mini|hochkant|Adolf Wild von Hohenborn
Die „Judenzählung“ (auch: „Judenstatistik“; amtlicher Titel: „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“)Oliver Janz: 14 – Der große Krieg. Campus, 2013, ISBN 3-593-42063-5, S. 307. zum Stichtag 1. November 1916 war eine staatlich angeordnete statistische Erhebung zum Anteil der Juden an allen Soldaten des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg. Sie sollte auch die Zahlen der kriegstauglichen, an der Front dienenden, verlegten, unabkömmlich gemeldeten, zurückgestellten und gefallenen jüdischen Wehrpflichtigen ermitteln.
Der Erlass des preußischen Kriegsministers Adolf Wild von Hohenborn vom 11. Oktober 1916 reagierte auf den im deutschen Offizierskorps verbreiteten Antisemitismus und die von antisemitischen Verbänden, Parteien und Medien damals verstärkte Propaganda, Juden seien „Drückeberger“, die sich dem Waffendienst an der Front mit allen möglichen Ausreden entzögen und davon unverhältnismäßig oft befreit würden.
Die Ergebnisse der Erhebung wurden bis Kriegsende geheim gehalten. Das verstärkte die Ressentiments gegen jüdische Kriegsteilnehmer erheblich. Erlass und Geheimhaltung seines Resultats galten den Betroffenen und Kritikern des Regierungskurses als Diskriminierung der jüdischen Minderheit, Parteinahme für die Antisemiten und Scheitern aller liberalen Integrationsbemühungen im Kaiserreich mit weitreichenden Folgen.
1922 ergab eine genaue Untersuchung, dass mit 17,3 Prozent anteilig ebenso viele deutsche Juden wie Nichtjuden zum Kriegsdienst eingezogen worden waren, obwohl aus Alters- und Berufsgründen nur 15,6 Prozent der Juden wehrpflichtig gewesen waren. 77 Prozent von ihnen hatten an Fronteinsätzen teilgenommen. Sie stellten damit proportional fast ebenso viele Frontsoldaten wie die Nichtjuden.Jacob Segall: Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914–1918. Eine statistische Studie. Mit einem Vorwort von Heinrich Silbergleit, Berlin 1922, S. 11 ff. (PDF; 3,63 MB); Vergleichstabelle abgebildet bei Jacob Rosenthal: Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2007, S. 119.
Vorgeschichte
Kriegsbeginn mini|Auszug deutscher Soldaten aus ihrer Garnison, August 1914 Die nationalistische Begeisterung in großen Teilen der deutschen Bevölkerung beim „Augusterlebnis“ zu Beginn des Ersten Weltkriegs sollte auch die sozialen, konfessionellen, parteilichen und regionalen Gegensätze mildern oder vergessen machen. So verkündete Kaiser Wilhelm II. in seiner Rede im Reichstag aus Anlass der einstimmigen Zustimmung der SPD zum Burgfrieden:
Der Krieg erschien vielen jüdischen Deutschen des Kaiserreichs als Chance, ihren Patriotismus zu beweisen. Daher riefen jüdische Verbände wie der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ihre Mitglieder 1914 geschlossen zum Kriegsdienst auf. Zur Mobilisierung erschienen vielfältige Flugblätter und Aufrufe, z. B. schrieb die Jüdische Rundschau:zitiert nach Nachum T. Gidal: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Könemann, Köln 1997, S. 13.
Etwa 100.000 deutsche Juden wurden zum Soldatendienst eingezogen, davon meldeten sich über 10.000 freiwillig zum Dienst an der Front. Nun konnten sie zum ersten Mal in der preußischen Armee auch in den Offiziersrang befördert werden. Viele wollten sich bis zur Judenzählung, manche auch noch danachJacob Rosenthal: Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2007, S. 97. durch besondere Tapferkeit auszeichnen und so die unter nichtjüdischen Soldaten und Offizieren verbreitete Ablehnung überwinden. Viele nichtjüdische Deutsche sahen deren Teilnahme am Krieg nun als „Bewährungsprobe“ und setzten die Juden einem dauernden Loyalitätsdruck aus.Ulrich Sieg: Judenzählung. In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. UTB, Stuttgart 2009, ISBN 3-8252-8396-8, S. 599.
Erstes Kriegsjahr Der Antisemitismus trat in den ersten Kriegswochen scheinbar zurück, zumal antisemitische Propaganda nun verboten wurde und der staatlichen Zensur unterlag. In der Euphorie des „Augusterlebnisses“ erwartete man einen schnellen Sieg über die Entente-Staaten. Doch schon Ende August 1914 verlangte der zwar aus wenigen Mitgliedern, darunter aber vielen Führungskräften großer Interessenverbände zusammengesetzteWerner Eugen Mosse: Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890–1914. Mohr Siebeck, Tübingen 1998, S. 467. antisemitische Reichshammerbund in einem internen Rundbrief, man solle „Kriegsermittlungen“ über die aktive Teilnahme von Juden am Kriegsdienst und in Einrichtungen der „öffentlichen Mildtätigkeit“ anstellen.Michael Berger: Art. Judenzählung. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Band 3: He–Lu. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, S. 243. Das sollte Zweifel an der Vaterlandsliebe der deutschen Juden wecken und ihnen durch die Kriegslage entstandene Alltagsnöte anlasten. Der Alldeutsche Verband unterstützte diese Kampagne.Volker Ullrich: Fünf Schüsse gegen Bismarck. Historische Reportagen 1789–1945. München 2002, S. 111. Sein stellvertretender Vorsitzender, Konstantin von Gebsattel, erklärte die als „Lösung der Judenfrage“ bezeichnete Ausgrenzung und Vertreibung der deutschen Juden im Dezember 1914 zu einem „deutschen Kriegsziel“.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914–1949, Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. 3. Auflage 2008, S. 128.
Nach dem ersten Kriegswinter war die Hoffnung auf den schnellen Sieg geschwunden. Die Kriegsopfer nahmen im erstarrten Stellungskrieg im Westen ständig zu. Die britische Seeblockade verhinderte die Einfuhr kriegswichtiger Rohstoffe aus den neutralen Ländern und führte in Deutschland zu schweren Versorgungsengpässen. Daraufhin wurde im Kriegsministerium eine neue Kriegsrohstoffabteilung zur Versorgung der Armee gegründet, deren Leitung Walther Rathenau erhielt. Auf Initiative des Hamburger Reeders Albert Ballin, des Hamburger Bankiers Max Warburg und seines Generalbevollmächtigten Carl Melchior wurde die Zentral-Einkaufsgesellschaft gegründet, die über ein Netz nationaler Kriegsgesellschaften ausländische Lebensmittel, Rohstoffe und Proviant importieren sollte. Die genannten vier Personen waren jüdischer Abstammung und etwa zehn Prozent dieser Neugründungen wurden von Juden geführt, da sie sich aufgrund traditioneller Berufssparten häufiger als andere Deutsche im großstädtischen Handel konzentrierten.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. C. H. Beck/dtv, München 1998, ISBN 3-423-30765-X, S. 88.
Im Frühjahr 1915 begann auch der antisemitische Bund der Landwirte öffentlich gegen „jüdische Zersetzung“ und „jüdische Flaumacherei“ zu agitieren.Volker Ullrich: Fünf Schüsse gegen Bismarck. Historische Reportagen 1789–1945. München 2002, S. 111; Elke Kimmel: Methoden antisemitischer Propaganda im Ersten Weltkrieg: Die Presse des Bundes der Landwirte. Metropol Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-932482-40-9, S. 91 ff. Angesichts der zunehmenden Hetze gründeten einige Verbände deutscher Juden, darunter der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus und das Kartell Jüdischer Verbindungen, einen „Ausschuss für Kriegsstatistik“. Dieser sammelte mit einem einheitlichen Formular durch Gemeinde- und Hausbesuche Daten zu den Einberufungen, Berufen, Alter und Herkunftsorten jüdischer Soldaten in fast allen jüdischen Gemeinden Deutschlands. Vorsitzender war Heinrich Silbergleit, Direktor des Statistischen Amts der Stadt Berlin, wissenschaftlicher Leiter war Jacob Segall.Jacob Rosenthal: Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2007, S. 53 f.
Zweites Kriegsjahr Im Kriegswinter 1915/16 verstärkten die Antisemiten inner- und außerhalb des deutschen Heeres ihre Kampagnen gegen jüdische Geschäftsleute, Ladenbesitzer, Bankiers und Politiker. Im Militär wurden Judenwitze erzählt und Reime geprägt: Überall grinst ihr Gesicht, nur im Schützengraben nicht!Jacob Rosenthal: Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2007, S. 106. Die von Offizieren und radikalen Nationalisten geschürten Gerüchte sagten jüdischen Soldaten einen Mangel an Tüchtigkeit und Mut nach; oft wurden sie als körperlich unterlegen und für das Soldatendasein ungeeignet beschrieben. Zugleich behaupteten zahlreiche anonyme Beschwerden an das Kriegsministerium, dass sie sich in großer Zahl dem Fronteinsatz entzögen. Sie würden Geld und Beziehungen nutzen, um in Schreibstuben, Etappenkommandos und Büroposten bequem durch den Krieg zu kommen. Sie würden wichtige Posten in den Kriegsproviantgesellschaften erhalten, damit einen beherrschenden Einfluss auf die Kriegswirtschaft ausüben und sich an der Not der Bevölkerung bereichern.
Um Beförderungen und Auszeichnungen von Juden zu verhindern, nahmen Offiziersverbände Kontakte zu antisemitischen Organisationen auf. Der Alldeutsche Verband, die Deutschvölkische Partei, der Reichshammerbund und andere judenfeindliche Verbände behaupteten immer aggressiver, dass die Juden sich ihren Pflichten entzögen. Man unterstellte jüdischen Geschäftsinhabern Preistreiberei, Hortung und Zurückhaltung von Lebensmittelbeständen, Bevorzugung der eigenen Glaubensgenossen, Ausbeutung und geheime Verschwörungen mit den Briten gegen das deutsche Volk. Die 1919 im Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbund vereinten Antisemitengruppen brachten zehntausende Handzettel in Umlauf, deren Texte gegen die „Hinterfrontjuden“, die Herren der „unabkömmlichen Konfession“, die man nur „sehr vereinzelt im Kriege voranstürmen“ sah, agitierten.Zitiert nach Theodor Joseph: In: Jüdische Rundschau, 3. November 2016.
Diese Pamphlete griffen auch bestimmte jüdischstämmige oder „judenfreundliche“ Regierungsmitglieder an. Theobald von Bethmann Hollweg z. B. wurde im März 1915 als „Kanzler des deutschen Judentums“ bezeichnet.Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Band VIII: Am Vorabend des Holocaust. Athenäum, Frankfurt am Main 1988, S. 17; Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-49527-3, Band 1, S. 344. Walther Rathenau gab sein Amt im Kriegsministerium angesichts dieser Anfeindungen im selben Monat auf. Er schrieb dazu im August 1916:Volker Ullrich: Fünfzehntes Bild: Drückeberger. In: Julius H. Schoeps, J. Schlör (Hrsg.): Bilder der Judenfeindschaft. Antisemitismus, Vorurteile und Mythen. Weltbild (Bechtermünz), Augsburg 1999, S. 212 f.
Am 16. März 1916 sandten Theodor Fritsch, der Gründer, und Alfred Roth, der Bundeswart des Reichshammerbundes, ein „Memorandum“ an Kaiser, Minister, Landesfürsten, Reichstagsabgeordnete und Prominente. Es beschrieb die Notlage des Volkes, besonders in Großstädten, und lastete diese „Kriegsgewinnlern“ und Kriegsgesellschaften an. Diese seien „aufgeblasen, unfähig und meist von Juden geleitet“. Sie dienten ihnen als „Unterschlupf vor dem Frontdienst“. Es gebe eine „jüdische Verfilzung des deutschen Wirtschaftslebens durch das System Ballin-Rathenau“. Der Kaiser solle den Burgfrieden beenden und die namentlich genannten Hauptschuldigen bestrafen. Dem folgten weitere, jedoch anonyme Eingaben dieser Art aus demselben Umfeld.
Hintergrund war der zunehmende Unmut im Reichstag über die Profite der Kriegs- und Rüstungsindustrie, zu deren Überprüfung ein Reichstagsausschuss gebildet worden war. Daher sahen Intellektuelle die antisemitischen Eingaben als Ablenkungsmanöver.