Geheimsache Ghettofilm (Originaltitel: Shtikat Haarchion, Internationaler Titel: A Film Unfinished) ist ein deutsch-israelischer Dokumentarfilm von Yael Hersonski aus dem Jahr 2010 über wiedergefundene Filmszenen eines nicht fertiggestellten deutschen Propagandafilms. Die Archivaufnahmen entstanden 1942 im Warschauer Ghetto.
Yael Hersonski, Jahrgang 1976, lebt und arbeitet überwiegend in Israel. Sie studierte von 1996 bis 1998 Philosophie in Tel Aviv und danach bis 2003 an der „Sam Spiegel Film & Television School“ in Jerusalem.
Inhalt Das Original-Filmmaterial wurde im Jahre 1942 von einer deutschen Aufnahmetruppe (Propagandakompanie) gedreht, zwei Monate vor Beginn der Aussiedlungsaktionen genannten Deportationen aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager. Der Originalfilm wurde nie fertiggestellt.
Aus dem in Archiven erhalten gebliebenen Filmmaterial gestaltete Hersonski 2009 einen Film, in welchem den unvertonten und nicht untertitelten Bildern Berichte von Augen- oder Zeitzeugen, Aussagen aus Tagebüchern und andere Protokolle gegenübergestellt werden. Die Dokumentation offenbart den Zynismus der damaligen Dreharbeiten und stellt die unkritische Verwendung der teilweise inszenierten Aufnahmen in Frage.
Entstehung und Hintergrund Die Frage nach der Aussagekraft und Interpretationsbreite von Bildern brachte Yael Hersonski dazu, sich mit archiviertem Filmmaterial zu beschäftigen.
Noemi Schory, die Produzentin des Films und Autorin von über 100 Kurzfilmen für das Visuelle Zentrum von Yad Vashem, half Hersonski bei der Zusammenstellung von geeigneten Archivfundstellen. Darunter befand sich auch der unvollendete Nazi-Propagandafilm aus dem Warschauer Ghetto. In zweieinhalbjähriger Arbeit recherchierte Hersonski für Geheimsache Ghettofilm Informationen und Hintergründe dieser Filmfragmente.
Über Auftraggeber und genauen Zweck der Aufnahmen herrscht bis heute Unklarheit. Der Kameramann Willy Wist sagte später:
Über die Gründe, weshalb keine Dokumentation über die Produktion existiert und der Film in der Rohfassung verblieb, existieren unterschiedliche Spekulationen. Eine davon ist, dass der Film als Archivmaterial gedacht war, um für nachfolgende Generationen das jüdische Leben festzuhalten.
Yael Hersonski schreibt dazu:
Archivmaterial Das Material des Filmfragments mit dem Archivtitel GhettoGHETTO (Archivtitel), Produktionsland: Unbekannt, Auftraggeber: Unbekannt, Kamera: Sonderführer Willy Wist, beschäftigt bei Filmeinsatztrupp OKW, Drehzeit: 2. Mai bis 2. Juni 1942, Drehort: Warschauer Ghetto; Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur 17411, 35 mm, s/w, stumm, 1.737 m (= ca. 63’). Film ohne Titel und Vorspann, mit Tonkasch kopiert., gedreht vom 2. Mai bis 2. Juni 1942 auf acht Filmrollen mit einer Länge von 1.737 Metern, etwa 63 Filmminuten, wurde in den 1950er Jahren im Staatlichen Filmarchiv der DDR aufgefunden und befindet sich heute im Bundesarchiv, Abteilung Filmarchiv Berlin. Das Material wurde zusätzlich unter dem Titel Asien in Mitteleuropa katalogisiert. Der Hinweis auf diesen möglichen Arbeitstitel stammt aus dem Erinnerungsbuch des Holocaustüberlebenden Jonas Turkow.
Zusätzlich konnte weiteres Material aus Beständen des Reichsfilmarchivs den Dreharbeiten zu Ghetto zugeordnet werden, u. a. zwei Rollen Dubnegativ (Kopie des Kameranegativs), die das Bundesarchiv im Jahr 1998 von der Library of Congress unter dem Übernahmetitel Warsaw Ghetto erhalten hat. Dieses Material enthält den Vorspann „Achtung / Geheime Kommandosache!“ und ist heute im Bundesarchiv unter dem Titel Ghetto-RestmaterialGHETTO – RESTMATERIAL (Archivtitel), Produktionsland: Deutsches Reich, Produktionsfirma. Unbekannt, Auftraggeber: Unbekannt, Kamera: Sonderführer Willy Wist, Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur: M 19675, 35 mm, s/w, stumm mit Tonkasch kopiert, 948 m. archiviert.
Daneben existieren noch zwei Amateurfilme, die in weiten Teilen Szenen der beiden Ghetto-Aufnahmen zeigen, jedoch aus einer anderen Perspektive. Zum einen rund 10 Minuten Aufnahmen, die wahrscheinlich von den Kameramännern Paul Adam und Andreas Honowski stammen und im Bundesarchiv unter dem Titel Das Warschauer GhettoDAS WARSCHAUER GHETTO (Archivtitel), Produktionsland: Deutsches Reich, Produktionsfirma: Amateurfilm, Kamera: Paul Adam/Andreas Honowski, Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur: M 3180, 16 mm, s/w, stumm, 86 m. verzeichnet sind. Zum anderen ein vier Minuten langer Farbfilm, vermutlich gedreht von Hans Juppenlatz, registriert im Bundesarchiv unter dem Titel Im Warschauer Ghetto.IM WARSCHAUER GHETTO (Archivtitel), Produktionsland: Deutsches Reich, Produktionsfirma: Amateurfilm, Kamera: vermutlich Hans Juppenlatz, Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur: M 20814, 16 mm, Farbe, stumm, 106 m. Mit Hilfe dieser Aufnahmen konnte der Kameramann Willy Wist ermittelt und bestätigt werden.
Umstrittene Verwendung des Filmmaterials Der Film enthält viele Bilder, die auf unvorbereitete Augen grausam wirken. Zwar sind die Szenen durch die NS-Filmer gestellt, aber die gezeigten Toten und Lebenden sind keine Darsteller, sondern wirkliche Opfer der NS-Judenvernichtung.
Das erste Ghetto-Archivmaterial wurde lange Zeit für authentisch gehalten und in Museen und Ausstellungen als Wahrheit präsentiert. Erst mit dem Auftauchen des Restmaterials 1998 wurde deutlich, dass die Bilder inszeniert waren. Unkritische Reporter verwenden bisweilen das Material, ohne auf den inszenierten Charakter der Szenen hinzuweisen. So zeigte 3sat am 8. Mai 2013, zum Jahrestag des Aufstands im Ghetto, die ZDF-Dokumentation Jüdisches Leben im Ghetto von Armin Coerper über das Warschauer jüdische Leben, zum Beispiel die Kultur vor 1939, die Vernichtung und die wenigen Spuren, die noch erhalten sind.
Die Bilder aus dem Theater, die Coerper bei diesen Worten zeigte, stammen jedoch aus dem Ghetto-Propagandamaterial. Die Deutschen inszenierten das angebliche „jüdische Leben“ allein für ihre Kameras, sie zwangen die Menschen, sich nach Regieanweisungen zu verhalten. So entstanden die Aufnahmen im Theater, mit übertrieben auftretenden Schauspielern und Tänzern und auf Kommando lachenden Zuschauern, die in der Realität verzweifelt waren.
Produktion Der Film wurde im Jahr 2009 mit einem Budget von 300.000 Euro von Belfilms Ltd. (Tel Aviv) in Co-Produktion mit Yes (Israel), Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Südwestrundfunk (SWR), mit Förderung und im Verleih der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), produziert.
Die Erstaufführung erfolgte in den USA am 25. Januar 2010 auf dem Sundance Film Festival in Park City (Utah), in Deutschland am 15. Februar 2010 auf der Berlinale. Die Erstausstrahlung im Deutschen Free-TV war am 8. Dezember 2010 auf Arte.
Am 1. Juli 2011 folgte durch Absolut Medien die Herausgabe der Dokumentation auf DVD.Yael Hersonski: Geheimsache Ghettofilm, absolut Medien (Arte Edition), Englisch/Deutsch. Berlin, ISBN 978-3-89848-544-9.
Auszeichnungen 2010: World Cinema Documentary Editing Award auf dem Sundance Film Festival in der Kategorie Internationaler Dokumentarfilm 2010: Aufführung auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin in der Sektion Panorama Dokumente 2010: Writers Guild of America Documentary Screenplay Award auf dem Silverdocs Documentary Festival 2010: Best International Feature Award auf dem HotDocs Canadian International Documentary Festival. 2011: Nominierung für den Grimme-Preis in der Kategorie Information & Kultur 2012: Nominierung für den Emmy-Award in der Kategorie Outstanding Historical Programming - Long Form
Kritiken
Siehe auch Fritz Hippler: Der ewige Jude, 1940, ein nationalsozialistischer Propagandafilm, im Stil eines Dokumentarfilms. Er kam in die Kinos. Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet. ist ebenfalls ein im Stil eines Dokumentarfilms produzierter NS-Propagandafilm, der vom August bis September 1944 gedreht wurde. Er sollte die angeblich guten Lebensverhältnisse im Ghetto Theresienstadt (NS-Sammellager oder KZ), im heutigen Terezín, darstellen. Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010). Spielfilm, der die Entstehung des antisemitischen Propagandafilms Jud Süß (1940) dramatisiert.
Weblinks
Bundeszentrale für Politische Bildung: kostenloser Stream des kompletten Films und Dossier zum Dokumentarfilm Offizielle Website A Film Unfinished
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 2010 Kategorie:Israelischer Film Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Holocaust-Film Kategorie:Warschauer Ghetto