Gattung (syn.: Gattungsbegriff; griechisch γένος génos; lateinisch genus) nennt man in der Logik einen Begriff, unter den mehrere Arten fallen. Beispielsweise fallen unter den Gattungsbegriff „Lebewesen“ die Artbegriffe „Mensch“ und „Tier“.

Das Wort „Gattung“ hat in dieser Hinsicht dieselbe Bedeutung wie das Wort „Oberbegriff“.

Etymologie Als philosophischer Terminus wurde das altgriechische Wort génos erstmals bei Platon verwendet. Platon hält sich allerdings nicht an eine konsequente Terminologie. Eine solche führt erst Aristoteles ein, der génos durchgehend für „Gattung“ und eîdos durchgehend für „Art“ verwendet. Die deutsche Übersetzung dieses philosophischen Begriffs mit „Gattung“ stammt aus dem 18. Jahrhundert von Christian Wolff.Hans Michael Baumgartner: Gattung, Genus. In: Joachim Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 3, Schwabe, Basel 1972, Sp. 24–30, hier: Sp. 24.

Veranschaulichung Markiert man das Subordinationsverhältnis der Begriffe (des Gattungsbegriffs und des Artbegriffs) durch Verbindungslinien, so ergibt sich ein pyramidenähnliches Schema. Ein philosophiegeschichtliches Beispiel ist die Begriffshierarchie in Form des Baum des Porphyrios. Hier folgt eine Veranschaulichung des Zusammenhangs von Gattung, Art und Unterschied (links), sowie ein konkretes Beispiel (rechts).

Philosophiegeschichte Platon

Bei Platon spielt der Begriff der Gattung eine wichtige Rolle in der Methode der Einteilung (Dihairesis). Mit der Dihairesis wird eine übergeordnete Gattungsidee schrittweise differenziert, bis man zu einer Artidee gelangt, die nicht weiter unterteilbar ist. Allerdings trennt Platon terminologisch nicht scharf zwischen Gattung (genos) und Art (eidos); er verwendet die Bezeichnung genos nicht nur für „Gattung“, sondern mitunter auch für „Art“.Michael Schramm: Dihärese. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon. Darmstadt 2007, S. 92–95, hier: 93.

Im Dialog Sophistes führt Platon fünf „größte Gattungen“ (mégista géne) ein: Sein, Identität oder Selbigkeit, Verschiedenheit, Bewegung oder Veränderung und Ruhe oder Beharrung.Platon, Sophistes 254b–259b. Siehe dazu Michael Erler: Platon (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/2), Basel 2007, S. 242.

Aristoteles Gattungen in der Logik Aristoteles definiert die Gattung folgendermaßen: „Gattung ist, was von mehreren und der Art nach verschiedenen Dingen bei der Angabe ihres Was oder Wesens [en to ti estin] prädiziert wird“.Aristoteles, Topik 102a31f.

Gattungen in der Biologie Bereits Aristoteles (in seiner Schrift Historia animalium) und sein Schüler Theophrast verwendeten den Begriff der Gattung im Sinn der biologischen Gattung zur systematischen Einteilung der Tiere und Pflanzen.

Porphyrios Porphyrios behandelt im zweiten Kapitel seiner Schrift Isagoge den platonisch-aristotelischen Begriff der Gattung eingehend.

Kant Für Kant ist die Gattung einerseits ganz einfach im Sinne der traditionellen Logik „der höhere Begriff in Rücksicht seines niederen“.Immanuel Kant, Logik §10 Hinter diesem logischen Prinzip der Gattung steht aber ein transzendentales:

Klassenlogik In der Klassenlogik dient die Gattung nicht mehr wie in der Antike zur Wesensbestimmung (z. B. „Sokrates ist ein Mensch“). Diese wird durch eine mathematische Relation ersetzt: Jede Klasse (z. B. „Lebewesen“), die Teilklassen (z. B. „Mensch“ und „Tier“) besitzt, ist eine Gattung. Und: Jedes Element (z. B. „Sokrates“) einer der Teilklassen (z. B. „Mensch“) ist auch Element der Gattung (z. B. „Lebewesen“) und es gibt mindestens ein Element (z. B. den Hund „Rex“), das nicht Element der Teilklasse (z. B. „Mensch“) ist.Hans Michael Baumgartner: Gattung, Genus. In: Joachim Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 3, Schwabe, Basel 1972, Sp. 24–30, hier: Sp. 25.

Literatur Hans Michael Baumgartner, F. Krafft, H. M. Nobis: Gattung, Genus. In: Joachim Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 3, Schwabe, Basel 1972, Sp. 24–30.

Siehe auch Klassifikation Baum des Wissens (Arbor porphyriana, Begriffspyramide) Genus proximum et differentia specifica (traditionelle Definitionsregel) Kategorie (Philosophie) Universalienproblem

Weblinks Rudolf Eisler: Gattung. In: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Berlin, 1904

Einzelnachweise

Kategorie:Philosophische Logik Kategorie:Aristoteles Kategorie:Platon Kategorie:Platonismus