Schellerten ist eine Gemeinde im Osten des Landkreises Hildesheim in Niedersachsen (Deutschland). Sie ist landwirtschaftlich geprägt.
Geographische Lage Die Gemeinde Schellerten liegt am Rand der Hildesheimer Börde, direkt angrenzend an der Ilseder Börde, vgl. Braunschweig-Hildesheimer Lößbörde, am Südrand der Norddeutschen Tiefebene. Wenige Kilometer südlich des Kernorts liegt der Höhenzug Vorholz, der das Innerstebergland und damit auch die Mittelgebirgsschwelle einleitet. Im Norden der Ortschaft Schellerten entsteht durch den Zusammenfluss von Dingelber Klunkau und Dinklarer Klunkau der Bruchgraben.
Geschichte Die Gemeinde entstand am 1. März 1974 aus den folgenden zwölf Ortschaften, die auch heute noch die Gemeinde Schellerten bilden. In Klammern die Einwohner am 31. Dezember 2023:
Ahstedt (436) Bettmar (616) Dingelbe (930) Dinklar (1101) Farmsen (226) Garmissen-Garbolzum (540) Kemme (459) Oedelum (459) Ottbergen (1178) Schellerten (Gemeindesitz) (1617) Wendhausen (528) Wöhle (271)
Ortschaft Schellerten mini|Ausgrabung einer vorgeschichtlichen Fundstelle in Schellerten, 2018 Bereits in vorgeschichtlicher Zeit war die Gegend um Schellerten besiedelt. Dies belegen eisenzeitliche Siedlungsreste und Artefakte, die im Jahr 2018 bei archäologischen Untersuchungen in einem Neubaugebiet am westlichen Rand der Gemeinde entdeckt wurden.Andrea Hempen: Baugebiet Schellerten: Start mit einem Jahr Verzögerung in Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 6. November 2018
Schellerten wird erstmals 1244 namentlich genannt. In dieser ältesten datierten urkundlichen Erwähnung überträgt der Hildesheimer Bischof Konrad dem Hildesheimer Kreuzstift drei Hufen Land in Schelerthe.
Schellerten, im sogenannten Kleinen Stift des Hochstifts Hildesheim gelegen, wurde 1556 evangelisch-lutherisch. Trotz massiver Rekatholisierungsversuche unter Fürstbischof Ernst von Bayern (1573–1612) gelang die Wiedereinführung der katholischen Religion in Schellerten nicht mehr. Maßgeblichen Anteil daran hatten der Schellerter Pastor Ulrich Gerlandt sowie Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, an den die Schellerter Bürger 1604 das Patronatsrecht an ihrer Kirche übertrugen. Unter Verletzung von Reichsrecht (Augsburger Religionsfrieden, Cuius regio, eius religio) sorgte der Herzog 1610 mit Waffengewalt dafür, dass Schellerten lutherisch blieb.
Zu Zeiten von Pastor Gerlandt stürzte 1603 der Schellerter Kirchturm ein. Erst 1615 war er wieder aufgebaut. Das 1766 gebaute Kirchenschiff der ev.-luth. Kirche ist mit einem Kanzelaltar und Orgelprospekt im Rokoko-Stil sowie drei Deckenfresken des Hildesheimer Barockmalers Joseph Gregor Winck ausgestattet. Sie zeigen Christi Geburt, Tod und Auferstehung.
Zwischen 1850 und 1861 fand die Spezialteilung der Gemeinheiten und Verkoppelung der Feldmark von Schellerten verbunden mit der Aufhebung der Feld- und Wiesenbehütung statt. Aus der bisher von verschiedensten Grundherren abhängigen bäuerlichen Gemeinschaft entstand eine Gemeinde mit selbständigen Bauern, die Eigentümer ihrer Ländereien sind.
1873 nahm die Ahstedt-Schellerter Zuckerfabrik AG ihren Betrieb auf. Sie produzierte bis 1964 selbständig Zucker aus den Rüben der Region. Dann fusionierte sie mit der Zuckerfabrik in Rethen (Leine). Der Betrieb lief in beiden Werken zunächst weiter. 1967 stellte die Ahstedt-Schellerter Zuckerfabrik ihren Betrieb ein. Das alte Zuckerfabriksgelände diente noch rund 15 weitere Jahre als Verladestation für Zuckerrüben, die nun in Rethen verarbeitet werden.
Die Zuckerfabrik Dinklar wurde 1882 gegründet. Die Zuckerrüben wurden ab 1895 mit der Feldbahn der Zuckerfabrik Dinklar angeliefert.
Seit 1974 ist die Ortschaft Schellerten Sitz der gleichnamigen, aus zwölf Orten bestehenden Einheitsgemeinde.
1986 veränderte der Bau einer Kartoffellagerhalle die heimische Landwirtschaft. Hatten sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Zuckerrüben und Weizen zu den Hauptanbaufrüchten entwickelt, wurden in der Region nun auch vermehrt Kartoffeln angebaut.
Seit 2006 wächst Schellerten durch Wohnbebauung in größerem Ausmaß in Richtung Westen.
Ortschaftswappen rechts|80px Der Rat der damaligen Gemeinde Schellerten wählte in den 1950er Jahren ein Gemeindewappen für Schellerten. Es zeigt einen Treppengiebel, der aus dem Wappen der Familie von Harlessem übernommen wurde. Die Hildesheimer Patrizierfamilie war erstmals 1439 mit Ländereien in Schellerten belehnt worden. In Anlehnung an das Schellerter Kirchensiegel, das einen Schlüssel zeigt, trägt das Giebelfeld zwei gekreuzte Schlüssel. Die Farben Rot und Gold weisen darauf hin, dass Schellerten einst zum Kernland des Hochstifts Hildesheim gehörte, dessen Farben die genannten sind.
Ortschaft Dinklar mini|Blick von Osten auf Dinklar Dinklar wird unter dem Namen Dinkelere als Hof des Sachsenherzogs Heinrich und Ort seiner Königswahl im Jahr 919 genannt und zählt damit zu den früh bezeugten Orten Niedersachsens.Bernhard Gallistl: „Des Sachsenlandes Stern“. Zu einer Königswahl Heinrichs I. in Dinklar bei Hildesheim. In: Concilium medii aevi. Band 20, 2017, S. 169–197 (PDF-Datei; 689 kB). Der Name könnte auf eine Thingstätte hinweisen oder auf den Anbau von Dinkel oder Weizen.Kurt Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, S. 390, München 1992. In diesem Ort errichtete der Bischof von Hildesheim um 1331 ein festes Haus, das abzureißen und dessen Gräben und Wälle zu beseitigen er 1333 der Stadt Hildesheim zusicherte. Weiteres ist zu dieser wahrscheinlich nördlich der Kirche gelegenen Burg nicht bekannt.
Südlich der Kirche ist noch der Hügel einer Motte Dinklar zu sehen, die wahrscheinlich mit dem von 1220 bis 1390 in den Schriftquellen nachweisbaren Ortsadelsgeschlecht von Dinklar zu verbinden ist, das im Hochstift Hildesheim das Marschallamt ausübte. Der Durchmesser des Hügels beträgt etwa 42 m, die Höhe etwa 4,35 m.
Ortschaft Kemme Kemme wurde 1025 erstmals urkundlich als ein Landgut mit Namen Kemnium erwähnt, das Bischof Sigebert von Minden von König Konrad II. als Geschenk erhielt.Arbeitsgruppe Archiv der Heimatpfleger der Gemeinde Schellerten: Kemme – aus der Geschichte des Dorfes, September 2009. 1557 wurde in Kemme die protestantische Lehre eingeführt, doch erst 1653 wurde der Ort endgültig evangelisch. 1810 zählte man in Kemme 316 Einwohner in 47 Häusern. 1965 gewann Kemme den 1. Preis bei dem Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. 1974 erfolgte die Eingemeindung nach Schellerten. Am 30. Juni 2009 hatte Kemme 476 Einwohner.
Ortschaft Wendhausen Wendhausen wurde 1206 als „Winethusen“ erstmals urkundlich erwähnt und im Laufe seiner Geschichte häufig geplündert und zerstört, da es an der Heerstraße Hildesheim–Goslar, der heutigen Bundesstraße 6, lag.Heinrich Schmidt: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 2, S. 481, Stuttgart 1968. Die Reformation wurde in Wendhausen 1556 eingeführt. Die Rekatholisierung blieb 1596 erfolglos, da fast alle Ländereien des Dorfes zu einem Gutshof gehörten, dessen Besitzer sich der Rekatholisierung erfolgreich widersetzte.
Ortschaft Wöhle Wöhle wurde 1178 erstmals urkundlich als Walete erwähnt und in weiteren Urkunden 1201 Welethe und 1401 Welede genannt.Arbeitsgruppe Archiv der Heimatpfleger der Gemeinde Schellerten: Wöhle – aus der Geschichte des Dorfes, September 2009. Die Edelherren von Meinersen gaben in Wolede iuxta Voreholte um 1220 ein Lehen von 1 Hufe an den bischöflich-hildesheimischen Marschall Konrad von Emmerke.Peter Przybilla: Die Edelherren von Meinersen, Hrsg.: Uwe Ohainski und Gerhard Streich, Hahnsche Buchhandlung Hannover 2007, S. 545 Gemäß einem in der Zeit von 1593 bis 1616 geführten Prozess vor dem Reichskammergericht hat es in Wöhle eine Burg gegeben. Nachdem sich der Ort der Reformation angeschlossen hatte, traten 1643 die meisten Einwohner wieder zum katholischen Glauben über. 1589 hatte Wöhle 389 Einwohner, 1810 zählte man 333 Einwohner in 49 Häusern. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl von 361 auf 680 und sank danach. 1974 wurde Wöhle eine Ortschaft von der Gemeinde Schellerten. Am 30. Juni 2009 lebten in Wöhle, nach Farmsen der zweitkleinsten Ortschaft der Gemeinde Schellertens, 285 Menschen. St. Cosmas und Damian ist die römisch-katholische Kirche im Ort.
Ortschaft Garmissen-Garbolzum Garmissen wurde erstmals 1053 urkundlich erwähnt, als Heinrich III. (HRR) dem Azelin ein hiesiges Grundstück schenkte. Dort wird es als Germaredessun erwähnt, später wurde der Ortsname zu Garmsen verkürzt.Hermann Adolf Lüntzel: Geschichte des Schlosses Steinbrück im Fürstenthume Hildesheim und. Jürgen Wullenweber, 1851, S. 60 Die Edelherren von Meinersen waren in Germardissem begütert. Sie gaben um 1280 als Lehen 2 Hufen und 2 Hofstellen an Johannes von Garmissen und 4 Hufen als Lehen an Hermann Sartor und seine Frau.Peter Przybilla: Die Edelherren von Meinersen, Hrsg.: Uwe Ohainski und Gerhard Streich, Hahnsche Buchhandlung Hannover 2007, S. 486 Das Ortswappen wurde nach dem hier ansässigen Rittergeschlecht Garmissen gestaltet, das 1230 erstmals erwähnt wurde und das Rittergut bis 1814 besaß. Die Burg in Garmissen stand westlich des späteren Herrenhauses auf dem Gelände des heutigen Gutsparks, der vom Bruchgraben umflossen wird, sie wurde 1626 im Dreißigjährigen Krieg zerstört und danach durch das heutige Herrenhaus ersetzt.Herrenhaus Garmissen, auf: alleburgen.de Dieses ist ein Fachwerkbau mit großer Hofanlage und Torhaus. 1815 übernahm Anton Schlüter aus Rhene das Gut, die Familie Schlüter verkaufte es 1984 an Sebastian Riepl-Bauer.Garmissen-Garbolzum auf: schellerten.info Ferner existierte hier schon im 15. Jahrhundert eine Bockwindmühle. Die Kirche St. Lucas wurde 1489 gebaut und später umgebaut.
Auch Garbolzum wird in der Urkunde des Heinrich III. erwähnt, als Süd-Baldigehusun. Aus „Baldigehusun“ bildete sich offenbar mit der Zeit das verkürzte „Bolzum“, die jeweiligen Zusätze „Süd“ bzw. später „Gar-/Ger“ sind bisher noch nicht näher erforscht. Für die Zeit von 1170 bis 1190 ist ein Ascolfus von Garboldessen belegt. Im Jahr 1207 schenkte König Otto dem Kloster Marienwerder eine zu Garbolzum belegene Hufe Land. Die Edelherren von Meinersen waren in Gerboldissem begütert. Sie gaben aus ihrem Eigenbesitz 2 Hufen als Lehen um 1220 an Johannes von Garmissen und um 1340 ein Lehen von 5 Hufen an die von Saldern.Peter Przybilla: Die Edelherren von Meinersen, Hrsg.: Uwe Ohainski und Gerhard Streich, Hahnsche Buchhandlung Hannover 2007, S. 485 Mitte des 16. Jahrhunderts wird Garbolzum als schon länger verlassene, wüst gefallene Dorfstätte erwähnt, in der sich gerade wieder jemand anzusiedeln begann.
Politik Rat Der Rat der Gemeinde Schellerten besteht aus 20 Ratsfrauen und Ratsherren. Die 20 Ratsmitglieder werden durch eine Kommunalwahl für jeweils fünf Jahre gewählt. Die aktuelle Amtszeit begann am 1. November 2021 und endet am 31. Oktober 2026. Stimmberechtigt im Rat ist außerdem der hauptamtliche Bürgermeister Fabian von Berg (CDU).
Bei der letzten Kommunalwahl vom 12. September 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung im Rat:
Bürgermeister Hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Schellerten ist Fabian von Berg (CDU). Bei der letzten Bürgermeisterwahl am 12. September 2021 setzte er sich mit 63,5 % der Stimmen gegen den Kandidaten der SPD durch. Die Wahlbeteiligung lag bei 67,43 %.
Ortsrat Die Ortschaft Schellerten hat einen eigenen Ortsrat, welcher aus sieben Mitgliedern inklusive einem Ortsbürgermeister besteht. Die letzte Kommunalwahl vom 12. September 2021 ergab folgende Sitzverteilung:
Vom Ortsrat gewählter Ortsbürgermeister ist August-Ludolf Ohlms (CDU). Wappen rechts|100px Das Wappen der Gemeinde Schellerten zeigt auf einem 12-fach rot-gold geständertem Schild ein rotes Herzschild mit einem silbern bordiertem schwarzen Werkrad mit 12 Zähnen, belegt mit 3 gebündelten goldenen Ähren.Hauptsatzung der Gemeinde Schellerten, abgerufen am 15. November 2014
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