mini|Shoghi Effendi Shoghi Effendi (), auch Shoghi Rabbani (* 1. März 1897 in Akkon; † 4. November 1957 in London), war der „Hüter“ der Bahai-Religion.

Er war von ʿAbdul-Bahāʾ beauftragt, nach dessen Tod die Entwicklung der Religion zu leiten, die Bahai-Schriften auszulegen und so im Sinne des Bundes Bahāʾullāhs die Einheit der Bahai-Gemeinde zu bewahren. Während seiner 36-jährigen Amtszeit trug er deutlich zur Verbreitung der Bahai-Religion und Etablierung der Bahai-Verwaltungsordnung bei, übersetzte Bahai-Schriften ins Englische, entwickelte das Bahai-Weltzentrum und vermittelte sein Verständnis vom Fortschritt der Zivilisation im Lichte der Lehren Bahāʾullāhs.

Leben und Wirken Kindheit und Jugendzeit mini|Shoghi Effendi als Kind. Shoghi Effendi wurde am 1. März 1897 in Akkon, Palästina (heute Israel), geboren. Er war das älteste Enkelkind von ʿAbdul-Bahāʾ und ein Verwandter sowohl des Bāb als auch von Bahāʾullāh. Von klein auf schenkte ʿAbdul-Bahāʾ Shoghi Effendi besondere Aufmerksamkeit und spielte auch eine bedeutende Rolle bei seiner Bildung und Erziehung. Shoghi Effendi, der sich seinem Großvater eng verbunden fühlte, widmete diesen Bereichen wiederum viel Energie.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 314–318.

Shoghi Effendi erhielt seine frühe Ausbildung in der von ʿAbdul-Bahāʾ gegründeten Einraumschule, wo er auf Persisch, Arabisch und teilweise auch auf Englisch und Französisch unterrichtet wurde. Später besuchte er das Jesuiten-Collège des Frères in Haifa, wo er Französisch lernte, und später die katholische Schule in Beirut, bevor er auf die vorbereitende High School des Syrian Protestant College, der heutigen Amerikanische Universität Beirut, wechselte. Dort machte er 1917 seinen Bachelor-Abschluss und absolvierte danach noch ein zusätzliches Studiumsjahr.

Shoghi Effendi kehrte im Sommer 1918 nach Haifa zurück und wurde zum Hauptsekretär ʿAbdul-Bahāʾs. Er wurde mit der Übersetzung der Sendbriefe ʿAbdul-Bahāʾs ins Englische beauftragt – seine Sprachkenntnisse hatte er während seines Studiums in Beirut verfeinert. Shoghi Effendi begleitete ʿAbdul-Bahāʾ auch bei verschiedenen Besuchen bei Regierungsbeamten.

1920 begann er an der Universität Oxford Politikwissenschaft und Wirtschaft zu studieren – auch, um sein Englisch weiter zu verbessern und ʿAbdul-Bahāʾ entsprechend besser unterstützen zu können. Am 29. November 1921 erhielt er jedoch die Nachricht vom Tod ʿAbdul-Bahāʾs. Dieses für ihn erschütternde Ereignis markierte den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Nach dem Tod ʿAbdul-Bahāʾs mini|ʿAbdul-Bahāʾ, der älteste Sohn Bahāʾullāhs und Großvater Shoghi Effendis Shoghi Effendi kehrte nach einem Monat nach Haifa zurück, ohne den Inhalt des Testaments von ʿAbdul-Bahāʾ zu kennen. Er hatte erwartet, dass er beauftragt würde, das Universale Haus der Gerechtigkeit als weltweites Leitungsorgan der Religion zu etablieren. Stattdessen wurden im Testament ʿAbdul-Bahāʾs, das am 3. Januar 1922 verlesen wurde, aber zwei Institutionen zur Leitung der Religion eingesetzt. Zum einen wurde Shoghi Effendi zum Hüter der Religion ernannt, der unter anderem auch die heiligen Texte der Bahai auslegen sollte. Zum anderen bekräftigte ʿAbdul-Bahāʾ die Autorität des allgemein zu wählenden Gremiums des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und erläuterte dessen Funktionsprinzipien.

Die Nachricht von seiner Ernennung als Hüter der Bahai-Religion verstärkte seine Trauer über den Verlust seines Großvaters. In dieser Zeit war für ihn und die Gemeinde die Unterstützung seiner Tante Bahíyyih Khánum, der Schwester ʿAbdul-Bahāʾs, wichtig. Mit dem Tod von ʿAbdul-Bahā und später auch von Bahíyyih Khánum war der Bahai-Glaube laut Shoghi Effendi in eine neue Phase eingetreten. Er bezeichnete die Periode bis dorthin als „apostolisches Zeitalter“ oder „heroisches Zeitalter“. Danach habe das „formative Zeitalter“ oder „gestaltende Zeitalter“ begonnen.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 338–339.

Heirat und Familie mini|Mary Maxwell, die Ehefrau Shoghi Effendis, bekannt auch als Rúhíyyih Khánum Am 25. März 1937 heiratete Shoghi Effendi die Kanadierin Mary Maxwell, Tochter von William Sutherland Maxwell, die auch unter dem Namen Amatu'l-Bahá Ruhiyyih Khanum bekannt ist. Sie wurde auch seine lebenslange Assistentin in seiner Arbeit als Hüter der Bahai-Religion. Jahre später beschrieb er sie als „meine Gefährtin, mein Schutzschild [...] und meine unermüdliche Mitarbeiterin.“ Das Paar hatte keine Kinder.

Als Hüter der Bahai-Religion Shoghi Effendi wirkte nach dem Tod ʿAbdul-Bahāʾs 1921 bis zu seinem eigenen Tod 1957 als Hüter der Bahai-Religion. Für die Bestimmung der Prioritäten seiner Amtszeit waren drei Schriften von Bahāʾullāh und ʿAbdul-Bahāʾ besonders prägend. Das Testament von ʿAbdul-Bahāʾ betreffend die Entwicklung der Bahai-Verwaltungsordnung, ʿAbdul-Bahāʾs Sendschreiben zum Göttlichen Plan betreffend die Ausbreitung der Bahai-Gemeinde sowie Bahāʾullāhs Tafel des Karmel betreffend den Aufbau des Bahai-Weltzentrums.

Aufbau der Bahai-Verwaltungsordnung Shoghi Effendi legte großen Wert auf die Schaffung der Verwaltungsordnung von Bahāʾullāh im Sinne des Testaments ʿAbdul-Bahāʾs und begann unmittelbar nach seiner Ernennung mit deren Aufbau. Denn für die Verbreitung der Religion benötigte die Gemeinde seiner Einschätzung nach Institutionen, die ihre Ressourcen mobilisieren könnten. Shoghi Effendi förderte entsprechend die Etablierung gewählter lokaler und nationaler Bahai-Institutionen. Dabei sollten die Mitglieder dieser Institutionen neben anderen Prinzipien der Verwaltungsordnung der Bahai lernen, Entscheidungen gemeinschaftlich zu treffen, indem sie die Methode der Bahai-Beratung anwenden.Todd Smith und Omid Ghaemmaghami: Consultation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.). The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 450–462

Später kam Shoghi Effendi schließlich zur Überzeugung, dass die Bahai-Gemeinden in einigen Ländern genügend administrative Kapazität aufgebaut hatten, weshalb er damit begann, Pläne zu entwerfen und voranzubringen, um an vielen weiteren Orten Bahai-Gemeinden zu gründen. Zur Unterstützung dieses Vorhabens ernannte er eine Gruppe Bahai zu „Händen der Sache Gottes“. Diese waren neben anderen Aufgaben dafür verantwortlich, individuelle Initiativen zu unterstützen, das Lernen der Gemeinde und die Bildung ihrer Mitglieder zu fördern und die gewählten Gremien zu beraten. In der weiteren Folge etablierte er zudem ein Netzwerk an Personen, die als Hilfsamtsmitglieder bezeichnet werden, die die Hände der Sache Gottes bei ihren Tätigkeiten unterstützen sollten. Zudem etablierte er in seiner Amtszeit den Internationalen Bahai-Rat als provisorische Institution bis zur Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit.

Ausbreitung der Bahai-Religion mini|Königin Marie von Edinburgh, die erste Monarchin, die die Bahai-Religion annahm Eine weitere Priorität ergab sich aus ʿAbdul-Bahāʾs Sendschreiben zum göttlichen Plan. Diese sahen vor, die Bahai-Religion in jedem Land der Welt zu etablieren. Für diesen Zweck mobilisierte und unterstützte Shoghi Effendi eine Gruppe von Bahai, in verschiedene Teile der Welt zu gehen, um die Bahai-Religion zu lehren. Shoghi Effendi unterhielt regelmäßige Korrespondenz mit dieser Gruppe. Eine der ersten und erfolgreichsten dieser Personen war die Amerikanerin Martha Root, die für diese Aufgabe einige Male um die Welt reiste und dabei unter anderem dazu beitrug, dass Königin Marie von Rumänien als weltweit erste Monarchin die Bahai-Religion annahm.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 232–233. Königin Marie schrieb:

Mit deren zunehmendem Wachstum und Kapazitätsaufbau begann Shoghi Effendi damit, verschiedenen Bahai-Gemeinden konkrete und systematische Pläne für ihre Ausbreitung und Konsolidierung zu vermitteln. 1953 waren die Bahai in der Einschätzung Shoghi Effendis schließlich in der Lage, eine zehnjährige, weltweite Kampagne zu starten, die sie bis zur Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit führen sollte. Damit trug Shoghi Effendi dazu bei, dass die Zahl der Länder mit Bahai-Gemeinden in der Zeit seines Wirkens von etwa 35 auf über 200 anwuchs. Bis zum Ende der zehnjährigen Kampagne, die unter der Führung der Hände der Sache Gottes zu Ende geführt wurde, waren 56 nationale und über 4.500 örtliche Geistige Räte gebildet.

Entwicklung des Bahai-Weltzentrums mini|Bahai-Gärten auf dem Berg Karmel Eine dritte wichtige Priorität, die sich für Shoghi Effendi aus Bahāʾullāhs Tafel des Karmel erschloss, war die Entwicklung des geistigen und administrativen Zentrums der Religion in Israel. Bahāʾullāh sprach darin vom Berg Karmel als zukünftigem Ort für den Bau heiliger Stätten, darunter der Schrein des Bāb und der Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit. Sowohl Bahāʾullāh als auch ʿAbdul-Bahāʾ gaben darüber hinaus Einzelheiten über die Gestaltung dieser Orte bekannt.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 71–72.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1, S. 45–46.

Shoghi Effendi widmete sich dem Aufbau dieses Bahai-Weltzentrums. Die Sicherheit und Erhaltung des Schreins von Bahāʾullāh und seiner Umgebung zu gewährleisten, erwies sich dabei als eine größere Herausforderung. Er arbeitete daran, diese für die Bahai heiligen Orte zu sichern und zu verschönern. In Haifa koordinierte und beaufsichtigte er den Bau des Überbaus für den Schrein des Bāb mit seiner goldenen Kuppel. Er legte auch Gärten um die beiden Schreine an und restaurierte andere Stätten in der Umgebung, die für die Bahai-Geschichte bedeutend waren. Um das weltweite Verwaltungszentrum der Religion auf dem Berg Karmel zu errichten, entwarf Shoghi Effendi einen Plan für einen „Bogen“ von Gebäuden, die die internationalen Institutionen der Religion beherbergen sollten.

Herausforderungen Shoghi Effendi sah sich während seiner Amtszeit wiederholt mit Herausforderungen konfrontiert. Unter anderem wurde die Gemeinde in Aşgabat aufgelöst, die deutschen Bahai wurden unter der Naziherrschaft verfolgt, im Iran kam es wieder zu starkem Widerstand gegen die Gemeinde und auch das Haus von Bahāʾullāh in Bagdad wurde beschlagnahmt. Shoghi Effendi habe dabei Wert darauf gelegt, in jeder Krise auch eine Chance zu sehen.

Plötzlicher Tod und Folgen Shoghi Effendi verstarb 60-jährig nach einer Influenzaerkrankung am 4. November 1957 in London. Er wurde auf dem Great Northern London Cemetery beigesetzt, der heute Teil des New Southgate Cemetery ist.

Nach dem Tod von Shoghi Effendi wurde die Bahai-Gemeinde vorübergehend von einer Gruppe erfahrener Bahai geleitet, die Shoghi Effendi selbst als „Hände der Sache Gottes“ ernannt hatte. In einer Botschaft, die Shoghi Effendi kurz vor seinem Tod verfasste, bezeichnete er die Hände der Sache als „Chief Stewards“ der Religion. Nach seinem Tod begleiteten diese die Bahai-Gemeinde daher entsprechend den Instruktionen Shoghi Effendis bis zur Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, die im April 1963 stattfand.