Die Wunder Jesu in der Bahai-Religion werden wie die Wunder von den Offenbarern geistig gedeutet. So wird die Auferstehung Jesu als die Auferweckung aus dem geistigen Tod – und nicht aus dem körperlichen Tod – interpretiert.

Zwar haben die Offenbarer kraft ihrer „Souveränität“ die Macht, Wunder zu bewirken, sie tun dies jedoch nicht, da außernatürliche Wunder weder dazu geeignet sind, den Anspruch der Offenbarer zu legitimieren noch die Menschen geistig zu erziehen. Überdies sind solche Wunder nur für diejenigen überprüfbar, die unmittelbar Zeugen des Wunders sind.

Die Bahai-Religion greift die geistige Interpretation der Wunder, die es an sich in der christlichen Literatur schon gibt, auf, führt diesen Weg fort und gibt in ihren heiligen Texten eine durchgängige Interpretation der Symbolik in den Wundern Jesu und der anderen Offenbarer (z. B. Jona, Mose, Mohammed) an, die sich auch mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften verträgt.

Interpretationsansatz Als Manifestationen Gottes sind alle Offenbarer, also auch Jesus Christus, „Vertreter Gottes“, „Träger Seiner Namen und die Verkörperungen Seiner Attribute“ (KI 110).Baha'ullah, Kitáb-i-Íqan (Buch der Gewissheit), nach Kapiteln zitiert Sie alle sind „mit allen Attributen Gottes wie Souveränität, Herrschaft und dergleichen ausgestattet“ (KI 110). Dieses Attribut der Offenbarer, das in Baha'ullahs Buch der Gewissheit „unbesiegbare Souveränität“ (KI 103) bzw. im Evangelium „Vollmacht“ (Joh 5:19 ff., Mt 7:29) genannt wird, ist keine „Majestät irdischer Herrschaft“, sondern „geistige Überlegenheit über alles im Himmel und auf Erden“ (KI 114).

Da es sich also um „geistige Souveränität“ (KI 132) handelt (vgl. Joh 18, 36: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“), sind nach Auffassung der Bahai die in den heiligen Schriften berichteten Wunder der Offenbarer geistiger Natur und daher allegorisch zu deuten: „Folglich besagen jene Stellen der heiligen Bücher, die von einem Blinden berichten, der sehend wurde, dass er innerlich blind war und dass er geistige Sicht erlangte, oder dass er unwissend war und weise wurde, oder dass er gleichgültig war und wach wurde, oder dass er weltlich war und fromm wurde.“ (BF 22).Abdu’l-Bahá: Beantwortete Fragen, nach Kapiteln zitiert

Analog deuten Bahai die Berichte von Totenerweckungen durch Jesus (s. o. unter Wundertypen im NT) als „geistige Wiedergeburt“ bzw. geistige Wandlung. Menschen, die reinen Herzens sind und sich auf den Offenbarer einlassen, werden „von neuem geboren“ (Joh 3:7). Sie sind bereit, „um Seiner heiligen Sache willen ihre Sippe, ihr Vermögen, ihr Leben, ihren alten Glauben, ja alles aufzugeben außer Gott“, während sie zuvor irdischen Dingen nachgegangen sind (KI 163) und im Sinne des „lass’ die Toten ihren Toten begraben“ (Mt 8:22) zu den „geistig Toten“ gezählt haben: „Wenn daher in den heiligen Büchern die Auferweckung von Toten erwähnt wird, so bedeutet dies, dass sie ewiges Leben fanden; wenn ein Blinder sehend wurde, so ist jenes Sehen gemeint, das wirkliche, innere Einsicht bedeutet; wenn ein Tauber hörend wurde, so besagt dies, dass er geistiges und himmlisches Hören erlangte.“ (BF 22)

Systematisch-Theologische Behandlung der Wunder Jesu Die beiden wichtigsten Apologeten des Bahai-Glaubens in der muslimischen und christlichen Welt, Mirza Abu’l-Fadl und George TownshendTownshend, The Heart of the Gospel, Oxford 1995, Kap 58. Vgl. auch Blackwell, The Christianity of Jesus, Kapitel 8., behandeln die Wunder Jesu in ihren Arbeiten und begründen die Notwendigkeit, diese Wunder geistig zu verstehen.

Mirza Abu’l-Faḍl widmet in seinen beiden Werken Kitábu’l-Fará’id(کتاب الفرائد): Das Buch unschätzbarer Perlen. Fará’id ist der Plural zu farída (فریده) für ‚kostbare Perle‘, ‚kostbarer Edelstein‘. und Faṣlu’l-Khṭiáb(فصل الخطاب): Was Wahrheit von Irrtum scheidet. jeweils ein KapitelAbu’l-Fal: Falu’l-Khiáb, Dundas, Ontario/Canada, S. 37ff. Fará’id, Hofheim, 2001, S. 76ff. Diese Bücher sind noch nicht in europäische Sprachen übersetzt. Für eine Vorstellung von Fará’id und Analyse seiner wichtigsten apologetischen Ansätze vgl. Farrokhzad: Den Wahrheitsanspruch aller Religionen Begründen – Universalität apologetischer Argumentation im Kitábu’l-Fará’id des Abu’l-Faḍl-i-Gulpáygání in: Schriftenreihe der Gesellschaft für Bahai-Studien, Band 9, S. 29. Ein anderes Traktat Abu’l-Faḍls, in dem er die Wunder Mose interpretiert, ist ins Englische übersetzt: Gulpáygání: Miracles and Metaphors, S. 39. Ein weiteres übersetztes Traktat, in dem er sich systematisch-theologisch mit den Wundern der Offenbarer und deren Interpretation beschäftigt, ist auf S. 99 zu finden. der Auslegung der Wunder Jesu. In der Einleitung stellt Abu’l-Faḍl klar, dass Gott und Seine Manifestationen kraft ihrer Allmacht grundsätzlich die Fähigkeit haben, (auch materielle) Zeichen und Wunder zu vollbringen. Sie hätten jedoch Wunder nicht als das Kriterium festgesetzt, um ihren Anspruch zu legitimieren bzw. die Menschen zu gewinnen, zu überzeugen und zum Glauben zu führen.Abu’l-Faḍl: Faṣlu’l-Khiṭáb, S. 31. Das größte Wunder, das sie vollbringen, sind ihre Worte und Taten, die sich im Laufe der Zeit durchsetzen und die Menschen anleiten, ein geistiges Leben zu führen, und die die menschliche Gesellschaft und Kultur voranbringen.Abu’l-Faḍl: Faṣlu’l-Khiṭáb, S. 64, 79.

Daher hat u. a. Jesus es abgelehnt, Zeichen und Wunder zu vollbringen, um seinen Anspruch zu beweisen, als die Pharisäer und Schriftgelehrten ihn darum baten (Mt 12: 38). Stattdessen kündigte er an, dass er nur das „Zeichen des Propheten Jona“ geben würde, der drei Tage und Nächte im Bauch des Fisches war (Jona 2:1). Abu’l-Faḍl stellt weiter fest, dass es im Laufe der Religionsgeschichte nie die frühen Gläubigen (z. B. die Jünger Christi) waren, die ein Wunder verlangt haben, sondern immer die Gegner der Offenbarer. Daher bezeichnet Jesus jene, die ihn um ein Wunder angehen, als eine „böse und treulose Generation“. Außerdem hätten materielle Wunder nie dazu geführt, dass die Menschen an die Offenbarer glauben, vielmehr würden sie die Menschen in Angst und Starre versetzen, statt sie zum Glauben zu führen.Abu’l-Faḍl: Faṣlu’l-Khiṭáb, S. 44. Sie sind also im Hinblick auf das Ziel jeder Religion, die Menschen zum Heil zu führen, kontraproduktiv.

Zeichen des Jona – Bedeutung der Auferstehung Das von Christus angekündigte Zeichen Jonas wird in der christlichen Exegese auf die Kreuzigung und die Auferstehung nach drei Tagen bezogen, doch hätten weder die Juden noch die frühen Gläubigen – nach historisch verbürgten Quellen – die Auferstehung beobachtet. Eine wörtliche Auslegung dieses Wunders würde also den Anspruch Christi ad absurdum führen, so dass dieses Wunder allegorisch bzw. geistig gedeutet werden mussAbu’l-Faḍl: Faṣlu’l-Khiṭáb, S. 38. Abdul-Baha'Zwar schreibt Abu’l-Faḍl, dass ihm – anders als im traditionellen Christentum – eine geistige Interpretation vorschwebt, er kündigt sie aber für eine spätere Veröffentlichung an (Faṣlu’l-Khiṭáb, S. 38). Leider sind einige seiner Werke verloren gegangen, so dass die Jonas-Interpretation von Abu’l-Faḍl bis heute nicht gefunden worden ist. Daher wird hier auf die Interpretation nach ʿAbdul-Baha' zurückgegriffen. interpretiert die Geschichte Jonas wie folgt: Jona ist als Manifestation Gottes aus dem Himmel göttlicher Offenbarung im Reiche der Schöpfung inmitten eines Volkes erschienen, das sich irdischen Dingen und Leidenschaften hingegeben hat. Der Fisch steht für die Welt tierischer und niederer Leidenschaften und Unglauben, wovon Jona umgeben war. In dieser Situation – im Bauch des Fisches – war Jona Gottes eingedenk und bat um Rettung. Gott hat ihn errettet, indem er das Volk zum Glauben führte.Mázandarání: Amr va Khalq, Vol II, Hofheim 1985, S. 207. Für eine andere Interpretation durch Abdu’l-Bahá vgl. Má’´diyih Asemáni, Vol 9, 1972, Teheran, Seite 2. Analog interpretiert Abu’l-Faḍl das Zeichen Jonas bei Christus.Afrúkhtih: Kháṭiráti Nuh Sálih, Los Angeles 1983, Seite 19. Es handelt sich um eine sinngemäße Wiedergabe eines Gesprächs mit ʿAbdul-Baha'. Siehe auch Beantwortete Fragen 23. Auch er erschien inmitten eines Volkes, das ihn anfeindete und tötete. Nach dem Kreuzestod war die kleine Schar seiner Anhänger verzweifelt und hatte zeitweise den Glauben verloren. Die Gegner Christi wähnten, sie hätten den christlichen Glauben vernichtet. Als aber die Jünger und Apostel, ihren Glauben wiederfanden und sich entschlossen, ihn zu verbreiten, setzte sich das Wort Christi durch und viele Völker wurden zum Glauben geführt. Die Zeit zwischen dem Kreuzestod und dem Ergreifen der Initiative durch die Jünger entspricht dem Verschlungen werden Jonas durch den Fisch bzw. der Himmelfahrt. Die Rettung aus dem Bauch des Fisches entspricht der Führung der Menschen zum Christentum, der Entstehung des christlichen Glaubens und der Erscheinung der Macht und Souveränität Christi und damit der Auferstehung Christi.

Wunder des Brotes – Geschenkwunder Als weiteres Beispiel führt Mirza Abu’l-Faḍl Rede über das Himmelsbrot an (John 6:31 ff.). Die Menschen bitten Jesus, ihnen wie zu Zeiten Mose Brot vom Himmel herabregnen zu lassen (Ex. 16:4). Jesus weigert sich, dies zu tun, und bezeichnet sich als das Brot des Lebens: „Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern … Ihr habt mich gesehen und doch glaub ihr nicht“ (Joh 6:35). Daraus, dass Christus trotz seiner Souveränität und Macht, auch materielle Wunder zu bewirken, dem Wunsch der Juden nicht entsprach, zieht Abu’l-Fadl den Schluss, dass materielle Wunder nicht als Beleg für den Anspruch der Offenbarer anzusehen sind. ʿAbdul-Baha' interpretiert das himmlische Brot als die Liebe zu Gott, die den Geist des Menschen belebt. Sie ist die Nahrung für des Menschen Herzen und wirkt ewig – im Gegensatz zu irdischer Nahrung, die nur den Körper versorgt und vorübergehend wirkt.’Abdu’l-Bahá: Khiabát, Hofheim 1984, S. 111. Bahá’ú’lláh interpretiert das himmlische Brot als die Auslegung der Heiligen Schrift durch die Offenbarer, die dadurch die Augen der Menschen für geistige Wahrheiten öffnen (KI 22).

Haben Wunder Beweiskraft für die Offenbarung? In der vierten Abhandlung des Fará’íd stellt Mirza Abu’l-Fadl fest, dass Wunder keine Beweiskraft für den Wahrheitsanspruch besitzen. Er begründet es methodisch: Zwar hätten die Offenbarer die Macht, Wunder zu vollbringen, weil sie ontologisch über den Menschen stehen. Dies gehört aber lediglich zu den „Sekundärbeweisen“Arab.-pers. adilliy-i-thánawiyya (ﺍﺩﻠﻪ ﺛﺎﻨﻮﻴﻪ)., die sich als Komplement zur Beweiskraft der Verse und des Buches fügen müssen. Wunder allein legitimieren also keinen Offenbarungsanspruch. Daher hat Gott „das Buch als das umfassendste Zeichen festgesetzt, ihm die Führung der Gläubigen anvertraut und mit diesem unverrückbaren Beweis für alle Erdenbewohner das Zeichen vollends erbracht“.Abu’l-Fal: Fará’id, S. 76. Um seine Position zu erläutern, führt Mirza Abu’l-Fadl das Beispiel eines Arztes an, der als Kompetenzbeweis darauf verweist, fliegen oder einen Stein zum Sprechen bringen zu können. Einem Weisen wird dies als Beweis nicht genügen, denn die Fähigkeit, Kranke und Gebrechliche zu heilen, ist der Beweis für den Wahrheitsanspruch des Arztes. Steine zum Sprechen zu bringen oder fliegen zu können, hat hier keine Beweiskraft, denn „es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Anspruch und dem Beweis.“ Im weiteren Verlauf der Argumentation bringt Mirza Abu’l-Fadl zahlreiche Verse aus dem Koran, in denen auch Mohammed es ablehnt, Wunder zu vollbringen, um seinen Wahrheitsanspruch zu belegen.

Die Minimierung der Bedeutung „außernatürlicher Wunder“ in der Bahai-Religion