St. Clemens ist eine ehemalige Schifferkirche des heute rechtsrheinischen Kölner Stadtteiles Mülheim. Die unmittelbar am Rheinufer stehende Kirche entstand als romanische Saalkirche des 12./13. Jahrhunderts. Sie war jahrhundertelang Filialkirche der Pfarrkirche St. Mauritius in Buchheim, wurde nach deren Zerstörung 1796 zur Pfarrkirche erhoben und blieb nach wie vor die einzige katholische Kirche Mülheims. Mit dem Neubau der Liebfrauenkirche im Jahr 1864 verlor sie die Pfarrrechte und wurde erneut zur Nebenkirche.Manfred Becker-Huberti: Kölner Kirchen. Die Kirchen der katholischen und evangelischen Gemeinden in Köln. Abschnitt Sankt Clemens, S. 48. Mit weiteren sieben Kirchen gehört sie heute zur katholischen Kirchengemeinde St. Clemens und Mauritius, die die Stadtteile Mülheim, Buchheim und Buchforst umfasst.Lisa Weyand: Katholische Pfarrgemeinde St. Clemens und Mauritius. Köln 2016. mini|St. Clemens, im Hintergrund der Turm der zerstörten Lutherkirche (links), der Friedenskirche und der Spitzturm der Liebfrauenkirche mini|St. Clemens bei Nacht mini|St. Clemens, Turmseite im ehemaligen Pfarrhof
Untersuchungen und Quellennachweise Eine Abhandlung des Archäologen und Kunsthistorikers Bellot des Jahres 1994 unternahm den Versuch, die baugeschichtlichen Abläufe der Clemenskirche seit ihren Anfängen zu rekonstruieren. Dazu stellte er fest, dass eine gründliche und umfassende Untersuchung des Bauwerks noch durchzuführen sei.Christoph Bellot: Zur Geschichte der Clemenskirche in Mülheim am Rhein. S. 109 ff.
Das vorhandene Quellenmaterial zu dieser Kirche ist eng mit der Entwicklungsgeschichte Mülheims verbunden und zeigt in Form von historischen Zeichnungen, Stichen und frühen Fotografien Veränderungen des Ortes und der Kirche, die jedoch nicht die Zeit vor der Mitte des 16. Jahrhunderts erfassen. Weiterhin geben die für diese Zeit verfügbaren Nachrichten der Archive und die der überkommenen Literatur mit ihren Daten zur Bauabfolge Anhaltspunkte, die jedoch im Einzelfall wenig zu konkreten Maßnahmen am Kirchbau preisgeben.
Geschichte Aufbau und Zerstörungen über Jahrhunderte Nach den jüngsten Befunden befand sich am Standort der heutigen Kirche bereits im Jahr 1255 zur Zeit des Grafen Adolf ein Gotteshaus; es wurde zum Zentrum des frühen Ortes Mülheim.
In die schon zu früher Zeit überlieferten häufigen Fehden, die zwischen der Stadt Köln und den Verbündeten des Erzbischofs ausgetragen wurden, waren häufig auch die Mülheimer als Anrainer verwickelt. Versuche des Mülheimer Landesherren, die wachsende Ansiedlung mitsamt der Kirche durch Befestigungen schützen zu wollen, wurden daher schon früh unternommen. Als Schutz und Zuflucht vor solchen Gefahren errichtete man erste Erdwälle und Gräben, deren Errichtung jedoch auf den Widerspruch der Stadt Köln stieß. So ruhten weitere Arbeiten bis zur Regentschaft Adolf V., der 1275 mit dem Bau zweier fester Burgen in Monheim und Mülheim begann, doch hatte er diese Bauwerke nach seiner Niederlage in einer neuerlichen Fehde auf Verlangen Kölns 1286 schleifen müssen.Johann Bendel: Die Stadt Mülheim am Rhein. „Die erste Befestigung 1255–1283“, S. 28 f.
Die Befestigungserneuerungen Mülheims im Jahr 1414 entsprachen den Anlagen des Jahres 1288. Mauern und andere Bauwerke waren und wurden jedoch durch Kölner Kräfte immer wieder abgebrochen oder beschädigt. Da zum ausgehenden 14. Jahrhundert durch Kämpfe zwischen der Grafschaft Mark und dem Herzogtum Berg ganz Mülheim niedergebrannt wurde, fand auch eine Wiederherstellung der Clemenskapelle statt. Dieser folgten Baumaßnahmen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, deren jeweilige Veränderungen ein Bauwerk mit einem recht unregelmäßigen Grundriss entstehen ließen.
Historische Datenangaben und Befunde mini|Teil der Nordarkade mit romanischem Rundbogenfries Ältere Annahmen des Vinzenz Jakob von ZuccalmaglioHans Vogts unter Verweis auf: V. von Zuccalmaglio, Geschichte und Beschreibungen der Stadt und des Kreises Mülheim am Rhein. Köln 1846 legten die Entstehung der Clemenskirche in die baugeschichtliche Zeit der Romanik. Während einer Restaurierung der Kirche im Jahr 1939 wurde entdeckt, dass die Obergaden des Mittelschiffes einen bislang verdeckten Rundbogenfries und eine Lisenenteilung aufwiesen, sodass nach näheren Untersuchungen dieser Baudetails auf eine einschiffige, dreijochige Kirche geschlossen werden konnte, die spätestens zu Beginn des 13. Jahrhunderts vorhanden war. Weitere Auswertungen der Untersuchungen wurden in den Ruinen der Kirche im Jahr 1949 durchgeführt, die Albert Verbeek dokumentierte.Christoph Bellot: Zur Geschichte der Clemenskirche in Mülheim am Rhein, unter Verweis auf Notizen in den Inventarisationsakten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege vom 15. März 1949. S. 114 f Sie erhärteten die frühe Entstehungszeit der Kapelle.
Ihre erste Erwähnung fand die Kirche in einer Urkunde des Jahres 1489, in der sie anlässlich der Stiftung einer Vikarie ausdrücklich für das Jahr 1382 mit dem Status einer Filialkapelle in Mülheim bezeichnet wurde, die als solche der alten Pfarrei St. Mauritius in Buchheim unterstand.Hans Vogts: Die Mülheimer Altstadt in den letzten 150 Jahren der bergischen Herrschaft, S. 152 ff
Ehemaliger kirchenrechtlicher Status Die Buchheimer „Mutterkirche“ und mit dieser deren Filiale St. Clemens zu Mülheim befanden sich rechtlich bis zum Jahr 1796 in bischöflicher Hand. Der Status beider Kirchen basierte seit alter Zeit auf den bestehenden Besitz- und Lehensverhältnissen sowie dem Kollationsrecht, das sich im Besitz des jeweiligen Domkustos befand. Obwohl der wachsende Ort Mülheim dem benachbarten und wesentlich kleineren Buchheim nahezu auf allen Gebieten den Rang ablief, unterstand die Mülheimer Kirchengemeinde der dortigen Pfarrei St. Mauritius. St. Clemens nahm vorerst lediglich den Rang einer geweihten Kapelle ein, der weder das Tauf- noch das Beerdigungsrecht verliehen worden war. Bestattungen fanden auf dem die Buchheimer Kirche umgebenden Kirchhof statt, und erst als die hohe Anzahl der Gläubigen dazu zwang, wurden Lockerungen zugelassen, indem erste Messen auch in St. Clemens gefeiert werden durften. Die Pfarrrechte verblieben jedoch bis zur Zerstörung der Mauritiuskirche im Jahr 1796 der Buchheimer Pfarre.
Umbauten der Kapelle im 15. Jahrhundert Der Wandel von einer ersten Kapelle zu einer kleinen Kirche fand wohl im Jahr 1414 statt. Aus diesem Jahr berichtet eine Urkunde über einen angeblichen Neubau, der jedoch durch den Untersuchungsbefund von 1939/40 widerlegt wurde.Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege 1941, S. 352 f In dem entsprechenden Dokument heißt es, dass der Herzog von Berg die Kirche zu Mülheim mit Einverständnis der Stadt Köln neu erbaut habe.Johann Bendel: Die Stadt Mülheim am Rhein. „Unter Verweis auf die Kölner Jahrbücher des 14. und 15. Jahrhunderts“, S. 35 Da die erwähnte Untersuchung vorhandene romanische, noch heute erhaltene Reste nachwies, kann Herzog Adolf den Kirchbau bestenfalls restauriert, umgebaut oder erweitert, aber nicht neu erbaut haben.
Verbunden mit dem Zeitraum dieser Kirchenvergrößerung war eine herzogliche Stiftung, die die Gründung eines Hospitals und die Verfügbarkeit einer Vikarwohnung umfasste, sodass nun auch an der kleinen Kirche ein zusätzlicher Geistlicher vor Ort die Gemeinde betreuen konnte.Johann Bendel: Die Stadt Mülheim am Rhein. „Die alte Pfarrkirche Mülheims“, S. 334 ff
Kirche des 16. Jahrhunderts mini|St. Clemens 1589 Eine Darstellung des befestigten Ortes Mülheim zeigt die Kirche 1589 nach weiteren Aus- oder Umbauphasen, in der Vogelperspektive. Den auf dieser Zeichnung erscheinenden Kirchbau interpretiert Bellot als Kirche mit einem polygonal gebrochenen Chor und schließt auf einen 3/8 oder 3/6 Abschluss desselben. Weiter wurde eine einschiffige, spätgotische Saalkirche dargestellt, die mit Satteldach und spitzem Dachreiter versehen ist und möglicherweise schon eine westliche Vorhalle erhalten hatte. Mit dem Äußeren des romanischen Vorgängerbaus hatte dieser Bau nichts mehr gemein. Aus dieser spätmittelalterlichen Zeit der Kirche sind heute jedoch keine materiellen Spuren erhalten.
St. Clemens im 17. Jahrhundert Das 17. Jahrhundert brachte im Herbst 1614 nicht nur die Zerstörung der Befestigungsanlagen durch für „Cöln“ eingesetzten Kräfte des spanischen Befehlshabers Spinola, sondern auch die sich anschließende Niederlegung privater Gebäude durch stadtkölnische Bürger, wobei während aller dieser Zerstörungen möglicherweise auch die Clemenskirche betroffen wurde. Dies erschließt sich aus Bendels Angabe, nach der zwischen 1615 und 1619 eine Verfügung des Kölner Rates getroffen worden war, nach der die Baustoffe niedergelegter Gebäude der Bürger in Mülheim nicht nach Köln geschafft werden durften. Den Barfüßern gestattete man jedoch, Baustoffe der niedergelegten Kirche zu verwenden und Steine, Holz, Kalk, Eisen und Einrichtungsstücke für ihre zu dieser Zeit in Köln entstehenden Niederlassungen über den Rhein zu schaffen.Johann Bendel: Die Stadt Mülheim am Rhein. „Die Zerstörung 1614/15“, S. 72 ff
Für einen wahrscheinlichen Wiederaufbau oder zumindest zum Zweck einer umfassenden Restaurierung des Jahres 1629 berichten die Quellen, dass der Landesherr Wolfgang Wilhelm zur Unterstützung der Baumaßnahmen der Clemenskirche sechs Bauhölzer schenkte. Auch diese erneute Veränderung in der Baugeschichte ist aktenkundig, erklärt aber nicht, was im Einzelnen durchgeführt wurde. Einer späteren Zeit entstammende Inschriftentafel des Altenberger Abtes Lohe, ein gebürtiger Mülheimer, die sich an der Nordseite eines Turmanbaues befand, führt an, dass dieser etwas er- oder aufrichten ließ. Der überlieferte, unvollständige Text lautet:
Auch für die weitere Zeit des Barock sind nach Bellot die in Quellen erwähnten baulichen Veränderungen der Clemenskirche mit den tatsächlich durchgeführten Maßnahmen schwer zuzuordnen.
Die vorrangige Bedeutung, die die Clemenskirche mittlerweile im Verhältnis zu ihrer Mutterkirche eingenommen hatte, war die Folge einer im Gegensatz zu Buchheim stetig wachsenden Einwohnerzahl Mülheims. Dieser Vorrang zeigte sich auch in der Ortswahl zur Begehung kirchlicher Hochfeste, wie dem des Fronleichnamfestes.
Fronleichnamsprozession mini|Mülheimer „Rheinfahrt“ an Fronleichnam mini|Heutige Schiffsprozession Bendel legt die Anfänge des Mülheimer Fronleichnamsfestes in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts, führt jedoch aus, dass hierzu konkretere Angaben erst in einem Weistum zu Mülheim und Buchheim des 16. Jahrhunderts angeführt werden. So heißt es in einem solchen zum Weg der Prozession
Die dürftigen Angaben zum frühen Prozessionsweg ergänzen spätere Angaben aus Urkunden der Abtei Altenberg und des Mülheimer Stadtarchivs, so dass Bendel folgenden Weg der „Mülheimer Gottestracht“ beschreiben konnte.
Der Auszug der Prozession begann gegen 6.30 Uhr mit dem ersten Segen an der Clemenskirche; die Prozession zog dann rheinabwärts bis gegen Stammheim zu einem dortigen Kreuz. Hier fand die zweite Segnung statt, und die Prozession zog weiter über Schönrath im heutigen Stadtteil Höhenhaus, bis sie in die Nähe des Dünnwalder Klosters gelangte. Dort kehrte man um und zog über den Schänzchensweg, wo an dem dortigen Kreuz ein weiterer Segen erteilt wurde. Nun ging der Prozessionszug nach Buchheim und machte zur Stärkung der Beteiligten Rast an der Sakristei der Pfarrkirche, um dann an den Rhein zu ziehen, wo am sogenannten Pulvertürmchen die Schalden für die sich anschließende „Rheinfahrt“ bereitlagen.