Die Standard Elektrik Lorenz AG (kurz SEL) war ein deutscher Hersteller von Elektrotechnik mit Sitz in Stuttgart-Zuffenhausen.
Das Unternehmen gehörte zum amerikanischen Mischkonzern International Telephone & Telegraph Corporation (ITT) und entstand durch Verschmelzung der C. Lorenz AG mit der Standard Elektrik AG. Die Produktpalette reichte von Telefonen, Fernschreibern und Faxgeräten über Funk bis zur Informationstechnik. Für Privatkunden produzierte das Unternehmen vor allem Unterhaltungselektronik unter der Marke „Schaub-Lorenz“, ab 1961 auch unter der Marke „Graetz“, nach Übernahme des gleichnamigen Unternehmens. Ein wesentlicher Anteil des Geschäfts lag jedoch im Bereich staatlicher Aufträge. Neben Geräten im Bereich Nachrichtentechnik für die Deutsche Bundespost oder zur Ausstattung von Behörden und Bundeswehr, entwickelte und produzierte Standard Elektrik Lorenz Signal-, Steuerungs- und Sicherheitstechnik für den Schienenverkehr, sowie Luft- und Raumfahrttechnik.
Die beiden Stammfirmen waren Nachfolger einiger namhafter, bis in die Gründerjahre der deutschen Elektroindustrie zurückreichender Unternehmen, die ITT ab den 1930er Jahren in rascher Folge übernommen hatte. Nach dem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit und einer längeren Wachstumsphase gehörte die Standard Elektrik Lorenz in den 1960er und 1970er Jahren zu den zehn größten Unternehmen der Bundesrepublik Deutschland. Nach Ende des Aufschwungs verkaufte ITT das Unternehmen zum Jahresende 1986 an die französische Compagnie générale d'électricité (CGE), wo es durch Skandale, einschneidende Marktveränderungen und unternehmerische Fehlentscheidungen sehr schnell an Umsatz und Größe verlor. Ab 1987 wurde es in einzelne Bereiche aufgespalten, die mehrheitlich an neue Eigentümer verkauft oder aufgelöst wurden.
Ein Kernunternehmen mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik verblieb unter dem Dach des von CGE gegründeten Telekommunikationsausrüsters Alcatel N.V. und firmierte ab 1992 als Alcatel SEL AG. Zum Jahresende 2006, nach Fusion der zwischenzeitlich in Alcatel S.A. umbenannten Muttergesellschaft mit Lucent Technologies, Inc., wurden die auf beiden Seiten eingebrachten deutschen Töchter in der Alcatel-Lucent Deutschland AG zusammengeführt. Nach weiterem wirtschaftlichen Niedergang verlegte der Alcatel-Lucent-Konzern im Jahr 2011 die schon zuvor sehr weitgehend durch die Konzernzentrale bestimmte Steuerung der Geschäfte seiner Auslandstöchter auch formell nach Frankreich. Mittlerweile gehört das Unternehmen zur finnischen Nokia, die über einen Aktientausch Anfang 2016 den gesamten Alcatel-Lucent-Konzern übernommen hat.. Nokia Pressemitteilung, 7. Januar 2016, abgerufen am 27. April 2016 (englisch).
Geschichte Vorgeschichte (ab 1880) Die später verschmolzenen Stammfirmen C. Lorenz AG und Standard Elektrik AG hatten beide ihren Sitz in Stuttgart-Zuffenhausen und waren erst wenige Jahre zuvor jeweils selbst aus einer Fusion von Beteiligungen ihrer Muttergesellschaft International Telephone & Telegraph Corporation (ITT) mit Sitz in New York City hervorgegangen.
mini|310px|Schaub-Lorenz-Fertigungswerk in Rastatt, 1959
Die im Jahr 1880 als Telegraphen-Bauanstalt in Berlin gegründete C. Lorenz war erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Stuttgart umgezogen. Dies war eine Reaktion auf die Berlin-Blockade, die sie mit ihrem ursprünglichen Sitz und Hauptwerk vom übrigen Deutschland abgeschnitten hatte. Die Produktion der im Jahr 1940 übernommenen Tochtergesellschaft G. Schaub Apparatebau war kurz vor Kriegsende beim Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 vollständig zerstört worden. Im Wiederaufbau rückten die Unternehmen, die bei Kriegsende als Hersteller für Rundfunkgeräte zunächst noch unabhängig am Markt aufgetreten waren, immer näher zusammen. Im Jahr 1952 verzahnte man das technische Typenprogramm und bildete einen gemeinsamen Vertrieb unter dem Dach der auf Radios spezialisierten Tochter. Im Oktober 1954 wurde „Schaub-Lorenz“ als neuer gemeinsamer Markenname festgelegt und das Radiogeschäft als Abteilung in die größere und neben der Unterhaltungselektronik auch noch in zahlreichen anderen Bereichen der Elektrotechnik vertretene C. Lorenz integriert.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte C. Lorenz namhafte Telegrafie- und Elektronikpioniere übernommen, wie im Jahr 1893 die Telegraphen-Bauanstalt C. F. Lewert, deren Unternehmensgeschichte bis zur Gründung als Werkstatt ins Jahr 1800 zurückreichte. Im Jahr 1915 folgte die W. Gurlt Telephon- und Telegraphenwerke GmbH, die als Lieferant der Heeresverwaltung zugelassen war. 1923 wurde C. Lorenz Mitbegründer der Signalbau AG, Dr. Erich F. Huth. Bis etwa 1929 übernahm jedoch die niederländische Philips sämtliche Anteile und C. Lorenz geriet ins Zentrum eines lähmenden Rechtsstreits mit Telefunken. Mit ihren umfangreichen Patentrechten und unter Ausnutzung internationaler Abkommen wie des Weltfunkvertrags hielt Telefunken in Deutschland ein Monopol für den Bau von Radioröhren. Auf den Versuch der Niederländer, das Importverbot über ein deutsches Tochterunternehmen zu umgehen und auf den Heimatmarkt von Telefunken vorzudringen, reagierte diese umgehend mit juristischen Mitteln. Stillstand und Verkaufsverbot für weite Teile der Lorenz-Radioproduktion war die Folge. Auf der Suche nach einem Ausweg verkaufte Philips seine Anteile um 1930 an die Standard Elektrizitäts-Gesellschaft (SEG), eine Holding der amerikanischen International Telephone & Telegraph (ITT), die kurz zuvor das internationale Geschäft der Western Electric übernommen hatte. Mit C. Lorenz und einer Reihe weiterer Übernahmen baute ITT seine Stellung als neues Schwergewicht der europäischen Elektroindustrie weiter aus. Kleinere deutsche Firmen, wie die Ferdinand Schuchhardt AG mit der Marke „Allradio“, wurden aufgelöst und ihre Patente, Mitarbeiter und Produktionsmittel auf C. Lorenz übertragen.
Unter ihrem Gründer und Präsidenten Sosthenes Behn förderte ITT im Anschluss die Entwicklung ihrer Töchter zu Rüstungsbetrieben.Anthony Sampson: Rüstungshilfe für die Deutschen. In: Der Spiegel, 25. Juni 1973 (Nr. 26/1973), abgerufen am 30. April 2016 Behn unterstützte finanziell den Aufstieg Adolf Hitlers und der NSDAP.Antony C. Sutton: Wall Street und der Aufstieg Hitlers, 6. Auflage, Perseus 2013, ISBN 978-3-907564-69-1 ( der englischen Ausgabe von 1976) Später galt er als amerikanischer Patriot, der im Militärdienst für sein Land während zweier Kriege mit den höchsten Auszeichnungen geehrt und zum Colonel befördert worden war. Seine Kontakte zur Nazi-Regierung seien geschäftsmäßig verlaufen und als Anstrengungen zum Schutz des Eigentums und der Interessen seiner Aktionäre durchaus vernünftig gewesen.Behn traf Hitler nur geschäftlich. In: Der Spiegel, 2. Juli 1973 (Nr. 27/1973), abgerufen am 14. Mai 2016 Sicher ist aber, dass er der erste amerikanische Industrielle war, der 1933 von Hitler in Berchtesgaden empfangen wurde.Robert Lucas: Die politischen Geschäfte eines multinationalen Großkonzerns: Jenseits von Gut und Böse. In Die Zeit, 12. Oktober 1973, abgerufen am 2. Mai 2016 Hitlers Aufstieg verwandelte die Rüstungsindustrie in ganz Europa in ein Riesengeschäft und Behns ITT war in allen Ländern gleichzeitig daran beteiligt. Verschiedene Historiker sprechen von finanzieller Förderung der SS unter Heinrich Himmler und intimen Beziehungen zum Dritten Reich noch während des Weltkriegs.Anthony Sampson: ITT: Weltkonzern zwischen Politik und Profit (1. Fortsetzung). In: Der Spiegel, 2. Juli 1973 (Nr. 27/1973), abgerufen am 30. April 2016Charles Higham: Trading with the Enemy: An Expose of the Nazi-American Money Plot 1933–1949. Delacorte Press, New York 1983, ISBN 978-0-440-19055-4 Ein besonderes Interesse hatte er an den Flugzeugwerken Focke-Wulf. Im Verlauf des Jahres 1938 kam es zu mehreren persönlichen Treffen zwischen Behn, seinem deutschen Stellvertreter Henry Mann und Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, der das Geschäft vermitteln sollte. Behn konnte sich schließlich eine Beteiligung von 28 % sichern. Die Anteile hielt bis zum Kriegsende C. Lorenz, die zwar keine Erfahrung im Bau von Flugzeugen vorweisen konnte, sich aber als Pionier im Bereich Flugfunk, Funknavigation, Funkortungs- und vor allem Instrumentenlandesysteme bis kurz vor dem Krieg zu einem weltweit führenden Ausrüster der Luftfahrt entwickelt hatte.
mini|Bestückte Bodenplatte eines Telefons Modell 36 von Mix & Genest, nach Kriegsende produziert
Die Standard Elektrik AG war 1956 durch Namensänderung aus der Standard Elektrizitäts-Gesellschaft (SEG) hervorgegangen. Letztere hatte der International Telephone & Telegraph seit 1929 als Führungsholding für ihre zahlreichen deutschen Beteiligungen gedient. Im Wiederaufbau nach dem Krieg änderte sich die Unternehmensstruktur. Die beiden produzierenden Töchter Mix & Genest AG und Süddeutsche Apparatefabrik (SAF) wurden auf die Holding verschmolzen. Der Spezialist für Signalübertragung und Schwachstrom-Technik Mix & Genest war 1897 – ebenso wie C. Lorenz – als Telegraphenbau-Anstalt in Berlin gegründet, von ITT um 1930 erworben und im Zuge des Wiederaufbaus 1948 nach Stuttgart verlegt worden. Aus der Produktion von Rundfunkgeräten, Lautsprechern und Verstärkern unter der Marke „Emgefunk“ mit Vertrieb über die Hansawerke war man schon um 1927 ausgestiegen, um sich vor allem auf Telefone, Münzfernsprecher, Nebenstellenanlagen für große Betriebe und Vermittlungsstellen in Postämtern zu konzentrieren.
Die Kriegs- und Demontageverluste nach dem Krieg waren erheblich, aber gleichzeitig die Voraussetzungen zu einem wirtschaftlichen Wiederaufstieg mehr als günstig. Als Töchter eines amerikanischen Konzerns galten die Unternehmen als politisch unbelastet. Die rein finanziellen, in Reichsmark aufgelaufenen Schulden, beglich ihr Hauptaktionär mittels Kapitalerhöhung und durch Zahlung in US-Dollar.75 Jahre C. Lorenz AG. In: Die Zeit, 6. Oktober 1955, abgerufen am 30. April 2016 Im Anschluss gelang es ITT sogar – allerdings erst im Jahr 1968, von der amerikanischen Regierung Schadenersatz für die Kriegsschäden zu erhalten: Eine Summe von 17 Millionen Dollar, mit der Begründung, es habe sich bei den Betrieben in Deutschland um amerikanisches Eigentum gehandelt.
Die Standard Elektrik AG gründete 1956 das Informatikwerk Stuttgart. Den Anstoß für die Entwicklung von elektronischen Rechenanlagen gab ein Auftrag des Versandunternehmens Quelle für eine automatische Auftragsbearbeitung und Lagerbuchhaltung im Jahr 1955. Am Nikolaustag 1956 war die erste Anlage für Quelle mit dem Namen Informatik-System fertiggestellt. Die Peripherie mit 50 Datenerfassungsplätzen und zugehörigen Druckern für die Materialentnahmescheine und Rechnungen wurde unter Leitung von Helmut Gröttrup entwickelt.
Gründung und Wachstumsjahre (ab 1958) Die C. Lorenz AG und Standard Elektrik AG, wurden zur Unternehmensgründung im April 1958 von ihrer Muttergesellschaft ITT zur Standard Elektrik Lorenz AG verschmolzen. Großen Anteil am Wachstum hatten Staatsaufträge. Wie schon ihre Vorgänger seit dem 19. Jahrhundert, als Auftragnehmer der Königlich Preußischen Telegraphendirektion und später der Reichspost, wurde die Standard Elektrik Lorenz als Amtsbaufirma regelmäßig bei öffentlichen Aufträgen der Deutschen Bundespost berücksichtigt. Das Unternehmen lieferte Fernsprechapparate und Münzfernsprecher, die eine besondere Stärke der Mix & Genest gewesen waren. mini|Schablone für Ablaufdiagramme, Zubehör zum SEL-Rechner „ER 56“