Willie Reginald („Reg“) Bray (* 30. April 1879 in London (Forest Hill); † 6. Juni 1939 in Croydon) war ein englischer Exzentriker, der vier Jahrzehnte lang und mit mehr als 32.000 teilweise skurrilen Postkartenexperimenten und Objektversendungen – einschließlich seiner selbst – die Leistungsfähigkeit der britischen Royal Mail erforschte und dabei mehr als 15.000 Autogramme von Personen aus aller Welt sammelte. Durch Ausstellungen seiner Autogrammsammlung, Publikationen zu postalischen Themen und durch Auftritte im Radio etablierte er sich in der Öffentlichkeit als The Human LetterDt. „Der menschliche Brief“ und The Autograph King.Dt. „Der König der Autogramme“
mini|Die meisten der heute noch erhaltenen Postkarten von Reginald Bray sind mit der One Halfpenny Victoria frankiert.
Leben Bray wurde 1879 im Stadtteil Forest Hill, im Südsüdosten von London, als Sohn von Edmund und Mary Bray geboren. Das Ehepaar lebte dort in einer viktorianischen Villa zusammen mit Edmunds Halbgeschwistern Mark und Lizzie Duffet und deren Mutter Elizabeth Duffet in der Stanstead Road.
Als 10-Jähriger besuchte Reginald das St. Dunstan’s College. Es wird berichtet, dass er ein durchschnittlicher Schüler war, der früh mit dem Sammeln von Briefmarken und Zugfahrscheinen begann und der – nicht zuletzt um „female companionship“ zu suchen – mit Freunden dem Forest Hill Cycling Club, dem lokalen Radfahrer-Club, beitrat. Diese Freude am Radfahren erhielt er sich sein ganzes Leben.
Bray machte eine Ausbildung zum Buchhalter und übte diesen Beruf zeit seines Lebens aus. Die so erlernte Sorgfalt wandte er auch bei seinen Hobbys an, indem er jeder verschickten Kuriosität und jeder postalischen Autogrammanfrage eine Nummer zuordnete und den Vorgang ausführlich dokumentiert in einem Register niederlegte.
Nachdem er als junger Mann drei Schwestern, die er durch den Forest Hill Cycling Club kennen gelernt hatte, gleichzeitig hofiert hatte, entschied er sich für die mittlere, Mabel Hargreaves, und heiratete sie im September 1908. Das Ehepaar hatte eine Tochter namens Phyllis, die im August 1909 geboren wurde.
Seit seiner Geburt wohnte Bray in Forest Hill. Er verließ diesen Stadtteil erst 1938, als er nach Croydon zog.
W. Reginald Bray, „who never took a sick day in his life“,Dt. nach Angaben seiner Familie: „der in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen Tag krankgeschrieben war“ starb im Alter von 60 Jahren in seinem Haus an einem Herzinfarkt.
Postalische Experimente mini|hochkant|Penfold-Briefkasten (Penfold pillar box); Replikat der hexagonalen, viktorianischen Form, benannt nach dem Architekten und Designer John Wornham Penfold Das Jahr 1898 wurde von Bray selbst als der eigentliche Beginn seiner Faszination vom Postsystem angesehen, da er in diesem Jahr für einen SixpenceDamalige Kaufkraft: etwa ein 4-lb-Brot oder 1 lb Käse den aktuellen Post Office Guide, in dem jede Art postalischer Dienstleistung, deren Kosten sowie die diese betreffenden Postbestimmungen aufgeführt waren, erwarb und komplett durchlas.
Der Bray-Biograf John Tingey vermutet, dass Formulierungen im Post Office Guide wie „letters [etc.] should be clearly and legibly addressed“Dt. „Briefe [etc.] sollten deutlich und lesbar adressiert sein.“ und „all letters [etc.] must be delivered as addressed“Dt. „alle Briefe [etc.] müssen der Adresse entsprechend ausgeliefert werden.“ Brays Neugier weckten, bis zu welchen Grad die Royal Mail ihren eigenen, im Post Office Guide niedergeschriebenen Vorgaben Folge leisten könne. Des Weiteren vermutet Tingey, dass es geradezu schicksalhaft war, dass sich, als die ganze Familie 1899 in das Haus Nr. 135 in der Devonshire Road zog, ein Penfold-Briefkasten in Sichtweite des Hauses befand – und noch heute dort befindet.
Über 40 Jahre lang und bis zu seinem überraschenden Tod führte Bray mehr als 32.000 sowohl kreativ konzipierte als auch systematisch dokumentierte postalische Experimente und Autogrammanfragen durch. In den 1950er Jahren verkaufte seine Tochter Phyllis dieses Material kistenweise und nur einige ausgewählte Stücke blieben in Familienbesitz. Heute sind Post-Curiosa von W. Reginald Bray gesuchte Sammlerstücke.
Inoffizielle Postkarten Versendungen von skurrilen Postkarten waren z. B. eine von seiner Mutter Mary mit dem Muster „Bray, Forest Hill“ gehäkelte Karte. Noch unverheiratet schickte er eine weitere gehäkelte Karte an Annie Taylor, eine junge Dame, die er verehrte (die Beziehung wurde erfolglos beendet). Auch experimentierte er mit ungewöhnlichen Postkartenformaten: Selber gezeichnete und ausgeschnittene cartoonhafte Formen wie ein Männerkopf oder ein Eselskopf; auch verschickte er mehrere Postkarten, die aus gestärkten Hemdkragen zusammengenäht waren.
Durch seine postalischen Collagen, Zeichnungen und Bilderrätsel (siehe unten) war Bray damit ein bisher nicht als solcher anerkannter Vorreiter der Mail Art, die erst 60 Jahre später durch Ray Johnson populär gemacht wurde.
Kryptische Adressen Um die Fähigkeiten der Postzusteller zu erforschen, schrieb Bray Adressen in Reimform (teils reiner, teils unreiner Endreim), wobei er gelegentlich als Hilfestellung – wie im angegebenen Beispiel – die essenziellen Elemente unterstrich. Diese Karte wurde an E. Arnold, einen langjährigen Nachbarn und Freund von Bray, geschickt, an den er häufig Postkarten adressierte, die er dann bei gemeinsamen Treffen wieder zurückerhielt:
Adresse, wie sie von W. Reginald Bray angegeben wurde Freie deutsche Übersetzung (in gereimter Adaption)Now Postman be kind if you will Deliver this down at „Torrhill“ This house is situated in Devon The post went out about eleven The Post Office is down in the village The name of which is Ivybridge The address I think I’ve now you told Except the name is E. Arnold.Herr Briefträger, bitte freundlich verstehen Nach „Torrhill“ soll diese Karte gehen In Devon lieget dieses Haus Die Post ging etwa elf Uhr raus Das Postbüro ist unten im Ort Und Ivybridge nennt man ihn dort Die Adresse hab ich jetzt mitgeteilt Dort ist es, wo E. Arnold weilt.
Ende des 19. Jahrhunderts kamen Bildpostkarten und Ansichtspostkarten in Mode. Bray verwendete sie bald bei seinen Experimenten, indem er als Adresse „To the Occupier“,Dt. „An den Einwohner“ „To the Resident nearest...“Dt. „An den nächsten Anwohner“; im Sinne von: „An den Anwohner, der am nächsten dort [an der umseitig gezeigten Destination] wohnt“ oder ähnliche Formulierungen verwendete, um Personen zu erreichen, die im auf der Karte abgebildeten Gebäude, Leuchtturm, Schiff, Zug, geographischen Objekt o. ä. als Ein- oder Anwohner lebten oder arbeiteten. Auf den Karten stellte er den ihm unbekannten Adressaten einfach zu beantwortende Fragen und bat sie, diese postalisch zu beantworten und die Karten an ihn zurückzuschicken. In einem dieser Fälle – Bray schrieb an die Brighton Fire Brigade auf einer Karte, die angeblich die Feuerwehrmänner bei einem großen Brandeinsatz (das „Lewes Fire“ im Jahre 1905) zeigte – erhielt er als Antwort einen Brief, in dem zugegeben wurde, dass das Foto schon vor dem Brand während einer Übung auf dem Polizeisportplatz entstanden sei und dass die abgebildeten Feuerwehrmänner nichts mit dem Brandeinsatz zu tun gehabt hätten.
Bei weiteren Postkarten mit bildlich dargestellten Adressen, z. B. dem Porträt des Empfängers (plus Straßenname (ohne Nummer) plus Ort), fügte Bray den folgenden sehr höflich erläuternden, aber auch unterschwellig die Berufsehre ansprechenden Kommentar bei: “Dear Sir (or Madam), will you kindly redirect this postcard to the above address as I want to test the skill of the postal authorities with regard to cards pictorially addressed.”Dt. „Sehr geehrter Herr (oder Dame), könnten Sie so freundlich sein, diese Postkarte an die obige Adresse weiterzuleiten, da ich die Fähigkeit der Postbehörde in Hinblick auf bildliche dargestellte Adressen testen möchte.“ In einem dieser Fälle – die Postkarte wurde natürlich zugestellt und Bray erhielt sie später zurück – kommentierte ein britischer Postbeamter ein Strafporto am Rande der Postkarte: “Pursuing this game we hope there are not many. However, for your hobby you will have to pay a penny.”Dt., frei übersetzt etwa: ‚Wir hoffen, dass nicht viele solchen Spielchen frönen. Nichtsdestotrotz müssen Sie für Ihr Hobby einen Penny Strafporto löhnen.‘
Weitere Ansätze waren aus Zeitungen zusammengesetzte Bild-Collagen oder auch von Bray selbst sehr realistisch gezeichnete Bilderrätsel, mit denen er die Adresse visuell darstellte.
Unverpackte Objekte Unter den Gegenständen, die Bray ohne Verpackung, aber frankiert und an sich selbst (oder an seinen Freund E. Arnold, s. o.) adressierte und verschickte – oft auch von Reisezielen aus, die er im Urlaub oder an Wochenenden mit dem Fahrrad erreicht hatte –, befanden sich ein Kaninchenschädel (Adresse entlang den Nasenknochen geschrieben), eine (leere) Geldtasche, die man öffnen musste, um im Inneren die Adresse und Frankierung zu finden, ein Kürbis, eine Fahrradpumpe, eine Bratpfanne, ein Hausschuh, eine Kleiderbürste, eine Tabakspfeife, eine Hemdbrust, eine Schiefertafel, eine russische Zigarette, ein Gebinde Zwiebeln, eine frisch ausgegrabene Rübe (verschickt aus Irland), ein auf eine Postkarte geklebtes Stück Seetang, ein Pennystück mit einem gebohrten Loch, um den frankierten Adresszettel zu befestigen (Bray vergaß die Briefmarke und musste zwei Penny Strafgebühr zahlen).
Ungewöhnliche Versendung mini|Ballonfahrt um die Jahrhundertwende Um seine Sammlung von Poststempeln zu vergrößern, ersann Bray ungewöhnliche Methoden, um seine Postkarten zu Lande, zu Wasser und in der Luft so weit wie möglich zu verschicken.
So ließ er an sich selbst adressierte frankierte (und unfrankierte) Postkarten mit entsprechenden Instruktionen an den Finder (oder die Finderin) in Personen- und Güterwagen der Eisenbahn liegen in der Hoffnung, dass sie erst relativ spät entdeckt und von weit entfernten Orten an ihn zurückgeschickt würden.
Dem gleichen Zweck diente sein Verstecken von präparierten Postkarten in Stapeln der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift Tit-Bits (… from all the interesting Books, Periodicals, and Newspapers of the World), die bereits damals eine hohe Auflage erreichte und sich auf menschliche Dramen und Sensationsjournalismus spezialisierte.
Erfolge mit dieser Methode brachten ihn auf die Idee, präparierte und mit landesüblichen Marken frankierte Postkarten in zusammengerollten Zeitungen an fiktive Adressen in fernen Ländern zu schicken. Wenn in diesem Land bei Unzustellbarkeit die Zeitung entrollt wurde, fiel die Karte heraus und wurde von dortigen Postbeamten gestempelt und als unzustellbar an Bray zurückgeschickt. Bray, der fast sein ganzes Leben in Forest Hill verbrachte, machte sich einen Spaß daraus, Bekannten diese Karten als Beleg vorzulegen, dass er um die ganze Welt gereist sei.
Bray verschickte auch Postkarten per Flaschenpost, die er entweder selbst in Flüssen oder am Meer aussetzte oder die er von Bekannten, die eine Fähre benutzten, aussetzen ließ. Die Flaschen enthielten eine schriftliche Anleitung und das Versprechen, demjenigen eine kleine Belohnung zukommen zu lassen, der die darin enthaltene Postkarte an Bray zurückschickte.
Ebenso konnte er Ballonfahrer für seine Zwecke gewinnen, indem er sie bat, Postkarten an gasgefüllten Ballons der Willkür der Windströmungen zu übergeben.
Der menschliche Brief mini|Irish Terrier (photographische Aufnahme von vor 1911)