Sexualmagie bezeichnet die Verknüpfung sexueller und magischer Praktiken, insbesondere im Kontext des modernen westlichen Okkultismus und weiter gefasst moderner spiritueller Bewegungen in der westlichen Welt und die damit verknüpften Konzepte. Als erster Vertreter sexualmagischer Praktiken gilt der Amerikaner Paschal Beverly Randolph, die Wurzeln reichen jedoch wesentlich weiter zurück. Als weitere wichtige Protagonisten der Sexualmagie gelten neben Randolph Theodor Reuss, Aleister Crowley, Julius Evola, Gerald Gardner, Anton Szandor LaVey, Austin Osman Spare und Peter J. Carroll.

Einführung

Bei den verschiedenen Vertretern der Sexualmagie lassen sich zwei Hauptrichtungen unterscheiden, nämlich einmal die auf eine spirituelle Übersteigerung der Sexualität abzielende, bei der die sexuelle Begegnung als ihrem Wesen nach magisch aufgefasst wird, und dann jene, bei der Sexualität ein magisches Mittel zum Zweck ist, eine durch sexuelle Handlungen und Riten anzapfbare Energiequelle, die vom Magier als ein Instrument zum Erreichen seiner Ziele eingesetzt wird. Vertreter der ersten Position ist zum Beispiel Randolph, Vertreter der zweiten Richtung ist Crowley.

Während Randolph seine Theorien ausschließlich mit ehelicher Liebe und Sexualität verband, wurden vom Ordo Templi Orientis (OTO) und Aleister Crowley verschiedene Sexualpraktiken angewendet, welche gesellschaftliche Normen und Tabus außer Acht ließen, wie Masturbation, Homoerotik, Autoerotik oder Sadomasochismus. Je mehr man seine Hemmungen in einer sexuellen Praktik abbaute, als umso stärker galt die durch ihre Übung freisetzbare sexualmagische Energie.Michael D. Eschner: Die geheimen sexualmagischen Unterweisungen des Tieres 666. Kersken-Canbaz-Verlag, 1993, ISBN 3-89423-020-7, S. 28–30

Das Erscheinen der Sexualmagie gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird von einigen Kulturwissenschaftlern als Vorwegnahme des Aufkommens einer freieren Sexualität, des libertinären Umganges mit dieser und der intensiven Beschäftigung mit Sexualität in der Moderne gewertet.

Die Gegenposition, die Sexualität im Okkultismus grundsätzlich ablehnte und teilweise den Zölibat als wesentliches Element der okkulten Praxis ansah, entwickelte sich ebenfalls im 19. und 20. Jahrhundert. Besonders in den USA war diese Neigung zum Zölibat sehr verbreitet. Beispielsweise wurde in Hiram Butlers Esoteric Fraternity die Lehre der Enthaltsamkeit verbreitet, die als solche schon zur Entwicklung des Geistes führe. Auch der Hermetic Order of the Golden Dawn, die Theosophie und andere okkulte Organisationen lehnten Sexualmagie grundsätzlich ab.John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005. S. 667.

Nicht zum Bereich der Sexualmagie gezählt wird der Liebeszauber und ähnliche Praktiken, etwa Tränke, Amulette und Rituale gegen Impotenz oder zur Steigerung der Potenz, die seit der Antike in zahlreichen Beispielen überliefert sind, zum Beispiel im 7. Teil des Kamasutra des Vatsyayana, wo Rezepte für Liebestränke und Penisvergrößerung angegeben werden. Es werden nämlich beim Liebeszauber magische Praktiken gebraucht, um Sexualität zu fördern, bei der Sexualmagie als Teil moderner Esoterik wird dagegen umgekehrt Sexualität verwendet, um Magie zu wirken bzw. die spirituelle Entwicklung zu fördern.Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 41 f.

Auch die Frage, welche Rolle Sexualität in der spirituellen Entwicklung spielen kann oder sollte, wie sie beispielsweise die britische Esoterikerin Dion Fortune untersucht hat, gehört eigentlich nicht zur hier behandelten Sexualmagie, außer wenn es sich um „unfreiwillige Sexualmagie“ handelt. So spricht Fortune davon, dass durch Masturbation auf den niederen Ebenen Astralwesen erzeugt werden, die, von bösen Mächten beseelt, dann „in der Nachbarschaft herumhängen“ und die Anwohner zu unerwünschter Lüsternheit anstacheln.Dion Fortune: The Esoteric Philosophy of Love and Marriage. 1924. Neuausgabe: Weiser Books, 2000, ISBN 1-57863-158-0, S. 91f.

Die übergreifende wissenschaftliche Behandlung des Themas Sexualmagie mit modernen Methoden steckt in den Anfängen. Hugh B. Urban merkt an, dass abgesehen von vereinzelten Arbeiten zu speziellen Themen (er nennt insbesondere John Patrick Deveney, Joscelyn Godwin und Alex Owen) es keine Übersichtsarbeiten gab und der Umfang der wissenschaftlichen Literatur in keinem Verhältnis steht zu Umfang und Wirkung der esoterischen und der populären Literatur mit ihrer Flut von Titeln wie Celtic Sex Magic, Wicca for Lovers und natürlich dem Complete Idiot’s Guide to Tantric Sex.Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 2, 4 f.

Geschichte mini|hochkant|Drei Hexen (Hans Baldung, ca. 1514)

Probleme Sexualmagie ist nur schwer abzugrenzen von überall auf der Welt und in allen Epochen vorgefundenen sexuellen Riten, worunter in Religionswissenschaft, Ethnologie und verwandten Wissenschaften kultische Handlungen verstanden werden, die mit Sexualität in Verbindung stehen, wie zum Beispiel phallische Kulte (siehe die kultische Verehrung von Lingam und Yoni in Südasien), Hierogamie oder Tempelprostitution. Dieses Abgrenzungsproblem entspricht dem generell bestehenden Problem, kultische von magischen Handlungen zu unterscheiden.

Hinzu kommt das Problem, dass sich bei den von Forschern von Frazer bis Eliade in geschichtlicher Überlieferung und bei autochthonen Völkern vorgefundenen und beschriebenen Vegetationskulten, Initiations- und Fruchtbarkeitsriten mit sexuellen Elementen heute immer häufiger die Frage stellt, ob es sich nicht um Konstruktionen handelt, die mehr über die Forscher als über die Erforschten aussagen. Solche Konstruktionen von Kulten vorzeitlicher Muttergottheiten, zu denen dann „primitive sexuelle Riten [gehörten], gegründet auf die magische Verbindung der Fruchtbarkeit der Menschen und Fruchtbarkeit der Natur“, werden dann von modernen Sexmagiern und Okkultisten aufgegriffen und gefolgert, dass Sexualmagie so alt sei wie die Menschheit.Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 22 f.

Antike und frühes Christentum In der christlichen Tradition spielt das Thema insofern eine Rolle, als sexualmagische Praktiken vielen häretischen Gruppen unterstellt wurden, basierend auf der Annahme, dass einer Abweichung im Theologischen eine Abweichung im Sexuellen entsprechen müsse. So bezichtigte man seit der Frühzeit des Christentums gnostische Gruppen wie die Karpokratianer oder verschiedene Denominationen der Barbelo-Gnostiker, in ihren Gottesdiensten Orgien zu feiern, Sperma zu opfern etc.

Die Verknüpfung zwischen fremdartigen Kulten und sexueller Devianz war freilich keine Erfindung der Christen, vielmehr wurden zum Beispiel von den Römern die Kulte der Kybele und des Dionysos mit großem Misstrauen betrachtet und letzterer nach dem sogenannten Bacchanalienskandal zu unterdrücken versucht. Was Livius über die Versammlungen der Bacchanten berichtet, ähnelt bereits sehr den Beschreibungen angeblicher Orgien häretischer Gruppen bei den Kirchenvätern. Zuvor galten allerdings auch die Christen als fremdländischer, orientalischer Kult, und die Vorstellungen, die man sich vom christlichen Liebesmahl machte, entsprachen dem bekannten Muster: Die Christen treffen sich nachts, schlachten Kinder, trinken ihr Blut und auf dem Höhepunkt bringt man einen Hund dazu, den Leuchter umzureißen, und in der anschließenden Dunkelheit treiben es dann alle mit allen.Minucius Felix Octavius 9 Die Verbindung von Kult und Religion ist offensichtlich, fraglich ist nur, inwiefern hier eine magische Praktik unterstellt wird. Autoren wie Livius oder Minucius Felix geben keinen Hinweis, dass die Ausschweifungen irgendwelchen magischen Zwecken dienen sollten, sondern interpretieren sie schlicht als Folge der allgemeinen Verderbtheit und Lasterhaftigkeit der Kultanhänger.Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Berkeley 2006, S. 28 f. Demgegenüber behaupten etwa Irenäus von Lyon oder Epiphanios von Salamis, die Angehörigen gewisser gnostischer Sekten würden Sperma und Menstruationsblut konsumieren, die sie für Gefäße der Seelen hielten, und diese so davor bewahren, der materiellen Welt anheimzufallen. Man kann dies als eine sexualmagische Praktik interpretieren.Epiphanios von Salamis Panarion 26,4–8. Selbstverständlich macht Epiphanios klar, dass er die Borboriten für aufs Äußerste verderbt und fehlgeleitet hält. Nichtsdestoweniger beschreibt er Spermadarbietung als Opferhandlung und das Verspeisen eines abgetriebenen Fötus als Kultmahl.

Außereuropäische Kulturen In anderen Religionen als dem Christentum ist jedoch eine positive Auffassung von Sexualität und eine entsprechende Einbindung in kosmologische und spirituelle Konzepte verbreitet. Sexualmagische bzw. sexualmystische Praktiken und ihre rituelle Ausformung traten in unterschiedlichen Kulturen auf, so in Sumer im Hieros gamos und in China bei den Fangshi, wo sie seit der vorchristlichen Zeit nachzuweisen sind und wahrscheinlich bis auf die schamanistischen Praktiken der Shang-Zeit zurückgehen. Die chinesische Form der Kunst des Schlafgemaches ist stark daoistisch geprägt und zielt häufig darauf ab, das Leben zu verlängern und die Gesundheit zu erhalten. In Indien entwickelte sich innerhalb des Tantrayana eine Form der Sexualmystik, die teilweise sexualmagische Techniken aufweist.

Mittelalter und Frühe Neuzeit mini|hochkant|links|„Obszöner Kuss“ bei den Templern (Miniatur, ca. 1350) Im Mittelalter begegnet das bereits in der Antike gefundene Muster, häretischen Gruppen sexuelle Devianz und sexualmagische Praktiken zu unterstellen, vielfach wieder. Die nun dominierende Kirche wendet es auf die Bewegungen der Katharer und der Bogomilen an, die ähnlich wie die Gnostiker, soweit sich dies heute beurteilen lässt, keineswegs sexueller Ausschweifung ergeben waren, sondern im Gegenteil sexuelle Enthaltsamkeit und bei ihren geistigen Führern den Zölibat forderten. Das hinderte nicht, dass bugger, die englische Bezeichnung für einen Sodomiten, sich über das französische bougre vom lateinischen bulgarus herleitete, einer Bezeichnung für die vom Balkan her stammenden Bogomilen.Oxford English Dictionary. Online-Ausgabe. Oxford University Press, 2015, s. v. bugger, n.1. Diese Bewegungen wurden verfolgt, und im Fall der Katharer wurde ein regelrechter Kreuzzug zu ihrer Vernichtung geführt.

Ebenfalls als Praktikanten von Sexualmagie angeklagt wurden die Mitglieder des Templerordens. Man bezichtigte sie der Sodomie und warf ihnen vor, ein Baphomet genanntes Symbol zu verehren. Ob diesen Vorwürfe in irgendeiner Weise Tatsachen zugrunde lagen, konnte bis heute nicht entschieden werden, die allgemeine Ansicht ist aber, dass die wesentlichen Motive für die Aktion woanders lagen, nämlich in den machtpolitischen Interessen und den finanziellen Problemen des französischen Königs Philipp des Schönen.

Die Vernichtung der Templer bildet, was die Esoterik betrifft, allerdings nur den Anfang der Geschichte. Zahlreiche okkulte Strömungen beriefen sich auf die Templer und behaupteten, deren Nachfolger zu sein, und Elemente aus den Anklagen und Protokollen wurden zu Bestandteilen der Konstruktion der Schwarzen Messe, zum Beispiel Auslassung oder Verfälschung von Teilen der Liturgie in der Messe, blasphemische Handlungen wie das Spucken auf das Kreuz oder der sogenannte „obszöne Kuss“, bei dem als Verehrungsgeste der Hintern eines Oberen geküsst wurde.

mini|„Obszöner Kuss“ bei den Hexen (Francesco Maria Guazzo Compendium Maleficarum 1608)