mini|Gary Hart (1995) Gary Hart (ursprünglich Gary Warren Hartpence; * 28. November 1936 in Ottawa, Franklin County, Kansas) ist ein amerikanischer Politiker und Autor. Der Demokrat gehörte von 1975 bis 1987 dem Senat der Vereinigten Staaten für Colorado an und bewarb sich in der Präsidentschaftsvorwahl der Demokraten 1984 und 1988. Danach war Hart akademisch, publizistisch und als außen- und sicherheitspolitischer Berater tätig.
Familie, Ausbildung und Beruf Gary Hart war der Sohn von Nina Pritchard Hartpence und Carl Riley, der ein mäßig erfolgreicher Verkaufsvertreter für Farmmaschinen war. Beide Eltern waren streng gläubig und gehörten der Kirche des Nazareners an, die Tanzen, Kino und Alkohol verbot. Sein Großvater väterlicherseits war ein Marshal der Frontier in Missouri, der Vater seiner Mutter war Eisenbahnarbeiter. Er besuchte öffentliche Schulen und war Chefredakteur der Schülerzeitung sowie in diversen Gruppen engagiert. Mit einem Stipendium studierte er am Bethany Nazarene College bei Oklahoma City, an dem strenge Regeln herrschten und Hart für seine Leistungen ausgezeichnet wurde. 1961 schloss er – mit dem Berufsziel Lehrer – die Yale Divinity School ab, 1964 das Studium der Rechtswissenschaft an der Yale Law School. Bevor er das Jurastudium aufgenommen hatte, hatte er – gemeinsam mit seinem Vater – den Nachnamen von Hartpence zu Hart verkürzt.
1958 heiratete er in Kansas City seine Kommilitonin Oletha M. „Lee“ Ludwig; beide gingen gemeinsam nach Yale, wo seine Frau Englisch unterrichtete. Sie haben einen Sohn und eine Tochter. 1979 trennte sich das Paar; Hart zog kurzzeitig bei Bob Woodward ein. Wieder versöhnt, dauerte die nächste Trennung 1980 über ein Jahr.Garry Clifford, Peter Carlson: Gary Hart. In: People, 22. August 1983Gary Hart. In: Kansaspedia, Kansas Historical Society, Juli 2017. Auch nachdem eine angebliche Affäre ihres Mannes 1987 bekannt geworden war, hielt sie öffentlich zu ihm.Michelle Green: After Sticking with a Troubled Marriage, Lee Hart Watches a Dream Die. In: People, 25. Mai 1987. Sie leben in Kittredge (Colorado).
Nach seinem Studienabschluss arbeitete Hart von 1964 bis 1965 im Justizministerium der Vereinigten Staaten unter Robert F. Kennedy und war von 1965 bis 1967 Assistent (special assistant) im Innenministerium der Vereinigten Staaten unter Stewart Udall. 1967 zog die Familie nach Denver, wo Hart bis 1974 als Rechtsanwalt für Davis, Graham & Stubbs, eine der angesehensten Kanzleien der Stadt, arbeitete, nachdem er 1965 dort und im District of Columbia in den Anwaltskammern aufgenommen worden war.
Politische Laufbahn Aktivist und Wahlkampforganisator Hart begann sich in Denver bei Protesten gegen den Vietnamkrieg zu engagieren und organisierte Telefonanrufe für die Präsidentschaftskampagne Robert F. Kennedys zur Wahl 1968. 1972 wurde er Wahlkampfmanager des demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern zur Wahl 1972 und organisierte erfolgreich hunderttausende Aktivisten. Seiner Kampagne gelang es, die Umstellung des Vorwahlsystems weg von einflussreichen politischen Bossen mit ihren „politischen Maschinen“ hin zu Abstimmungen zu nutzen, indem sie sich auf die 28 Bundesstaaten konzentrierten, in denen entweder ein Caucus oder eine Parteiversammlung stattfand und die durch Aktivisten einfacher beeinflusst werden konnten als eigentliche Vorwahlen (Primarys). Nachdem diese für spätere Wahlkämpfe richtungsweisende Kampagne erfolgreich gewesen war, endete die Hauptwahl mit einer deutlichen Niederlage gegen den Republikaner Richard Nixon.Todd S. Purdum: Indulging Iowa. In: Vanity Fair, 17. November 2011.
Im Senat Hart bewarb sich bei der Wahl 1974, die unter dem Eindruck der Watergate-Affäre stand, für den Senat der Vereinigten Staaten und setzte sich gegen den republikanischen Mandatsinhaber Peter H. Dominick, der Präsident Richard Nixon gegenüber loyal geblieben war, mit 57 zu 40 Prozent durch. Schnell galt Hart als kommender Mann seiner Partei und erhielt einen Sitz im wichtigen Verteidigungsausschuss, in dem er sich für die Reform der Auftragsvergabe beim Militär und für die Bewaffnung mit kleineren, flexibleren Systemen einsetzte. Zudem gehörte er den Ausschüssen für Umwelt und öffentliche Bauten und Nachrichtendienste an. 1975/76 gehörte er dem Church Committee an, das die Watergate-Affäre untersuchte. Senate Select Committee to Study Governmental Operations with Respect to Intelligence Activities. In: Senate.gov. Er war Vorsitzender des Unterausschusses zur Atomregulierung und flog als solcher im März 1979 während des Reaktorunfalls im Kernkraftwerk Three Mile Island mehrfach in einem Helikopter über das Gelände. Dabei wurde er vom republikanischen Ranking member des Ausschusses, dem Senator Alan K. Simpson, begleitet. Beide arbeiteten den anschließenden Untersuchungsbericht aus. Bereits damals wurde über Präsidentschaftsambitionen Harts spekuliert.Donald Loren Hardy: Shooting from the Lip. The Life of Senator Al Simpson. University of Oklahoma Press, Norman 2011, S. 39 f.David Burnham: Six Inquiries Seek the Lessons of Three Mile Island. In: The New York Times, 24. September 1979.
Im November 1980 stellte sich Hart zur Wiederwahl und trat gegen die als moderat geltende republikanische Secretary of State Mary Estill Buchanan an, die ihn wegen des unbeliebten demokratischen Präsidenten Jimmy Carter und insbesondere wegen seiner Unterstützung für die Torrijos-Carter-Verträge angriff. Hart setzte sich in einem für Demokraten generell schwierigen Umfeld, in dem zeitgleich Ronald Reagan mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde, knapp mit 50,2 zu 49,8 Prozent der Stimmen durch; er selbst schrieb seinen Sieg der unerwartet gekommenen Unterstützungserklärung des konservativen Republikaners Barry Goldwater zu.Ira Shapiro: The Last Great Senate. Courage and Statesmanship in Times of Crisis. Rowman & Littlefield, Lanham, MD 2012, S. 351. In seiner zweiten Mandatszeit opponierte Hart unter anderem gegen die starke Erhöhung der Militärausgaben durch die Regierung Reagan und erwirkte 1984 den erstmaligen Urheberrechtsschutz für Halbleiterchips, was die Entwicklung des Silicon Valley förderte und ihn zu einem der Anführer der sogenannten Atari Democrats machte, einer Richtung innerhalb seiner Partei, die sich für die unideologische Förderung technologischen Fortschritts einsetzte.Eric Francisco: Who Was Gary Hart? The “Atari Democrat” Is Subject of ‘The Front Runner’. In: Inverse.com, 30. August 2018.
mini|Harts Aufnahme in die United States Navy Reserve am 4. Dezember 1980 (links Marinestaatssekretär Edward Hidalgo) Ab den späten 1970er Jahren bemühte sich Hart angesichts der Spannungen im Nahen Osten wegen der Ölkrise, in die United States Navy aufgenommen zu werden, was von politischen Gegnern als zynischer Versuch kritisiert wurde, für den Fall einer Präsidentschaftskampagne militärische Erfahrung angeben zu können. Zudem wurde öffentlich, dass Hart auf den Anmeldeunterlagen – wie über zwei Jahrzehnte lang auf verschiedenen offiziellen Dokumenten – sein Geburtsdatum um ein Jahr verjüngt hatte. Trotzdem war Hart älter als die damalige Höchsteinschreibegrenze von 38 Jahren. Der damalige Verbindungsoffizier der Navy zum Senat, John McCain, der ein persönlicher Freund Harts werden sollte, setzte sich jedoch für diesen ein, sodass Hart Ende 1980 in die United States Navy Reserve aufgenommen wurde, dort im August 1981 für zehn Tage im Mittelmeer diente und im Januar 1982 in den Rang eines Leutnants aufstieg.David Shribman: Persistent Question about Discrepancies on Hart Background. In: The New York Times, 24. März 1984.
Präsidentschaftskandidaturen mini|Hart bei der Democratic National Convention in Los Angeles 1984 Hart nahm an der Vorwahl der Demokraten zur Präsidentschaftswahl 1984 teil, in der er knapp Walter Mondale unterlag.Siehe die Ankündigung der Kandidatur: Hart Presidential Announcement. In: C-Span, 17. Februar 1983. Hart, mit 45 Jahren Jüngster im Kandidatenfeld, verkörperte die Abkehr der neuen Generation der Demokraten von den traditionellen Programmen des New Deal und der Great Society und setzte sich angesichts der wirtschaftlichen Dauerkrisen für eine größere Distanz zu den Gewerkschaften und für freie Marktwirtschaft ein. Damit wurde er zu einer Frontfigur der modernen Ideologie des Neoliberalismus, die später Präsident Bill Clinton anführen sollte.Walter Goodman: As Neoliberals Search for Closest Fit, Hart is Often Mentioned. In: The New York Times, 15. Mai 1984Corey Robin: The First Neoliberals. In: Jacobin Mag, 28. April 2016. Als beispielhaft dafür wird häufig Harts Zitat von 1984 angeführt: “We’re not just a bunch of little Hubert Humphreys” („Wir sind nicht einfach ein paar kleine Hubert Humphreys“).Ira Shapiro: The Last Great Senate: Courage and Statesmanship in Times of Crisis. Rowman & Littlefield, Lanham, MD 2012, S. 18. Mit seinem Slogan „New Ideas“ („Neue Ideen“ – statt alter Ideologien) schaffte es Hart trotz schlechter Ausgangsbedingungen – wenig Geld, Unterstützer und Schlagkraft – dem Favoriten Walter Mondale gefährlich zu werden. Nachdem Mondale Mitte Januar 1984 den Caucus von Iowa deutlich gewonnen hatte, überraschte Harts Sieg bei der Primary in New Hampshire zwei Wochen später mit zehn Prozentpunkten Vorsprung politische Beobachter.„Ich kann dieses Land regieren“. In: Der Spiegel, 5. März 1984. Seine Wahlaussichten stiegen laut Umfragen. Bei einer Debatte im März 1984 wandte Mondale gegen Harts „neue Ideen“ ein, er werde dabei immer an einen Werbespot erinnert: „Where’s the beef?“ (die Substanz). Schließlich setzte sich Mondale knapp durch und verlor die Hauptwahl gegen Ronald Reagan mit großem Abstand.Alan I. Abramowitz: Viability, Electability, and Candidate Choice in a Presidential Primary Election. A Test of Competing Models. In: Journal of Politics. Band 51, 1989, Nr. 4, S. 977–992, hier S. 977 f. (PDF)Ariana Harner: The Watershed Campaign of Gary Hart. In: Colorado Heritage Magazine. Band 19, 1999, Nr. 1, adaptiert als Eintrag Gary Hart. In: Colorado EncyclopediaJeff Greenfield: How to recover from a big loss in the early primaries. In: Slate, 8. Januar 2008.
mini|Hart bei einer Wahlkampfveranstaltung 1987 mini|„For Hart from the Re-Start“: Kampagnenbutton 1988