Josef Marlin (* 27. August 1824 in Mühlbach; † 30. oder 31. Mai 1849 in Preßburg) war ein siebenbürgischer Schriftsteller und Journalist im Vormärz. Er schrieb auch unter dem Pseudonym Josi.

Leben

Kindheit und Schulzeit

Josef Marlin wuchs als Sohn eines Magistratsbeamten und späteren Finanzrats in Mühlbach auf.Arnold Kartmann u. Joachim Wittstock: Josef Marlin und die Emanzipation des Südostens, in: Die deutsche Literatur Siebenbürgens. Von den Anfängen bis 1848. II. Halbband. Pietismus, Aufklärung und Vormärz. Hrsg. von Joachim Wittstock und Stefan Sienerth. München 1999, S. 257. Nachdem er zunächst Privatunterricht erhalten hatte, besuchte er ab 1841 das evangelische Gymnasium in Hermannstadt und begann zu dieser Zeit mit seinen ersten schriftstellerischen Versuchen. Die Sehnsucht nach seiner Heimatstadt bezeichnete er als „erste Schöpferin [s]einer Poesie“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 530. Nach dem Ende der Schulzeit ergab sich eine mehr als einjährige Wartezeit, da materielle Gründe und Streitigkeiten mit Marlins Vater bezüglich der Studienwahl einer endgültigen Entscheidung im Weg standen.Egon Hajek: Josef Marlin, in: Die Karpathen 7 (1913/14), H. 13, S. 389 Diese nutzte er, um mehrere Erzählungen zu verfassen und das Drama „Sachs von Harteneck, der Königsrichter von Hermannstadt“ zu entwerfen. Schließlich bahnte sich dann aber doch eine Entscheidung an – für ein Theologiestudium sollte der junge Marlin nach Wien gehen.

Studium

Für Marlin begann bei seiner Ankunft in Wien am 21. August 1845 ein prägender Lebensabschnitt.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 564. Er befand sich in der Hauptstadt des Vielvölkerstaates der Habsburger und an einem Brennpunkt des Zeitgeschehens. Die Eindrücke und Erfahrungen, die er dort sammelte, bewegten den jungen Mann – gegenüber seinem Vater bekannte er in einem Brief, dass ein „Sturm von neuen Ideen […]durch [s]einen Kopf braus[e]“Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 576., seit er dort sei. Er beschäftigte sich ausführlich mit der siebenbürgischen Geschichte und berichtete, dass er „eine Zeitlang in Gefahr [schwebte], in die engen Grenzen eines Patriotism für das Sachsenland zu versinken“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 578. Schließlich aber setzte er sich – ganz im Sinne des Völkerfrühlings – auch mit derjenigen der anderen Völker auseinander: „Das Interesse, das ich an meiner eigenen Nation nehme, entzündet mich für eigentümlich nationale Entwicklung jedes Volkes“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 577. Er vertiefte seine Rumänischkenntnisse und fertigte einige Übersetzungen der rumänischen Literatur an. Die Auseinandersetzung damit mag auch den Plan zur Folge gehabt haben, eine Zeitschrift herauszugeben, die für die Emanzipation des gesamten europäischen Südostens kämpfen sollteJosef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 578 f. 1 – realisiert wurde er allerdings nicht. Marlin schrieb zu diesem Zeitpunkt bereits sehr viel, allerdings hielt er in seinen Erinnerungen selbst fest: „Strenge Sichtung der Gedichte und Vernichtung zahlloser Arbeiten“. Nicht nur durch seine Selbstkritik ergaben sich Probleme, sondern auch die Umsetzung gestaltete sich schwierig: „Viel Romanschreiberei, dachten damals, Verleger seien die wohlfeilste Ware, wurden sehr abgekühlt bei Haas, Braumüller, Hirschfeld und beschlossen die Redaktionen anzugehen“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 564 f. Im Januar 1846 setzte er sich mit den Zeitschriften „Der Sammler“ und „Österreichische Blätter für Literatur und Kunst, Geschichte, Geographie, Statistik und Naturkunde“ in Verbindung, trieb seine siebenbürgischen Studien voran und arbeitete an verschiedenen Werken.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 565 Nachdem Marlin immer mehr Schulden gemacht hatte und darüber in Streitigkeiten mit seinem Vater geraten war, brach er sein Studium ab und nahm im Dezember 1846 eine Hauslehrerstelle in Pest an.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 566.

Schriftstellerdasein und finanzielle Probleme

Im Januar 1847 verfasste er das Drama „Klara von Vyssegrad“, das am deutschen Theater in Budapest aufgeführt werden sollte. Doch das Theater brannte in der Nacht vor der Uraufführung ab – und mit ihm auch das Manuskript.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 567.Arnold Kartmann u. Joachim Wittstock: Josef Marlin und die Emanzipation des Südostens, in: Die deutsche Literatur Siebenbürgens. Von den Anfängen bis 1848. II. Halbband. Pietismus, Aufklärung und Vormärz. Hrsg. von Joachim Wittstock und Stefan Sienerth. München 1999, S. 259. Marlin war zwar weiterhin höchst produktiv, doch auch seine finanziellen Schwierigkeiten hielten an:

„Schrieb nun ein Skizzenbuch und zum ewigen Juden die Dissonanzen des ersten Aufzugs. Wollte ein neuer Diogenes werden, war im Ganzen doch fidel und kam oft mit fröhlichen Landsleuten zusammen. Verkaufte meine Bücher, speiste schmal, fror oft, schrieb dennoch und rauchte Portoriko zu 4 Kr. Trug mein Geschreibe in Hsts [gemeint ist Gustav Heckenast] Buchhandlung. Hoffte auf ein Stück Geld v.d. Eltern und vom Schreibsel aus.“

Aus der Misere half ihm seine Bekanntschaft mit dem Verleger der Pester Zeitung, Gustav Heckenast. Fortan verfasste Marlin Beiträge für das Blatt. Durch diese Tätigkeit stand Marlin in engem Kontakt mit dem Chefredakteur Eduard Glatz und lernte den Schriftsteller Karl Wilhelm Ritter von Martini kennen. 1847 erschienen seine „Politischen Kreuzzüge im Sachsenlande“ in seiner siebenbürgischen Heimat und lösten gemischte Reaktionen aus. In diesem Jahr beendete er zudem die Arbeit an „Attila“ und „Sulamith“. Im Januar 1848 begann er die Arbeit an „Horra“ und schrieb siebenbürgische Novellen – aber: „Immerdar wenig Geld“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 568 f.

Politische Ansichten und Betätigung

Die „Politischen Kreuzzüge im Sachsenlande“, die Marlin noch unter dem Pseudonym Josi veröffentlichte, zeigen deutlich seine Verhaftung in den Ideen des Vormärz. Er bekannte, dass er „im jungpatriotischen, liberalen Rausche die Landtagskuriere geschrieben“ habe, wie die Gedichtsammlung ursprünglich heißen sollte.

Obwohl ihm Gustav Heckenast 2000 Gulden für seinen „Horra“ geboten hatte, stürzte sich Marlin bei Beginn der Märzrevolution 1848 in politische Aktivität.Egon Hajek: Josef Marlin, in: Die Karpathen 7 (1913/14), H. 13, S. 390. Er trat der ungarischen Nationalgarde bei und veröffentlichte in der Pester Zeitung ein „Politisches Programm an die Siebenbürger Sachsen“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 601–604. Darin forderte er seine Landsleute auf: „laßt euer Herze einmal hochschlagen für die große, die göttliche Freiheit aller Nationen. […] Setzt euer Volk, setzt die Ehre eures deutschen Namens nicht länger aufs Spiel!“. Weiter rief er auf: „mäkelt nicht lange an den Bedingungen der Union, sondern reicht die Hand offen und ehrlich dem Ungar herüber, denn in der Einigkeit werden wir stark und in der Freiheit tapfer sein“. Ausgehend von den 12 Pester Punkten, sah er unter anderem folgende Reformen in Siebenbürgen als notwendig an:

Union mit den Ungarn, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit Gesetzliche Garantie für den nationalen und politischen Verband der Sachsen wie für die Unverletzbarkeit unseres Gebietes Die walachisch sprechenden Bewohner des Sachsenlandes müssen in politischer wie in konfessioneller Hinsicht emanzipiert werden und werden zu allen Ämtern, Würden und Handwerken zugelassen. Abschaffung des Zehntens, Besteuerung alles kirchlichen Gutes, Salarierung der Geistlichkeit nach Altersstufen Gründliche Reform oder nach Umständen Auflösung aller Zünftigkeit Öffentlichkeit und Mündlichkeit, Rechnungsablegung unserer Beamten; Säuberung der Magistrate. Licht soll fallen auf die Sünden unserer Bürokratie, welcher wir, nächst unseren Lehrern, alles Elend der Nation zu verdanken haben Reform, freie Gestaltung, Lehr- und Lernfreiheit der juridischen Fakultät zu Hermannstadt Schulreformen

Marlin schloss seinen Appell mit den Worten: „Der Gott der Freiheit und der Liebe helfe uns, das alles zu vollbringen. Marlin, Nationalgardist“. Eine öffentliche „Antwort auf das Politische Programm an die Siebenbürger Sachsen“ erhielt Marlin von einer Stelle, die er nicht erwartet hatte – Kritik erlangte er von seinem Vater. Er wollte ihn zwar nicht ob seiner Ideale tadeln, aber er habe in seinem Programm seine „Nation und ihren Beamten-, Lehrer- und Geistlichenstand unverzeihlich gebrandmarkt, und so wie du in der errungenen Preßfreiheit die Berechtigung zu dieser Sprache fandst, fühle ich als Vater mich berechtigt und verpflichtet, eben auch öffentlich dich zurechtzuweisen und dich zu mahnen, die scharfe Waffe behutsam zu gebrauchen, nicht ungerecht zu sein“. Er schrieb weiter: „Sieh! Überall in Europa sind die Völker in voller Aufregung; in unserem Sachsenlande aber, wo die zwischen uns wohnenden Walachen so grausam tyrannisiert werden sollen, herrscht tiefer Frieden, und das Volk hat nur den einen Wunsch: Gott schütze unsere Ordnung der Dinge!“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 605–608. Auf die „sonderbare Kritik“ gab Marlin in der Pester Zeitung vom 10. Mai 1848 Antwort.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 609. Darin warnte er: „Jedes politische Kokettieren der Sachsen mit Deutschland ist – ich sag' es frei – Landesverrat! Bedarf dies der Motivierung, ihr Sachsen, die ihr seit 700 Jahren ungrischen [sic] Boden bewohnt?“. Bald aber rückte Marlin enttäuscht vom Verlauf der Revolution von seinen vorherigen Positionen ab und erklärte als Ursache: „Es ist das Unglück der magyarischen Nationalität, daß sie den verschwisterten Nationalitäten gegenüber keine Mäßigung kennt“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 616. Im Mai 1848 äußerte er sich nahezu resigniert zur Situation in Siebenbürgen folgendermaßen: „So stehen die Sachen in Siebenbürgen, allerorten dräut der Nationenhaß, doch scheinen Walachen und Sachsen dieselbe Tendenz verfolgen zu wollen, und es ist in diesem Augenblicke an keine Union zu denken. Noch sind die Geschicke Österreichs dunkel. Die Weltgeschichte wird entscheiden. Weh' uns, wenn sie ein: „Zu spät!“ über Siebenbürgens Täler hinrufen sollte. Die politische Atmosphäre ist schwül. Ich weiß nicht, ob wir von Westen oder Osten das Gewitter zu erwarten haben“.Josef Marlin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Astrid Connerth, Bukarest 1958, S. 618. Als Lajos Kossuth im Oktober 1848 mit der ungarischen Nationalgarde Budapest besetzte, floh Marlin von dort.Karl Kurt Klein: Rumänisch-deutsche Literaturbeziehungen. Heidelberg 1929, S. 133. Er begab sich wieder nach Wien und erhielt „von Gustav Heckenast den Ruf zur zweiten Redakteurstelle zur Pester Zeitung […]; bald aber erhielt er von Cotta die Aufforderung, der Augsburger Allgemeinen Zeitung Berichte über den Gang der in den blutigsten Krieg ausgearteten magyarischen Revolution zu liefern“, wie sein Vater in einem Lebenslauf für Josef Marlin festhielt.Karl Kurt Klein: Josef Marlins Kriegsberichterstattung im Jahre 1849, in: Siebenbürgische Vierteljahresschrift 56 (1933), S. 55.

Tod