mini|x280px|Profilansichtmini|x280px|Frontalansicht mini|hochkant=0.9|Rekonstruktionsversuch der einstigen Farbwirkung

Der Bamberger Reiter oder auch „steinerne Reiter“ ist ein steinernes Reiterstandbild im Bamberger Dom. Er stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und gehört zu den plastischen Hauptwerken der späten Stauferzeit.Ernst Mack: Von der Steinzeit zur Stauferstadt. Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-7820-0685-2, S. 280. Er ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt Bamberg.

Standort, Beschreibung und Geschichte Die Skulptur, deren Schöpfer unbekannt ist, wurde aus mehreren Schilfsandsteinblöcken gehauen. Die Aufstellung erfolgte vermutlich vor der Weihe des Dom-Neubaus 1237. Sie befindet sich auf einer Konsole am Nordpfeiler des Georgenchors im Bamberger Dom. Laut Forschungen aus dem Jahr 2004 behielt das Standbild seit seiner ursprünglichen Aufstellung im 13. Jahrhundert seinen Standort bei. Daher wird angenommen, dass der heutige räumliche Bezug zum Doppelgrab des Kaiserpaars Heinrich II. und Kunigunde und zum Fürstenportal Teil der ursprünglichen Anlage und damit in die Deutung einzubeziehen ist: Nach der räumlichen Anordnung ist der steinerne König imaginär durch dieses Portal hineingeritten und hält, dem früheren Grab des Kaiserpaars huldigend zugewandt, inne.

Die Geste des Reiters, die linke Hand am Zügel, die rechte Hand, die Waffenhand, entspannt am Band seines Tasselmantels eingehängt, verleiht dem Reiter einen Ausdruck von Lässigkeit und Ruhe, der auch seiner sonstigen Körperhaltung entspricht. Der Griff an das Tasselband zeigt an, dass der Reiter es nicht nötig hat, seine Hand zum Halten einer Waffe oder eines Herrschaftszeichens zu gebrauchen. Es handelt sich bei dieser Geste im Sinn der höfischen Gebärdensprache um ein Zeichen seines hohen Standes.

mini|hochkant=0.8|Standort im Bamberger Dom Der Reiter war ursprünglich mit kräftigen Farben gefasst und dadurch auffälliger als heute. So war der Sockel grün, das Pferd weiß mit braunen Flecken, das Kleid und der Umhang rot mit silbernen und goldenen Sternen, die Stiefel braun, die Krone, die Sporen und der Gürtel vergoldet, die Haare dunkel. Das Pferd der Statue ist beschlagen, eine der ersten Darstellungen von Hufeisen überhaupt. Möglicherweise sind die Darstellungen eines Pferdekopfes und eines Ritterkopfes in zwei Cadellen in der um 1440 entstandenen für den Bamberger Dom bestimmten Handschrift Msc.Lit.27 der Staatsbibliothek Bamberg frühe Reflexionen auf den Bamberger Reiter, dessen bisher bekannte früheste Darstellung sich auf einer 1669 von Georg Adam Arnold gemalten Innenansicht des Doms befindet.Karl-Georg Pfändtner: Medieval Depictions of the Bamberg Horsemen in a Bamberg Cathedral Antiphonarium? In: Manuscripts on my Mind. Band 13, 2014, S. 13.

Deutungsvorschläge Die Deutung der Gesamtskulptur und insbesondere die mögliche historische Identität des Reiters bleiben bis heute fraglich und Gegenstand kunsthistorischer Forschung. Der Domreiter ist eine im Kirchenraum singuläre Plastik. Vergleichbare Reiterstandbilder der Epoche, der Magdeburger Reiter und die Plastiken Oldrado da Tressenos an einer Palazzofassade in Mailand und am Portal der Kathedrale von Lucca, befinden sich nicht innerhalb einer Kirche. Auf einer religiösen steinernen Reiterdarstellung in Südiran (Naqsch-e Rostam in Kazrun, Bischapur, Schapur I.) begegnen sich Gott Ahura Mazda und Bahram I. zu Pferde. Die Weißfärbung des Bamberger Reiters erinnert an Darstellungen des auf einem Schimmel reitenden Christus wie etwa in der Krypta der Kathedrale von Auxerre (um 1150).Rolf Toman (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Köln 1996, ISBN 3-89508-213-9, S. 430.

Versuche, die Darstellung einer historischen Person zuzuordnen, gehen – weil der Reiter gekrönt ist – von einem König aus. Im Domreiter wird unter anderem der heiliggesprochene König Stephan I. von Ungarn, der römisch-deutsche König Philipp von Schwaben, vielleicht auch dessen Großonkel Konrad III., die Staufer-Dynastie, eine apokalyptische Figur, der Messias, einer der Heiligen Drei Könige oder eine universale Symbolskulptur gesehen.

Heiliger Stephan mini|hochkant|Reiterstandbild Stephans I. in Budapest

Da die Figur in einer Kirche aufgestellt und keine Grabfigur ist, soll es sich wegen des Baldachins um einen Heiligen handeln. Könige, die Beziehungen zu Bamberg haben und zugleich heiliggesprochen wurden, sind Heinrich II. (1146 heiliggesprochen), der im Dom begraben ist, sowie Stephan I., der mit Heinrich II. verschwägert war, 1083 heiliggesprochen und im Bamberger Dom verehrt wurde. Heinrich war nicht nur römisch-deutscher König, sondern auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und wäre als Kaiser dargestellt worden. Deshalb sei Stephan wahrscheinlicher, wofür die Verwandtschaftsbeziehungen Bischofs Ekbert von Andechs-Meranien, in dessen Amtszeit die Skulptur vermutlich aufgestellt wurde, nach Ungarn sprechen (→ Bamberger Dom). Der Reiter sei eine Form des Dankes für das Asyl, das Ekbert nach dem Königsmord 1208 bei Andreas II. bis zu seiner Rehabilitierung genoss.

Die Legende vom Einritt Stephans I. wird in der 1865 entstandenen Monumentalzeichnung von Anton Kraus (1838–1872) sichtbar.Bamberg-Guide: Wer ist der Bamberger Reiter? Die Deutung als Stephan wird seit 2008 auch von dem Forscherteam um Achim Hubel (Universität Bamberg) und Manfred Schuller (TU München) vertreten.Bamberger Reiter war König von Ungarn, Welt Online vom 8. August 2008.

Philipp von Schwaben mini|hochkant|Münze mit dem Abbild Philipps von Schwaben zu Pferde (1198)

Auf dem Fürstenportal des Bamberger Doms ist auch die Allegorie der Synagoge von einem Baldachin überdachtZur Funktion des Baldachins vgl. das Portal der Kirche Geiß-Nidda (Vogelsberg), das um 1230 entstanden ist. Dort sind der Gekreuzigte, Bischof Nikolaus, eine Stifterfigur und eine schwer zu bestimmende weibliche (?) Gestalt gemeinsam überdacht. Die Aufgabe des Baldachins ist, vergleichbar einem Heiligenschein oder der Flügelpaare der Evangelistensymbole, die Darstellung darunter als Glaubensbotschaft auszuweisen und damit von Profanem zu unterscheiden.; die gekrönte Gestalt muss daher nicht unbedingt ein Heiliger sein.Johannes Lehmann: Die Staufer. München 1978, S. 343, verweist auf den Ahnenkult und sieht im Reiter einen adligen Ritter, also keinen Heiligen, sondern einen geheiligten Menschen. Das Recht zur Beisetzung und figürlichen Darstellung in einem Kirchenraum kam – wie das Grabmal des Rudolf von Rheinfelden von 1080 im Merseburger Dom belegtToman: Romanik. S. 313.  – auch rein weltlichen Herrschern zu, die ihr Leben für die Kirche ließen.

mini|hochkant|Konrad III. mit Ludwig dem Jungen vor Konstantinopel (1146/47)Jean Fouquet (1416–1480), die Abbildung ist spiegelverkehrt zum Original in der Bibliothèque nationale, Paris.

Eine äußerst dramatische Verbindung zu Bamberg weist Philipp von Schwaben auf, der 1208 in Bamberg unbewaffnet ermordet wurde.Mack: Staufer. S. 249. Auch die römisch-deutsche Königin Irene-Maria von Byzanz starb bald nach der Ermordung ihres Gemahls bei einer Frühgeburt, kurz darauf auch ihr Kind. Philipp wurde zunächst in dem noch im Umbau befindlichen DomMack: Staufer. S. 247. beigesetzt. Die Grabstätte lag unweit jenes Chorpfeilers, an dessen Westseite später der Bamberger Reiter angebracht wurde. Philipps Neffe Friedrich II. ließ seinen Onkel im Jahr 1213 bei seiner ersten Reise als (wiederholt gewählterMack: Staufer. S. 260) römisch-deutscher König über die Alpen kommend, in den Speyerer Dom umbetten.Mack: Staufer. S. 247.Bilder der Grablege im Speyerer Dom Seitdem gäbe es im Bamberger Dom kein sichtbares Gedenken mehr an Philipp und den ersten Mord an einem römisch-deutschen König – wenn nicht durch den Domreiter, der waffenlos zu Pferde thront. In ähnlich friedvoller Manier ist auch König Philipp ohne jede Beigabe von Waffen, als einziger und jüngster der acht Söhne neben seiner Mutter, Beatrix von Burgund, und dem für seinen Vater, Friedrich I. Barbarossa, vorgesehenen Platz, beigesetzt. Die Positionierung des Reiters zwischen Portal und Kaisergrab veranlasst weitere Rückschlüsse. Im Fürstenportal, das Erlöste und Verdammte am Weltende unterscheidet, und dem Reiter wird die sogenannte Tor-Liturgie arrangiert , die ihren ursprünglichen Sitz in der Wallfahrt nach Jerusalem hatte, im Christentum jedoch am Anfang des Kirchenjahres (Advent) angesiedelt wurde:

Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte? Der reine Hände hat und ein lauteres Herz … Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten; denn es kommt der König der Herrlichkeit

Der Reiter könnte demnach auf Philipp von Schwaben als tugendhaftes Königsvorbild verweisen. Verschiedene Umstände korrespondieren mit der Außergewöhnlichkeit des Bamberger Reiters: Philipps Name (der im Griechischen „Pferdefreund“ bedeutet), sein Tod zur Unzeit (der während einer Hochzeit verübte Mord sorgte auf dem Frankfurter Reichstag 1208 für einen Eklat), seine Friedensliebe (er bot dem 1206 besiegten Widersacher Otto IV. seine Tochter Beatrix von Schwaben zur Vermählung an) sowie die in Bamberg nach Konrad III. sich wiederholende Tragik, dass einem gewählten staufischen König durch unzeitigen Tod die Kaiserkrönung versagt blieb. Der Reiter kann demnach als Memorial für den römisch-deutschen König Philipp von Schwaben verstanden werden, der – anders als Stephan I. – sowohl mit Heinrich und Kunigunde durch den Besitz der Reichskleinodien als auch mit diesen und Konrad III. durch den Ort der (ersten) Grablege im Bamberger Dom verbunden war.

Ein Staufer mini|hochkant|Friedrich II. (links) verhandelt 1228 mit Sultan al-Kamil

Verfolgt man die Bedeutung Bambergs für die Staufer weiter, so ergaben sich mit dem sogenannten Fünften Kreuzzug, genauer dem Kreuzzug Friedrichs II. der Jahre 1228–29, zahlreiche Motive für die Schaffung der Figur eines unbewaffneten Reiterkönigs. Der „Reiter“ eignete sich als plastisches Symbol für einen neu erworbenen, prestigeträchtigen Königstitel. Friedrich II. fiel im Mai 1228 durch den Tod seiner zweiten Frau, Isabella von Brienne, der Titel eines „Königs von Jerusalem“ zu, dessen Krone er sich im Frühjahr 1229 in Jerusalem aufsetzte. Das Pferd des Bamberger Reiters könnte in diesem Zusammenhang zum einen eine Anspielung auf Gottfried von Bouillon, den Jerusalem-Eroberer und Prototyp eines Kreuzritters zu Pferde, zum anderen auf den Herrschaftsanspruch des Okzidents über den Orient sein, wie seinerzeit für Mark Aurel, den Bezwinger der Parther. Allerdings war dieser Bezugspunkt im Mittelalter nicht bekannt, da das Reiterstandbild Mark Aurels in Rom fälschlich mit dem ersten Kaiser der Christenheit, Konstantin dem Großen, identifiziert wurde. Eine Verbindung der beiden Standbilder ist möglicherweise durch die Identifikation der beiden Reiter und Orte gegeben: Bamberg war der Versuch Heinrichs II., ein neues Rom zu errichtenHubel: Roma secunda. S. 117.; dort, am Erwartungsort für ein Himmlisches Jerusalem, hätte Friedrich als letzter und legitimer Endzeit-Herrscher präsentiert werden können (Offb ; ; ).

Wer ein solches politisch-ästhetisches Programm hätte verfolgen wollen, bleibt allerdings unklar. Friedrich II. weilte zwischen 1213 und 1235 nicht in Deutschland, sein Sohn Heinrich vertrat ihn zwar, rivalisierte aber mit ihmMack: Staufer. S. 220. und ist demnach als Auftraggeber kaum denkbar; Ekbert gehörte gewiss zu den Anhängern Friedrichs II., war aber häufig außerhalb seines Bistums engagiert. Als Bamberger Bischof hatte er dennoch den größeren Vorteil von der Figur, da sie den neuen Dom und das von einem Kaiser gegründete Bistum aufwertete, zumal im Dom mit Papst- und Kaisergrab eine Ansicht der Zwei-Schwerter-Theorie gegeben war, in die sich der endzeitliche Domreiter nahtlos einfügt.