Der Campus Galli – Karolingische Klosterstadt Meßkirch ist ein modernes Bauvorhaben zur Nachbildung eines frühmittelalterlichen Klosters auf der Grundlage des St. Galler Klosterplans.

Der Bau des Klosterkomplexes in der Nähe der baden-württembergischen Kleinstadt Meßkirch im Landkreis Sigmaringen erfolgt unter Verwendung ausschließlich frühmittelalterlicher Arbeitstechniken. Seit Juni 2013 ist die Baustelle für Besucher geöffnet. Auf dem Bauplatz arbeiten ca. 50 festangestellte Mitarbeiter (Stand 2024), mehrere Teilnehmer an einem freiwilligen sozialen Denkmaljahr, eine wechselnde Anzahl von Freiwilligen sowie Berufsschulgruppen des Zimmerhandwerks. Die Gesamtbauzeit wird auf mehrere Jahrzehnte veranschlagt.

Bauplan Die Idee zu diesem Bauvorhaben hatte der Aachener Bert M. Geurten, als er im Jahre 2005 eine Dokumentation über das Burgbauprojekt im burgundischen Guédelon sah. Er wollte nicht eine zweite Burg bauen, sondern den nie verwirklichten Klosterplan von St. Gallen umsetzen.Erik Reuter: Campus Galli – Der Führer zur karolingischen Klosterstadt Meßkirch. Meßkirch 2013, S. 18.mini|Zeichnung (1876) der Gebäude nach dem St. Galler Klosterplan

Der originalgetreue Nachbau des St. Galler Klosterplans aus dem frühen 9. Jahrhundert wird etwa vier Kilometer nördlich von Meßkirch errichtet. Dabei kommen, im Sinne der experimentellen Archäologie, so weit wie möglich die damaligen Baumaterialien und -methoden zum Einsatz, wodurch man sich wissenschaftliche Erkenntnisse über die karolingische Architektur und Bautechnik verspricht.

Der St. Galler Klosterplan ist die früheste gezeichnete Darstellung eines Klosterbezirks aus dem Mittelalter. Er entstand um 825/26 im Kloster ReichenauAlfons Zettler: Ein höchst rätselhaftes „Wunder der Überlieferung“. Bemerkungen zu den Schöpfern und Empfängern des Klosterplans. In: Dieter Büker: In neuem Licht – Der Klosterplan von St. Gallen. Aspekte seiner Beschaffenheit und Erschaffung. Mit einem Beitrag von Alfons Zettler. Lang, Berlin 2020, S. 179–216; Walter Berschin: Der St. Galler Klosterplan als Literaturdenkmal. In: Peter Ochsenbein, Karl Schmuki (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan II. 2002, S. 107–150, hier S. 113. und zeigt die ideale Gestaltung einer Klosteranlage zur Karolingerzeit. Benannt ist der Plan nach der Zugehörigkeit seines Adressaten „Sohn Gozbert“ zur Fürstabtei St. Gallen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Diakon Gozbert den Jüngeren (830–859), Mönch in St. Gallen, und nicht wie zuvor angenommen an Abt Gozbert von St. Gallen.

Baufortschritt Am frühen Morgen des 1. August 2012 begann das Projekt „Campus Galli“: Auf einer Wiese bei Rohrdorf, die einen freien Blick auf den östlichen Horizont gewährte, wurde anhand der ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die Baulinie der Karolingischen Klosterstadt bestimmt.Martin Kieß: Die Orientierung der Baulinie der Basilika und der Klosterstadt in „Karolingische Klosterstadt Meßkirch – Chronik 2013“; Seite 36ff mini|Werkzeug auf dem Campus Galli Maßeinheit auf der Baustelle Auf dem St. Galler Klosterplan sind einige Längenangaben in Fuß angegeben. In Anlehnung an den Karolingischen Fuß (32,24 cm) wird auf dem Campus Galli die Maßeinheit Fuß mit einer Länge von 32 Zentimetern zugrunde gelegt. Der Campus-Galli-Fuß wird unterteilt in vier Hand zu je 8 cm, eine Hand in vier Finger zu je 2 cm und ein Finger in vier Gerstenkörner zu je 5 Millimetern.

Handwerkerhütten Bis Ende Juni 2013 wurden eine erste Fläche im Wald gerodet und die Bauhütten für die Handwerker errichtet, die mit ihrer Arbeit und ihren Erzeugnissen zum Projekt beitragen.

+ Liste der Handwerkerhütten Name Bauzeit Typ Bemerkung Foto Korbmacherei 2013 Holzbau Herstellung von Körben aus Weidenruten für den Transport und die Lagerung von Lehm, Schutt, Wolle etc. 120x100px Töpferei 2013 und 2019 Holzbau Die 2013 gebaute Töpferhütte wurde 2019 vergrößert und mit einem Holzschindel-Pultdach sowie mit Lehmseitenwänden versehen. Ein Töpferofen wurde 2016 mithilfe von Studenten der Universität Tübingen gebaut. Er besteht aus einer unterirdischen Feuerkammer und einer oberirdischen Brennkammer. Krüge, Kannen und andere Aufbewahrungs- und Trinkgefäße werden auf einem großen Töpferrad oder einer Töpferscheibe gefertigt und in einer Grube (Grubenbrand) oder im Töpferofen gebrannt. An der Töpferei befindet sich ein Abbaufeld für den Ton. 120x100px Schmiede 2013 Holzbau Im schindelgedeckten Grubenhaus werden Werkzeuge, Beschläge und Nägel für die Baustelle geschmiedet und repariert. 2016 wurde das Dach mit einer erweiterten Zuschaueröffnung saniert. 2019 wurde das Dach mit Holzschindeln gedeckt und ein Rauchfang mit Kamin gebaut. 2022 wurde das Fachwerk der ehemaligen Strohscheune neben der Schmiede aufgestellt, mit Schindeln gedeckt und mit Lehmwänden ausgefacht. Das Nebengebäude wird zur Nachbearbeitung von Schmiedestücken und zum Bronzeguss genutzt. 120x100px Drechslerei 2014 Holzbau Herstellung von Schüsseln, Werkzeugstielen und Möbeln mittels einer Wippbogen-Drechselbank 120x100px Steinmetzwerkstatt 2014 Holzbau Zerkleinerung und Behauung der Steine, so dass sie für Fundamente und Mauern gebraucht werden können 120x100px Schindelmacherwerkstatt 2013 Holzbau Herstellung von Dachschindeln als Regenschutz für die Bauten auf dem Campus 120x100px Schreinerei 2018 Holzbau Unterstand mit Werkzeugen für die Holzhandwerker am Abbundplatz 120x100px Färberei 2014 Holzbau Färbung der versponnenen Wolle mit pflanzlichen Farbstoffen. Zurzeit außer Betrieb. 120x100px Weberei 2015 Holzbau Reinigung, Kämmung und Verspinnung von Schafswolle 120x100px Küferei / Böttcherei 2022 Holzbau Herstellung von Holzeimern und -bechern aus Fichte oder Eiche

Temporäre Bauwerke vor Vollendung des Klosterplans Diese Bauwerke dienen dem aktuellen Betrieb des Campus Galli, haben aber noch nicht ihren im Plan festgelegten Umfang oder Standort.

Holzkirche mit Glockenturm mini|Holzarbeiter auf dem Abbundplatz 2014 wurde mit dem Bau der Holzkirche begonnen. In der Saison 2015 wurde insbesondere die Errichtung der Holzkirche bis zum Richtfest vorangetrieben. 2016 wurde sie „bis auf den Innenraum und Kleinigkeiten im Außenbereich“ fertiggestellt.Selina Ehrenfeld: Mehr als 65000 besuchen Campus Galli. In: Schwäbische Zeitung, 3. November 2016 In den Jahren 2018 und 2019 wurde ein Glockenturm gebaut, in ihm hängt eine vor Ort gegossene Glocke.

+ Liste weiterer provisorischer Bauten Name Bauzeit Typ Bemerkung Foto Schafstall 2020 Holzbau Stall für elf Waldschafe, eine alte und robuste Schafrasse, und eine zugelaufene Ziege 120x100px Schweinestall 2016 Holzbau Stall für die Schweine 120x100px Heilkräutergarten (Herbularius) 2013 Feldrandsteine Der Heilkräutergarten (Herbularius)Cornel Dora: Ein heilender Garten – Der „Herbularius“ auf dem St. Galler Klosterplan, in: Karolingische Klosterstadt Meßkirch – Chronik 2014, S. 52–57 ist als Provisorium in verkleinertem Maßstab angelegt. Er wird zu einem späteren Zeitpunkt an eine andere Stelle verlegt.Juliane Ludwig: Die Umsetzung des St. Galler Klosterplans im medizinischen Kräutergarten, in: Karolingische Klosterstadt Meßkirch – Chronik 2014, S. 68–69 Auf den sechzehn Feldern des etwa 8 m mal 8,6 m großen Gartens sind alle im Klosterplan verzeichneten Pflanzen zu finden: Salbei, Krauseminze, Weinraute, Kümmel, Schwertlilie, Liebstöckel, Poleiminze, Fenchel, Stangenbohne, Pfefferkraut, Frauenminze (Marienblatt), Griechisch Heu, Rosmarin, Minze, Lilie, Rosen.Ernst Tremp: Der St. Galler Klosterplan, St. Gallen 2014, S. 30–31, 39 Alle genannten Pflanzen sind auch im Capitulare de villis von Karl dem Großen aufgelistet, und der Reichenauer Abt Walahfrid Strabo beschreibt zehn der Kräuter in seinem Lehrgedicht Hortulus.Cornel Dora: Ein heilender Garten – Der „Herbularius“ auf dem St. Galler Klosterplan, in: Karolingische Klosterstadt Meßkirch – Chronik 2014, S. 52–53, 56 2021 wurde der Garten mit einem Weidengeflechtzaun umfasst. 120x100px

Bauten auf Basis des St. Galler Klosterplans mini|Baustand im Mai 2026 Für zukünftige Bauten musste zunächst ein entsprechender Mörtel gefunden werden, der auch den baulichen Anforderungen des 21. Jahrhunderts entspricht. Aus diesem Grund wurde ab 2017 zunächst die im Klosterplan eingezeichnete Mauer des Paradiesgartens begonnen, an der verschiedene Mörtelmixturen ausprobiert wurden. Da es auf dem Campus Galli zudem sehr schnell an Lagerraum mangelte, insbesondere für in der Landwirtschaft geerntetes Stroh, entschied man sich, als erstes Holzgebäude des St. Galler Klosterplans die Kornscheune zu errichten. Nach langem Warten aufgrund von Statikproblemen wurde Anfang Juni 2019 der Bau genehmigt.Am Campus Galli kann der Bau der Scheune beginnen auf südkurier.de vom 7. Juni 2019 Mit dem Nebengebäude des Abtshofes wird seit 2023 erstmals ein Gebäude teilweise in Stein gebaut.

+ Liste von Bauten basierend auf dem St. Galler Klosterplan Name Bauzeit Typ Status Bemerkung Foto Paradiesgarten 2017–2021 Steinbau fertig Auch: Friedhof bzw. Obstgarten. Einfriedung aus Stein mit Torbogen und Holzkreuz. Die Friedhofsmauer diente zusätzlich zur Erprobung von mittelalterlichem Baumörtel. 120x100px Gemüsegarten 2017–2018 Holzbau fertig 2017 wurde das etwa 13 m mal 19 m große Gelände mit einem brusthohen Staketenzaun aus Eichenspaltbohlen umgeben. 2018 folgten achtzehn Hochbeete mit Fichtenbalkenumrandung, die mit den auf dem Klosterplan verzeichneten mittelalterlichen Gemüsesorten bepflanzt wurden: Zwiebel, Knoblauch, Lauch, Schalotten, Sellerie, Petersilie, Koriander, Kerbel, Dill, Salat, Mohn, Pfefferkraut, Rettiche, Pastinaken, Kohl, Mangold, Schwarzkümmel.Ernst Tremp: Der St. Galler Klosterplan, St. Gallen 2014, S. 31–32, 50 120x100px Kornscheune 2019–2021 Holzbau fertig Scheune zur Lagerung von Stroh aus der eigenen Landwirtschaft. Seit 2019 Herstellung von Baumaterial. Aufbau 2021. In der Scheune wird auch gedroschen, Schauben und Strohseile können hergestellt werden. 120x100px Nebengebäude des Abtshauses seit 2021 Stein- und Holzbau in Bau Das Nebengebäude umfasst eine Küche, einen Vorratsraum und eine Badstube sowie drei Schlafräume der Bediensteten des späteren Abtshauses.Ernst Tremp: Der St. Galler Klosterplan, St. Gallen 2014, S. 40 Das Gebäude hat eine Länge von 16,80 m, eine Breite von 7 m und eine Gesamthöhe von 7 m. Während Küche und Vorratsraum aus Kalkbruchsteinen gemauert werden, besteht die Badstube aus Holzbohlen. Die Schlafräume auf der Rückseite des Gebäudes sind als Holzfachwerk mit Lehmflechtwerkausfachungen ausgeführt. Das Dach ist mit Holzschindeln gedeckt. 120x100px120x100px Latrinengebäude des Abtshofes seit 2024 Stein- und Holzbau fertig Die Gruppenlatrine des Abtshauses (Necessarium) mit sechs Plätzen ist ein Fachwerkbau von etwa 5 m Länge und 2,5 m Breite. Die Wände bestehen aus Lehmflechtwerk, die mit Kalkmilch gestrichen sind. Das Satteldach ist mit Holzschindeln gedeckt. 120x100px Hühnerhaus seit 2023 Holzbau fertig Das Hühnerhaus ist ein achteckiger aufgeständerter Fachwerkbau von etwa sechs Meter Höhe und fünf Meter Durchmesser. Das Gebäudekonzept wurde aufgrund mittelalterlicher Quellen vom Bauforscher Tilmann Marstaller entwickelt.Tilmann Marstaller: Nur ein Hühnerstall…? Eine interpretatorische Variante der „dritten Dimension“ des Klosterplans. In: Karolingische Klosterstadt Meßkirch – Chronik 2019: Dokumentation einer Zeitreise auf dem Campus Galli. (= Band 7/2019), Seite 8–21. Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2019 Das Fachwerk des Gebäudes wurde von Praktikantengruppen der Jugendbauhütte Baden-Württemberg im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in der DenkmalpflegeAxt statt Handy – Praktikum im Mittelalter auf dem Campus Galli | SWR Doku und von mehreren Gruppen von Zimmerer-Lehrlingen unter Anleitung erstellt und aufgebaut. Das Dach ist mit Roggenstroh-Bündeln gedeckt. Die Wände bestehen aus Lehmflechtwerk, die mit Kalkmilch gestrichen sind. 120x100px

Sonstige Gebäude und Sehenswürdigkeiten