mini|Nadelbinden mini|Zwei im Oslo-Stich von links nach rechts gearbeitete Reihen mini|Nadelgebundene Fausthandschuhe Nadelbinden (auch Nadelbindung, Schlingentechnik) ist eine sehr alte Technik zur Herstellung von textilen Flächengebilden, die aus Einzelfäden mit Hilfe einer Öhrnadel gearbeitet werden. Beim Nadelbinden existieren zahlreiche unterschiedliche Stiche. All diesen Stichen ist gemeinsam, dass sie Variationen des Festonstichs sind und dass der Faden damit zu einer Art abgeplatteter Schraube bzw. zu mehr oder weniger komplexen Schlingenketten gebunden wird. Je nach Stichvariante, Garnstärke und individueller Arbeitsweise entstehen beim Nadelbinden unterschiedlich dichte Textilien. Anders als beim Stricken oder Häkeln braucht das Material, das beim Nadelbinden verarbeitet wird, nicht gesponnen zu sein, sondern kann bei Bedarf auch – Faden für Faden – in dem Rhythmus vorbereitet werden, in dem es verbraucht wird.
Frühe Formen des Nadelbindens waren bereits in der Mittelsteinzeit verbreitet; diese Technik ist damit deutlich älter als das Stricken, das erst im späten Altertum nachgewiesen werden kann. In Nordeuropa wurde sie vereinzelt bis ins 20. Jahrhundert tradiert. Weil das Nadelbinden kaum noch gewerblich ausgeübt wird, hat die britische Heritage Craft Association es 2018 in ihre Liste der gefährdeten überlieferten Handwerke aufgenommen. Im 21. Jahrhundert hat die Technik – im Anschluss an textilhistorische Forschungsarbeiten – durch die sozialen Medien neues Interesse und neue Verbreitung gefunden, besonders in der Living-History-Szene.
Einordnung unter den Textiltechniken Charakteristisch für das Nadelbinden ist das reihenweise Binden von Schlingen, die sich bei jedem Stich mindestens einmal überkreuzen. Seit dem frühen Mittelalter sind beim Nadelbinden vor allem komplexere Techniken gebräuchlich, d. h. Techniken, bei denen in jeden Stich drei oder mehr Schlingen einbezogen sind; jedoch gelten alle Techniken als „Nadelbindung“, bei denen mindestens 1 sich überkreuzende Schlinge gebunden wird:
Auch beim Stricken und Häkeln werden Schlingen gebunden, diese sind jedoch nicht überkreuzt, sondern offen („Maschen“), was die Voraussetzung dafür bildet, dass Maschenware aufgeräufelt werden und bei Beschädigung Laufmaschen bilden kann. Beim Nadelbinden wird dies durch das Überkreuzen verhindert. Historisch hat die Technik darum am längsten bei solchen Kleidungsstücken überdauern können, die – wie Socken und Handschuhe – besonders starker Belastung ausgesetzt sind.
Nadelgebundene Textilien bieten ein Erscheinungsbild, das bei genauem Hinschauen von dem gestrickter oder gehäkelter Textilien in der Regel klar unterschieden werden kann:
Obwohl die beim Nadelbinden erzeugten Schlingen in der Regel größer sind als gestrickte Maschen, ist umstritten, welche dieser beiden Techniken ein schnelleres Arbeiten erlaubt. Anders als Maschenware haben nadelgebundene Textilien je nach verwendetem Stich einen mehr oder weniger ausgeprägten Drall, d. h. statt glatt liegenzubleiben neigen sie dazu, sich zu verwinden.
mini|Nadelspitze: oben fertig, unten nur Stege Näher als zum Stricken und Häkeln ist die Verwandtschaft des Nadelbindens zur Anfertigung von Nadelspitze. Beiden gemeinsam ist das Binden von flächigen textilen Gebilden unter Verwendung von Stichen, die auf dem Festonstich basieren. Außer den flächenbildenden Festonstichen werden bei der Anfertigung von Nadelspitze jedoch auch strukturbildende Stege verwendet (entweder als regelmäßiges Steggitter oder nach Bedarf), an denen die Festonstiche ansetzen, und durch die Nadelspitze die für jede Spitze typischen Durchbrechungen erhält. Weitere Unterschied bestehen darin, dass beim Nadelbinden mit robusteren Materialien gearbeitet wird und dass nadelgebundene Textilien – aufgrund der Machart und der verwendeten Materialien – insgesamt weitaus elastischer, strapazierfähiger und haltbarer sind als Nadelspitze.
Mit Schlingenwirkerei (einer historischen Webtechnik) hat Nadelbinden nichts zu tun.
Geschichte Weil beim Nadelbinden nur mit kurzen Fäden gearbeitet wird, erlaubte diese Technik die Herstellung von Textilien auch in solchen Kulturen, die das Spinnen noch nicht kannten. Nadelgebundene Textilien waren zeitweilig in nahezu allen Kulturen der Welt verbreitet. In Deutschland wurden sie bis etwa 1550 noch in nennenswertem Umfang hergestellt, also noch etwa 300 Jahre nach der Verbreitung des Strickens. Allerdings verschwand das Nadelbinden danach fast völlig.
Vorgeschichte und Altertum Charakteristisch für die archäologisch geborgenen Arbeitsproben aus Vorgeschichte und Altertum ist, dass sie mehrheitlich, aber keineswegs ausschließlich in einfachen Schlingen gearbeitet sind, wobei unter Textilwissenschaftlern umstritten ist, ob solche Techniken als Nadelbindung im engen Sinne einzustufen sind.
mini|Nadelgebundene Socken aus Oxyrhynchos Einige der ältesten archäologisch gesicherten Belegstücke stammen aus dem vorderasiatischen bzw. arabischen Raum, darunter beispielsweise Textilfragmente, die in einfachen Schlingen gebunden sind und etwa auf das Jahr 6500 v. Chr. datiert werden; Fundort war 1983 die Nahal-Hemar-Höhle westlich von Neve Zohar (Israel). Mehrere Dutzend Textilfunde stammen der römisch-koptischen Zeit Ägyptens. Die dabei oft verwendete Technik wird heute – obwohl sie auch anderswo verbreitet war – oft als „koptischer“ Stich bezeichnet. So wurde etwa in Oxyrhynchos gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Sockenpaar ausgegraben, das aus dem Zeitraum 250–420 n. Chr. stammt. Aus derselben Zeit stammt eine vierfarbig gearbeitete Socke, die vor 1911 wahrscheinlich im ägyptischen Achmim ausgegraben wurde und sich heute im National Museum of Scotland befindet; sie ist dadurch bemerkenswert, dass dabei ein mehrschlingiger Stich (engl. compound looping) verwendet wurde. In Antinoë, das als Fundort nadelgebundener Arbeiten besonders produktiv war, wurde eine nadelgebundene Seidenkappe aus dem 9. oder 10. Jahrhundert gefunden.
Zu besonders vielen archäologischen Funden kam es in Nordeuropa. So liegt der Fundort Tybrind vig auf Fünen in Dänemark; bei den Ausgrabungen (1977–1987) wurden Textilfragmente gefunden, die aus Pflanzenfasern (Weiden- oder Pappelbast, Gras) in einer dem Nadelbinden ähnlichen Technik (needle-netting) gefertigt waren und aus dem Zeitraum zwischen 5400 und 4000 v. Chr., das heißt aus der Mittelsteinzeit stammen.
In Qizilchoqa (Tarimbecken, China) wurde in einem Grab einer Tarim-Mumie aus der Zeit von etwa 1000 v. Chr. ein nadelgebundenes Barett gefunden. Das Barett ist in einfachen Schlingen (engl. single looping) gearbeitet; irrtümlich wurden diese für cross-knit-Technik gehalten, sodass diese heute fehlerhaft oft auch als „Tarim-Stich“ bezeichnet wird. Etwa aus derselben Zeit stammt eine in Ürümqi (ebenfalls Tarimbecken, China) gefundene nadelgebundene Kopfbedeckung.
Aus dem Zeitraum zwischen 100 v. Chr. und 400 n. Chr. stammen Textilfunde aus Peru, wo die Nazca mit der Nadel komplexe dreidimensionale Gebilde in cross-knit-Technik gebunden haben. Ähnliche Textiltechniken sind auch aus der noch älteren Paracas-Kultur (900–200 v. Chr.) überliefert.
Vom Mittelalter bis zur Neuzeit mini|Mittelalterlicher Textilfund aus Skandinavien Die antiken und mittelalterlichen nadelgebundenen Textilfunde umfassen vor allem Socken bzw. Strümpfe, Fausthandschuhe, Taschen und unidentifizierte Fragmente, sowie vereinzelt auch Kopfbedeckungen. Nicht gefunden wurden nadelgebundene Kapuzen und andere Elemente der Oberbekleidung, wie z. B. Jacken, Westen oder Pullover, was Anne Marie Decker damit erklärt, dass für diese Zwecke eher gewebte Stoffe verwendet wurden.
Zum bis heute einzigen Fund eines nadelgebundenen Textilstücks auf dem Gebiet des Vereinigten Königreichs kam es bei den Coppergate-Ausgrabungen in York (1976–1981). Sichergestellt wurde hier eine Socke aus der Wikingerzeit bzw. dem 10. Jahrhundert, nach deren Machart der York-Stich seinen Namen erhalten hat. In Dublin wurden 1975/1976 bei Ausgrabungsarbeiten im Bereich Fishamble Street ein aus dem Zeitraum 917–1169 stammendes Textilfragment gefunden, nach dessen Machart später der Dublin-Stich benannt wurde, der allerdings bis heute nicht sicher bestimmt ist.
In Nordeuropa wurden Nadelbindtechniken im Mittelalter für die Anfertigung von Strümpfen, Handschuhen und Mützen verwendet; besonders in Norwegen haben Archäologen daneben auch viele nadelgebundene Milchsiebe gefunden. Nadelgebundene Filter wurden auch beim Bierbrauen verwendet. All diese Textilien wurden entweder aus Schafswolle oder aus Haaren anderer Tiere (Pferd, Rind) gefertigt, wobei Schafswolle sich für die anspruchsvolleren Techniken am besten eignete. Eines der ältesten überlieferten nadelgebundenen Textilstücke wurde 1868 bei der archäologischen Erschließung des Bjerringhøj-Grabes in Mammen bei Viborg (Dänemark) entdeckt. Dieses im Winter 970/971 angelegte Grab eines reichen Mannes enthielt u. a. flächige nadelgebundene Textilarbeiten, die später als Besätze der Verschlussbänder des Umhangs des Verstorbenen identifiziert wurden. Ebenfalls aus dem 10. Jahrhundert stammt ein im Oslo-Stich gearbeiteter Fausthandschuh, der im isländischen Arnheiðarstaðir (Fljótsdalur) gefunden wurde. 1926 wurde bei Ausgrabungen in der Osloer Altstadt ein mittelalterlicher nadelgebundener Handschuh (ca. 1025–1125) gefunden. Aufgrund der anfänglich vermuteten Machart dieses Textils erhielt später der Oslo-Stich seinen Namen; spätere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass der Handschuhe wahrscheinlich mit einem anderen Stich gearbeitet wurde. Zu einem weiteren Handschuhfund kam es 1972 im schwedischen Lödöse; dieser Handschuh stammt aus dem 12. Jahrhundert. Etwa aus dem Jahre 1200 stammen Fragmente nagelgebundener Textilien, die in ungewöhnlicher Technik gefertigt sind und in Kaukola Kekomäki (Karelien) geborgen wurden. Im Falköpinger Ortsteil Åsle (Schweden) wurde 1918 ein nadelgebundener Fausthandschuh gefunden, der nach neuerer Erkenntnis aus der Zeit zwischen 1510 und 1640 stammt. Bemerkenswert ist dieser Fund u. a. deshalb, weil hier ein Stich verwendet wurde, der ein besonders voluminöses Material erzeugt. In Teilen Nordeuropas, besonders in Finnland, ist das Nadelbinden in der Tradition bis heute erhalten geblieben. Großen Teilen der Bevölkerung ist es dort noch im Gedächtnis geblieben und wird außer in der geschichtsdarstellenden Szene auch in Handarbeitsgruppen noch häufig betrieben.
Eine der ältesten erhaltenen Nadelbindearbeiten aus dem deutschsprachigen Raum ist eine Mütze, die als Besitzstück des Hl. Simeon von Trier († 1035) gilt und als Reliquie Teil des Trierer Domschatzes ist. Aus dem schweizerischen Delsberg stammt ein leinenes Kniestrumpfpaar, das im 12. Jahrhundert gefertigt wurde. Ein wissenschaftlich von Arnold Lühning kommentierter Dokumentarfilm des Instituts für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen zeigt den 90-jährigen Altbauern August Meyer aus Schleswig-Holstein, wie er aus Wollgarn einen Fausthandschuh in Nadelbindung (Oslo-Stich) anfertigt. Lühning kommentiert, dass die Technik in Meyers Heimatdorf als naihen (niederdeutsch für „nähen“) bezeichnet wurde und dass sie dort ausschließlich von Männern betrieben worden sei. In Meyers Familie haben der Vater, der Großvater und ein 1820 geborener Großonkel diese Nadelarbeit ausgeführt, der Letztere als Schäfer. Gefertigt worden seien neben Handschuhen vor allem Strümpfe. Im Film arbeitet er mit einer aus Akazienholz selbst gefertigten Nadel, hatte als Material früher aber Rinderknochen bevorzugt, weil mit einer hellen Nadel auch bei Dämmerlicht noch gearbeitet werden könne. Gegenüber entsprechenden Gestricken haben nadelgebundene Handschuhe und Strümpfe den Vorteil, dass sie robuster und wärmer seien.
Bei Ausgrabungen im russischen Jaroslawl wurde ein nadelgebundener Handschuh geborgen, dessen Entstehung auf die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts oder das frühe 13. Jahrhundert datiert wird.