mini|Fahnen der Basler Turniergesellschaften der Psitticher und Sterner aus der Bassler Chronick, 1580. Links: Sterner mit einem großen weißen Stern in rotem Feld. Rechts: Psitticher mit einem grünen Papagei in weißem Feld.

Psitticher und Sterner waren zwei rivalisierende Adelsgesellschaften der Stadt Basel im 13. und 14. Jahrhundert. Ihre Namen leiteten sich von ihren Wappen ab: Die Psitticher (Psitacci)Rudolf von Habsburg vor Basel 1273. In: Neujahrs-Blatt für Basels Jugend (1829), S. 8 (Digitalisat). trugen einen grünen Papagei (Psittich) auf weissem Grund, die Sterner (Stelliferi)Ende des 14. Jahrhunderts gab es auch in Hessen einen Sternerbund, der jedoch in keinem Zusammenhang mit jenem in Basel steht. einen weissen Stern auf rotem Grund. Sie entstanden im Verlauf des 13. Jahrhunderts durch den Gegensatz zwischen städtischem und ländlichem Adel. Der Konflikt zwischen beiden Gruppen vertiefte sich durch die Auseinandersetzungen zwischen Staufern und Kurie im 13. Jahrhundert noch weiter und gipfelte in einer Fehde zwischen dem Basler Bischof Heinrich von Neuenburg und Graf Rudolf von Habsburg in den 1270er Jahren, infolge derer die auf Seiten des Grafen stehenden Sterner aus der Stadt verbannt wurden. Nach dem Aufstieg der Habsburger zur Königsdynastie veränderte sich die politische Ausrichtung der beiden Parteien. Im Laufe des 14. Jahrhunderts verschwanden sie wieder aus der Basler Politik.

Entstehung und Mitglieder mini|Miniatur aus dem Codex Manesse mit turnierenden Rittern, die die Wappen der Psitticher und Sterner tragen

Durch den Aufstieg des Bistums Basel zum wichtigen Fürstbistum Basel im 11. und 12. Jahrhundert entwickelte sich aus den ursprünglich unfreien Dienstmännern und Ministerialen des Bischofs eine städtische Ritterschaft. Die Angehörigen dieser Schicht bekleideten in der Regel wichtige Hof- und Verwaltungsämter wie Schenk, Truchsess oder Schultheiss, und vermehrt erhielten sie auch bischöfliche Lehen wie zum Beispiel Burgen in der Umgebung Basels.Burckhardt, Die Parteiungen innerhalb der Basler Ritterschaft, S. 290, 293ff. Der städtische Dienstadel des Bischofs drängte somit vermehrt auf das Land. Gleichzeitig kamen auch immer mehr Adelige aus der Umgebung Basels in die Stadt und suchten dort Anstellung am Basler Hof. Diese beiden gegensätzlichen Strömungen führten dazu, dass der städtische und ländliche Adel wechselseitig in die Interessenssphäre des jeweils anderen eintrat, was in Streitigkeiten und Konflikten um die Vorherrschaft am Basler Hof mündete. Etwa um das Jahr 1265 herum bildeten sich deswegen die beiden Parteien der Psitticher und Sterner. Bei den Psittichern sammelte sich der städtische Dienstadel, bei den Sternern der ländliche Adel.Meyer-Hoffmann: Psitticher und Sterner, S. 7f. Gemäss dem Chronisten Matthias von Neuenburg gehörten dabei unter anderem die Herren von Eptingen, Vitztum,Siehe Uffheim, Kraft, Reich, Pfaff,Siehe Ramstein,Siehe Neuenstein,Das Geschlecht nannte sich im 13. Jahrhundert „am Kornmarkt“; siehe Matzerell und Frick zu den Sternern. Zu den Psittichern zählten die Schaler, Münch (manchmal auch Mönch), Zu Rhein, Marschalk und Kammerer.Chronik des Mathias von Neuenburg, S. 11. Als führende Familien werden die Schaler und Münch für die Psitticher und die von Eptingen für die Sterner genannt.Meyer-Hoffmann, Psitticher und Sterner, S. 7.

Neben der Basler Ritterschaft schlossen sich auch die hochadeligen Familien aus der Umgebung den beiden Adelsgesellschaften an oder standen ihnen zumindest nahe. Matthias von Neuenburg sieht die Grafen von Neuenburg, die Markgrafen von Hachberg und die Edelfreien von Rötteln auf Seiten der Psitticher, die Habsburger, Heinrich von Badenweiler (aus der Familie der Grafen von Freiburg) und die Grafen von Pfirt zählt er zu den Sternern.Chronik des Mathias von Neuenburg, S. 11 für die Aufzählung, S. 10 für die Herkunft Heinrichs von Badenweiler. Die Zuordnung der Grafen von Pfirt wird jedoch von der modernen Forschung angezweifelt, da diese eher als Gegner der Habsburger auftraten und auch ihre Nähe zum Bischof eher nahelegt, dass sie den Psittichern angehörten.Meyer-Hoffmann, Sterner und Psitticher, S. 14.

Neben der Konfliktlinie zwischen städtischem und Landadel könnten auch alte Differenzen zwischen eher staufisch und eher hochkirchlich-päpstlich gesinnten Geschlechtern bestanden haben. So hatten die den Sternern nahestehenden Habsburger zu den Anhängern der Staufer gehört.Aloys Schulte: Geschichte der Habsburger in den ersten drei Jahrhunderten, Innsbruck, 1887, S. 113 f. (Digitalisat). Der Stern als Bannerzeichen könnte als Symbol des Widerstandes gegen eine bestehende Ordnung gedacht worden sein. Dagegen war Papagei/Psittich ein Symbol für die Heilige Jungfrau, die Schutzpatronin des Basler Münsters und wies somit auf die Treue zum Bischof. Der Papagei galt damals außerdem als edles Tier und fand als Turnierpreis und fürstliches Geschenk Verwendung.Meyer: Die Freiherren von Rötteln und der Basler Adel, S. 46

Sterner und Psitticher standen sich wahrscheinlich des Öfteren in Turnieren und Fehden gegenüberMeyer-Hoffmann, Sterner und Psitticher, S. 20.; auch die Gründung der Gesellschaften beruht laut Matthias von Neuenburg auf Streitigkeiten bei einem Turnier:

Die Psitticher hatten im Haus „zur Mücke“ ihre Trinkstube, in der Versammlungen abgehalten und Feste gefeiert wurden, wo es aber auch zu Turnieren und Raufereien kam.Meyer-Hoffmann, Sterner und Psitticher, S. 13. Eine gesonderte Trinkstube der Sterner ist bisher nicht bekannt, gilt aber als wahrscheinlich, wobei als möglicher Ort das Haus „zum Seufzen“ genannt wird.Sterner und Psitticher auf altbasel.ch. Daneben wetteiferten die beiden Parteien auch miteinander um den Einfluss in der Stadt. Dabei scheinen die Psitticher die Oberhand behalten zu haben: Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts waren Vogt- und Schultheissenamt vor allem in ihren Händen, und in den sieben Jahren vor 1274 kam auch der Bürgermeister ständig aus ihren Reihen.Burckhardt, Die Basler Bürgermeister, S. 8.

Zu einem Höhepunkt der Auseinandersetzung kam es in den 1270er Jahren im Zuge einer Fehde zwischen dem Basler Bischof Heinrich von Neuenburg und Graf Rudolf von Habsburg.

Die Fehde zwischen Rudolf von Habsburg und dem Basler Bischof mini|Einzug Rudolf von Habsburgs in Basel 1273 nach seiner Wahl zum König (Historiengemälde von Franz Pforr, 1809–1810). Mit Rudolf durften auch die seit 1271 vertriebenen Sterner wieder in die Stadt zurückkehren. Der Basler Bischof Berthold von Pfirt hatte in den 1250er Jahren die Kontrolle über Breisach und Rheinfelden erhalten. Breisach hatte 1250 seine Oberherrschaft anerkannt, das den Staufern gehörende Rheinfelden war ihm 1252 von Papst Innozenz IV. zugesprochen worden. Etwa zur gleichen Zeit hatte aber wohl König Konrad IV. Breisach und andere Gebiete an Rudolf von Habsburg verpfändet und ihm möglicherweise auch Rheinfelden versprochen. Nach dem Tode Konrads im Jahr 1254 scheinen sich Rudolf und Berthold vorerst verständigt zu haben und legten ihren Streit um die beiden Städte bei.Redlich, Rudolf von Habsburg, S. 42 und 83f.

In den 1260er Jahren brachen die Streitigkeiten zwischen Rudolf und dem Basler Stift, nun unter Heinrich von Neuenburg, von Neuem aus, und ab 1268 befanden sich Rudolf und Heinrich in offener Fehde.Redlich, Rudolf von Habsburg, S. 114. An den Auseinandersetzungen nahmen auch die beiden Basler Adelsfraktionen teil. Die Psitticher hielten dabei zum Basler Bischof, die Sterner zu Rudolf von Habsburg. Die Psitticher gewannen in Basel die Oberhand und vertrieben die Sterner 1271 aus der Stadt.Burckhardt, Die Parteiungen innerhalb der Basler Ritterschaft, S. 299; für die Vertreibung siehe auch: Jahrbücher der Stadt Basel in Annalen und Chronik von Kolmar, S. 12.

Im Laufe der Fehde kam es zu Raub- und Eroberungszügen. Rudolf von Habsburg eroberte 1272 die Burg Tiefenstein und schleifte sie, Rudolf und der Bischof zerstörten mehrere Dörfer und Klöster des jeweiligen Gegners, und am Silvestertag eroberte Rudolf auch die Burg Wehr, die Heinrich von Neuenburg erst im selben Jahr wieder hatte aufbauen lassen.Jahrbücher der Stadt Basel in Annalen und Chronik von Kolmar, S. 13f. Als Rudolf im folgenden Jahr in der Gegend von Basel war, griff ihn der Basler Bürgermeister aus der Psitticherfamilie Marschalk mit wenigen Mitstreitern an und wurde dabei getötet.Chronik von Kolmar in Annalen und Chronik von Kolmar, S. 127.

Im Juli 1273 zog Rudolf mit seiner Streitmacht, zu der auch die Sterner gehörten, vor die Stadt Basel und begann sie zu umschließen. Dieser Zustand hielt rund zwei Monate an, bis Rudolf im September durch Friedrich von Nürnberg erfuhr, dass er zum König gewählt worden war. Rudolf und Heinrich schlossen einen Waffenstillstand, durch den die Sterner wieder in die Stadt gelassen wurden.Redlich, Rudolf von Habsburg, S. 122f.

Aussöhnung Nach der Wahl zum König belohnte Rudolf seine Anhänger aus der Sternerpartei. Den mit den Eptingern verwandten Gottfried von Pratteln machte er zum Statthalter der Basler Reichsvogtei, Matthias von Eptingen wurde Basler Bürgermeister.Er bekleidete dieses Amt jedoch nur für ein Jahr. Nach dem Tode Heinrichs von Neuenburg 1274 wählte das Domkapitel Peter Reich aus einer Sternerfamilie zum Bischof, für den auch Matthias Partei ergriff. Peter Reich wurde jedoch vom Papst nicht als Bischof bestätigt und durch Heinrich von Isny ersetzt. Dieser wiederum bestätigte Matthias von Eptingen nicht mehr als Bürgermeister (vgl. Burckhardt, Die Parteiungen innerhalb der Basler Ritterschaft, S. 301). Als Grund für die Nichtbestätigung Peter Reichs wird angenommen, dass Rudolf von Habsburg Heinrich von Isny bevorzugte und beim Papst für ihn warb, dies jedoch nicht nach außen kundmachte, um Reich und das Domkapitel nicht zu kränken. (vgl. Carl Bischoff: Das Pfalzgrafenamt der Hohen Stift Basel, Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 1922, S. 335f.). Daneben gelang es Rudolf aber auch, die ihm feindlich gesinnten Psitticher mit ihm zu versöhnen, indem er entferntere Verwandte mit Angehörigen der Schaler und Münch verheiratete.Burckhardt, Die Parteiungen innerhalb der Basler Ritterschaft, S. 301f. Mit Rudolf zu Rhein ist außerdem zumindest ein Mitglied einer Psitticher-Familie in Rudolfs Heer bei der Schlacht auf dem Marchfeld belegt.Meyer: Die Freiherren von Rötteln und der Basler Adel, S. 47 Auch mit den Herren von Rötteln scheint sich Rudolf verständigt zu haben. 1285 räumte er den Bürgern Kleinbasels erweiterte Privilegien ein, nahm davon jedoch jene aus, die Untertanen der Habsburger oder Röttler waren. Anfang des 14. Jahrhunderts machte Rudolfs Sohn Albrecht Otto von Rötteln außerdem zum Burggrafen von Rheinfelden und zum Reichsvogt über Basel.Otto Konrad Roller: Geschichte der Edelherren von Rötteln, in Blätter aus der Markgrafschaft, Schopfheim, 1927, S. 29f. Digitalisat der UB Freiburg.

Das Ergebnis dieser Politik war, dass die Spaltung in Psitticher und Sterner zwar bestehen blieb, dass nun aber die Anführer beider Gesellschaften Anhänger der Habsburger waren. Die Konflikte verloren dadurch ihren politischen Charakter; auf privater Ebene dauerten sie allerdings an, sodass Rudolf 1286 einen Stadtfrieden in Basel verkündete und Zuwiderhandlungen unter Strafe stellte.Meyer-Hoffmann, Sterner und Psitticher, S. 12. Im selben Jahr wurde mit Peter I. Reich auch ein Mitglied einer Sternerfamilie Bischof von Basel. Er trug weiter zur Aussöhnung bei, indem er bestimmte, dass sich Sterner und Psitticher im Amt des Bürgermeisters und des Oberzunftmeisters abwechseln sollten und dass auch der Rat der Stadt immer hälftig besetzt sein sollte.Chronik des Matthias von Neuenburg, S. 45.