mini|Die chinesische Stadt Shenzhen am Rande Hongkongs hatte 1979 nur 30.000 Einwohner, im Jahr 2011 etwa 12,5 Millionen. Bis 2017 war diese Zahl jedoch kaum weiter gewachsen.

Unter Urbanisierung () versteht man die Ausbreitung städtischer Lebensformen. Diese kann sich einerseits im Wachstum von Städten ausdrücken (physische Urbanisierung oder „Verstädterung“ im engeren Sinne), andererseits durch eine mit städtischen Standards vergleichbare infrastrukturelle Erschließung ländlicher Regionen (funktionale Urbanisierung) und durch verändertes Sozialverhalten der Bewohner von ländlichen Gebieten (soziale Urbanisierung).

Während der Begriff Verstädterung eher für die Ausweitung alter Städte durch Bautätigkeit, Gewerbe- und Industrieflächen steht, bezieht „Urbanisierung“ Prozesse des gesellschaftlichen Wandels mit in die Betrachtung ein.Horst-Günter Wagner: Die Stadtentwicklung Würzburgs 1814–2000. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. Band 2, 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 1299, Anm. 21.

Der Prozess der physischen Urbanisierung ist seit Jahrhunderten zu beobachten. Die der Urbanisierung zugrundeliegende Landflucht erreichte in Europa vor allem im späten 19. Jahrhundert einen Höhepunkt und setzte sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts in den Schwellen- und Entwicklungsländern fort. In den Industrieländern wurde die physische Urbanisierung weitgehend von der funktionalen Urbanisierung abgelöst, das heißt von der Ausbreitung städtischer Lebensformen in benachbarte, bisher ländliche Räume (Suburbanisierung).

Historisch gesehen ist eine kontinuierliche Zunahme des Anteils der Stadtbevölkerung festzustellen. Im Jahr 2008 lebten weltweit erstmals in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen prognostizierte 2007 5 Milliarden Städter im Jahr 2030. In Zukunft werde sich die Urbanisierung am stärksten in Afrika und Asien vollziehen.Linking Population, Poverty and Development. UNFPA, Mai 2007.

Geschichte mini|Urbanisierung in Europa 2010 mini|Agglomerationen 1950–2050 mini|Karte der Hauptflächennutzungstypen in Nordrhein-Westfalen: Urbanisierung als Folge der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert mini|Eine Alternative zum Umzug in die Stadt: Chinesische Landbewohner bilden für den Weg zur Arbeit nach Pingyao eine Fahrgemeinschaft.

Bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. war das Wachstum der Städte eng begrenzt durch die Produktivität der Landwirtschaft, die nur geringe Lebensmittelüberschüsse zur Versorgung der Städte produzieren konnte. Vor allem in Asien entstanden nach dieser Zeit die ersten Millionenstädte.Tertius Chandler: Four Thousand Years of Urban Growth. An Historical Census. Lewingston (NY) 1987. Im Mogulreich des 16. Jahrhunderts lebten vermutlich schon 15 % der Menschen in Städten. Das war ein höherer Anteil als in Europa.Abraham Eraly: The Mughal World: Life in India's Last Golden Age, Penguin Books 2007, S. 5. Hingegen erreichte erst um 1500 Köln als erste deutsche Stadt die Zahl von etwa 40.000 Einwohnern, und erst um 1700 hatte mit Wien die erste Stadt des Römisch-Deutschen Reichs die Grenze von 100.000 überschritten.

Um das Jahr 1800 lebten erst etwa 25 % der deutschen Bevölkerung in Städten und rund 75 % auf dem Land, doch dort waren die Lebensbedingungen nicht immer einfach. Durch einen enormen Bevölkerungsanstieg wurde es zunehmend schwieriger, sich zu ernähren, weil es nicht genügend Land für alle gab. Zudem gab es eine Holznot. In der Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse führte dies u. a. dazu, dass die Menschen zu Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts vom ländlich geprägten Raum in die umliegenden Kleinstädte zogen, die sich dadurch schnell vergrößerten, was zu massenhafter Armut führte (Pauperismus). Während es im Jahr 1800 nur rund 80.000 Manufaktur­arbeiter gab,Der in diesem Zusammenhang oft verwendete Begriff „Fabrikarbeiter“ ist falsch, weil damals in Deutschland noch keine Fabriken existierten. Die Industrielle Revolution in Deutschland begann erst später. stieg diese Zahl bis 1910 auf das 100-fache (8 Millionen). Das Bevölkerungswachstum der Städte des späteren Deutschen Reiches entwickelte sich dabei erst nach 1850 überdurchschnittlich – vorgängig war schon seit den 1740er Jahren die Bevölkerungsvermehrung auf dem Lande gewesen. Dieser einer Völkerwanderung ähnliche Prozess brachte viele Folgen mit sich. Unter den Menschen, die in den großen Städten ihr Glück suchten, waren viele landlose Arbeiter und verarmte Kleinbauern. Diese beiden Gruppen bildeten zusammen die neue soziale Klasse des Industrieproletariats. Sie waren rechtlich frei, verfügten aber nicht über eigene Produktionsmittel (Maschinen, Geräte usw.). Daher mussten sie als Lohnarbeiter versuchen, ihre Familie zu ernähren, was angesichts der niedrigen Löhne aber schier unmöglich war. Diese schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen führten zur „sozialen Frage“.

In weiten Teilen Südeuropas erreichte die Landbevölkerung erst im ausgehenden 19. oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Hier waren es vor allem die Reblaus­krise im Weinbau sowie die zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft und der daraus resultierende Verlust an Arbeitsplätzen, welche die Abwanderung vieler Menschen in die Städte oder die Auswanderung nach Amerika bzw. nach Australien auslösten. Die italienische Auswanderung gilt als die größte Massenmigration der jüngeren Geschichte.

Die Verstädterungswelle des 19. Jahrhunderts in Europa setzte eine Reihe von technischen und infrastrukturellen Innovationen voraus. Zunächst wurden im 19. Jahrhundert viele städtische Befestigungsanlagen und Wälle geschleift, da sie funktionslos geworden waren, was ein weiteres Wachstum ermöglichte. Mit der Vergrößerung der Abwassermenge erhöhte sich die Gefahr von Infektionskrankheiten, was wiederum ein Kanalisationsnetz und eine zentrale Wasserversorgung nötig machte. Der Bau großer Mietshäuser setzte die Verfügbarkeit konzentrierter Energieträger (Kohle, später Gas) voraus. Der Transport dieser Energieträger erforderte ab einer bestimmten Größe der Stadt einen Eisenbahnanschluss. Dieser schob zwar die Wachstumsgrenzen der Stadt hinaus; das machte aber die Einrichtung von Strukturen des Nahverkehrs notwendig, um die Arbeitskräfte zu den immer größeren, zunehmend aus dem Stadtzentrum ausgelagerten Produktionsstätten zu transportieren. Diese Strukturen bestanden oft in einem radialen Eisenbahnnetz, das später durch Pferdebahnen oder Straßenbahnen ergänzt wurde. Ein weiteres (Höhen-)Wachstum wurde nach 1900 durch die Entwicklung des Stahlskelettbaus möglich.

Urbanisierung ist ein geographisch weiter verbreiteter Prozess als die Industrialisierung. Städte entstanden auch an Orten, an denen die Industrie nicht die primäre Wachstumskraft darstellte. Auch war umgekehrt ein hoher Urbanisierungsgrad keine Voraussetzung für erfolgreiche Industrialisierung.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. 2. Auflage der Sonderausgabe 2016. C. H. Beck, ISBN 978-3-406-61481-1, S. 366. Bereits vor der Industriellen Revolution war London eine Metropole mit mehr als 10 Prozent Bewohnern der englischen Gesamtbevölkerung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchsen in Großbritannien nicht die Städte mit Industriekonzentrationen wie Manchester, Birmingham und Liverpool am schnellsten, sondern Städte mit hohem Dienstleistungsangebot. Ein Beispiel für eine Stadt ohne nennenswerten Beitrag der Industrie war Brighton, eine der am schnellsten wachsenden Städte in England im 19. Jahrhundert. Auch Budapest gehörte hierzu, das sich auf der Grundlage agrarischer Modernisierung und Zentralfunktionen in Handel und Finanz schnell entwickelte, ebenso St. Petersburg, Riga, St. Louis oder Wien.

Seit etwa 1960 verschob sich der Schwerpunkt der Urbanisierung auf die Schwellenländer. Seither erfolgten zahlreiche weitere Urbanisierungen ohne Industriebasis, darunter Lagos, Bangkok oder Mexiko-Stadt. Urbanisierung ist somit nach Osterhammel „ein globaler Prozess, Industrialisierung ein sporadischer Vorgang“.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. 2. Auflage der Sonderausgabe 2016. C. H. Beck, ISBN 978-3-406-61481-1, S. 367 f.

Seit dem Jahr 2008http://www.un.org/en/development/desa/population/publications/pdf/urbanization/population-distribution.pdf wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, während 1950 noch 70 % auf dem Land lebten. Nach Prognosen der UNO wird der weltweite Anteil der städtischen Bevölkerung bis 2030 auf über 60 % steigen und im Jahr 2050 rund 70 % erreichen. Weltweit gibt es über 63 Städte mit mehr als drei Millionen Einwohnern.

Der Geograph und Soziologe Sebastian Schipper weist darauf hin, dass moderne Großstädte heute wie im Wettbewerb stehende postdemokratische Großkonzerne geführt werden. Der interkommunale Wettbewerb um die besten Standortbedingungen und um Investoren habe beispielsweise dazu geführt, dass Ordnung und Sicherheit oder weiche Standortfaktoren für die kreativen Eliten heute als wichtiger gelten als die Bekämpfung der Armut, die individualisiert wird. Diese Entwicklung verlaufe aber nicht widerspruchsfrei.Sebastian Schipper: Genealogie und Gegenwart der „unternehmerischen Stadt“. Neoliberales Regieren in Frankfurt am Main zwischen 1960 und 2010 (= Raumproduktionen. Band 18). Westfälisches Dampfboot, Münster 2013, ISBN 978-3-89691-936-6, S. 212 ff.

Arten mini|Verdichtung des Städtesystems: Stadtneugründung Brasília (Brasilien) Es wird zwischen verschiedenen Arten bzw. Indikatoren der Urbanisierung unterschieden:

Physische Verstädterung Sie bedeutet eine Ausbreitung städtischer Wohn- und Flächennutzungsformen.

Funktionale Verstädterung Es kommt zu einer Verflechtung zwischen Stadt und Land („Stadt-Land-Kontinuum“, „Suburbanisierung“). Dabei breitet sich die städtische Produktions- und Dienstleistungsformen im Umland aus und es entwickeln sich neue Kommunikations- und Informationsnetze.

Demographische Verstädterung Diese kennzeichnet den (steigenden) Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung eines Gebietes, Landes oder Staates. Unter „Verstädterung“ kann sowohl der Verstädterungsgrad (demographischer Zustand) als auch die Verstädterungsrate (demographischer Prozess) verstanden werden (siehe unten). Was jeweils als Stadt gilt, richtet sich nach der offiziellen Verwaltungseinteilung des jeweiligen Landes. Ein Treiber ist die Binnenwanderung vom Land in die Stadt. Ein Sonderfall ist die Reurbanisierung, die nach einer Phase der Stadtflucht eintreten kann.

Verdichtung des Städtesystems Die Zahl der Städte nimmt zu, dies kann durch Neugründungen oder Verleihung des Stadttitels geschehen. Typische Gründungsphasen sind das Zeitalter der mesopotamischen Hochkulturen, die griechische und römische Antike, das Hochmittelalter (mit Bürger- und Bischofsstädten), das Barockzeitalter (mit Residenz-/Festungsstädten wie z. B. Karlsruhe als barocke Planstadt) und das Industriezeitalter (z. B. Oberhausen, Wolfsburg, Eisenhüttenstadt oder Shenzhen – die von 1980 bis 2010 am schnellsten wachsende Stadt in der Geschichte der Menschheit).

Messung Der Verstädterungsgrad (oder die Verstädterungsquote) ist der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung. Sie gibt das Ausmaß der Verstädterung in einem Raum an (Zustandsgröße). Der Verstädterungsgrad betrug im Jahr 2007 weltweit 50 %.

Die Verstädterungsrate gibt den Zuwachs des Anteils der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung an, und zwar bezogen auf einen Raum (Prozessgröße). Die durchschnittliche Verstädterungsrate betrug im Jahr 1990 weltweit 4,2 %.