mini|Anton Pelinka (2024) Anton Pelinka (* 14. Oktober 1941 in Wien; † 3. Oktober 2025 in Innsbruck) war ein österreichischer Politikwissenschaftler.

Pelinka veröffentlichte vor allem in den Bereichen Demokratietheorie, politisches System Österreichs und Vergleich politischer Systeme. Nach akademischen Stationen in der Bundesrepublik Deutschland war er von 1975 bis 2006 ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Innsbruck und baute dort das Institut für Politikwissenschaft mit auf. Ab 2006 war er Professor im Nationalism Studies Program der Central European University zuerst in Budapest und ab 2019 in Wien.

Langjährig stand er als Wissenschaftlicher Leiter dem Institut für Konfliktforschung in Wien vor, von 1994 bis 1997 war er Österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, überdies war er federführend an der Gründung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien beteiligt. 1970/71 und 1984/85 war er Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft, deren Ehrenmitglied er wurde. Pelinka wurde für sein Lebenswerk und seine publizistische Arbeit wiederholt ausgezeichnet; er zählte zu den führenden, auch international bekannten Wissenschaftlern seines Fachs in Österreich. Seine politikwissenschaftliche Schule hat sich vor allem in Innsbruck etabliert und popularisiert ihre Ergebnisse über die Universität hinaus im regionalen Leitmedium Tiroler Tageszeitung.

Leben Anton Pelinka wurde 1941 in Wien im „angeschlossenen“ Österreich geboren; die Familie seines Vaters (ein Versicherungsangestellter) hatte tschechische Wurzeln, die seiner Mutter deutsche (Westfalen). Das Elternhaus war konservativ,Michael Freund: GeistesBlitze. Bedeutende österreichische Wissenschaftler im Porträt. Wien 1997, S. 10. zunächst „antimarxistisch“, später dann „antinazistisch“ eingestellt; einige Verwandte waren durchaus dem Nationalsozialismus zugeneigt. Pelinka, im katholischen Milieu sozialisiert, besuchte zunächst auch ein katholisches Gymnasium, bis zur Matura dann eine öffentliche Schule in Wien.

Nach dem Studium – von 1960 bis 1964 – der Rechtswissenschaften (Jus) an der Universität Wien wurde er 1964 zum Dr. jur. promoviert.Michael Freund: GeistesBlitze. Bedeutende österreichische Wissenschaftler im Porträt. Wien 1997, S. 12. In den 1960er Jahren weckte die Sozialwissenschaft sein Interesse und er schlug 1965/66 ein Studium der Politikwissenschaften am Wiener Institut für Höhere Studien (IHS) ein.Michael Freund: GeistesBlitze. Bedeutende österreichische Wissenschaftler im Porträt. Wien 1997, S. 11–12. Dort beeinflusste ihn der österreichisch-US-amerikanische Soziologe Paul Lazarsfeld mit seinen Wahlforschungen. 1966/67 war er Redakteur der, seinerzeit durch Kurt Skalnik geleiteten, katholisch orientierten Wochenzeitung Die Furche mit Sitz in Wien; in der Redaktion gehörte er zu den eher progressiv ausgerichteten Journalisten. Es schloss sich der Präsenzdienst beim Bundesheer an; er bekleidete den Dienstgrad eines Korporals der Reserve.

Von 1968 bis 1971 kehrte er als Forschungsassistent an die Abteilung für Politikwissenschaft des Instituts für Höhere Studien zurück, deren Leiter Peter Gerlich war. 1971 verschlug es ihn als Assistent an das Institut für Politikwissenschaft der Universität Salzburg. Dort habilitierte er sich ein Jahr später beim Sozialphilosophen und Politikwissenschaftler Norbert Leser und erhielt die venia legendi für Politikwissenschaft. Er ging für zwei Jahre als wissenschaftlicher Rat bzw. (ordentlicher) Professor nach Westdeutschland, lehrte 1973/74 an der Universität-Gesamthochschule Essen und 1974/75 an der Pädagogischen Hochschule Berlin. 1975 wurde er als ordentlicher Universitätsprofessor für Politikwissenschaft an die Universität Innsbruck berufen. Von 1976 bis 1986 bzw. ab 1989 stand er dem dortigen Politikwissenschaftlichen Institut vor, das er mit aufbaute. Von 1987 bis 1989 war er Dekan der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Innsbruck. Von 1993 bis 2006 wirkte er als Mitherausgeber des Gemeinschaftsprojektes Contemporary Austrian Studies der University of New Orleans / Universität Innsbruck. Von 2004 bis 2006 war er Dekan der erst kurz zuvor gegründeten Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Innsbruck; sein Nachfolger wurde der Politikwissenschaftler Fritz Plasser. Danach wechselte er an die englischsprachige Budapester Privatuniversität Central European, wo er seitdem am Department of Political Science Studies als Professor im Nationalism Studies Program (Nationalismusstudien) lehrte.

Er nahm mehrere Gastprofessuren (visiting professor) im europäischen und internationalen Ausland an, 1977 an der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi (Indien), sowie drei Aufenthalte in den USA: 1981 an der University of New Orleans in Louisiana, 1997 auf dem „Austrian Chair“ am Department of Political Science der Stanford University in Kalifornien und 2001/02 an der University of Michigan in Ann Arbor/Michigan, im Anschluss zudem auf dem „Chair Bernheim d’Etudes sur la Paix“ an der Université Libre de Bruxelles (Belgien). Von 2011 bis 2013 war er Gastprofessor am European Forum der Hebräischen Universität Jerusalem (Israel). Zu Forschungszwecken hielt er sich außerdem 1990/91 als „Schumpeter Fellow“ am Center for European Studies an der Harvard University in Cambridge/Massachusetts, 1994 als Senior Fellow am Wissenschaftskollegium Budapest (Ungarn) und 2012/13 als Fellow am International Center for Cultural Studies in Wien, das heute der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz untersteht, auf. Außerdem wies ihn die postgraduale Diplomatische Akademie Wien als Vortragenden aus., Diplomatische Akademie Wien, abgerufen am 4. Oktober 2025.

mini|hochkant=1.4|Anton Pelinka (3.v.r.) bei der Pressekonferenz zur Gründung des Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) im Juni 2006 Von 1990 bis 2012 übernahm er die Wissenschaftliche Leitung des Instituts für Konfliktforschung (IKF) in Wien,Michael Freund: GeistesBlitze. Bedeutende österreichische Wissenschaftler im Porträt. Wien 1997, S. 11. welches auf die interdisziplinäre Erforschung „politische[r], gesellschaftliche[r] und individuelle[r] Konflikte“ spezialisiert ist; seine Nachfolgerin wurde Birgitt Haller. Von 1994 bis 1997 war er österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Überdies war er Gründungsleiter des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien, legte dann aber sein Amt aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien 2009 nieder. Bis 2012 war er Vorsitzender im wissenschaftlichen Beirat im Sir Peter Ustinov Institut, das Vorurteilsforschung betreibt., Sir Peter Ustinov Institut, abgerufen am 4. Oktober 2025. Weiterhin wurde er u. a. Mitglied in folgenden Beiräten: Jahrbuch für Islamophobieforschung, Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft und Informationen zur Politischen Bildung (Österreich) sowie „Projekt Gedenk- und Lernort Äußeres Burgtor“ zur Neugestaltung des Österreichischen Heldendenkmals. In Österreich war er für die Koordination der Zeitschrift für Parlamentsfragen mitverantwortlich. Er war Vorsitzender der 1982 begründeten Gesellschaft für politische Aufklärung (GfpA), die sich für die „Förderung der Qualität der österreichischen Demokratie“ einsetzt. 2009 wurde er Mitglied der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Überdies war er u. a. Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft (ÖGPW) und der American Political Science Association (APSA); er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der ÖGPW und stand ihr in den Jahren 1970/71 und 1984/85 vor. Später wurde er Ehrenmitglied der ÖGPW. Ferner war er Beiratsmitglied von Austrian Gay Professionals.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und seinen Ehrenämtern trat Pelinka auch als Kommentator in deutschsprachigen Medien in Erscheinung (profil, Der Standard und Die ZeitArtikel von Anton Pelinka, Zeit Online, abgerufen am 30. März 2016. sowie das ORF u. a.). Pelinka war parteipolitisch ungebunden. Wahlempfehlungen sprach er nicht aus; einzig bei der Nationalratswahl in Österreich 1994 erweckte er den Anschein, dass eine Stimme für das Liberale Forum eine gegen Haider sein könne. Pelinka gehörte zu denjenigen bekannten Wissenschaftlern, die sich immer wieder diffamierenden Angriffen der FPÖ unter Jörg Haider ausgesetzt sahen.Brigitte Bailer, Wolfgang Neugebauer: Die FPÖ. Vom Liberalismus zum Rechtsextremismus. In: Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. 2. Auflage. Deuticke, Wien 1993, ISBN 3-216-30053-6, S. 383 f. Nachdem er im Jahre 1999 Haider im italienischen Fernsehen vorwarf, den Nationalsozialismus zu verharmlosen, wurde er von Haider, Landeshauptmann von Kärnten, verklagt und in letzter Instanz nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Wien am 21. März 2001 vom Vorwurf der Üblen Nachrede freigesprochen. Der Zeithistoriker Michael Gehler bewertete den Verlauf des Prozesses als „Gratwanderung im Zusammenhang mit der Beibehaltung der Freiheit der (politischen) Wissenschaften in Österreich“.Michael Gehler: Kontraproduktive Intervention: Die „EU 14“ und der Fall Österreichoder vom Triumph des „Primats der Innenpolitik“ 2000–2003. In: Ders., Anton Pelinka, Günter Bischof (Hrsg.): Österreich in der Europäischen Union. Bilanz seiner Mitgliedschaft = Austria in the European Union (= Schriftenreihe des DDr.-Herbert-Batliner-Europainstitutes, Forschungsinstitut für Europäische Politik und Geschichte. Bd. 7). Böhlau, Wien u. a. 2003, ISBN 3-205-77116-8, S. 123.

In der Funktionsperiode 2018 bis 2023 war er Mitglied des Universitätsrates der Universität Innsbruck.derStandard.at: Uni-Räte sind jetzt fast komplett. Artikel vom 30. April 2018, abgerufen am 2. Mai 2018.Ehemalige Mitglieder des Universitätsrats der Universität Innsbruck. Abgerufen am 4. Oktober 2025. Er wurde am Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Pelinka ehelichte die Publizistin Marta (* 1947), geb. Marková, und war Vater eines Kindes. Er war ein Bruder des Journalisten Peter Pelinka, ehemals Chefredakteur der Nachrichtenmagazine News und Format, und Onkel von Niko Pelinka.Elisabeth Horvath: In: Der Österreichische Journalist. Ausgabe 10/11 2010. Abgerufen am 29. Dezember 2011.

Forschung und Lehre Pelinkas Schwerpunkte lagen auf den Gebieten Demokratietheorie, Politisches System und Politische Kultur in Österreich und der Vergleichenden Parteien- und Verbändeforschung. Österreich betreffend (und darüber hinaus) war er ein gefragter Experte für die Themen Rechtsextremismus (u. a. Autor in den DÖW-Sammelbänden Rechtsextremismus in Österreich nach 1945 und Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus sowie im Handbuch deutscher Rechtsextremismus) und Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft.