Die christliche Erziehung war von der Entstehung des Christentums bis ins 20. Jahrhundert hinein die in der westlichen Welt vorherrschende Strömung der Erziehung. Obwohl sie mit der Katechese zusammenfällt und ihr Ziel einheitlich der Glaube ist, umfasst die christliche Erziehung eine Vielzahl von Erziehungskonzepten, deren Schwerpunkte und Normen durchaus heterogen sind und sich im Laufe der Geschichte erheblich gewandelt haben.

Vom 18. Jahrhundert an gingen aus der christlichen Erziehung zunehmend säkulare, reformpädagogische Bewegungen wie der Philanthropismus hervor. Ebenfalls im 18. Jahrhundert hat sich aus der christlichen Theologie als weltliche Wissenschaft die Pädagogik herausdifferenziert.

Das Christentum als Pädagogik Das Christentum entstand mit dem Anspruch einer Erneuerung des bereits in der hebräischen Bibel bestehenden Bundes Gottes mit den Menschen, dessen äußeres Zeichen Jesus Christus war.Baur (1892), S. 7f. Christus erschien im Neuen Testament als der erwartete Heiland, als Erlöser, wobei der Begriff der Erlösung pädagogisch gefasst war, nämlich als Befreiung des seit dem Sündenfall schuldig geborenen Menschen von der Sünde.Baur (1892), S. 15. Bereits für den griechischen Theologen Clemens von Alexandria (um 150‒um 215) war Christus der göttliche Erzieher, der alle Lehrer der Menschheitsgeschichte übertrifft; die christliche Religion ist für ihn die wahre Paideia.; auch nach der Bibel war Jesus Christus ein Lehrer (Lukas 10,38‒42; Johannes 3,2). Unter Hinweis auf Matthäus haben die christlichen Konfessionen bis ins 20. Jahrhundert Anspruch auf eine universale Lehrgewalt vertreten.

Theologische Begründung und Frühgeschichte der christlichen Pädagogik Unterschiede zur antiken und zur jüdischen Erziehung Weil die Erlösung nicht durch äußere Mittel wie z. B. Opfer, sondern nur von innen heraus ‒ durch Buße und Glauben ‒ erlangt werden kann, zielt die christliche Erziehung nicht auf eine Entwicklung intellektueller oder praktischer Fähigkeiten, sondern vielmehr darauf, die Persönlichkeit für die christliche Botschaft empfänglich zu machen.Baur (1892), S. 15f., 23. Während der Gegenstand der antiken Erziehung der künftige Staatsbürger war und die jüdische Erziehung sicherstellen sollte, dass die Gesetze befolgt würden, standen im Mittelpunkt der christlichen Erziehung die künftigen Bürger eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist. Da Gott kein Ansehen der Person kennt, wurden im Christentum ‒ anders als in Griechenland und Rom ‒ auch Frauen, Sklaven und Lohnarbeiter als der Erziehung für würdig und bedürftig erachtet.Baur (1892), S. 19 f.

mini|„Lasst doch die Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran! Gottes Reich ist ja gerade für solche wie sie bestimmt.“ (Markus 10,14)Gemälde von Carl Bloch, 19. Jahrhundert

Pädagogik des Evangeliums Das Evangelium bzw. die Lebensgeschichte Christi gibt wenig direkte Anleitung für die christliche Erziehung.Baur (1892), S. 24f. Matthäus 18,2‒14 und Markus 10,13‒16 sind allerdings dahingehend interpretiert worden, dass Kinder ‒ obwohl sie sündig und mit einem Eigenwillen geboren werden, der Gottes heiligem Willen entgegengesetzt sei ‒ ein Potenzial zum Guten haben, das noch weder durch die verderblichen Einflüsse der Welt noch durch eine bereits erstarkte Sündenlust oder durch Sündengewohnheiten ausgehöhlt sei, und das, weil das Kind voller Vertrauen sei, auf Erziehung noch stark anspreche.Matthäus 18,2‒14, Markus 10,13; Baur (1892), S. 25f. Jean Paul (1763–1825) formulierte auf dieser Grundlage später sein pädagogisches Prinzip, nach dem der Geist der Erziehung nichts anderes sei „als das Bestreben, den Idealmenschen, der in jedem Kind verhüllt liegt, frei zu machen durch einen Freigewordenen“.Baur (1892), S. 26; , erstmals 1807 ()

Paulus Bei den Aposteln und urchristlichen Missionaren, besonders Paulus, finden sich auch erste explizite Hinweise auf die Erzieherrolle der Eltern. Paulus erteilt Anweisungen wie „Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, auf daß sie nicht scheu werden.“ (Kolosser 3,21) und „Und ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Vermahnung zum Herrn.“ (Epheser 6,4). Explizit um die mütterliche Erziehung geht es hier nur vereinzelt, wobei den Müttern das Seelenheil ihrer Kinder allerdings besonders am Herzen liegt.Baur (1892), S. 26; Beispiele: Matthäus 20,20ff, 1. Timotheus 4,6, 2. Timotheus 1,5. Die Kinder werden einfach an das fünfte Gebot erinnert: „Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn, denn das ist billig.“ „Ehre Vater und Mutter“ – das ist das erste Gebot, das Verheißung hat: „auf daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden.“ (Epheser 6,1f).

Zu den Unterrichtsgegenständen, die in der paulinischen Pädagogik explizit angegeben werden, zählt auch die Kenntnis der Heiligen Schrift,2. Timotheus 3,14f; Baur (1892), S. 26. wobei das christliche Neue Testament zunächst teilweise nur mündlich tradiert wurde und vor dem 4. Jahrhundert auch noch nicht abschließend kanonisiert war.

mini|Die Apostolischen Väter richteten die christliche Erziehung im 1. und 2. Jahrhundert auf die Gottesfurcht aus.Allegorisches Gemälde von Peter Horemans (1753) in der Münchener Heilig-Geist-Kirche

Die apostolischen Väter Die apostolischen Väter erneuerten das Gebot des Gehorsams und der Ehrerbietung gegen die Eltern.Erster Clemensbrief, Kapitel 1,21; Brief des Polykarp an die Philipper, Kapitel 5. Zu den ersten christlichen Schriften, in denen der Erziehungsauftrag der Eltern explizit beschrieben wird, zählt der Barnabasbrief: „Ziehe die Hand nicht zurück von deinem Sohn, von deiner Tochter, sondern von Jugend auf lehre sie die Furcht des Herrn“,Zitiert nach Baur (1892), S. 33. ein Auftrag, den Polykarp von Smyrna ausdrücklich auch den Müttern erteilt.Brief des Polykarp an die Philipper, Kapitel 4. Das Gebot der Gottesfurcht, die bei den apostolischen Vätern zum zentralen christlichen Erziehungsziel wird, geht bei Clemens von Rom auf Psalmen 34,12 zurück.Psalmen 34,12; Baur (1892), S. 33 f. Die weiteren Aufgaben fasst Polykarp folgendermaßen zusammen: „Desgleichen (sollen) auch die Jünglinge untadelig (sein) in allem, vor allem der Keuschheit sich befleißen und sich selbst zügeln und zurückhalten vor allem Bösen; denn es ist gut, sich loszureißen von den Begierden der Welt, weil jede Begierde ankämpft wider den Geist und weil weder Hurer noch Weichlinge noch Knabenschänder das Reich Gottes erben werden, noch die, welche Unordentliches tun. Deshalb muß man sich von all dem enthalten, im Gehorsam gegen die Presbyter und die Diakonen wie gegen Gott und Christus; die Jungfrauen sollen in untadeligem und keuschem Gewissen wandeln.“Brief des Polykarp an die Philipper, Kapitel 5. In den apostolischen Konstitutionen wird Eltern erstmals auch aufgegeben, sich ihre Kinder für deren Seelenheil zu unterwerfen und sie reichlich zu züchtigen.Apostolische Konstitutionen (RTF; 972 kB) 4,11.

Die Kirchenväter Zu einem organisierten Glaubensunterricht, der auf die Taufe vorbereitete, kam es erstmals in der Zeit Justins des Märtyrers († 165) und mit größerem Erfolg in der Zeit von Origenes († um 254).Baur (1892), S. 37. Bereits Clemens von Alexandria († um 215), Origenes’ Vorgänger an der Katechetenschule von Alexandria, hatte mehrere pädagogische Schriften hinterlassen, von denen z. B. der Paidagogós die christliche Erziehung bis ins Detail beschreibt.Baur (1892), S. 54 f.

Als größter christlicher Pädagoge der Spätantike gilt Augustinus von Hippo, dessen um 405 entstandene Schrift De Catechizandis Rudibus (De Cat. Rud.) zwar auf den Erwachsenenunterricht zugeschnitten war, aber eine Fülle von Hinweisen zur Erziehung bot, wobei zu Augustinus’ zentralen Erziehungszielen die christliche Liebe (als Gottesliebe und Nächstenliebe) zählt; als Hauptbedingung eines erfolgreichen Unterrichtes nennt er die Freudigkeit des Lehrers, der im Umgang mit dem Schüler Freundlichkeit, Geduld und Selbstvervollkommnung sucht.Baur (1892), S. 41 f., 69‒75; Augustinus: Vom ersten katechetischen Unterricht (De catechizandis rudibus); Auch von Hieronymus (347‒420) sind zwei Briefe mit pädagogischem Inhalt überliefert.Brief an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter; Brief an Gaudentius über die Erziehung seiner Tochter Pacatula; Baur (1892), S. 88‒92.

Christliche Erziehung im Mittelalter Anders als Philippe Ariès es in seiner Geschichte der Kindheit dargestellt hat, waren das Leben der Kinder und das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zwar anders als heute und in seiner Distanz für uns fremd, aber dieses Verhältnis wurde durchaus als liebevolle Zuwendung konzipiert und praktiziert. Das Bild vom Kind entsprach dem des Urchristentums: es wurde gleichzeitig als sündhaft und als erziehbar begriffen.

mini|Geistlicher Gesang war ein wichtiger Bestandteil der klösterlichen Erziehung.Darstellung aus dem 14. Jahrhundert Klostererziehung Zu den Antworten des Christentums auf die praktische Schwierigkeit, in der Welt auf ein Reich hinzuleben, das nicht von dieser Welt ist, zählt das im 2. Jahrhundert begonnene und vom 4. Jahrhundert an sich rasch ausbreitende Mönchtum.Baur (1892), S. 84f. Vom 6. Jahrhundert entstanden, von Franken ausgehend, auch erste Frauenklöster. Die Jugend, die seit dem 5. und 6. Jahrhundert mehrheitlich bereits getauft war,Baur (1892), S. 47 konnte hier in der asketischen Weltentsagung nicht nur die christliche Lehre, sondern, etwa unter Basilius, auch die für nützlich erachteten Teile der antiken Bildung studieren.Baur (1892), S. 85 Basilius’ um 355 festgelegte detaillierte Mönchsregel hatte starken Einfluss auf das orthodoxe Klosterwesen und ist darüber hinaus ein bedeutendes Zeugnis der christlichen Pädagogik dieser Zeit.Baur (1892), S. 86 Einfluss auf das gesamte mittelalterliche Klosterwesens hatte die im 6. Jahrhundert von Benedikt von Nursia verfasste Mönchsregel, die Regula Benedicti. Benedikt forderte von Ordensleuten nicht nur Gehorsam, Keuschheit und Armut, sondern wollte sie auch dauerhaft an das Kloster binden und zur Arbeit erziehen, damit sie gegen die Versuchungen geschützt seien, die drohen, wenn man nicht gerade betet.Masius (1892), S. 121f; Prange (2008), S. 55 Ziel der benediktinischen Menschenformung war die Bereitschaft der Gläubigen zur Imitatio Christi.Prange (2008), S. 53. Während Benedikts Pädagogik ganz auf die religiös-sittliche Zucht gerichtet war,Masius (1892), S. 123 wurde unter dem Einfluss von Cassiodor (um 485 bis um 580) auch die Wissenschaft zur Berufsarbeit der Mönche,Baur (1892), S. 92f.; Masius (1892), S. 96ff., 122ff.; Cassiodor: Institutiones divinarum et saecularium litterarum wobei die Sieben Freien Künste den Grundstock des weltlichen Wissens bildeten.Masius (1892), S. 114ff. An den Benediktinerklöstern entstanden Klosterschulen (Mönchsschulen), in die künftige Ordensleute schon im frühen Kindesalter aufgenommen wurden.Masius (1892), S. 124. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurden daneben auch Außenschulen eingerichtet, in denen Laien und künftige Weltgeistliche unterrichtet wurden.Masius (1892), S. 125 Körperliche Strafen waren, wie u. a. Columban der Jüngere sich erinnert, ein allgegenwärtiges Erziehungsmittel.Masius (1892), S. 128

Karolingische Renaissance