mini|Erste Seite des Erstdrucks von Roger Malvin’s Burial Roger Malvin’s Burial, deutsch Roger Malvins Bestattung, ist eine 1832 erschienene Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne.
Sie handelt vom jungen Soldaten Reuben Bourne, der seinen sterbenden Kameraden Roger Malvin im Wald zurücklässt, ihm aber verspricht, wiederzukehren und ihn würdig zu bestatten. Bourne versäumt es jedoch, sein Versprechen einzulösen und wird zunehmend von Gewissensbissen geplagt. Jahre später erschießt er bei einem Jagdunfall seinen einzigen Sohn an eben der Stelle, an der er Malvin einst zurückgelassen hatte. Roger Malvin’s Burial gilt wegen ihrer dichten Symbolik, zahlreichen Anspielungen auf mythische und biblische Motive, aber auch auf historische Quellen, als eine der komplexesten Kurzgeschichten Hawthornes und hat besonders seit 1955, als Hyatt H. Waggoner sie für die Literaturkritik „entdeckte“, zu vielfältigen Interpretationen angeregt. Das kritische Interesse richtet sich dabei ebenso auf die Frage nach der Schuld Reubens – oder in christlichen Begriffen nach der Wirklichkeit seiner Sünde – wie auf die eindrückliche Darstellung der psychologischen Ursachen und Folgen seines Handelns. Nicht zuletzt stellt die Erzählung wie viele andere Werke Hawthornes eine kritische Auseinandersetzung mit dem Puritanismus der neuenglischen Kolonialzeit dar, hier speziell mit der Verklärung der Indianerkriege in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung.
Inhalt Im Jahr 1725 streifen zwei Überlebende des als „Lovells Kampf“ bekannten Gefechts der Indianerkriege durch die Wildnis Neuenglands, der junge Reuben Bourne und der alte Kämpfer Roger Malvin, Vater von Reubens Verlobter Dorcas. Unter einem großen Felsen, beschattet von einer jungen Eiche, machen sie Rast. Malvin spürt, dass er tödlich verwundet ist, und bittet Bourne, ihn zurückzulassen und sich alleine in Sicherheit zu bringen. Reuben weigert sich zunächst, da er dieses Ansinnen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Erst nach langem Zureden erklärt er sich dazu bereit, alleine aufzubrechen, auch weil Malvin ihm einredet, er könne vielleicht auf Verstärkung treffen und so doch beider Leben retten. Malvin bittet ihn nur noch: „kehre zu diesem verlassenen Felsen zurück, lege meine Gebeine in ein Grab und sprich ein Gebet über ihnen“.Alle Zitate im Folgenden nach der Übersetzung von Hannelore Neves. Reuben schwört dies bei seinem Blut, markiert den Ort mit einem roten Taschentuch im Geäst der Eiche, und macht sich auf den Weg.
Nach einigen Tagen wird er aufgegriffen und nach Hause gebracht. Als er zu Sinnen kommt, wacht Dorcas neben seinem Bett und fragt ängstlich, ob ihr Vater gestorben sei. Reuben schweigt, auf die Nachfrage, ob er ihm ein Grab gegraben habe, antwortet er ausweichend: „Meine Hände waren schwach, doch ich tat, was ich konnte […]. Ein stattlicher Grabstein steht an seinem Haupt.“ Bald darauf heiraten die beiden, wenige Jahre später wird ihr Sohn Cyrus geboren. Reuben versäumt es aber, seinen Schwur einzulösen, wird zunehmend von Gewissensbissen gequält und „verwandelte sich langsam in einen reizbaren und niedergeschlagenen Menschen“. Auch mit Hof und Handel ist ihm kein Glück beschieden, so dass die Familie zusehends verarmt.
1743 beschließt er, sein Glück als Siedlerpionier zu suchen und bricht mit seiner kleinen Familie auf, um ein geeignetes Stück Land in der Wildnis zu finden, kommt jedoch vom Weg ab. Am 12. Mai des Jahres – 18 Jahre nachdem Reuben Malvin im Wald zurückgelassen hat – machen sie Rast. Reuben schlägt sich mit seiner Flinte in den Wald, um für Proviant zu sorgen, doch „mehr wie ein Schlafwandler denn wie ein Jäger irrte er vorwärts“, und „unmerklich wurden seine Schritte fast in einen Kreis gelenkt“, bis er in einen kleinen Eichenhain gerät. Als er nahe bei sich ein Rascheln vernimmt, feuert er ins Unterholz. Wenig später findet ihn Dorcas am Fuße eines Felsens kauernd, vor ihm liegt der Leichnam des jungen Cyrus. Dorcas sinkt ohnmächtig nieder, und in diesem Augenblick löst sich der dürre Wipfel einer Eiche und fällt „weich und leicht auf den Felsen, auf die Blätter, auf Reuben, auf seine Frau und sein Kind, und auf Roger Malvins Gebeine“. Reuben bricht in Tränen aus, und „in dieser Stunde, da er Blut vergossen hatte, das ihm teurer war als sein eigenes, stieg ein Gebet, das erste seit Jahren, von Reuben Bournes Lippen zum Himmel auf“.
Werkzusammenhang mini|Nathaniel Hawthorne auf einem Gemälde von Charles Osgood, 1840
Wie all seine Werke bis zum Erscheinen der Twice-Told Tales 1837 veröffentlichte Hawthorne Roger Malvin’s Burial zunächst anonym. Die Erzählung erschien erstmals gegen Ende 1831 in der Ausgabe des Geschenkbuchs The Token für das Jahr 1832.[Nathaniel Hawthorne:] Roger Malvin’s Burial. In: S. G. Goodrich (Hrsg.): The Token. A Christmas and New Year’s Present. Gray and Brown, Boston 1832, S. 161–188. Spätestens 1843 bekannte er sich öffentlich zur Autorschaft, als die Erzählung unter seinem Namen in der Democratic Review nachgedruckt wurde,Nathaniel Hawthorne: Roger Malvin’s Burial. In: The United States Magazine, and Democratic Review. Band 13, Nr. 62, August 1843, S. 186–196 (Digitalisat) die von seinem Freund John L. O’Sullivan herausgegeben wurde. 1846 nahm Hawthorne die Erzählung schließlich in seinen Kurzgeschichtenband Mosses from an Old Manse auf.
Der ursprüngliche Werkzusammenhang der Erzählung ist indes verloren gegangen: Mit einiger Sicherheit war sie als Teil der Kurzgeschichtensammlung Provincial Tales vorgesehen, die Hawthorne gegen 1830 fertiggestellt hatte, für die er aber nach dem Misserfolg seines ersten Romans Fanshawe keinen Verleger finden konnte, woraufhin er schließlich die meisten seiner Manuskripte vernichtete. Es ist denkbar, aber nicht zu beweisen, dass die sieben Erzählungen der Provincial Tales ursprünglich in eine Rahmenhandlung gebettet waren; jedenfalls waren sie wohl, wie der Titel vermuten lässt, alle in Hawthornes Heimat Neuengland, genauer in ihrer Kolonialzeit, angesiedelt. Einen Hinweis auf die Entstehungszeit von Roger Malvin’s Burial liefern die Ausleihregister des Salem Athenæum: Die drei Bände der Collections, Topographical, Historical, & Biographical, Relating Principally to New Hampshire von John Farmer und Jacob B. Moore, aus denen er zahlreiche Details für Roger Malvin’s Burial entnahm, lieh er zwischen dem Dezember 1827 und dem April 1829 wiederholt aus dieser Bibliothek aus. Alfred Weber geht daher davon aus, dass Hawthorne die Erzählung gegen Mitte des Jahres 1829 vollendete.Zu Inhalt und Entstehung der Provincial Tales siehe: Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1973, S. 65–83.
Deutungsansätze Schuld und Sünde, Sühne und Erlösung: Roger Malvin’s Burial als moralphilosophisches Problem Auslöser der äußeren Handlung wie der fatalen inneren Entwicklung Reuben Bournes ist ein ethisches Dilemma. Die Erzählung ist so unter anderem eine kasuistische Untersuchung zu Fragen praktischer Moral. Im „Fall“ Reuben Bournes stellt sich die Frage, ob, wann und warum er Schuld auf sich geladen hat, oder, theologisch gesprochen, gesündigt hat. Hawthornes Erzähler verhält sich hier merklich ambivalent. Zunächst stellt er gegen Ende der ersten Waldszene suggestiv die Frage: „…und wer möchte ihn deswegen schuldig sprechen, dass er vor einem sinnlosen Opfer zurückscheute?“ (and who shall impute blame to him if he shrink from so useless a sacrifice?); als Reuben sich nach vielen Jahren unvermittelt unter der nun seltsam verwachsenen Eiche wiederfindet, an die er einst sein Taschentuch und damit seinen Schwur geknüpft hatte, fragt der Erzähler: „Durch wessen Schuld war sie verdorrt?“ (Whose guilt had blasted it?).
Für Mark Van Doren, einen der frühesten der modernen Kommentatoren, lag der Fall 1949 noch eindeutig: Reuben hat „eine Sünde begangen und sie nicht gestanden, als er es konnte,“Mark Van Doren: Nathaniel Hawthorne. William Sloane Associates, New York 1949, S. 80. doch die Mehrzahl der späteren Kritiker witterte hier eine Fangfrage: nicht die objektive Schuld steht demnach im Mittelpunkt der Erzählung, sondern die Darstellung des subjektiven Schuldbewusstseins und seiner psychischen und sozialen Ursachen und Folgen (die effects of sin, so die feststehende Wendung). So charakterisiert G. R. Thompson Hawthorne als „ethischen Analysten moralischer Situationen“, dem weniger an einer metaphysisch-moralischen Aussage als an der Darstellung der konkreten Auswirkungen religiös oder kulturell bedingter Moralvorstellungen auf das Individuum interessiert sei.G. R. Thompson: The Art of Authorial Presence. S. 19. In dieser Hinsicht ist die Figur Reuben Bourne auch als Vorläufer der Figur des heuchlerischen, aber innerlich von Schuld zerfressenen Pfarrers Arthur Dimmesdale in Hawthornes The Scarlet Letter beschrieben worden.
Einige Kritiker nehmen jedoch gerade die Wirklichkeit der Sünde als zentrales Thema der Erzählung und somit eine gewisse Kontinuität puritanischer Glaubensstrenge in Hawthornes Menschenbild an. So weist Gloria Erlich darauf hin, dass der Erzähler Reubens Entscheidung als justifiable, also als „vertretbar, zu rechtfertigen“ bezeichnet, nicht jedoch als just, also „gerecht“. Gemäß dem Rationalismus etwa der Common-Sense-Philosophie mag seine Entscheidung vernünftig sein, doch stelle Hawthorne hier wie in anderen seiner Werke gerade die Ratio als „diabolisch“, mithin als unchristlich dar – Bournes verletze seine christliche Pflicht durchaus und werde dafür bestraft. Weiter erkennt sie im Schluss nicht nur eine Strafe für Reubens, sondern zugleich für Malvins Sünden, denn schließlich ist Cyrus auch Roger Malvins Enkel, sein Stammbaum „verdorrt“ ebenso wie die junge Eiche, unter der er stirbt.Gloria Chasson Erlich: Guilt and Expiation in “Roger Malvin’s Burial”. S. 380–385. Zu einem ähnlichen Schluss kommt John R. Byers, für den die deutlichen alttestamentlichen Anleihen keinesfalls ironisch oder religionskritisch zu lesen sind. Die Erzählung konfrontiere den Leser vielmehr unumwunden mit archaisch anmutenden, aber nichtsdestoweniger gottgebotenen alttestamentlichen Praktiken wie dem rituellen Menschenopfer. Auch Byers sieht Malvin mindestens ebenso sehr in der Schuld wie Reuben, beide teilen die von Grund auf verderbte Natur des Menschen, die gerade in der puritanischen Theologie immer wieder betont wurde. Reuben wird jedoch nicht bestraft, vielmehr versöhnt er sich – wie Menschen seit ewigen Zeiten, im Alten Testament nicht anders als heute – durch ein Sühneopfer mit seinem Gott.John R. Byers, Jr.: The Geography and Framework of Hawthorne’s “Roger Malvin’s Burial”. S. 17–19.