mini|Franz Schubert gegen Ende seines Lebens (Porträt von Anton Depauly) Die drei Klaviersonaten Nr. 19 bis 21, Deutsch-Verzeichnis 958, 959 und 960, sind die letzten Werke des Komponisten Franz Schubert. Sie entstanden in seinen letzten Lebensmonaten zwischen Frühjahr und Herbst 1828, wurden aber erst 1838–1839 veröffentlicht.Robert Winter: Paper Studies and the Future of Schubert Research. S. 252–253; M. J. E. Brown: Drafting the Masterpiece. S. 21–28; Richard Kramer: Posthumous Schubert.; Alfred Brendel: Schubert’s Last Sonatas. S. 78; M. J. E. Brown: Towards an Edition of the Pianoforte Sonatas. S. 215.
Wie die übrigen Klaviersonaten des Komponisten wurden sie im neunzehnten Jahrhundert als „vernachlässigbar“ angesehen.András Schiff: Schubert’s Piano Sonatas. S. 191; Eva Badura-Skoda: The Piano Works of Schubert. S. 97–98. Im späten zwanzigsten Jahrhundert hat sich jedoch diesbezüglich die öffentliche Meinung – und die der Kritiker – geändert: Schuberts letzte Sonaten werden jetzt zu den wichtigsten und reifsten Werken des Komponisten gezählt, gehören zum „harten Kern“ des Klavier-Repertoires und erscheinen regelmäßig auf Konzertprogrammen und in Aufnahmemedien.Eva Badura-Skoda: The Piano Works of Schubert. S. 97–98, 130.
Einer der Hauptgründe für die lange Nichtbeachtung der Schubert’schen Klaviersonaten ist ihre Geringschätzung im Vergleich zu den Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Dieser war zu einem Großteil des kurzen Schubert’schen Lebens noch präsent und aktiv, z. B. mit seinen Diabelli-Variationen, mit denen er zeitgenössische Konkurrenten, darunter auch Schubert, förmlich „erdrückte“, so dass Diabelli Beethovens 33 Variationen über sein Thema in einem Extraband (Band I) abdruckte, während er die Einzelbeiträge der anderen Komponisten als „zweitrangig“ (Band II) behandeln konnte. Im Vergleich zu Beethovens 32 Klaviersonaten wurden die 21 Schubert’schen nicht nur von der Zahl her, sondern von Struktur und „Gehalt“ als deutlich unterlegen angesehen,Schiff: Schubert’s Piano Sonatas. S. 191. obwohl die drei letzten Schubert’schen Klaviersonaten konkrete Anspielungen auf Beethoven’sche Kompositionen enthalten (s. u.) und obwohl Schubert Beethoven sehr verehrte.Charles Fisk: Returning Cycles. S. 203; Edward T. Cone: Schubert’s Beethoven.; Charles Rosen, The Classical Style. S. 456–458.
Spätere musikwissenschaftliche Analysen und Vergleiche haben jedoch ergeben, dass Schuberts letzte Sonaten im individuellen Stil ungewöhnlich reif sind und diese Reife auch inhaltlich vermitteln: Sie werden jetzt hoch gelobt wegen dieses Stils, der sich in ungewöhnlichen zyklischen Form- und Klangeigenschaften, einer spezifischen Kammermusik-Textur und in ungewöhnlich reichem Gefühlsausdruck manifestiert.Brendel: Schubert’s Last Sonatas. S. 133–135; Fisk: Returning Cycles. S. 274–276.
Die drei Sonaten sind in verschiedener Hinsicht zyklisch miteinander verknüpft (siehe unten), und zwar im Hinblick auf strukturelle Elemente, Harmonie-Elemente und solche der Melodik. Diese Elemente verbinden in jeder Sonate die verschiedenen Sätze,Martin Chusid: Cyclicism in Schubert’s Piano Sonata in A major.; Charles Rosen, Sonata forms. S. 394. und ebenso alle drei Sonaten untereinander.Brendel: Schubert’s Last Sonatas. S. 99–127, 139–141; Fisk: Returning Cycles. S. 1. Konsequenterweise betrachtet man sie oft als zusammengehörige „Trilogie“; man könnte – in Anspielung auf den Begriff zyklisch – auch von einem „Zyklus aus drei Klaviersonaten“ sprechen. Die Sonaten enthalten auch spezifische Anspielungen auf (und Ähnlichkeiten mit) anderen Schubert’schen Kompositionen, zum Beispiel mit seinem Liederzyklus Winterreise (entstanden im Herbst 1827, also weniger als ein Jahr vor der Klaviersonaten-Trilogie). Diese Verbindungen beruhen auf dem – psychologisch gesehen – „emotional sehr aufgewühlten“ Zustand, in dem sich der Komponist zur Zeit der Entstehung sowohl der Sonaten-Trilogie als auch der „Winterreise“ befand.Es ist bekannt, dass Schubert seinen Freunden gegenüber die Winterreise etwa wie folgt ankündigte: „Kommt morgen zu Schober. Da werde ich euch einen Kreis schauriger Lieder vorspielen.“ (Das Wort „Zyklus“ steht für „Kreis“, „zyklisch“ bedeutet u. a. „in kreisförmiger Wiederholung“) Dieser „aufgewühlte Zustand“ begünstigt – analog zu den Wirbelzyklen in einer turbulenten Strömung – Zyklenbildung und Interdependenzen aller Art, wird aber oft nur als „sehr persönlich“ und „autobiographisch“ abgetan.Fisk: Returning Cycles. S. 50–53, 180–203; Fisk: Schubert Recollects Himself. In der Tat: in verschiedenen Darstellungen wurden die drei Sonaten – auf Grundlage historischer Belege aus dem Leben des Komponisten – mit konkreten psychologischen Begriffen charakterisiert.Fisk: Returning Cycles. S. 203, 235–236, 267, 273–274; Fisk: What Schubert’s Last Sonata Might Hold.; Peter Pesic: Schubert’s Dream.
Entstehungsgeschichte Das letzte Lebensjahr Schuberts brachte zunehmende öffentliche Anerkennung für sein kompositorisches Schaffen, aber auch die allmähliche Verschlechterung seines Gesundheitszustandes. Am 26. März 1828 gab Schubert zusammen mit anderen Musikern in Wien ein sehr erfolgreiches Konzert mit eigenen Kompositionen, das ihm beträchtliche Einnahmen brachte. Außerdem interessierten sich zwei deutsche Verleger für sein Werk, was insgesamt zu einer kurzen Zeitspanne finanziellen Wohlstandes führte. Aber bereits im Sommer war Schubert wieder „knapp bei Kasse“ und musste einige bereits geplante Reisen aufgeben.Elizabeth Norman McKay, Franz Schubert: A Biography. S. 291–318; Peggy Woodford, Schubert. S. 136–148.
Spätestens 1822 hatte Schubert sich mit Syphilis infiziert und litt unter Schwäche, Kopfschmerz, Benommenheit und Schwindel. Aber er hat anscheinend bis September 1828 ein ziemlich normales Leben geführt. In diesem Monat kam es zu neuen Krankheitssymptomen, z. B. zu Blutstürzen. Zu diesem Zeitpunkt zog er von Wien, wo er bei Franz von Schober gewohnt hatte, in das eher außerhalb gelegene Haus seines Bruders Ferdinand. Dennoch komponierte er bis in seine letzten Lebenswochen im November 1828 mit ungebrochener Kraft. Unter anderem entstanden seine drei letzten Klaviersonaten.McKay, S. 291–318; Peter Gilroy Bevan: Adversity: Schubert’s Illnesses and Their Background. S. 257–259; Woodford, S. 136–148.
Wahrscheinlich begann Schubert mit Skizzen zu den Sonaten ungefähr im Frühling des Jahres 1828; die Endversion entstand im September. In diesen Monaten erschienen u. a. auch die drei Impromptus D 946, die Es-Dur-Messe D 950, das Streichquintett D 956 und die Lieder, die posthum den sog. Schwanengesang bildeten.Woodford, Schubert. S. 144–145. Die letzte Sonate, D 960, wurde am 26. September abgeschlossen, und zwei Tage später spielte Schubert aus der ganzen Trilogie bei einer Abendveranstaltung in Wien.M. J. E. Brown: Drafting the Masterpiece. S. 27 In einem Brief vom 2. Oktober 1828 bot Schubert die drei Sonaten dem Verleger Probst zur Veröffentlichung an.Deutsch, Franz Schubert’s Letters and Other Writings. S. 141–142. Aber Probst war an den Sonaten nicht interessiert,McKay, S. 307. und am 19. November 1828 starb Schubert.
Im folgenden Jahr verkaufte Schuberts Bruder Ferdinand das Manuskript der Sonaten an den Musikverleger Anton Diabelli, der sie aber erst 1838 oder 1839 publizierte.Kramer: Posthumous Schubert.; Brendel: Schubert’s Last Sonatas. S. 78; M. J. E. Brown: Towards an Edition of the Pianoforte Sonatas. S. 215. Das genaue Publikationsjahr (1838 oder 1839) variiert je nach Quelle. Schubert hatte die drei Sonaten Johann Nepomuk Hummel widmen wollen, den er sehr verehrt hatte.Siehe auch den oben erwähnten Brief Schuberts an Probst, in Deutsch, Schubert’s Letters. S. 141–142. Aber als die Sonaten 1839 publiziert wurden, war Hummel tot, und Diabelli entschied, die Sonaten stattdessen dem jungen Robert Schumann zu widmen, der verschiedentlich sehr enthusiastisch über Schubert geschrieben hatte.
Gemeinsame Struktur Schuberts drei letzte Sonaten haben viele gemeinsame strukturelle Eigenschaften.Irit Yardeni, Major/Minor Relationships in Schubert’s Late Piano Sonatas (1828). Jede Sonate besteht aus vier Sätzen, in folgender Ordnung: Der Erste Satz hat immer schnelles bzw. mäßig-schnelles Tempo und ist in Sonatenform angelegt. Die Exposition besteht aus zwei oder drei thematischen und tonalen Einheiten und führt wie fast immer bei klassischer Musik vom Grundton, der sog. Tonika, zur Dominante (in Dur-Tonarten) oder zum zugehörigen Dur-Ton bei Moll-Tonarten (etwa von C nach Es bei c-Moll). Aber, wie oft bei Schubert, involviert das Harmonie-Schema der Exposition Zusatzpassagen mit intermediären Tonarten, die sehr weit von der Tonika-Dominante-Beziehung entfernt liegen können und manchmal gewisse Expositionspassagen mit Übergangscharakter regelrecht „einfärben“ Die Hauptthemen der Exposition stehen oft in Dreiklangsbeziehung, wobei der Mittelabschnitt zu einer anderen Tonart „ausweicht“. Die Themen bilden im Allgemeinen keine symmetrischen Perioden, und unregelmäßige Phrasenlängen kommen häufig vor. Die Exposition endet mit einem Wiederholungszeichen. Die Entwicklungssektion beginnt mit einem abrupten Übergang zu einem neuen Tonbereich. Der Zweite Satz ist immer langsam, teilweise „schwermütig“, in der Tonart komplementär zu der jeweiligen Tonika und hat A–B–A (ternäre Struktur) oder A–B–A–B–A Form. Die Hauptabschnitte (A und B) kontrastieren in Tonart und Charakter, A ist langsam und meditativ; B ist lauter und bewegt. Der Satz beginnt und endet langsam und ruhig. Das anschließende Scherzo oder Menuett ist in der jeweiligen Tonika komponiert, wobei das Trio in einer anderen Tonart steht. Ein Scherzo genannter Satz ist in ternärer Form (A-B-A) gehalten, wobei der B-Abschnitt in eigenen Tonarten komponiert ist – Tonarten, die in den vorangegangenen Sätzen eine prominente bzw. dramatische Rolle spielten. Das Trio ist in binärer oder ternärer Form gehalten. Das abschließende Finale verläuft in mäßiger oder schneller Geschwindigkeit in Sonaten- oder Rondo-Form. Die Themen des Satzes sind gekennzeichnet von langen Melodiepassagen, mit unerbittlich dahinfließenden Begleittönen im Bass. Die Exposition wird diesmal nicht wiederholt. Der Entwicklungsabschnitt ist hier in einfacherem Stil gehalten als im ersten Satz, mit häufigen Modulationen, Fortsetzungssequenzen und Fragmentierungen des ersten Themas der Exposition (oder des Rondo-Hauptthemas).Fisk: Returning Cycles. S. 276. Die Wiederholung ist der Exposition sehr ähnlich, mit den minimalen Änderungen in der Harmonik, die nötig sind, damit der Abschnitt in der Tonika endet; das zweite Thema ist bei seinem Wiedererscheinen ungeändert, nur um eine Quart nach oben transponiert. Die Coda basiert auf dem ersten Thema der Exposition. Es ist aus zwei Teilen zusammengesetzt, von denen der erste ruhig und verhalten ist, wodurch er eine Aura der Erwartung erzeugt, während der zweite bewegt ist und die finale Spannung in entschiedene Bewegung „entlädt“, die schließlich in Fortissimo-Akkorden auf der Tonika endet.
Die Sonaten im Einzelnen 300px|mini|Beginn der drittletzten Sonate (Nr. 19, c-Moll, D 958)
Schuberts drittletzte Sonate: Klaviersonate Nr. 19, c-Moll, D 958 Allegro. Adagio in As-Dur, Form: A-B-A-B-A. Menuetto: Allegro – Trio. Allegro.
300px|mini|Beginn der vorletzten Sonate (Nr. 20, A-Dur, D 959)
Schuberts vorletzte Sonate: Klaviersonate Nr. 20, A-Dur, D 959
Allegro. Andantino in fis-Moll, Form: A-B-A. Scherzo: Allegro vivace – Trio: Un poco più lento. Rondo. Allegretto – Presto.
300px|mini|Beginn der letzten Sonate (Nr. 21, B-Dur, D 960)
Schuberts letzte Sonate: Klaviersonate Nr. 21, B-Dur, D 960 Molto moderato. Andante sostenuto in cis-Moll, Form: A-B-A. Scherzo: Allegro vivace con delicatezza – Trio. Allegro, ma non troppo – Presto.