Göttinger Wingolf 250px|zentriert|Wappen Land Niedersachsen Hochschule Georg-August-Universität Göttingen Stiftung 19. Juli 1867 in Göttingen 1. Vorgänger Burschenschaft Germaniaheute: Burschenschaft Germania Göttingen im Schwarzburgbund 2. Vorgänger Arminia Göttingen Dachverband Wingolfsbund Kartell / Kreis / AG: Diezer Konvention Wahlspruch Δι᾽ ἑνὸς πάντα (griech.: Durch Einen Alles!) Band Chargiertenband (Traditionsband Arminia) Konkneipantenband Zirkel 70px AnschriftCalsowstr. 1837085 Göttingen Websitehttps://goettingerwingolf.org/
Der Göttinger Wingolf ist eine christliche, überkonfessionelle, farbentragende und nichtschlagende Studentenverbindung in Göttingen und gehört dem ältesten studentischen Dachverband (Wingolfsbund) an.
Prinzip und Farben Grundlage des Zusammenlebens Göttinger Wingolfiten ist der Wahlspruch Δι᾽ ἑνὸς πάντα aus , der im Revolutionsjahr 1848 in Halle geprägt wurde. Das Bekenntnis zum christlichen Glauben, das so genannte Christianum, bindet nicht an eine bestimmte Konfession.
Die Couleur des Göttinger Wingolf besteht aus dem schwarz-weiß-goldenen Band mit goldener Perkussion und einer schwarzen Hinterhauptcouleur. Als Reminiszenz an die alte Arminia tragen die Chargierten das schwarz-silber-rote Band als Chargenband.
Geschichte Von der Arminia zum Wingolf Am 19. Februar 1867 spaltete sich aufgrund interner Streitigkeiten die christliche Studentenverbindung Arminia von der Burschenschaft Germania ab. Ihre Mitglieder hielten regen Kontakt zu einzelnen Philistern des Wingolfs. Schon bald etablierte sich eine Strömung, die eine Mitgliedschaft im Wingolfsbund anstrebte. Die Arminia trug die Farben Schwarz-Silber-Rot und unterschied sich auch in der Ausprägung des Prinzips von den bestehenden Wingolfsverbindungen. Bereits im Juni 1867 folgte die Arminia den Forderungen der anderen Wingolfsverbindungen, unter denen sich auch einige befanden, die der Mitgliedschaft skeptisch gegenüberstanden. Neben Änderungen im Prinzip legte sie die wingolfitischen Farben Schwarz-Weiß-Gold an und benannte sich in Wingolf um. Am 19. Juli 1867 fand im Gasthof „Zur Linde“ in Geismar der Kommers zur offiziellen Gründung statt. mini|hochkant=1.2|Das erste Haus des Göttinger Wingolf (Nikolausberger Weg) Bereits 1884 übernahm der Göttinger Wingolf vom Leipziger Wingolf zum ersten Mal die Vorortschaft des Wingolfsbundes. In den 1890er Jahren bemühten sich die Göttinger Wingolfiten um den Bau eines eigenen Korporationshauses, das 1900 auf dem Nikolausberger Weg 58Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 52. eingeweiht werden konnte. Erst 1906 wurde mit dem Verein Göttinger Wingolfiten eine Philister-Organisation geschaffen. 1911 übernahm der Göttinger Wingolf zum zweiten Mal die Vorortschaft des Wingolfsbundes.
mini|hochkant=1.2|Die Confuxia des Göttinger Wingolf im Wintersemester 1909/1910
Zwischen den Kriegen Die Zeit der Weltkriege begann für den Göttinger Wingolf mit der dritten Übernahme der Vorortschaft im Wintersemester 1914/1915. Im Ersten Weltkrieg hatte er – wie viele Wingolfsverbindungen – zahlreiche Opfer zu beklagen. Trotzdem regte sich schon im Zwischensemester 1919 wieder reges Wingolfsleben in Göttingen. Es folgte in den 1920er-Jahren die Blütezeit des Göttinger Wingolf. mini|hochkant=0.8|Plakette des Göttinger Wingolf Am 30. November 1935 musste sich die Verbindung auf Druck des NSDStB vertagen. Auch der Verein Göttinger Wingolfiten musste sich auflösen und wurde vollständig liquidiert. Als Folge dessen wurde auch das Verbindungshaus verkauft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Göttinger Wingolf als zweite Wingolfsverbindung überhaupt am 17. Juli 1947 wiedergegründet werden. Da der Universitätsoffizier der britischen Militäradministration der wiedergegründeten Verbindung die Lizenzierung an der Universität Göttingen verweigerte, wurde sie im Sommer 1948 in Familia Academica Gottingensis umbenannt, blieb aber vom Wesen her eine Wingolfsverbindung. Im Januar 1950 übernahm der Göttinger Wingolf zum vierten Mal die Vorortschaft des Wingolfsbundes. Ende des Jahres gestattete auch die Universität eine Fortexistenz unter alten Namen.
Die 1960er und 1970er Jahre waren für den Göttinger Wingolf von zahlreichen Veränderungen geprägt. Im Jahre 1960 konnte nach jahrelangem Engagement das neue Haus in der Gaußstraße bezogen werden. 1962 wurde als Gegenüber zur Konvention der südwestdeutschen Wingolfsverbindungen („Gernsbacher Konvention“) die Norddeutsche Konvention als Zusammenschluss der norddeutschen Wingolfsverbindungen gegründet. Gründungsmitglieder waren der Hannoversche Wingolf, der Hamburger Wingolf, der Kieler Wingolf, der Clausthaler Wingolf „Catena“ und der Göttinger Wingolf.
Die politische Situation und Diskussion über Studentenverbindungen in Göttingen verschärfte sich Anfang der 1960er Jahre. Eine Debatte über schlagende Göttinger Verbindungen löste der Wingolfit des Clausthaler Wingolf zu Marburg Professor Hans Conzelmann aus, der allerdings kein Mitglied des Göttinger Wingolf war. Er schloss 1963 als Göttinger Theologieprofessor alle Mitglieder schlagender Bünde aus seinen Seminaren aus. Dies führte stadtweit zunächst zu „spontanen Biertischprotesten beleidigter Korporierter.“ Öffentlich kritisiert wurde er durch den damaligen Sprecher des Studentenrates Jürgen Borgwardt, Mitglied der Königsberger Burschenschaft Gothia zu Göttingen.siehe auch: Beschreibung der Debatte bei Felix Butzlaff: Sind Sie Oberstudienrat Kraus? Das Attentat im Rohnsweg (1963), S. 162. In: Walter/Nentwig (Hrsg.): Das gekränkte Gänseliesl, Göttingen 2016.
Ende der 1960er Jahre reformierte der Göttinger Wingolf sein Verbindungsleben drastisch, diese Veränderungen werden unter dem Label Göttinger Programm zusammengefasst., abgerufen am 21. März 2012. Die Satzung der Verbindung sollte mehr demokratische Mitbestimmung aller Mitglieder ermöglichen. Darüber hinaus wurde der Comment deutlich entschlackt. Besonders eine Neuerung sorgte für Aufmerksamkeit und Konflikte mit den übrigen Wingolfsverbindungen: der Göttinger Wingolf gestattete die Mitgliedschaft von Frauen. Nachweislich traten drei Studentinnen ein, später jedoch auch wieder aus, so dass dieser Teil des Reformprogramms vom Göttinger Wingolf wieder aufgegeben wurde. Der Wingolfsbund positionierte sich in der Bielefelder Erklärung gegen die Mitgliedschaft von Frauen, wenngleich ebenso festgestellt wurde, dass vom christlichen Prinzip des Wingolfs her keine grundsätzliche Ablehnung formuliert werden kann.
Auf Grund der Bauarbeiten am neuen Rathaus wurde das Verbindungshaus 1974 an die Stadt zwangsverkauft. Die Verbindung erhielt als Entschädigung das heutige Verbindungshaus in der Calsowstraße.
Vom Jahre 2000 an hatten Teile der Aktivitas des Göttinger Wingolf entscheidenden Anteil an der Neustiftung des Hallenser Wingolf im Jahr 2002.
Im September 2014 fand auf dem Haus des Göttinger Wingolf ein Teil der Lassalle-Kreis-Tagung 2014 statt.Bericht der Lassalle-Kreis-Tagung 2014 aus Göttingen, abgerufen am 18. Januar 2015.
Seit November 2023 ist der Göttinger Wingolf Mitglied der Diezer Konvention im Wingolfsbund.
Trivia Walter Kempowski erwähnt den Göttinger Wingolf in seinem Roman „Herzlich willkommen“. In seiner Beschreibung Göttinger Verbindungsstudenten heißt es: Dass die „begiebelten und betürmten Bürgerburgen“ des Göttinger Ostviertel u. a. von Wingolfiten bewohnt waren, sei am Tage „zu sehen“ und nachts „zu hören“ gewesen.Walter Kempowski: Herzlich willkommen, Berlin 1984, Taschenbuchausgabe 1/87 Goldmann S. 190. Im Mai 1963 widmete sich die Kuriositätenspalte „Hohlspiegel“ der Zeitschrift Der Spiegel dem neugefassten Comment des Göttinger Wingolf. Für kurios wurde hier u. a. empfunden, dass der Göttinger Wingolfscomment regelt, wie das Tragen der Kopfcouleur beim Toilettengang und das „Werfen kompakter Gegenstände“ bestraft wird.
Bekannte Mitglieder (Auswahl)
In alphabetischer Reihenfolge Jon Arvid Afzelius (1856–1918), schwedischer Linguist, Herausgeber von Wörterbüchern und Übersetzer Ludwig Albrecht (1861–1931), katholisch-apostolischer Theologe, Übersetzer des Neuen Testaments Paul Althaus d. Ä. (1861–1925), lutherischer Theologe, Professor an den Universitäten Göttingen und Leipzig (Ehrenmitglied) Otto Altenburg (1873–1950), Historiker, Gymnasialprofessor und Vorsitzender der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde Ernst Ankermann (1928–2021), Richter am Bundesgerichtshof Hartmut Badenhop (1930–2025), evangelischer Theologe, Landessuperintendent des Sprengels Hannover Ferdinand Eduard Baring (1838–1900), lutherischer Theologe, Generalsuperintendent von Ostfriesland und Mitglied des königlichen Konsistoriums Ernst Barnstein (1891–1975), evangelischer Theologe, Gegner des NS-Regimes Bernhard Bavink (1879–1947), Naturwissenschaftler und Naturphilosoph Adolf Beythien (1867–1949), Lebensmittelchemiker, Professor an der TH Dresden und Mitglied im Reichsgesundheitsrat Hans-Christian Biallas (1956–2022), evangelischer Theologe, Politiker (CDU) und Präsident der Klosterkammer Hannover Erich Heinrich Biederbeck (1914–2000), Jurist in der Justiz, Vorstandssprecher der damaligen „Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mitteldeutschland“ (EAM) und der heutigen E.ON AG Hugo Gotthard Bloth (1898–1986), evangelischer Theologe, Religionspädagoge und Historiker Nathanael Bonwetsch (1848–1925), deutsch-russischer lutherischer Theologe, Professor an den Universitäten Göttingen und Dorpat Gottfried Brakemeier (* 1937), deutsch-brasilianischer evangelischer Theologe, emeritierter Professor in São Leopoldo, ehemaliger Präsident des brasilianischen Nationalen Kirchenrates, Präsident des Lutherischen Weltbundes Christoph Brandt (1922–2012), lutherischer Theologe, Präses der Kapkirche in Südafrika Heinrich Brandt (1886–1954), Mathematiker, der das Konzept des Gruppoid entwickelte Wolfgang Breidert (* 1937), Mathematiker, Philosoph und Akademischer Direktor am Institut für Philosophie der Universität Karlsruhe Dirk Brouër (1945–2016), Direktor des Bundesrates, Aufsichtsrat der Eintracht Braunschweig GmbH & Co. KGaA Heinrich Buck (1866–1939), Bibliothekar und Numismatiker Hinrich Buß (1937–2007), lutherischer Theologe, Dozent und Landessuperintendent der Sprengels Göttingen Wilhelm Büning (1885–1964), lutherischer Theologe, Landessuperintendent des Sprengels Ostfriesland-Ems Oskar Bürgener (1876–1966), Biologe und Botaniker Adolf von Chappuzeau (1857–1939), lutherischer Theologe, Autor der Kriegspredigten im Ersten Weltkrieg Ludwig Clemm (1893–1975), Philologe, Direktor des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt Oskar Freiherr von Cornberg (1855–1928), Justizrat und Hofkammerpräsident unter den letzten Regenten des Fürstentums Reuß Friedrich Wilhelm Cuno (1838–1905), reformierter Theologe, Ehrendoktor der Universität Wien und Mitverfasser der Allgemeinen Deutschen Biographie Herbert Dallmann (1909–1996), Mathematiker, Erster Rektor der Technischen Hochschule in Leuna-Merseburg (THLM) und Präsident der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse Hermann Eickhoff (1853–1934), lutherischer Theologe, Pädagoge und Lokalhistoriker in Hamm Carl Elsasser (1822–1911), Kommunalpolitiker, Abteilungsleiter im Reichspostamt und Mitglied des kaiserlichen Patentamtes (Ehrenmitglied) Carl von Ewald (1852–1932), Staatsminister des Großherzogtums Hessen und deutscher Reichsgerichtsrat Hans Frebold (1899–1983), Geologe, Hochschullehrer und Polarforscher Anton Fridrichsen (1888–1953), norwegisch-schwedischer lutherischer Theologe, Professor an der Universität Uppsala Eberhard Galley (1910–1994), Literaturwissenschaftler und Bibliothekar, der vor allem mit Beiträgen zur Heine-Forschung hervorgetreten ist Otto Güthling (1853–1931), Klassischer Philologe, Verfasser zahlreicher antiker Übersetzungen und Ritter des Roten Adlerordens