Kriegstrauma ( (CSR)) bezeichnet eine gravierende Veränderung im Verhalten von Personen nach Kriegserlebnissen, die in der Regel durch ein Trauma (auch psychisches, seelisches oder mentales Trauma oder Psychotrauma) hervorgerufen werden und von Soldaten (nach dem Krieg – „Veteranen“), aber auch von Zivilisten betroffen sein können. Dabei handelt es sich nicht um schnell vorübergehende akute Belastungsreaktionen, sondern um überwiegend langfristige Störungen.

Etymologie und Begriffsentwicklung

Im deutschsprachigen Raum wurden auch die Begriffe Kriegshysterie oder Kriegsneurose verwendet. Die Begriffe stammen aus der Traumaforschung, Psychotraumatologie, Kriegspsychiatrie und Militärpsychologie des Ersten Weltkriegs, die in ihrer Entwicklung nicht nur als somatische, sondern auch als soziale Krankheiten beschrieben werden und die Mentalität einer ganzen Generation beeinflusst habe. Die während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg Heranwachsenden wurden sogar als Verlorene Generation (en: Lost Generation) bezeichnet.

Erstmals in großer Zahl wurde im Ersten Weltkrieg mit seiner auf allen Seiten verbreiteten Militärdoktrin des Angriff bis zum Äußersten, insbesondere nach Trommelfeuer oder Nahexplosionen, anhaltende Störungen bei den Soldaten registriert, welche in der deutschen Reichswehr als Kriegszittern, im englischen als shell shock (de: Granatenschock) bzw. battle fatigue, im französischen als obusite und im spanischen als Fatiga de combate („Kampfmüdigkeit“) bezeichnet wurden. Nach dem Einsatz von Giftgas benutzen die Engländer auch den Begriff gas neurosis (de: Gas-Neurose).

Ursprünglich wurden diese Vorkommnisse nur offiziell registriert, wenn die betroffenen Soldaten direkt kampfunfähig geworden waren. Eine psychologische Wirkung bei Waffeneinsätzen wurde bereits angenommen und sollte den Gegner insbesondere durch andauernden Beschuss auch psychologisch und moralisch schwächen.

Innere Verletzungen durch Explosionen waren bereits länger bekannt und solche durch Granaten konnten noch in einer Entfernung von mehr als 10 Metern zu Rissen in inneren Organen führen, weshalb damals auch davon ausgegangen wurde, dass die Gehirne der auffällig gewordenen Soldaten verletzt worden sein könnten, auch wenn keine äußeren Verletzungen (Knalltrauma etc.) vorlagen. Jüngere Untersuchungen legen nahe, dass Personen, die im Krieg schweren Explosionen ausgesetzt waren, tatsächlich Hirnschäden davongetragen haben.Unsichtbare, doch tödliche Narben von Kai Biermann auf Zeit.de vom 11. Juni 2016

Nach dem Vietnamkrieg wurden zum ersten Mal auch psychologische Auswirkungen registriert, die nicht nur während, sondern häufig erst nach dem Ende einer Dienstzeit bemerkt wurden. Mit der neuen Diagnosemöglichkeit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wurde bald festgestellt, dass sich auch diese Symptome von Soldaten und Kriegsveteranen damit abbilden lassen und seit 1980 sind PTBS-Diagnosen als Berufskrankheit für Soldaten in den USA anerkannt.Kriegstrauma bei Soldaten: Verhärte Seelen von Christoph Wöhrle vom 7. Februar 2020 auf Spiegel.online (Grundlage ist das Buch Krankheit: Krieg von Maria Hermes-Wladarsch) (PTBS war in diesem Jahr in den psychiatrischen Diagnoseschlüssel Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM III aufgenommen worden.)

Unter Veteranen ist die Selbstmordrate höher als unter anderen Bevölkerungsgruppen. Dies zeigte sich zum Beispiel nach beiden Irakkriegen und bei Heimkehrern aus dem Afghanistankrieg.www.veteranscrisisline.netUS Department of Veterans Affairs - Mental Health, mentalhealth.va.gov

Jeder zehnte britische Strafgefangene und vierte US-amerikanische Obdachlose ist Veteran.

Von einem Kriegstrauma, ob nun im engeren Sinne einer PTBS oder anderen Nachwirkungen, können auch zivile Bevölkerungsgruppen betroffen sein:

die Bewohner einer von einem Feuersturm verwüsteten oder (wiederholten) Luftangriffen betroffenen Stadt Kinder (siehe Kriegskind, Kriegskind (Deutschland), Kindersoldat) Menschen, die Angehörige im Krieg durch Tod verloren (Witwe, Waise) Frauen, die während des Krieges vergewaltigt wurden.spiegel.de (2008, englisch): New German Study Looks at Rape Trauma 60 Years On Reporter, die während ihrer Kriegsberichterstattung dem gleichen Stress ausgesetzt waren, wie reguläre Soldaten.

Es zeigt sich, dass die erlittenen Traumata im Wege der transgenerationalen Weitergabe auch an die nachfolgenden Generationen, die selbst an dem Geschehen keinen eigenen Erlebnisanteil hatten, weiter gegeben werden und auf diese Weise lange in der Gesellschaft nachwirken.Kriegstrauma: Nochmal davongekommen auf fr-online von Renate Kingman am 28. Juni 2009

Symptomatik Die am meisten genannten und auftretenden Verhaltensweisen und Begleitumstände einer Combat stress reaction (CSR), die als erstes bei einer betroffenen Person bemerkt werden, sind:

Veränderte Reaktionszeit oder dessen Wahrnehmung Verlangsamung im Denken Auffälligkeiten im allgemeinen Verhalten und der Prioritätensetzung Beschäftigung mit Nebensächlichkeiten und persönlichen Befindlichkeiten Schwierigkeiten und Abbrüche in und bei der Konzentration Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit Erschöpfungszustände

Diese Verhaltensänderungen können von diversen körperlichen Symptomen begleitet werden; u. a.: Herzrhythmus- und Kreislaufstörungen Allgemeine Verspannungen und Rückenschmerzen Schweißausbrüche Zittern Appetitlosigkeit Hyperventilation Albträume und Flashbacks Unmöglichkeit sich zu entspannen Harninkontinenz, Enuresis Unwohlsein und Ermüdung

Nicht selten nehmen diese Beschwerden im Alter zu oder werden im Ruhestand stärker wahrgenommen als zuvor in der Zeit der Berufstätigkeit.spiegel.de vom 1. November 2008: Die Kinder des Krieges erinnern sich. – 14 Millionen Senioren in Deutschland haben ihre ersten Lebensjahre in Elend und Angst verbracht. Nach Jahrzehnten kämpfen heute viele von ihnen mit den lang verdrängten Erlebnissen.

Manche Menschen erleben eine Traumareaktivierung: Sie erinnern sich plötzlich wieder an früheres Leid, was z. B. durch Fernsehbilder von jeweils aktuellen Kriegen ausgelöst werden kann (z. B. Zweiter Golfkrieg (1991), Kosovokrieg (1989/99) oder Irakkrieg (2003)). Plötzlich werden Menschen von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Geschichte Mesopotamien Auf alten Tafeln mit Keilschriften aus Mesopotamien, die auf 3000 v. Chr. zurückreichen, wurden Beschreibungen gefunden, die auf Kriegstraumata hindeuten. Die Krieger galten als von Geistern verflucht. Erin Blakemore: Geschichte der PTBS: Von der „Kriegsneurose“ zur Traumadiagnose vom 22. Juni 2020 auf www.nationalgeographic.de; Abgerufen am 5. November 2021

Antike und Mittelalter Der griechische Philosoph Heraklit (um 520–um 460 v. Chr.) bezeichnet den Krieg als Vater aller Dinge, der Götter und Menschen, Freie und Sklaven trennt:

Pindar (522 oder 518-446 v. Chr.) formuliert dagegen die Schrecken eines Krieges, welche nur derjenige kennt, der ihn erlebt hat:

Herodot berichtet von einem Krieger aus Athen, der erblindete, weil er 490 v. Chr. Zeuge der Schlacht bei Marathon geworden war. (Sogenannte „Hysterische Kriegsblinde“ traten in hoher Zahl im Ersten Weltkrieg 1914–1918 auf.)

Erasmus von Rotterdam griff das Zitat von Pindar auf und veröffentlichte 1517 seine Antikriegsschrift Die Klage des Friedens; er war auch einer der Ersten, der dementia (lateinisch für „Wahnsinn“) als psychische Kriegsfolge erwähnte.Schlachtfeld in die Hölle der Nervenärzte auf www.sueddeutsche.de am 19. März 2014

Dreißigjähriger Krieg Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 wurde früh als Kollektives Trauma gedeutet. Zum ersten Mal wurden Kriegsgräuel dokumentiert, zu denen auch schon die Massenvergewaltigung von Frauen und eine Vorform des Waterboarding („Schwedentrunk“) gehörten. In seinen „The Lamentations of Germany“ (de: Die Wehklagen von Deutschland) beschrieb 1638 der Brite Philip Vincent die Foltermethoden der Landsknechte im Dreißigjährigen Krieg.The Lamentations of Germany, wherein, as in a glasse, we may behold her miserable condition, composed by Dr Vincent, Theo [alias Philip Vincent], London 1638. Taschenbuchausgabe Eebo Editions Verlag; 14. Dezember 2010, ISBN 1-240-16368-1 In den belagerten Städten wie auf dem ausgeplünderten Land kam es nach dem Krieg auch zu Kannibalismus, wie Hans Heberle in seinem „Zeytregister“ dokumentierte.Gerd Zillhardt: Der Dreißigjährige Krieg in zeitgenössischer Darstellung: Hans Heberles 'Zeytregister' (1618–1672). Aufzeichnungen aus dem Ulmer Territorium; ein Beitrag zu Geschichtsschreibung und Geschichtsverständnis der Unterschichten. Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 13. (zugleich Universität Tübingen, Dissertation 1975). Kohlhammer Verlag. Stuttgart 1975.

Im Jahr 1983 stellte der Historiker Arthur E. Imhof fest, dass diese Schreckenszeit die Einwohner vieler Ortschaften nachhaltig traumatisiert habe.Arthur E. Imhof: Die verlorenen Welten. Alltagsbewältigung durch unsere Vorfahren, C. H. Beck, München 1983, ISBN 3-406-30270-X.

Es wird versucht dieses „Kollektive Trauma“ als Vorgeschichte eines „Deutschen Sonderwegs“ zu sehen, der letztlich in den Nationalsozialismus gemündet habe, wie es u. a. von Helmuth Plessner postuliert wurde.Helmuth Plessner: Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche. Niehans, Zürich u. a. 1935, (Mit geändertem Titel als 2., erweiterte Auflage: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Kohlhammer, Stuttgart 1959)

Das bekannteste Beispiel einer literarischen Verarbeitung dieser Zeit stellt Bertolt Brechts Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ von 1938/39 dar, welches deutlich macht, dass die Verrohung und Zerstörung des Menschen durch die Gewalt überall und zu jeder Zeit möglich ist.

Amerikanischer Bürgerkrieg

In dieser kriegerischen Auseinandersetzung (1861–1865) wurden zum ersten Mal Soldaten registriert, die auf Grund ihrer psychischen Verfassung nicht mehr kampffähig waren. Solche Diagnosen wurden aber nur selten gestellt und bildeten kaum dokumentierte Ausnahmen.

Symptome in Richtung einer heutigen PTBS-Diagnose waren auch schon bekannt und wurden als „irritable heart“ (de: nervöses Herz) aber vor allem als „soldiers heart syndrome“ (de: Soldatenherz-Syndrom) bezeichnet. Die Herzprobleme verschwanden häufig, wenn die Soldaten nicht mehr der belasteten Situation ausgesetzt waren, wie der US-amerikanische Arzt Jacob Mendes Da Costa 1871 nachträglich feststellte.Rainer Rupprecht, Michael Kellner: Angststörungen: Klinik, Forschung, Therapie DaCosta hatte die Fälle untersucht, um sie von anderen Herzsyndromen abzugrenzen (Da-Costa-Syndrom siehe Cardiophobie).

Die Veränderung von Denken und Handeln mit einer veränderten Wahrnehmung der Reaktionszeit schildert der US-amerikanische Autor und Kriegsteilnehmer Ambrose Bierce sehr eindringlich in seinen Erzählungen und Kurzgeschichten aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Deutsch-Französischer Krieg Der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) hat eine ähnliche Datenlage. Lediglich 13 registrierte Fälle von kampfunfähigen Soldaten liegen vor. Was mit ehemaligen Soldaten nach ihrer Dienstzeit passierte, spielte – wie im Amerikanischen Bürgerkrieg auch – keine Rolle.

Erster Weltkrieg: „Kriegszitterer“