The Story of Menstruation (Die Geschichte von der MenstruationDeutsche Übersetzung des Film- und Broschürentitels nach: Colette Dowling: Perfekte Frauen. Die Flucht in die Selbstdarstellung. 2. Aufl., deutsche Erstausgabe. Fischer, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-10-015307-3, S. 168. Originalausgabe: Perfect Women. Hidden Fears of Inadequacy and the Drive to Perform. Summit Books, New York 1988, ISBN 0-671-54747-X.) ist ein Farb-Trickfilm von Walt Disney Productions aus dem Jahr 1946, der hauptsächlich als Unterrichtsfilm vor US-amerikanischen Schülerinnen aufgeführt wurde.

Handlung Animierte schematische Darstellungen des Menstruationszyklus wechseln mit Zeichentrickszenen ab, die Ratschläge für Mädchen beinhalten. Eine weibliche Stimme erklärt aus dem Off, dass es sich bei der Menstruation um eine natürliche und keineswegs Besorgnis erregende Angelegenheit handelt. Entgegen veralteten Volksregeln wird den Mädchen empfohlen, auch während der Periode zu baden oder zu duschen und ihren gewohnten körperlichen Betätigungen wie Radfahren, Reiten oder Tanzen nachzugehen. Es wird zum Führen eines Menstruationskalenders geraten und dessen Handhabung erklärt. Bewegung, gesunde Ernährung und gute Laune sollen Beschwerden während der Periode verhindern oder lindern. Insbesondere soll Verstopfung vermieden werden, da diese den Menstruationszyklus störe.

Hintergrund Nach dem Ersten Weltkrieg setzte in den USA eine kontrovers geführte Diskussion ein, ob das bisher weitgehend tabuisierte Thema Menstruation aus der rein familiären Sphäre (von Mutter zu Tochter) herausgelöst und zu einem schulischen Unterrichtsgegenstand werden sollte. Während Mediziner, Pädagogen und Frauenrechtlerinnen die unbedingte Notwendigkeit eines solchen Unterrichts betonten, sahen Kritiker darin einen Verstoß gegen Anstand und Sitte oder eine Bevormundung der Eltern bezüglich ihrer Erziehungshoheit.Joan Jacobs Brumberg: “Something Happens to Girls”: Menarche and the Emergence of the Modern American Hygienic Imperative. In: The Girl’s History and Culture Reader, The 20th Century. Edited by Miriam Forman-Brunell and Leslie Paris, University of Illinois Press, Urbana 2011, ISBN 978-0-252-03580-7, S. 31f. Besonders heftige Widerstände kamen aus konservativen Kreisen des Katholizismus, die befürchteten, dass solche Lehrinhalte die Jugend zu unzüchtigen Gedanken verführen könnten.Sharra Louise Vostral: Under Wraps. A History of Menstrual Hygiene Technology. Lexington Books, Lanham 2008, ISBN 978-0-7391-1385-1, S. 118f. In den 1920er-Jahren begannen progressive Schulen und Organisationen wie die Pfadfinderinnen (Girl Scouts), Mädchen außerhalb der Familie in diesem Thema zu unterrichten. Die Unterrichtsinhalte waren dabei „entsexualisiert“: Sie beschränkten sich auf Anweisungen zur Hygiene, eine Sexualaufklärung fand nicht statt. Kimberly-Clark veröffentlichte als Hersteller von Produkten zur Damenhygiene 1932 die Broschüre Marjorie May’s Twelfth Birthday, die jungen Mädchen Informationen zur Menarche bot. Als erstes Unterrichtsmedium zum Thema in Form eines Films gilt The Story of Menstruation.

1945 gründete Walt Disney Productions die Abteilung Educational and Industrial Film Division, die Kurzfilme zu Unterrichtszwecken produzierte. Bis 1951 entstanden hier zahlreiche Lehrfilme im 16-mm-Format, die von Wirtschaftsunternehmen finanziert wurden und nicht in den Verleih kamen, sondern von den auftraggebenden Firmen kostenlos an Schulen verteilt wurden. Von diesen Filmen gilt The Story of Menstruation als der am intensivsten rezipierte.Sean Griffin: Tinker Belles and Evil Queens. The Walt Disney Company from the Inside Out. New York University Press, New York 2000, ISBN 0-8147-3122-8, S. 35. Die International Cellucotton Products Company (ICPC), das für Handel und Werbung zuständige Tochterunternehmen von Kimberly-Clark, gab den Film 1945 in Auftrag. Ein Gynäkologe fungierte als Fachberater. Ende 1945 wurden Storyboards vor Lehrpersonal und Schülerinnen gezeigt. Dabei zeigte sich, dass eine geplante Zeichentrickszene mit einem lächelnden Fetus nicht realisiert werden durfte, da jegliche bildliche Darstellung von nackten menschlichen Körpern in Schulen verboten war.Thomas Heinrich, Bob Batchelor: Kotex, Kleenex, Huggies. Kimberly-Clark and the Consumer Revolution in American Business. Ohio State University Press, Columbus 2004, ISBN 0-8142-0976-9, S. 121–124.

Rezeption Die Uraufführung am 18. Oktober 1946 vor ausgewähltem Lehrpersonal wurde positiv aufgenommen. In den Credits sind keine Namen von an der Produktion beteiligten Personen genannt, sondern lediglich die Firmennamen Walt Disney Productions und Kimberly-Clark. Sichtbare Produktplatzierung beschränkt sich auf die Nennung der Marke „Kotex“, der von Kimberly-Clark hergestellten Damenbinde, im Vor- und Nachspann. In der von der International Cellucotton Products Company produzierten Broschüre Very Personally Yours („Deine ganz persönliche Angelegenheit“), die jeweils wenige Tage vor einer Aufführung in einer Klasse an die Schülerinnen ausgegeben wurde, finden sich neben Szenenbildern aus dem Film, dem Vordruck eines Menstruationskalenders und allgemeinen Ratschlägen allerdings auch deutliche Empfehlungen von Kimberly-Clark-Produkten. Von Tampons (deren wichtigster Produzent mit marktbeherrschender Stellung das Konkurrenzunternehmen Tampax war) wird in der Broschüre abgeraten. The Story of Menstruation erhielt positive Besprechungen unter anderem im Journal of the American Medical Association und in der Zeitschrift Parents. Der Rezensent des Journal of the American Medical Association lobte als besonders modern und zukunftsweisend, dass der Film das Thema Menstruation mit „gutgelaunter Miene“ präsentiere, „ohne eine Atmosphäre von Anspannung, geschweige denn von Angst und Ekel zu erzeugen“.Medical Motion Pictures. The Story of Menstruation. In: Journal of the American Medical Association, 5. April 1947, S. 1033, zitiert nach: Sharra Louise Vostral: Under Wraps. A History of Menstrual Hygiene Technology. Lexington Books, Lanham 2008, ISBN 978-0-7391-1385-1, S. 122: “an air of good cheer”, “without creating an atmosphere of tension, not to say fear and disgust”. Die Auszeichnung mit dem renommierten Good Housekeeping Seal of Approval verschaffte dem Film zusätzliche Reputation.Sharra Louise Vostral: Under Wraps. A History of Menstrual Hygiene Technology. Lexington Books, Lanham 2008, ISBN 978-0-7391-1385-1, S. 122.

Die Vorführungen fanden zunächst in der 7. und 8. Klasse, also vor 12- bis 14-jährigen Mädchen, statt. Bald ging man dazu über, den Film in der 5. und 6. Klasse zu zeigen. Für diese jüngeren Mädchen gab Kimberly-Clark seit 1952 eine zweite Broschüre mit dem Titel You’re a Young Lady Now heraus. 1957 empfahl Kimberly-Clark grundsätzlich die Vorführung in der 5. Klasse.Lara Freidenfels: The Modern Period. Menstruation in 20th-century America. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2009, ISBN 978-0-8018-9245-5, S. 54f. Außer im Schulunterricht wurde der Film auch vor schulischen Elternvertretungen, in Gruppen der YWCA und auf Wöchnerinnenstationen gezeigt.

The Story of Menstruation war von 1946 bis in die erste Hälfte der 1980er-Jahre als Unterrichtsmedium in Schulen in Gebrauch. In diesem Zeitraum erreichte der Film ein Publikum, das nach verschiedenen Studien auf 93Colette Dowling: Perfekte Frauen. Die Flucht in die Selbstdarstellung. 2. Aufl., deutsche Erstausgabe. Fischer, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-10-015307-3, S. 168. Originalausgabe: Perfect Women. Hidden Fears of Inadequacy and the Drive to Perform. Summit Books, New York 1988, ISBN 0-671-54747-X. bis 105Susan Kathleen Freeman: Sex Goes to School. Girls and Sex Education Before the 1960s. University of Illinois Press, Urbana 2008, ISBN 978-0-252-03324-7, S. 86. Millionen Personen geschätzt wird. Ganz überwiegend handelte es sich dabei um Mädchen, vergleichsweise wenige Jungen wurden zu den Vorführungen zugelassen. Laut einer Mitteilung von Kimberly-Clark aus dem Jahr 1964 sahen bis zu diesem Zeitpunkt ca. 47 Millionen Schülerinnen den Film, 31 Millionen Exemplare der Broschüren Very Personally Yours und You’re a Young Lady Now wurden ausgegeben. Der Film bzw. die gedruckten Materialien sollen nach Angaben des Unternehmens von 1946 bis 1964 etwa 20 Prozent der US-amerikanischen Mädchen erreicht haben.Lara Freidenfels: The Modern Period. Menstruation in 20th-century America. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2009, ISBN 978-0-8018-9245-5, S. 56. Very Personally Yours erschien in letzter Auflage 1970.Very Personally Yours (1970) im WorldCat, abgerufen am 21. März 2012. Als definitives Ende der Ära von The Story of Menstruation im amerikanischen Schulunterricht gilt das Jahr 1984, in dem der mit realen Darstellern besetzte, von Cerutti Productions und Kimberly-Clark produzierte 19-minütige Kurzfilm Julie’s StoryJulie’s Story in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database zum Standard-Unterrichtsfilm in Bezug auf das Thema Menstruation wurde.

Während verschiedentlich die Ansicht vertreten wird, dass der Film im Geltungsbereich des US-Rechts in der Mitte der 1970er-Jahre in die Public Domain übergegangen sei, da Disney die Copyright-Erklärung binnen 28 Jahren nach Erstanmeldung gemäß § 23 des U.S. Copyright Act von 1909 angeblich nicht erneuerte,Phil Hall: The Bootleg Files: “The Story of Menstruation” auf Film Threat, auch als Vollzitat in der Internet Movie Database, abgerufen am 21. März 2012.Dateibeschreibungen zu File:Storyofmenstruationtitle.jpg und File:Story of menstruation 2.jpg auf Wikimedia Commons, abgerufen am 18. September 2013. erfolgte eine Wiederanmeldung des Copyright bei der Library of Congress tatsächlich am 3. Dezember 1973.Eintrag-Nr. R564909 in: The Library of Congress, Copyright Office: Catalog of Copyright Entries, 3. Ser., P. 12/13, Motion Pictures, Vol. 26 (1973), S. 118, abgerufen am 18. September 2013.

Historische Einordnung In neuerer Zeit wird The Story of Menstruation vor allem vor dem kulturellen und künstlerischen Hintergrund der Epoche seiner Entstehung beurteilt. So thematisierten Janice Delaney, Mary Jane Lupton und Emily Toth 1988 in ihrer Abhandlung über die Kulturgeschichte der Menstruation die im Film deutlich stilisierte Darstellung sowohl der anatomischen Gegebenheiten als auch der Lebensrealität sowie das Verschweigen der Themen Sexualität, Zeugung und Schwangerschaft: