–1866), Marie von Kleists Sohn miniatur|Lulu Gräfin von Stosch, geborene von Kleist (1802–1855), Marie von Kleists Tochter Marie war die Tochter des Bernauer Hugenottenpredigers und späteren Geheimen Rates Albert Samuel von Gualtieri (1729–1778) und dessen Ehefrau Margaretha, geborene Bastide. Sie wurde von ihrem Großvater, Samuel Melchisedek, in Berlin getauft. Der Vater, der sich nicht zu evangelischer Schlichtheit berufen fühlte, Predigerkragen und -perücke ablegte und als eleganter Laie nach Berlin kam, hielt sich gern in der Gesellschaft des Prinzen Heinrich auf.
Ihr älterer Bruder, Peter Albert Samuel (Pierre) von Gualtieri (1763–1805), eine schillernde Figur bei Hofe, Flügeladjutant Friedrich Wilhelm II., Freund des Prinzen Louis Ferdinand und der Rahel Varnhagen, war in einer Welt herangewachsen, wo wenig verehrt und geglaubt wurde, was nicht der Klugheit und dem Vortheil diente, und wo die Ueberzeugung galt, daß das Leben der großen Welt sich nach anderen Gesetzen entwickeln müsse, als in den Lehrbüchern der Sittenlehre aufgestelltenKarl August Varnhagen von Ense: Peter von Gualtieri, in: Vermischte Schriften, Bd. 1, Brockhaus, Leipzig 1843 (Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften, Bde. 4–6), S. 45. Als Günstling der Prinzessin Lichtenau mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. in Ungnade gefallen, wurde Gualtieri 1805 als diplomatischer Vertreter Preußens ins abgelegene Spanien entsandt, wo er nach kurzer Zeit verstarb.
Maries jüngere Schwester, Amalie Henriette von Gualtieri (1767–1827), heiratete 1788 in Potsdam den königlich-preußischen Oberst und Militärschriftsteller Christian Reichsfreiherrn von und zu Massenbach.
Die Rangliste von 1806 nennt (...) noch zwei Kapitäne, einen Stabskapitän und einen Premierleutnant v. Gualtieri, die nach der Annahme der Adelslexika sämtlich zur Deszendenz des 1769 in den preußischen Adel aufgenommenen Albert Samuel gehören müssen.Bruno Henning: Marie von Kleist, S. 292. Neuere Untersuchungen kommen hingegen zu dem Ergebnis, dass lediglich Charles von Gualtieri, ebenfalls zum Freundeskreis der Gräfin Lichtenau gehörig,Carl Atzenbeck: Die deutsche Pompadour. Leben und Briefe der Gräfin von Lichtenau. Ein biographisches Portrait in Selbstzeugnissen und Zeugnissen von Zeitgenossen, Klinkhardt und Biermann, Leipzig 1925, S. 213, 220ff zu den direkten Nachkommen Albert Samuels zu zählen ist.
1792 verehelichte sich Marie von Gualtieri in Potsdam mit dem preußischen Stabskapitän Friedrich Wilhelm Christian von Kleist (1764–1820),Friedrich Wilhelm Christian von Kleist aus der Linie Muttrin (* 8. Februar 1764 in Stargard; † 29. Januar 1820 in Potsdam an Schwarzsucht), entfernter Verwandter Heinrich von Kleists (Ast Damen), heiratete in zweiter Ehe am 28. Februar 1813 die aus Brandenburg stammende Sophie Elisabeth Reinell († 28. April 1861 in Potsdam). Aus dieser Verbindung entstammte die Tochter Luise Friederike Marie von Kleist (1815–1837). Er diente im Infanterieregiment Kronprinz (Nr. 18), wo er in kurzer Zeit zum Major (1805) aufstieg. Nach der Schlacht von Großbeeren, in der er das Eiserne Kreuz erhielt, erkrankte er und nahm seinen Abschied von der Armee. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1818 war er als Zolldirektor von Neuhaus bei Müllrose tätig. Er starb in Potsdam. dem ältesten Sohn des preußischen Oberst Peter Christian von Kleist (1727–1777) auf Groß Tychow und der Marie Charlotte, geborene von Retzow († 1781), der in Dessau gemeinsam mit dem Erbprinzen Friedrich erzogen worden war. Am 2. November 1812 wurde die Ehe geschieden. Aus ihr entstammten insgesamt vier Kinder: die 1798 am gleichen Tage verstorbenen Töchter 1.) Wilhelmine und 2.) Friederike, der Sohn 3.) Adolph von Kleist (1793–1866)Ludwig Ferdinand Adolph von Kleist wurde in Hofkreisen der blonde Kleist genannt, er war das Patenkind der Königin Luise und Spielkamerad des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen. Der studierte Jurist und spätere Kammergerichtspräsident sowie Vizepräsident des Geheimen Obertribunalgerichts blieb unverheiratet und zählte in Berlin zu den bekannten Habitués der Berliner Salons. Vgl.: Bruno Hennig: Elisa Radziwill, passim; Hedwig Abeken: Hedwig von Olfers, Bd. 2, passim sowie 4.) Luise Wilhelmine Amalie Franziska – genannt Lulu – von Kleist (* 18. November 1802 in Potsdam; † 2. Mai 1855 in Manze), welche am 25. Oktober 1825 den Grafen Georg von Stosch (1793–1863), Landschaftsdirektor der Fürstentümer Breslau und Brieg, Herrn auf Manze, Reysau, Roßwitz etc., heiratete.Neben einer Tochter aus der ersten Ehe des Grafen mit Wilhelmine von Saurma (1800–1824), Wanda Gräfin Stosch, besaß Graf Stosch aus dieser Verbindung fünf weitere Nachkommen: 1.) Albrecht (1827–1880), Erbherr auf Manze, heiratete 1865 in Bialokosch Luise Freiin von und zu Massenbach (1830–1894) 2.) Georg (1828–1871) 3.) Boguslaw (* 1830) 4.) Ferdinand (1831–1872) und 5.) Marie Elisa (* 1834); Vgl.: Genealogisches Handbuch des Adels, Gräfliche Häuser A, Bd. II, Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1955.
Persönlichkeit Marie wurde von den Zeitgenossen allgemein als temperamentvolle, geistreiche, ungewöhnlich warmherzige Frau beschrieben. Ihren auffallenden Enthusiasmus, die überschwängliche Herzlichkeit und ausgeprägte Empathie gegenüber ihren Mitmenschen, hat man gern auf ihre südländische Herkunft zurückgeführt. Doch hat Marie von Kleist ihre natürlichen Charaktereigenschaften wie ihr gesamtes Bildungs- und Tugendstreben ganz bewusst als Gegenentwurf zur damals vorherrschenden Sitten- und Herzlosigkeit besonders unter der höfischen Aristokratie, die unter der Herrschaft (ab 1786) des verschwenderischen und bigotten Friedrich Wilhelm II. bislang nicht bekannte Ausmaße angenommen hatte,Rudolf Loch: Kleist, S. 29f zu kultivieren versucht. Sie distanzierte sich damit auch von den Lebensentwürfen ihres Vaters und ihrer Brüder. Kalter Rationalismus oder berechnende Schläue widersprachen ihrem Bildungsideal. Zur wahren Klugheit gehörte für sie die Durchbildung des ganzen Menschen: Der Begriff von Geist und Herz konnte bei ihr nicht getrennt werden; ihre Gedanken waren von der Wärme und Innigkeit gütevoller Gefühle, und diese Gefühle von der Besonnenheit und Klarheit ihres Verstandes durchdrungen.Hedwig von Olfers an Adolph von Kleist, 23. Juni 1831. Zitiert nach: Bruno Henning: Marie von Kleist, S. 302 So heißt es bezeichnenderweise in ihrem Aufsatz Über die Töchter-Erziehung höherer Stände: Erziehen heißt bey den meisten Menschen Verbieten, Befehlen und sagen, das muß man thun, das muß man lassen. Ach! sie ahnen nicht, daß das Haupt-Erziehungsprinzip ist: Sein … Sieht der Zögling nichts als Vortreffliches, so wird er vortrefflich, ohne es zu ahnen, ohne es zu wissen, und das ist die wahre Erziehung.Zitiert nach: Bruno Henning: Marie von Kleist, S. 302, Anm. 3 Durch ihr Sein hat sie auf ihre Mitwelt gewirkt und dadurch – meist ohne es zu beabsichtigen – starken Einfluss genommen.
Potsdamer Jahre Vertraute der Königin Luise miniatur|Königin Luise von Preußen, 1797 Seit ihrer Hochzeit lebte Marie von Kleist in der Residenz- und Garnisonstadt Potsdam, wo ihr Mann im vornehmen Regiment des Kronprinzen und nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm III. diente. Hier lernte sie die junge Kronprinzessin Luise kennen, die in der ihr noch fremden Welt des preußischen Hofes nach geistiger Anregung und menschlicher Zuwendung suchte.Paul Bailleu: Königin Luise, S. 41: In ihr lebte ein angeborener Aufwärtsdrang, trotz oder infolge der nie wieder ausgeglichenen Mängel ihrer Erziehung eine heiße Sehnsucht nach einem höheren Bildungsstreben; ihr reicher und schöner Geist umfaßte Anlagen, die in bräutlichem Getändel keine Befriedigung fanden: eine emporstrebende Welt von Gedanken und Gefühlen, die neben Friedrich Wilhelm, wie er war und blieb, verstummen und verkümmern mußte. Bald entwickelte sich eine Freundschaft zwischen beiden Frauen, die sich nach Luisens Thronbesteigung noch inniger gestaltete (...). So oft die Königin in Potsdam lebte, ließ sie Frau von Kleist zu sich rufen, um sich bisweilen stundenlang mit ihr einzuschließen.Paul Bailleu: Königin Luise, S. 114 Beide verband zunächst ein gemeinsames literarisches Interesse. So mahnte Luise ihre Freundin: Lassen Sie es sich nicht einfallen, anders zu mir zu kommen als mit einem dicken Buche.Luise an Marie von Kleist. Zitiert nach: Paul Bailleu: Königin Luise, S. 116 Doch in zunehmendem Maße wurde Marie für Luise zum Urbild eines neuen Frauenideals. Die zuvor wegen ihrer Leichtlebigkeit gerügte Kronprinzessin entwickelte sich im Umgang mit Marie von Kleist zu jener hochverehrten Königin, als die Luise in die Geschichte eingegangen ist. Ich bitte Sie inständig, mir zu sagen wo ich etwa fehle und was ich tun muß, um von Tag zu Tage besser zu werden, fähig die gute Meinung aufrecht zu erhalten, die man von mir hat, würdig des großen Namens: Gattin und Mutter.Luise an Marie von Kleist. Zitiert nach Paul Bailleu: Königin Luise, S. 115
Das Kleistsche Haus in der Potsdamer Lindenstraße 43Eberhard Siebert: Bildbiographie, S. 83 war zum geselligen Mittelpunkt der Stadt geworden. Tausend und tausend Dank, meine theure Kleist (...) Ihrem Gatten und Ihnen für die ganz göttliche und köstliche Soirée, die ich gestern mit Ihnen verlebt habe. Nein, sie können sich nicht denken, wie glücklich und zufrieden ich war, ordentlich kindlich froh! Die Erinnerung daran wird mir lange bleiben und wird mir immer süß und kostbar sein, da ich meine Freude nur in so harmlosen und so einfachen Dingen gefunden habe, in einer so angenehmen und so auserlesenen Gesellschaft; ich bin noch heute ganz übermütig und heiter darüber!, schrieb Luise an ihre Freundin.