Als Eulenspiegelei bezeichnet wird ein Schelmenstreich nach Art des Till Eulenspiegel, den jemand einem anderen spielt, indem er dessen Anweisungen wörtlich nimmt und ausführt. Darüber hinaus wird dieser Begriff auch zur Bezeichnung einer künstlerischen Darstellungsform verwendet, die von der historischen bzw. literarischen Figur des Eulenspiegel abgeleitet ist. Die literarische, bildliche und musikalische Gestaltung der Schelmenstreiche Eulenspiegels hat unterschiedliche Sinnbestimmungen erfahren. Sie reichen vom trivialen Bloßstellen (besonders in den Fastnachtskulturen) bis zur esoterischen Würdigung der schelmischen Seele.

miniatur|Holzschnitt der Erstausgabe des Eulenspiegel (ca. 1510?)

Geschichte links|miniatur|hochkant|Eike von Repgow aus dem Oldenburger Sachsenspiegel (14. Jh.)

Um 1300 soll ein in der Gegend von Braunschweig geborener Thyl Ulenspiegel gelebt haben, nach dem die später aufgezeichneten Geschichten erzählt werden. Das Eulenspiegel-Volksbuch, gedruckt 1515 in Strassburg, enthält 96 kurze Episoden aus Eulenspiegels Leben. Zusammen ergeben sie eine lose Darstellung des Lebenslaufes für eine durchaus tragische Gestalt, die – bereits schicksalhaft getauft und ständig auf kluge Manipulationen der Zeitgenossen angewiesen – schließlich der unehrenhaften Bestattung und Verunglimpfung seines Grabes nicht entgeht.

Aus gleicher Zeit ist im türkisch-orientalischen Raum ein ähnlicher Schelm bekannt geworden: Nasreddin Hodscha.vgl. Frank 1994 Sebastian Brants „Narrenschiff“ (1494) stellt eine andere Variante der Narrenliteratur dar. Don Quichote ist die spanische Version der Narren-Darstellung. Das Lalebuch der Schildbürgereien gehört ebenfalls in die Reihe der Narrenspiegeleien.

Fischarts Eulenspiegel Reimenweiss (1572) lässt den Helden zum „Grobianus“ entarten.vgl. Frenzel 1992, S. 209 Hans Sachs hat in diversen Schwänken, Meisterliedern und Fastnachtsspielen das Volksbuch von Till Eulenspiegel verarbeitet. In Jakob Ayrers Singspiel Von dem Eulenspiegel mit dem Kaufmann und Pfeifenmacher (1618) ist die Gestalt des trivialen Possenreißers vollends erreicht.

J. van Neem hat in seinem lateinischen Eulenspiegel-Poem von 1558Uluarum speculum 1558 ebenfalls die Ebene der derben Possen nicht überwunden. Darum ist in den folgenden Jahrhunderten den Stoffen höherwertiger Lebenserzählungen der Vorrang eingeräumt worden. Don Quichote, Simplizissimus, Agathon, Wilhelm Meister und Taugenichts heißen die Helden dieser Erzählungen von Cervantes, Grimmelshausen, Wieland, Goethe und Eichendorff.vgl. Frenzel 1992, S. 210 f.

Christoph Martin Wielands Goldener Spiegel stellt eine weitere Variante der Spiegeleien dar, die sich als „Märchenspiegel“ versteht. Münchhausens Lügenmärchen gehören ebenfalls in die Tradition alternativer Narrenspiegel.

Mit der Wende ins Politische fanden einige Dichter des sog. Jungen Deutschland die Eulenspiegelfigur wieder unmittelbar attraktiv: z. B. Oettinger Der confiscierte Eulenspiegel. Man feierte die Figur des Narren als Helden demokratischer Freiheit.

Von Grabbe stammt die Idee, Eulenspiegel als Helden romantischer Freiheit zu verherrlichen. Charles de Coster hat in seinem Roman La Légende de Ulenspiegel diese Idee vollendet (1868). In diesem Sinne sind auch eine Reihe von Eulenspiegel-Opern entstanden. Richard Strauss hat mit seinem Eulenspiegel-Fragment 1895 wohl die bedeutendste Oper zum Eulenspiegel-Thema verfasst. Charles de Costers Eulenspiegel-Roman ist von Walter Braunfels zur Oper umgestaltet worden.

Bei Gerhart Hauptmann ist eine Eulenspiegel-Erzählung (1919) als Darstellung der Nachkriegszeit zu einem zeitkritischen Epos geworden. M. Jahn hat sich 1933 wieder lyrisch mit Eulenspiegel befasst. Aus gleicher Zeit stammen auch die Eulenspiegel-Geschichten von Bertolt Brecht (1948). Allgemein wird in diesen Werken die Tendenz des Jungen Deutschland fortgesetzt, Eulenspiegel demokratische Motive zu unterlegen.

Erich Kästner hat den Eulenspiegelstoff in einem Kinderbuch bearbeitet. Nach Verbrennung seiner Bücher 1933 und Schreibverbot hat er 1938 seinen „Till Eulenspiegel“ in der Schweiz erscheinen lassen. Wenn man schon den verblendeten Erwachsenen keine literarische Wahrheit mehr bieten dürfe, so konnte man es immerhin noch bei den Kindern versuchen.

Christa und Gerhard Wolf haben 1973 einen Filmdrehbuch-Text zum Thema der Eulenspiegelei geschaffen. P. Rosel verlegt den Schauplatz schließlich nach Amerika: Ulenspiegel Amerika (1976). W. Konold und E. Sauter schließen 1983 wieder an die Versuche Richard Strauss’ an, Eulenspiegel ins Ballett zu bringen (1983).

Schließlich ist von Wolfgang Abaelard ein Eulenspiegelbuch geschaffen worden, das Eulenspiegel als Reinkarnation einer „alten“ Seele darstellt (2009). Im Rahmen spiritueller Reinkarnations-Theoreme wird davon ausgegangen, dass Eulenspiegel eine Seele ist, die schon viele 100 Male zuvor gelebt hat. Der Sinn ihres Eulenspiegel-Daseins liegt im Spiegeln: durch Vorhalten der Oberflächlichkeit wird in vielfältigen Symbolen und Allegorien der Blick auf das wahrhaft Wesentliche gelenkt.

Konzepte Volksbuch mini|Buchseite von 1515 Das wahrscheinlich erste große Konzept der Eulenspiegelei wurde in den 1970er Jahren gerne Hermann Bote zugeschrieben.Sichtermann (1978) In 96 „Historien“ wird eine Art Lebenslauf des Helden dargelegt. Den Anfang bildet die Erzählung, „Wie Till Eulenspiegel geboren, dreimal an einem Tage getauft wurde und wer seine Taufpaten waren“. Die Ausgaben des 20. Jahrhunderts liegen meist in standardhochdeutscher Übertragung vor. Der vorliegende Text-Auszug folgt der Ausgabe von Lindow(1978).vgl. Sichtermann (1982)

„Die 33. Histori

sagt, wie Ulenspiegel zu Bumberg umb Gelt aß

Mit Listen verdient Ulenspiegel Gelt einsmaß zu Bamberg, als er von Nürnberg kam und waz fast hungerig und da kam in einer Wirtin Huß, die hieß Frauw Künigine, die da ein fröliche Wirtin was, unnd hieß ihn willckummen sein, dan sie sahe an seinen Kleidern, daz es ein seltzamer Gast waz.“

Die Historien werden durch die Erzählung der Aufbahrung und des Begräbnisses Eulenspiegels abgeschlossen. Anfang und Ende des Lebens verweisen auf rätselhafte „Zufälle“, die in der Nachfolge vielfältige Deutungen erfahren haben.

Hans Sachs miniatur|links|Hans Sachs, Holzschnitt von Michael Ostendorfer (1545) Hans Sachs (1494–1576) gilt als der erste Dichter, der die Eulenspiegel-Geschichten des Volksbuches selbständig bearbeitet hat.vgl. Pannier1879

Der Eulenspiegel einst vor Jahren in aller Schalkheit wohl erfahren lief in dem Winter über Feld, hatt’ schlechte Kleider und kein Geld; indem da sah er dort von weiten sich reisig Zeug entgegenreiten. Das im Volksbuch unschuldige Kind wird hier von vornherein als in Schalkheit erfahren dargestellt. So entartet im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts die Eulenspiegelei zur derben Posse.

Christian Fürchtegott Gellert miniatur|hochkant|Christian Fürchtegott Gellert, Porträt von Anton Graff Das Eulenspiegel-Epos Christian Fürchtegott Gellerts (1715–1769) zeigt den Typ der Eulenspiegelei, der besonders schulmeisterlich orientiert ist: „Der Narr, dem oft weit minder Witz gefehlt, Als vielen, die ihn gern belachen, Und der vielleicht, um andre klug zu machen, Das Amt des Albernen gewählt …“ Die Eulenspiegelei wird mehr und mehr zum didaktischen Exempel.vgl. Gellert 1852

Johann Nepomuk Nestroy miniatur|hochkant|links|Johann Nepomuk Nestroy

Johann Nepomuk Nestroy (1801–1862) hat die Eulenspiegelfigur als eine Art von Vagabunden ausgearbeitet.vgl. sein Volksstück Der böse Geist Lumpazivagabundus

„Eulenspiegels Auftrittslied

So recht fidel leb’n und umsunst, / Das, sag’ ich, das ist d’größte Kunst.“vgl. Sichtermann (1982, S 47 ff.)

Er wird zum Deus ex machina, wenn es darum geht, Bedrängten zu helfen. Es zeichnet sich bereits die Verwendung Eulenspiegels als Freiheitsheld ab, wie sie vor allem in der Literatur des sog. Jungen Deutschland ausgeformt werden sollte.

Julius von Voß Julius von Voß (1768–1832)lässt in seiner Erzählung „Eulenspiegel im 19. Jahrhundert oder Narrenwitz und Gimpelweisheit“ (1809)vgl. Sichtermann 1982, S. 39 ff. die Figur des Eulenspiegel zum Hofnarren arrivieren:

In Anlehnung an entsprechende Erzählungen des Volksbuches wird Eulenspiegel außer Landes gewiesen. Sollte er sich dem Fürsten nochmals nahen, droht ihm lebenslange Kettenstrafe. Dennoch naht Eulenspiegel sich dem Fürsten in einem Boot und verweist zu seiner Entlastung darauf, dass er sich nicht auf dem Lande, sondern auf dem Wasser des Fürsten befinde. Schließlich erhält er das Amt des närrischen Ratgebers bei Hof, indem der Fürst ihm eine Kette als Symbol der verhängten Kettenstrafe schenkt.

Charles de Coster miniatur|hochkant|Charles De Coster

Charles de Coster (1827–1879) verlegt in seinem Roman Die Legende und die heldenhaften, fröhlichen und ruhmreichen Abenteuer von Ulenspiegel und Lamme Goedzak den Schauplatz nach Flandern und formt Eulenspiegel zum Freiheitshelden im Kampf der Niederländer gegen die spanische Fremdherrschaft um.

„Da war für sie alles eitel Zucker und Honig. Als der Wirt die Briefe des Prinzen gesehen hatte, übergab er Ulenspiegel für diesen fünfzig Karolus und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen kredenzte, noch für den Dobbele-Klauwaert, mit dem er sie begoß, Geld annehmen. Auch warnte er ihn vor den Spionen des Blutgerichtes, die es zu Kortfijk gab, weshalb er seine wie seines Gefährten Zunge gar wohl zügeln sollte.“vgl. Sichtermann (1982, S 88 ff.)

Gerhart Hauptmann miniatur|links|hochkant|Gerhart Hauptmann, Fotografie von Nicola Perscheid (1914)

Gerhart Hauptmann (1862–1946) hat in seinem Epos „Des großen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers, Till Eulenspiegel Abenteuer, Streiche, Gaukeleien, Gesichte und Träume“ (1928) die Figur des Till in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gestellt. Er fungiert als Visionär in einer von Krisen heimgesuchten Zeit. Hauptmann hat seinen „Eulenspiegel“ gelegentlich als seinen „Faust II“ bezeichnet.vgl. Sichtermann (1982, S. 182) So mutiert die Eulenspiegelei im 20. Jahrhundert zur Identifikationsfigur einer neuen politischen Gesinnung. Es handelt sich um eine chronologische Erzählung in 18 „Abenteuern“. Jedes der Abenteuer wird eingeleitet durch eine kurze Zusammenfassung. Hier greift Hauptmann die Struktur des Schwankromans auf, an dem er sich inhaltlich nur vage orientiert. Zu den einzelnen Abenteuern:

1. Abenteuer: Eulenspiegel wird auf einem Marktplatz festgenommen, im Anschluss aber wieder freigelassen, da der Polizist ihn für verrückt hält. Außerdem begegnet er nachts einem Blinden, mit welchem er sich über den Krieg unterhält.

2. Abenteuer: Eulenspiegel begegnet einer jungen Magd, mit welcher er sich vergnügt. Dabei ist unklar, ob sie überhaupt existiert, oder ob es sich um einen Traum handelt. Auf dem Weg wirft er einen Blick in seinen „Zauberspiegel“, welchem ein Doppelgänger entspringt. Es folgt ein Streit zwischen den beiden Figuren.

3. Abenteuer: Eulenspiegel begegnet einem Mann, mit welchem er seine Mahlzeit einnimmt. Der Mann, ein Baron, wird zu seinem Haus gerufen. Während seiner Abwesenheit trifft ein junger Soldat auf Eulenspiegel. Der Soldat erschießt den Baron bei seiner Rückkehr. Eulenspiegel spendet dem traumatisiertem jungen Mann Trost.

4. Abenteuer: Eulenspiegel gerät auf einen Friedhof, wo er die Taufe vom Sohn des Fürsten beobachtet. Es kommt zu einem Gespräch mit dem Kantor, welcher meint, Eulenspiegel zu erkennen. Dieser flieht zu einem Wirtshaus, wo er sich mit einer Einbildung unterhält.

5. Abenteuer: Eulenspiegel geht in den Wald bei dem Dorf. Es handelt sich dabei um seine Heimat. Er ist auf der Suche nach der Mutter des Täuflings. Diese meint bei ihrer Begegnung, Eulenspiegel sei der Vater des Kindes und nicht ihr Ehemann, der Fürst. Sie verbringen die Nacht miteinander, während ihr Ehemann vor den Gemächern wütet. Eulenspiegel verlässt sie morgens.

6. Abenteuer: