mini|Pfarrkirche hl. Martin, Blick nach Nordosten
Die Pfarrkirche zum heiligen Martin ist eine geostete römisch-katholische Kirche in der Marktgemeinde Sitzendorf an der Schmida in Niederösterreich. Die dreischiffige Staffelhalle aus romano-gotischer Zeit hat an der Nordseite einen spätbarocken Kapellenanbau.
Sie steht gemäß Verordnung des Bundesdenkmalamtes unter Denkmalschutz ().
Die dem heiligen Martin von Tours geweihte Pfarrkirche steht leicht erhöht an der nordöstlichen Seite des Hauptplatzes von Sitzendorf und wird von den mittelalterlichen Mauerresten des ehemaligen Friedhofs umgeben.
Geschichte Pfarrgeschichte Die Pfarre wurde am 24. September 1141 erstmals urkundlich erwähnt, als Bischof Reginbert von Passau die Kirche in Groß, eine heute zu Hollabrunn gehörende Katastralgemeinde, weihte. Das Patronatsrecht hatten damals die Kuenringer als Grundherren inne.
Im Jahre 1241 schenkte Pfalzgraf Kraiburg-Ortenburg die Kirche dem Kloster Baumburg,Baumburg an der Alz, S. 64, 69. jedoch verzichteten die Kuenringer erst 1277 auf das Patronatsrecht.Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 615.
Bis zum Jahre 1492 betreuten Weltpriester die Pfarre Sitzendorf. Der letzte war Doktor Martin Wölfel (von 1482 bis 1492), der seit 1474 Rektor der Universität Wien war.Sebastian Mitterdorfer: Conspectus historiae Universitatis Viennensis 2 (1724), 3 (Wien 1725)Kirche und Religion, gesehen am 19. August 2012. Ab 1492 erfolgte die Seelsorge durch Chorherren des Stiftes Baumburg.
Im Jahre 1553 wurde Haimeran Hueber (auch Haimram Huber) aus Baumburg als Pfarrer in Sitzendorf installiert, er konvertierte jedoch 1562 zum Protestantismus, heiratete und baute mit Geldern aus dem Kirchenvermögen ein Haus. Eine Inschriftentafel mit dem Wappen des Bauherrn an der Fassade Hauses Am Patergraben 2 (ehemaliger protestantischer Pfarrhof) gibt Auskunft über den Bau. Er steht unter Denkmalschutz. Nach dem Tod von Haimeran Hueber verklagte das Stift Baumburg die Witwe auf Herausgabe des Kirchenvermögens. Der Prozess endete mit einem Vergleich, wonach die Witwe die Fexung des Jahres 1575 an Baumburg abzuliefern und die Steuern seit 1566 nachzuzahlen hatte.Leo Maria Trapp Markt Sitzendorf, S. 18f
Bereits im Jahre 1574 hatte Propst Stefan Toblhaimer, ohne Konsens mit dem Kapitel und dem Ordinariat hergestellt zu haben,Baumburg an der Alz, S. 329. das Patronat und die Vogteirechte an den evangelischen Landmarschall Hans Wilhelm von Roggendorf verkauft., gesehen am 9. Mai 2012. Als nunmehriger Inhaber des Patronates bestimmte er die Konfessionszugehörigkeit des einfachen Volkes und die Pfarre wurde protestantisch.Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 616. Zwischen 1575 und 1628 kamen in der Pfarre protestantische Pastoren zum Einsatz, ehe die Seelsorge wieder von den Chorherren aus Baumburg übernommen wurde.
Das Kloster Baumburg leitete im Jahre 1615 Rechtshandlungen zur Rückgabe der Pfarrei ein. Kaiser Ferdinand veranlasste im Jahre 1631 schließlich die Rückgabe der Pfarre an Baumburg. Die Rekatholisierung erfolgte im Jahre 1635.
Der letzte aus Baumburg nach Sitzendorf entsandte Pfarrer war Albert Knoll, der von 1762 bis 1786 Dienst in Sitzendorf versah.Leo Maria Trapp: Markt Sitzendorf S. 34 Ab diesem Zeitpunkt übernahmen wieder Weltgeistliche die seelsorgerischen Aufgaben in der Pfarre. Mit Inkrafttreten des Reichsdeputationshauptschlusses im Jahre 1803 endete nach mehr als 500 Jahren das Patronat des Klosters Baumburg und die Pfarre wurde landesfürstlich.Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 617.
Heute liegt die Pfarre im Dekanat Schmidatal in dem zur Erzdiözese Wien gehörenden Vikariat Unter dem Manhartsberg.
Baugeschichte 500px|rechts|Baualterplan der Kirche mini|hochkant|Vermauertes Portal zur ehemaligen Stifterkapelle Ursprünglich wird eine romanische Pfeilerbasilika mit Querhaus und Langchor vermutet,Dehio-Handbuch. 1990, S. 1093. die später durch das heute bestehende Langhaus teilweise ersetzt wurde. An dieses schließt der Chor an, der älteste erhaltene Bauteil der Pfarrkirche. Die Gewölbe des Chores sitzen auf reliefierten Kapitellen über gekappten Diensten und lassen die Bauzeit um 1280/1290 vermuten.Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 621. Aus dieser Zeit stammen auch die an der Außenseite der Apsis noch vorhandenen Reste der gotischen Strebepfeiler.
Südlich des Chores wurde um 1320/1350 eine repräsentative Stifterkapelle angebaut, die ursprünglich nur über ein südseitig gelegenes Portal zu betreten war und als Grablege diente. In dieser Kapelle befand sich das Hochgrab des am 8. August 1504 verstorbenen Ritters Hanns von Wulfestorff. Das heute vermauerte Portal ist in der Fassade des südlichen Seitenschiffes zu sehen. Im 15. Jahrhundert wurde eine Öffnung zum Chor in Form eines überhöhten Spitzbogens hergestellt.
Zwischen 1450 und 1470 erfolgte die Errichtung des heutigen, dreischiffigen, ursprünglich wohl flach gedeckten Langhauses, mit Westempore. Mit spitzbogigen Arkadenöffnungen in den Langhauswänden des Mittelschiffes stellte man die Verbindung zu den Seitenschiffen her und auch die Stifterkapelle wurde zum südlichen Seitenschiff hin durch einen Spitzbogen geöffnet.
Die Bautätigkeit des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts fand mit der Einwölbung des Langhauses ihren Abschluss. Diese Arbeiten erfolgten in Etappen, wie Untersuchungen der unterschiedlichen Gewölberippen und ihrer Anläufe ergeben. Um 1520/1540 wurde im Bereich des westlichen Joches des südlichen Seitenschiffes eine niedrige Vorhalle angebaut.
Wann die Kirche einen Turm erhielt, konnte noch nicht eindeutig festgestellt werden. In der Topographia archiducatus Austriae Inferioris modernae aus dem Jahre 1672 von Georg Matthäus Vischer ist sie bereits mit einem Turm über der Apsis des südlichen Seitenschiffs dargestellt. Die Bauzeit dürfte in der 2. Hälfte des 16. oder in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts liegen.Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 624. Im Jahre 1706 erhielt dieser Turm, der damals schon die heutige Höhe hatte, einen neuen Zwiebelhelm. Andere QuellenDehio-Handbuch. 1990, S. 1094 geben das Jahr 1780 als Datum der Errichtung des Turmes an.
Ab 1740 begann unter Otto Ferdinand von Dietrichstein eine umfangreiche Barockisierung, die nach seinem Tod im Jahre 1744 durch seinen Sohn Leopold Maria Franz nicht im geplanten Ausmaß vollendet wurde.Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 625 Fertiggestellt wurde die Umgestaltung des Chores mit der Errichtung des Hochaltars, dem Zubau der Sakristei mit Oratorium südlich des Chores und dem Anbau einer Nordkapelle. Im Zuge der Barockisierung wurden die drei östlichen Gewölberippen des gotischen Polygonschlusses entfernt und die gotische Gewölbeschale durch eine barocke ersetzt. Da es nicht zur Ausführung der geplanten Neueinwölbung des Mittelschiffes kam, die etwa 2,5 Meter höher liegen sollte als jene aus dem 15./16. Jahrhundert, wurden die an der Außenmauer bereits vorbereiteten Lünettenfenster, welche das barocke Gewölbe erhellen sollten, vermauert. Mit der spätbarocken Umgestaltung des Turmes fanden die Umbauarbeiten am 15. Juli 1772Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 626. ihren Abschluss. Die komplette Barockisierung der Ausstattung der Kirche und die geplante einheitliche Neufassadierung kamen nicht zur Ausführung.
Um 1899 wurde die östlich des Turmes bestehende, zweigeschoßige, barocke Sakristei abgebrochen und durch eine neue ersetzt. Der Aufgang zur Empore wurde vom westlichen Ende des südlichen Seitenschiffes in einen neuen Zubau westlich der Vorhalle verlegt. In dieser Zeit erfolgten auch Restaurierungen des Kirchenbaus. Weitere Restaurierungen fanden in den Jahren 1965 sowie von 2001 bis 2005 statt.
Da die Kirche weder durch Brand noch durch kriegerische Einwirkungen jemals beschädigt wurde, lassen sich die einzelnen Bauphasen und Bauabschnitte durch Untersuchung der sichtbaren Mauertechnik und durch dendrochronologische Untersuchungen der Dachstühle relativ genau datieren. (Bauforschung)Aichinger-Rosenberger: Daheim in Sitzendorf, S. 617 ff.
Baubeschreibung Das Äußere mini|Vermauerte Lünettenfenster am Obergaden der Südfassade Die Kirche besteht aus einem dreischiffigen Langhaus mit einem polygonalen abschließenden Chor mit annähernd firstgleichen Satteldächern, die mit den querliegenden Satteldächern der Seitenkapellen beziehungsweise im Turmanschlussbereich eine Kreuzform bilden. Durch diese Dachform wird das Vorhandensein eines Querschiffs suggeriert.Aichinger-Rosenberger, Baugeschichte, S. 1
Das hohe Mittelschiff des Langhauses ist durch Putzbänder und Lisenen sowie durch Lünettenfenster, die nach Abbruch der geplanten Barockisierung nach 1744 abgemauert wurden, gegliedert. Diese abgemauerten Fenster befinden sich oberhalb des Pultdachansatzes des südlichen Seitenschiffes.
Die Strebepfeiler des Chores und die Maßwerkfenster des nördlichen, polygonalen Seitenchores aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden im 18. Jahrhundert barockisiert und zum Teil erneuert. 1778 wurden die romanische Westfassade, die etwa 1,80 Meter vor die Seitenschiffe vorspringt, mit Pilastern, einem geschweiften Aufsatz und einer Dreieckgiebelbekrönung betont und die romanischen Mauern des Langhauses mit Lisenen gegliedert. Das rechteckige Westportal hat eine geschwungene, profilierte Verdachung mit Voluten und wird von Fenstern mit eingezogenem Rundbogenschluss in Steingewänden flankiert.
Am nördlichen Seitenschiff wurde im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts ein barocker Kapellenanbau mit einem korbbogenförmigen Abschluss errichtet. Das südliche Seitenschiff hat Maßwerkfenster aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Über der ehemaligen Stifterkapelle aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erhebt sich der spätbarocke Turm mit dreizoniger Gliederung und Glockenhelm. Im hohen Sockelgeschoß sind zweibahnige, spätgotische Spitzbogenfenster mit Maßwerk erhalten.
Am westlichen Joch des südlichen Seitenschiffs ist eine netzgratgewölbte Vorhalle aus dem 16. Jahrhundert angebaut. Sie hat nach Süden ein profiliertes Schulterbogenportal mit Kielbogen, auf dem sich ein Kreuzblumenaufsatz befindet. An der Außenwand des nördlichen Seitenschiffes gibt es einen spätgotischen, reliefierten Wappenschild mit der Darstellung des österreichischen Bindenschildes. Dieser Wappenschild entspricht in Form und Größe exakt dem Schlussstein des Gewölbes in der Apsis des Südseitenschiffes, weshalb angenommen wird, dass er ursprünglich dort appliziert war. Wann und warum er an die Außenwand versetzt wurde, ist nicht überliefert. Nördlich des Chores befindet sich eine römische Grabplatte mit Ritzkreuz und Inschrift.
Das Innere mini|Einblick nach Osten Das im Kern aus dem 14. Jahrhundert stammende, dreischiffige Langhaus hat einen pseudobasilikalen Querschnitt. Das Mittelschiff mit zwei quadratischen Jochen und einem Sternrippengewölbe mit ineinandergreifenden Achtzackensternen auf polygonalen Wandpfeilern ist aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Zu den Seitenschiffen öffnet es sich mit spitzbogigen Arkaden. Das weite, quadratische Chorjoch aus dem 14. Jahrhundert mit einem barock ausgerundeten, ursprünglich gotischen Fünfachtelschluss wird von einem Kreuzrippengewölbe mit reliefierten Rosettenschlusssteinen auf profilierten und teils vegetabil profilierten Konsolen und kurzen Diensten überspannt.
Das südliche Seitenschiff hat ein Netzrippengewölbe auf überkreuzten Anläufen aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Schlusssteine des Gewölbes sind im Gegensatz zu jenen des Nordseitenschiffes nicht reliefiert. Östlich endet es in einem Fünfachtelschluss.