mini|hochkant=1.2|Dorfkirche in Ruchow (2009) mini|hochkant=1.2|Chor und Nordseite (2011) Die frühgotische Dorfkirche Ruchow ist ein denkmalgeschütztes Kirchengebäude in Ruchow, einem Ortsteil der Gemeinde Mustin im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Das Bauwerk gehört zur Kirchgemeinde Witzin in der Propstei Wismar im Kirchenkreis Mecklenburg in der Nordkirche.

Geschichte Das Kirchdorf Ruchow wurde am 27. Oktober 1234 erstmals urkundlich erwähnt Ruchow Ecclesia cum Omnibus pertinentii suis. Bischof Brunward von Schwerin verlieh dem Nonnenkloster Dobbertin neben der freien Wahl des Propstes auch das Archidiakonat über die Kirche zu Ruchow.MUB I. (1863) Nr. 425 Fürst Heinrich der Löwe weilte 1320 in der Kirche zu Ruchow Datum in ecclesi ville Rochowe und erließ dort eine Urkunde in Angelegenheiten des Klosters zum Heiligen Kreuz in Rostock mit dem Ankauf des Dorfes Bandow.MUB V. (1870) Nr. 4233. Mitte des 14. Jahrhunderts saßen die Ritter von Brüshaver auf Ruchow und stifteten 1357 der Kirche zu Ruchow eine Vikarie, die mit erheblichen Einkünften aus Ruchow und Groß Upahl ausgestattet war. Sie wurde 1357 durch Fürst Nikolaus III. (Werle) genehmigt vnam kotam cum sua area sitam apud ecclesiam Ruchow und 1367 durch den Schweriner Bischof Friedrich II. von Bülow bestätigt.MUB XIV. (1886) Nr. 8321, MUB XVI. (1893) Nr. 9673, 9701. Das alles geschah zu besonderen Ehren der Heiligen Jungfrau Maria, ihrer Mutter Anna, des Heiligen Nikolaus und der Heiligen Agnes. Am 25. April 1414 war Nicolaus Schakke als Priester und Vikar zu Ruchgouw (Ruchow) Zeuge einer Pfändung in den Dörfern Lentzen (Lenzen) und Lennewitz (Lähnwitz) wegen Schulden des Herrn Rodenbeke.LHAS 1.5-4/3 Urkunden Kloster Dobbertin Reg. Nr. 99.

Die ständigen Streitigkeiten mit dem klösterlichen Konvent aus Dobbertin um das Kirchenpatronat wurden erst 1601 beigelegt. 1616 ging dann das Gut und das Kirchenpatronat an die von Parkentin über, welche ab 1605 weitere 130 Jahre die Güter Bolz und Tieplitz besaßen und am Kirchenpatronat hafteten. Jahrelangen Zwist gab es auch beim Verstummen des Grabgeläut für die Verstorbene. Der Patron der Ruchower Kirche war um 1620 Barthold von Parkentin auf Bolz. Da sich die von Cramon auf Borkow und Mustin mit einer Beihilfe zur Erneuerung des Kirchturmes weigerten, versagten diese das Glockengeläut bei deren Beerdigungen. Die Versagung des Geläutes wurde als schwere Kränkung empfunden. Man klagte beim Herzog Adolf Friedrich, dort wurde das Verfahren anschließend bei Gericht verschleppt und Claus von Cramon kam immer noch nicht unter die Erde. Zum Ausgang des Streits fehlen die Akten.Ulrich Graf von Oeynhausen: Geschichte des Ritterschaftlichen Gutes Mustin, Amts Sternberg. 1905, S. 34–35. 1648 gab es zwischen der Kirche und den von Parkentin in Ruchow Probleme wegen der Beschulung der Dorfkinder.

Bis ins XVI. Jahrhundert soll in Bolz noch eine Kapelle gestanden haben. Pastor Georgius Gast hatte dort einen Kapellan Joachim Keding.Friedrich Schlie Das Kirchdorf Ruchow. 1901, S. 167. Zu den Jahren des Dreißigjährigen Krieges ist im Ruchower Kirchenbuch von 1637 zu lesen: die Kirche ist verwüstet und gleichsam zum Pferdestall gemacht, die Stühle bis auf drei geringe verbrannt worden, die kleine Glocke ist aus dem Turm gestohlen, nun schon Jahre wüste ... 1653 stellte die Kirchen-Visitationskommission fest, die Kirche wieder im guten Zustand mit Steinen gedeckt, inwendig mit drei Gewölben und sogar wieder mit einem Turm versehen, dessen hohe Spitze besonders hervorgehoben wurde. Er ist mit Spahn bedeckt und mit Brettern bekleidet.

1737 ging der Güterbesitz an den preußischen Kammerherrn Gebhard Ludwig Friedrich von Bredow. 1767 war der Domänenrat Ludwig von Eldenhorst, ab 1789 die von Behr-Nagendank und ab 1792 die von Pritzbuer. Mit dem Erwerb der Bolzer Güter war ab 1794 Georg Wilhelm von Schaumburg-Lippe als Besitzer von Ruchow automatisch Patron der Ruchower Kirche. Die Pfarrstelle in Ruchow war so gering ausgestattet, dass sich 1800 Pfarrer Hahn zum Pfarrer in Malchin wählen ließ, eine der reichsten Kirchen im Lande. Bei einem Brand im Pfarrhaus wurde auch die Pfarrchronik mit den Aufzeichnungen aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege vernichtet.

1817 klagte das Kloster Dobbertin und Herr Goldschmidt auf Mustin als Eingepfarrter der Kirche Ruchow gegen den Kirchenrat Neumann als Procurator der Kirche wegen verweigerter Beiträge zur Reparatur des Kirchturms und der Pfarre Ruchow.LHAS 3.2-3/1 Landeskloster/Klosteramt Dobbertin. Nr. 4159. Nach 1866 soll es in Ruchow bis 1911 eine Ritterschaftliche Küsterschule gegeben haben.LHAS 5.12-7/1 Mecklenburgisch-Schwerinsche Ministerium für Unterricht, Kunst, geistliche und Medizinalangelegenheiten. Nr. 4417 Landschulen. Die Kirchgemeinde Ruchow gehörte ab 29. November 1911 zur Kirchgemeinde Groß Upahl.LKAS, OKR Schwerin, Pfarrarchiv Groß Upahl Nr. 041.

Baugeschichte Äußeres miniatur|hochkant|Kirchturm (2011) Die Feldsteinkirche mit dem Langhaus wurde um 1275 als eine der ersten Feldsteinkirchen um Sternberg erbautTilo Schöfbeck: Dendrotaten aus Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 364.. Sie ist ein für diese Zeit und in der Gegend typischer einschiffiger Feldsteinbau von zwei Jochen mit einem eingezogenen, quadratischen Kastenchor von 1267 im romanisch-gotischen Übergangsstil.

Der quadratische Feldsteinsockel des eingezogenen Westturmes ist noch spätmittelalterlich. Das auf 1614 datierte Turmobergeschoss als verbretterter, hölzerner Aufsatz hat eine schlanke, recht wunderlich wirkende Kirchturmspitze. Die Schiefstellung des Spitzenhelmes ist unverkennbar, ebenso das hohe Rücksprungsportal als Eingangspforte. Nach einer Sage soll die erste Kirche noch ohne Turm erbaut worden sein. Die Brüsehaver versprachen den Baumeistern eine Belohnung für denjenigen, der am schnellsten die Kirche in Witzin, Groß Raden oder Ruchow fertig hatte, daher hatte die Ruchower zuerst keinen Turm.Burghard Keuthe: Parchimer Sagen. Teil 2, Parchim 1997, ISBN 3-932370-27-9, S. 113.

Bemerkenswert sind die großen Schaugiebel an der Ostseite des Chores. Am aus Backsteinen gemauerten Chorgiebel befindet sich über dem Zahnfries ein großes Rippenkreuz als aufsteigender TreppenfriesTilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 174. und zu beiden Seiten Spitzbogenarkaden mit Halbsäulen und kleinen Kapitellen und an den Dachschrägen noch steigende Dreieckblenden. Der Backsteingiebel wird wie die beiden Langhausseiten durch Fenster als gestaffelte jeweils paarige Dreiergruppe mit schräg eingehender Laibung aufgelockert. Diese Giebelverzierungen sind mit dem Chorgiebel der nahe gelegenen Dorfkirche Gägelow verwandt. Der Zwischengiebel wurde mit einfachen Rauten versehen. Die Domikalgewölbe mit den Scheitelringen im Kirchenschiff und Chor sind durch einen spitzbogigen Triumphbogen getrennt. An der Nordseite befand sich die Sakristei, die später als Gruft genutzt wurde.

1815 war der Kirchturm so baufällig und drohte einzustürzen, da heftige Windstürme die Holzaufsätze vom Turmsockel weggeschoben hatten. Nach dem Abbruch des Turms sollte wegen der leeren Kirchenkasse neben der Kirche nur ein einfacher Glockenstuhl errichtet werden. Um die Verunstaltung zu vermeiden, ließ 1820 der damalige Kirchenpatron Fürst Georg Wilhelm von Schaumburg-Lippe durch den Landbaumeister Brandt den Turm erneuern und das Innere für fast 1500 Reichstaler reparieren, woran eine Tafel in der Kirche erinnert. Auch der Fürst Georg Wilhelm wollte keinen Abbruch des Turmes und auch keinen einfachen Glockenstuhl neben der Kirche haben.

Da die Kirchenkasse leer war, leistete der Fürst einen persönlichen Vorschuss. Danach sollten sich auch der Gutspächter Goldschmidt aus Mustin und das Kloster Dobbertin als Eigentümer von Lenzen an der Finanzierung beteiligen. Das Kloster Dobbertin argumentierte sogar, Lenzen sei nicht Teil der Pfarre von Ruchow. Noch 1825 führte Dr. Voss aus Güstrow als Bevollmächtigter der Fürstlich Schaumburg-Lippeschen Rentenkammer gegen das Klosteramt Dobbertin Rechtsklage wegen verweigerter Beiträge zur Reparatur des Kirchturms.LHAS 3.2-3/1 Landeskloster/Klosteramt Dobbertin, Nr. 4155–4158. Da Klagen dieser Art die Gerichte in Mecklenburg überforderten, wurden zur Herstellung der Rechtssicherheit in einer herzoglichen Verordnung erstmals die Pflichten des Patrons und der Kirchgänger vereinbart. Diese trafen auf Ruchow nicht zu.

Bei einem Sturm nach 1870 brach die Spitze ab und wurde umso schlanker wieder errichtet. Neben der Eingangstür soll sich im Mauerwerk eine steinerne bronzezeitliche Reibmühle befinden.

1930 soll der Kirchturm als Ersatz für Holzschindeln mit Zinkblech gedeckt worden sein.Adolf Friedrich Lorenz: Denkmalpflege in Mecklenburg, In: MJB, 95 (1931), S. 184–198.

Nach 1960 wurde der Turm um etwa sechs Meter gekürzt und erhielt ein Notdach. Das ursprüngliche Dachwerk hatte man nach 1980 durch eine Stahlkonstruktion gegen Absturz gesichert, doch die Instandsetzung der Konstruktionspunkte blieb aus.Horst Alsleben: Für Kirchturm ist Hilfe notwendig. SVZ Sternberg 3. August 1996 Die originale Gebindekonstruktion, ein Kehlbalkendach mit Stichbalken und Sparrenknechte in den Fußpunkten und Kreuzstreben blieben erhalten.Jens Amelung: Ruchow, Lkr. Parchim, Dorfkirche. 2006, S. 127. Das schon 1267 eine akkurate Holzbearbeitung im Chordach erfolgte, kann man heute noch an den dort sauber gesägten Kreuzstreben erkennen. Auch erste Abbundzeichen sind zu sehen.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 287, 307. Eine weitere Turmsanierung erfolgte von 1997 bis 1998. Die Reparaturen des Dachwerkes und die angrenzenden Mauerwerksbereiche des Chores wurden bis 2005 durchgeführt.

Inneres mini|hochkant|Gewölbemalerei (2011) mini|hochkant|Patronatsloge (2011)

Die Kirche ist ein zweijochiger Feldsteinsaal mit eingezogenem quadratischen Chor und vollständig mit Domikalgewölben überdeckt. Sie besitzt im Innenraum noch ihre ursprüngliche Ausmalung. Diese konnten im Zuge von Gewölbesicherungsarbeiten frei gelegt werden. Die teilweise vorgeritzten und zum Teil freskal aufgebrachten Gewölbemalereien weisen einen überwiegend guten Erhaltungszustand auf. Die figürlichen und ornamentalen Darstellungen besitzen einen hohen liturgischen Symbolgehalt. Die 2008 begonnene innerer Renovierung konnte 2009 mit der qualitätsvollen Restaurierung der Gewölbemalereien abgeschlossen werden.Elke Kunert: Ruchow, Lkr. Parchim, Kirche. 2009, S. 166.

In der Ostwand des Chores ist ein gotischer Eucharistie-Schrank mit Tür und Giebelbogen eingebaut, der zur Aufbewahrung der Abendmahlsgeräte und wohl auch als Tabernakel diente. Ein gotisches Triumphkreuz, wohl Anfang 14. Jahrhundert, das ursprünglich unterhalb des Triumphbogens zwischen Kirchenschiff und Chor angebracht war, befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts an einer Wand im Chor. Heute hängt es wieder an seinem ursprünglichen Ort. In den unteren mittleren Rechteckscheiben der Fenster im Langhaus befinden sich Familienwappen der Kirchenpatrone. Darunter sind Johann Ulrich und Engelke von Restorff sowie Daniel und Christoffer von Brüshaver.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Ruchow. 1901, S. 165–166. Altar mini|hochkant|Altar mit Bildkopie nach Peter Paul Rubens (2011) Das Altargemälde im ovalen Akanthusrahmen in dem prachtvoll geschnitzten Altaraufsatz um 1700 stellt die Kreuzabnahme Christi mit einer Kopie nach Peter Paul Rubens dar. In der Predella sind Gethsemane und die Grablegung dargestellt.Roswitha Spör: Altar erhält Glanz zurück. SVZ Sternberg - Bruel - Warin, 26. Mai 2018.

In den Kirchenfenstern befindet sich eine Reihe von Familien-Wappen derer von Brüshaver, von Restorff, von Plessen, von Holstein, von Oldenburg und von der Lühe.