mini|Denkmal an das Massaker auf dem Gelände der Thammasat-Universität

Das Massaker an der Thammasat-Universität oder Massaker vom 6. Oktober 1976 (, „Ereignis des 6. Oktober“) war ein tödlicher Angriff von Sicherheitskräften und rechtsextremen Bürgerwehren auf linksgerichteteVolker Grabowsky: Kleine Geschichte Thailands, C.H. Beck, 2010, S. 203 Studenten und Demonstranten auf dem Campus der Thammasat-Universität und auf dem Sanam Luang im Zentrum der thailändischen Hauptstadt Bangkok.

Nach offiziellen Angaben starben dabei 46 Menschen.Michael Leifer: Dictionary of the Modern Politics of South-East Asia, Stichwort „Thammasat University Massacre 1976“, Taylor & Francis, 1995, S. 163 Mitarbeiter des Chinesischen Wohltätigkeitsvereins, der die Toten abtransportierte und einäscherte, berichteten dagegen von über hundert Leichen.Puey Ungphakorn: Violence and the Military Coup in Thailand. In: Bulletin of Concerned Asian Scholars, Bd. 9, Nr. 3, Juli–September 1977, S. 4–12, auf S. 8. Tausende Studenten wurden verhaftet. Anschließend fand ein Militärputsch statt, der die kurze Phase parlamentarischer Demokratie in Thailand beendete.

Hintergrund Ein maßgeblich von Studenten (insbesondere der Thammasat-Universität) initiierter und getragener Volksaufstand im Oktober 1973 hatte eine 15-jährige ununterbrochene Militärherrschaft beendet. Anschließend begann ein Übergang zur Demokratie, es bildete sich eine Vielzahl von Parteien. Ein Teil der Studentenschaft war stark politisiert, vor allem verschiedene linke Strömungen waren auf den Campus vertreten und marxistische Literatur erfreute sich großer Beliebtheit. Aber auch Gewerkschaften und progressive Bauernverbände traten selbstbewusster auf, demonstrierten und streikten für höhere Löhne und weitergehende Rechte.Chris Baker, Pasuk Phongpaichit: A History of Thailand. 2. Auflage. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-76768-2, S. 191.

Eine demokratische Verfassung war im Oktober 1974 in Kraft getreten (sie enttäuschte allerdings die noch weitergehenden Vorstellungen der Linken und Liberalen). Die Parlamentswahlen im Januar 1975 hatten aufgrund der Parteienzersplitterung instabile Verhältnisse gebracht. Die Regierung musste mehrfach umgebildet werden, bereits im Januar 1976 löste sich das Parlament wieder auf und löste vorgezogene Neuwahlen im April 1976 aus.

Der politische Umbruch, das fordernde Auftreten von aktivistischen Studenten, linken Parteien, Gewerkschaften und Bauern und vor allem der Sieg der Kommunisten im Zweiten Indochinakrieg in Vietnam, Kambodscha und Laos 1975 weckte extreme Ablehnung durch die politische Rechte. Hierbei spielte auch die Domino-Theorie eine Rolle, der zufolge Thailand nach den Staaten Indochinas als nächster „Dominostein umfallen“, das heißt kommunistisch werden könnte, wenn nicht Gegenmaßnahmen ergriffen würden. Es bildeten sich entschieden antikommunistische Bewegungen wie Nawaphon („Neue Kraft“ oder „Kraft der Neun“), Luk Suea Chao Ban („Dorf-Pfadfinder“) und Krathing Daeng („Rote Büffel“), die aber auch demokratisch-linke Kräfte und letztlich die freiheitliche Demokratie als solche ablehnten. Der Richter und Fernsehmoderator Thanin Kraivichien behauptete in seiner Sendung, dass „Kommunismus, Studentenaktivismus und progressive Politik“ ein „untrennbares Trio“ bildeten.Chris Baker, Pasuk Phongpaichit: A History of Thailand. 2009, S. 192. Tatsächlich waren die Führungskräfte des Nationalen Studentenzentrums Thailands mehrheitlich marxistisch bzw. maoistisch ausgerichtetSuchit Bunbongkarn: The Student Uprisings in October, 1973 and 1976. In: Dynamics of Nation-Building, with particular reference to the role of communication. Unesco Regional Office for Education in Asia and the Pacific, 1984, S. 293, auf S. 305. und sowohl die maoistische Kommunistische Partei Thailands (KPT) als auch die Sowjetunion versuchten Einfluss auf die thailändische Studenten- und Arbeiterbewegung zu nehmen.Robert F. Zimmerman: Reflections on the Collapse of Democracy in Thailand. Institute of Southeast Asian Studies, Singapur 1978, S. 66.

Am 1. Mai 1975 beschloss das Parlament ein Gesetz, das den Besitz und das Tragen von Waffen zur Selbstverteidigung ohne besondere Genehmigung erlaubte. Dies wurde mit zunehmender Kriminalität und dem oft zu späten Eintreffen der Polizei, vor allem in ländlichen Gegenden, begründet.Law allows citizens to carry guns without permits. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. 2009, S. 205. Auch manche Politiker und Anführer der Studentenbewegung bewaffneten sich in dieser Zeit zum Selbstschutz.Puey Ungphakorn: Violence and the Military Coup in Thailand. 1977, auf S. 9. Zwischen April und August 1975 wurden 17 Anführer des linken Bauernverbands Thailands ermordet, wohinter die militanten „Roten Büffel“ vermutet wurden. Im August 1975 überfielen teils bewaffnete Regierungsgegner, darunter auch Polizisten, das Wohnhaus des Ministerpräsidenten Kukrit Pramoj, dem sie eine zu nachsichtige Haltung gegenüber Linken und Studenten vorwarfen. Am 20. August 1975 attackierten bewaffnete Rechte zum ersten Mal die Thammasat-Universität, wo sie um sich schossen, Sprengsätze warfen und Unterrichtsgebäude in Brand setzten. Der Nationale Studentenrat machte hierfür die „Roten Büffel“, aber auch die Polizei verantwortlich.Right-wing rampage at Thammasat University. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. Edition Didier Millet, Singapur 2009, ISBN 978-981-4217-12-5, S. 206.

Im Februar 1976 wurde die Zentrale der linksliberalen Partei der Neuen Kraft mit Sprengkörpern beworfen und der Vorsitzende der Sozialistischen Partei Thailands erschossen. Im März wurde eine Handgranate in einen gegen die Politik der USA gerichteten Demonstrationszug geworfen, wobei vier Studenten starben und 82 verletzt wurden.Socialist leader killed as political tensions rise. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. 2009, S. 209. Der Rektor der Thammasat-Universität, Puey Ungphakorn, klagte in dieser Zeit über Todesdrohungen. Ihm warfen rechte Kritiker vor, linke Bewegungen unter den Studenten seiner Hochschule nicht nur zu dulden, sondern auch selbst ein Kommunist zu sein.Thammasat rector threatened with assassination. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. 2009, S. 209. Die konservative Chart-Thai-Partei trat im Wahlkampf 1976 mit dem Slogan „Rechts tötet Links“ an, was angesichts der damaligen politischen Morde nicht nur im übertragenen Sinne verstanden werden konnte.Pasuk Phongpaichit, Chris Baker: Power in transition. Thailand in the 1990s. In Kevin Hewison: Political Change in Thailand. Democracy and participation. Routledge, London/New York 1997, S. 21–41, auf S. 31.

Der während der früheren Militärdiktatur gegründeten Bewegung der „Dorf-Pfadfinder“ schlossen sich neben Bauern zunehmend auch politisch und wirtschaftlich verunsicherte Angehörige des städtischen Bürgertums an. König Bhumibol Adulyadej, der wegen seiner Rolle während des Volksaufstands 1973 als Unterstützer der Demokratie gefeiert worden war, und seine Familie unterstützten diese Bewegung ebenfalls, indem sie Versammlungen beiwohnten, Halstücher und Abzeichen der Organisation segneten. Der prominente buddhistische Mönch Kittiwuttho Bhikkhu, der der Nawaphon-Bewegung nahestand, predigte, dass es keine Sünde sei, Kommunisten zu töten. Das durch die Tötung erworbene schlechte Karma werde durch das gute Karma der Rettung von Nation, Religion und Monarchie mehr als aufgewogen. Zudem seien Kommunisten keine „vollständigen Menschen“, sondern Erscheinungsformen Māras (des personifizierten Bösen). Die Tötung von 50.000 Kommunisten sei gerechtfertigt, wenn dadurch das Glück von 42 Millionen Thailändern gesichert werden könne.Chris Baker, Pasuk Phongpaichit: A History of Thailand. 2009, S. 194.Michael Jerryson, Mark Juergensmeyer: Buddhist Warfare. Oxford University Press, Oxford/New York 2010, S. 189.

Im August 1976 kehrte Praphas Charusathien, während der Militärdiktatur stellvertretender Ministerpräsident, Innenminister und Oberkommandierender des Heeres, einer der bei der Demokratiebewegung verhassten „drei Tyrannen“, nach Thailand zurück. Das löste eine erneute Protestwelle linksgerichteter Studenten und Aktivisten auf dem Campus der Thammasat-Universität aus, die von militanten Rechten mit Schusswaffen und Handgranaten angegriffen wurden, wobei zwei Menschen starben und 60 verletzt wurden. Nach einer Audienz beim König entschied sich Praphas, das Land wieder zu verlassen und kehrte nach Taiwan zurück.Right-wing agitators ambush anti-Praphas protest. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. 2009, S. 211.

Auslöser Am 19. September 1976 kehrte auch der langjährige Militärdiktator Thanom Kittikachorn aus dem selbstgewählten Exil in Singapur nach Thailand zurück. Er trug das Gewand eines buddhistischen Novizen und erklärte, sich im Bangkoker Wat Bowonniwet zum Mönch weihen lassen zu wollen. Dieses Kloster ist traditionell eng mit dem Königshaus verbunden. Vier Tage später besuchten der König und die Königin den Tempel, vielfach wurde berichtet, dass sie dort Thanom trafen, was sie offiziellen Angaben zufolge aber nicht taten. Am selben Tag erklärte Ministerpräsident Seni Pramoj angesichts der tiefen politischen Spaltung im Land seinen Rücktritt, wurde aber sogleich vom Parlament erneut gewählt.Field Marshal Thanom returns. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. 2009, S. 212.

Die Rückkehr Thanoms löste neuerliche Proteste aus dem linken Spektrum aus. Zwei Arbeiter, die in Nakhon Pathom Anti-Thanom-Plakate aufhängen wollten, wurden ermordet. Polizisten gestanden die Morde, wurden aber dennoch (nach dem 6. Oktober) aus Mangel an Beweisen freigesprochen.Robert F. Zimmerman: Reflections on the Collapse of Democracy in Thailand. Institute of Southeast Asian Studies, Singapur 1978, S. 65. Dieses Ereignis wurde bei einer Studentendemonstration an der Thammasat-Universität am 4. Oktober nachgestellt. Einer der Darsteller, die als Gehängte posierten, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Kronprinz Maha Vajiralongkorn. Eine rechtsgerichtete Tageszeitung griff das Bild aus dem Zusammenhang und behauptete, die Studenten hätten die Ermordung des Kronprinzen inszeniert und wollten die Monarchie stürzen.Hanging put tensions at fever pitch. In Nicholas Grossman (Hrsg.): Chronicle of Thailand. Headline News since 1946. 2009, S. 212.

Zudem stand Anfang Oktober die Pensionierung zahlreicher hochrangiger Offiziere und dadurch ausgelöste Beförderungen und Versetzungen an. Das Nationale Studentenzentrum befürchtete deshalb einen Putschversuch enttäuschter Militärs, die bei den Beförderungen nicht berücksichtigt würden.Puey Ungphakorn: Violence and the Military Coup in Thailand. 1977, auf S. 5.

Verlauf mini|Sanam Luang um 1974. Im Hintergrund der Campus der Thammasat-Universität