mini|hochkant=1.3|Kronprinzenpalais, Entwurf von Ludwig Friedrich Gaab, 1845. Fassade zur Königstraße, rechts Nebengebäude in der Fürstenstraße.
Das Kronprinzenpalais war ein klassizistisches Stadtpalais an der Königstraße 32 in Stuttgart. Es wurde 1846 bis 1850 von dem Architekten Ludwig Friedrich Gaab für den Kronprinzen Karl von Württemberg erbaut. Nach 1918 wurde es von einer Messegesellschaft und nach 1930 von der Staatsgalerie genutzt. Das historische Baudenkmal wurde 1944 bei Luftangriffen beschädigt und 1963 nach einer umstrittenen Entscheidung für den Planiedurchbruch abgerissen. Das Kronprinzenpalais bildete das Gegenstück des Wilhelmspalais.
Kurzbeschreibung Anmerkung: Die in Fuß angegebenen Abmessungen älterer Quellen wurden in Meter umgerechnet und gerundet. Nach Klimpert 1885, Seite 88, entsprach in Stuttgart 1 Fuß 0,286490 m.
Name Kronprinzenpalais, auch Kronprinzenpalast,Wais 1951, Seite 487. Kronprinzliches PalaisBüchele 1858, Seite 61. oder Palais des KronprinzenLeins 1889. Ort ehemals: Stuttgart, Königstraße, zwischen Kanzleistraße und FürstenstraßeNach der damals gültigen Nummerierung Königstraße 30–34, siehe z. B. Stadtplan von 1846. Die Nachfolgebauten sind heute anders nummeriert: Buchhandlung Wittwer = Königstraße 30, Kunstmuseum = Kleiner Schloßplatz 1. Bauwerk Stadtpalais Bauzeit Gebäude: 1846–1850Innenausstattung: 1850–1854Abriss: 1963Bisweilen wird als Jahr des Abrisses fälschlich 1956 angegeben, siehe z. B. Zohlen o. J. Baustil Spätklassizismus, im Stil der römischen Hochrenaissance Bauherr König Wilhelm I. (1781–1864) Architekt Ludwig Friedrich Gaab (1800–1869) Höhe über NN 257 mMessung mit Google Earth. Hauptgebäude Länge × Breite: ca. 77 × 26 mBüchele 1858, Seite 61.Stockwerke: Untergeschoss, 3 Hauptgeschosse und AttikaHöhe an der Ecke zur Kanzleistraße: 19,5 mHöhe an der Ecke zur Fürstenstraße: 20,5 mHerrmann 2000, Seite 52. Nebengebäude Länge × Breite: ca. 34 × 20 mLänge nach Büchele 1858, Seite 64. Breite laut Grundriss (siehe Abbildung).Stockwerke: Untergeschoss und 2 HauptgeschosseDie beiden Hauptgeschosse hatten die gleiche Höhe wie die entsprechenden Stockwerke des Hauptgebäudes.
Hinweis:
Das Kronprinzenpalais ist nicht zu verwechseln mit dem alten Kronprinzenpalais oder dem Prinzenbau.
Das alte Kronprinzenpalais an der Königstraße 46, das auch Erbprinzenpalais genannt wurde (vormals Hohenheimsches Palais, heute Mittnachtbau), diente ursprünglich dem Erbprinzen und späteren König Friedrich und danach dem Kronprinzen und späteren König Wilhelm I. als Wohnsitz und wurde 1816 zu einem Verwaltungsgebäude umgewidmet. Der Prinzenbau am Schillerplatz beherbergte im 18. Jahrhundert einen Erbprinzen (Thronfolger des Herzogs), aber während des Königtums nur Prinzen und keine Kronprinzen. Hier wurde 1848 der spätere König Wilhelm II. geboren, der aber erst zum Kronprinzen wurde, als absehbar wurde, dass die Ehe von König Karl und Königin Olga kinderlos blieb.
Lage
Das Kronprinzenpalais wurde entlang der Königstraße an der südwestlichen Ecke des Schloßplatzes errichtet, dort wo seit 1970Webseite der Architekten Belz und Lutz: . das Gebäude der Buchhandlung Wittwer und seit 2005 das Kunstmuseum steht. An den Seiten wurde der Bau von der Kanzleistraße und der Fürstenstraße begrenzt. Das Palais bildete das städtebauliche Pendant zu dem 1840 vollendeten Wilhelmspalais (ursprünglich „Prinzessinnenpalais“), das sich am anderen Ende der Planie befindet und den beiden ältesten Töchtern König Wilhelms I., den Prinzessinnen Marie (1816–1887) und Sophie (1818–1877), als Wohnsitz dienen sollte.Prinzessin Sophie heiratete 1839, ein Jahr vor der Fertigstellung des Palais, den späteren niederländischen König Wilhelm III. und wohnte danach mit ihrem Mann in den Niederlanden. Prinzessin Marie bewohnte das Palais bis zu ihrem Tod 1873.
Gebäude Der Gebäudekomplex des Kronprinzenpalais bestand aus einem dreistöckigen Hauptgebäude an der Königstraße und einem zweistöckigen Nebengebäude an der Fürstenstraße. Beide Gebäude waren dreiflügelig angelegt.
Hauptgebäude mini|hochkant=2.5|Aufriss der Hauptfassade.Auf den verfügbaren Abbildungen ist zu ersehen, dass die beiden Risalite seitlich des Mittelrisalits bis in die 1920er Jahre keine Attiken wie in diesem Aufriss trugen. Auf Bildern aus den 1940er Jahren sind diese Attiken jedoch vorhanden, so dass der Aufriss den Zustand der Fassade um frühestens 1930 wiedergibt.
Abmessungen Das Hauptgebäude erstreckte sich fast 80 Meter entlang der Königstraße. Da deren Niveau von der Kanzleistraße zur Fürstenstraße hin abfiel, ergaben sich unterschiedliche Gebäudehöhen zwischen 19,5 und 20,5 Metern.
Zum Größenvergleich: Der später neben dem Palais erbaute Königsbau war einschließlich der seitlichen Portiken etwa 120 Meter lang und bis zum Kranzgesims etwa 17 Meter hoch.Maße nach B. 1861. Die Gebäudelänge wurde durch Messung mit Google Earth bestätigt. Durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg könnte sich die Gebäudehöhe verändert haben.
Baukörper Das Hauptgebäude bestand aus drei Flügeln, einem langen Mitteltrakt und zwei gleich langen, kurzen Seitenflügeln. Die Hauptfassade wurde senkrecht durch Risalite und waagerecht durch ein Friesband und Gesimse gegliedert. Die Mittelachse des Gebäudes wurde im Erdgeschoss durch einen dreiachsigen Mittelrisalit hervorgehoben, dessen Säulenvorbau mit einem Balkon abschloss. Durch drei rundbogige Einfahrten im vorderen Teil und eine Durchfahrt im hinteren Teil gelangte man zu den Höfen bzw. der Wagenremise im Nebengebäude. Zwei einachsige Risalite flankierten den Vorbau, der von einer Attika gekrönt wurde. Sie traten kaum um Mauerdicke aus der Fassade heraus, genauso wie die identischen Eck- und Seitenrisalite der Seitenfassaden. Zwischen den Risaliten der Haupt- und Seitenfassaden reihten sich je fünf weitere Fensterachsen, so dass sich die Hauptfront über 17 Achsen und die Seitenfronten über je sieben Achsen erstreckten.
Mauerwerk Die Fassaden zeichneten sich durch Gliederungen aus heimischem Sandstein, das Erdgeschoss wies dabei Sandsteinquader mit horizontaler Nutung, die Obergeschosse verputztes Sandsteinmauerwerk auf, während die Zwischenwände aus Backsteinen gemauert, verputzt und zum Teil stuckiert waren.Leins 1889.; Bidlingmaier 2017, S. 28–30, 156
Fenstergewände Das Fenstergewändeprogramm des Gebäudes war variantenreich und für Risalite und Rücklagen sowie zwischen Haupt- und Seitenfassaden unterschiedlich:
Die Sockelzone unterhalb des Erdgeschosses war pro Achse mit je einem vergitterten rechteckigen Kellerfenster versehen. Das Erdgeschoss verfügte über die schönsten Fenstergewände des ganzen Baus: rechteckig gerahmte Rundbogenfenster, deren Zwickel und Sturz mit schönen Reliefornamenten ausgeschmückt waren und mit einer architravierten Verdachung abschlossen (Abbildung). Bei den fünf Mittelfenstern der Seitenfassade fehlten Rahmung und Ornamente. Die Sohlbänke wurden von je zwei Volutenkonsolen getragen. Die Fenstergewände im ersten Obergeschoss schlossen an der Hauptfassade mit einer einfachen architravierten Verdachung ab, in den Risaliten mit einem Dreiecksgiebel und an den Mittelachsen der Seitenfassade mit einer hohen ornamentierten Relieftafel. Die Fenstergewände des zweiten Obergeschosses trugen an der Hauptfassade und den Risaliten eine konsolgestützte Verdachung, die an den Risaliten von einem dreieckigen Schmuckrelief gekrönt wurde. Die Mittelachsen der Seitenfassade schlossen mit einer niedrigen ornamentierten Relieftafel ab. Die neun rechteckigen Attikafenster-Gewände waren in Dreiergruppen über den drei Fensterachsen des Mittelrisalits angeordnet.
Vertikalgliederung Im Erdgeschoss flankierten breite rustizierte Pilaster die Risalite (Abbildung, denen in den Obergeschossen (unrustizierte) Doppelpilaster entsprachen). Die drei Achsen des Mittelrisalits und die fünf Mittelachsen der Seitenflügel wurden von einfachen Pilastern flankiert.
Horizontalgliederung Unter- und Erdgeschoss waren durch ein einfaches Gesimsband getrennt. Das Erdgeschoss schloss mit einem ornamentierten Relieffries ab (Abbildung). Die Geschosse wurden durch Gurtgesimse begrenzt, die sich in den beiden Obergeschossen in einfacheren Sohlgesimsen wiederholten. Den Abschluss bildete das weit vorkragende, von Volutenkonsolen gestützte Kranzgesims. Darüber erhob sich über das Mittelrisalit die Attika und im übrigen Gebäude eine niedrige Blendmauer, die das flache Zinkdach hinter sich verbarg.
Nebengebäude mini|hochkant=1.75|Aufriss des rechten Seitenflügels und des Nebengebäudes, Entwurf von Ludwig Friedrich Gaab, 1845.
Das Nebengebäude schloss sich im rechten Winkel an den rechten Seitenflügel in der Fürstenstraße an. Es wurde von zwei einstöckigen, überdachten Einfahrten zu den Hinterhöfen flankiert. Über der linken Einfahrt, die sich zwischen Haupt- und Nebengebäude schob, lagen zwei bedeckte Übergänge, durch die beide Gebäude im ersten Obergeschoss miteinander verbunden waren.
Der Bau bestand aus elf Achsen, davon entfielen je drei auf die beiden Eckrisalite und fünf auf den leicht zurückspringenden Mittelbau. Die beiden äußeren und die fünf Einfahrten des Mittelbaus waren mit gleichartigen rundbogigen Toren ausgestattet. Die Eckrisalite öffneten sich in einer schmalen Rundbogentür und zwei flankierenden Rundbogenfenstern. Die Fenster im Obergeschoss waren rechteckig und gerahmt, wobei je drei Fenster der Eckrisalite gekuppelt waren. Die Eckrisalite wurden anders als beim Hauptgebäude nur von einfachen Pilastern begrenzt. Die Gesimsbänder des Hauptgebäudes setzten sich in gleicher Weise am Nebengebäude fort. Der Bau war nicht wie das Hauptgebäude mit einem Flachdach, sondern mit einem Walmdach gedeckt.
Räume
Beachten Sie zu den folgenden Ausführungen auch die Grundrisse des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses.
Der rechte Hauptflügeltrakt war im Erdgeschoss für die Wohnung des Kronprinzen, im ersten Obergeschoss für die Wohnung der Kronprinzessin reserviert. Beide Wohnungen bestanden aus je acht Zimmern. Der linke Trakt beherbergte im Erdgeschoss ebenfalls acht Zimmer, die ursprünglich als Gästezimmer und später als Dienstzimmer dienten. Der linke Teil des ersten Obergeschosses war für den zweigeschossigen Tanzsaal mit zwei Nebensälen, Gesellschaftszimmern und Büffet reserviert. Von den Vestibülen rechts und links der Eingangshalle führten je zwei gegenläufige Haupttreppen in das erste Obergeschoss. Über dem Eingang befand sich dort der Speisesaal, der sich zum Altan hin öffnete. Die 20 Zimmer im obersten Stockwerk waren für Kavaliere, Hofdamen und das Dienstpersonal vorbehalten.
Das zweistöckige Nebengebäude war durch zwei bedeckte Übergänge im ersten Obergeschoss mit dem Hauptgebäude verbunden. Es enthielt im Erdgeschoss beiderseits Stallungen, in der Mitte die Wagenremise und in den rückwärtigen Seitenflügeln Lagerräume für Zubehör. Im oberen Stockwerk lagen sechs Garderobenzimmer, fünf Zimmer für die Verwaltung sowie eine russische Kapelle für die Kronprinzessin.
Die Bilder oben zeigen einige Innenräume des Kronprinzenpalais, weitere Bilder siehe hier. Eine detaillierte Beschreibung der Innenräume befindet sich in Büchele 1858 und Herrmann 2000. Büchele beschreibt auch die Möbel und das sonstige Inventar der Räume in den 1850er Jahren.Die Angaben dieses Abschnittes beruhen auf Herrmann 2000, Seite 55–57; Büchele 1858; Windstosser 1969; Leins 1889; Ellrich 2009, Seite 76.
Geschichte Vorgängerbauten mini|hochkant=0.75|Säulen des Neuen Lusthauses vom Gebäude des Indigo-Müller.