mini|Lage von Alta Ripa am obergermanisch-raetischen Limes mini|Solidus Valentinian I. miniatur|Der Rhein bei Altrip miniatur|Rekonstruktionsskizze des Kastells, Ansicht von Osten miniatur|Befundskizze des Kastells, Grabungsstand 1981 miniatur|hochkant|Weihealtar für Jupiter und Juno von 239 aus Altrip. Kastell Altrip ist ein spätantikes Kastell des Rheinlimes auf dem Gebiet der Gemeinde Altrip, Rhein-Pfalz-Kreis, in Rheinland-Pfalz (Deutschland). Das Lager war Teil des letzten massiven Verstärkungs- und Ausbauprogramms des Rheinlimes unter Valentinian I. und wurde in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. gegründet. Alta Ripa ist ein gutes Beispiel für die valentinianischen Befestigungsanlagen in der Spätphase des Rheinlimes. Es kontrollierte – gemeinsam mit zwei kleineren Burgi – die Reichsgrenze am Zusammenfluss von Rhein und Neckar.
Name Die antike Bezeichnung alta ripa (= „hohes Ufer“), die wohl auf die Lage des Kastells auf einer Schwemmlandterrasse zurückzuführen ist, hat sich bis heute im Ortsnamen erhalten. In einer Lobrede (Panegyrikus), die Quintus Aurelius Symmachus um Neujahr 370 vor dem Kaiser gehalten hat, wird auch ein „…Ufer, dem seine Höhe den Namen gegeben hat…“ erwähnt.…ipsa ripa barbariae, cui altitudo nomen inposuit… Otto Seeck (Hrsg.): Q. Aurelii Symmachi quae supersunt. Weidmann, Berlin 1883. Nachdr. Monumenta Germaniae Historica, München 1984 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores, 6, 1, S. 324, Zeile 19), ISBN 3-921575-19-2 (online). Alta Ripa wird weiters in der Notitia dignitatum als GarnisonsstandortND Occ: XLI, 5. und noch einmal im 438 veröffentlichten Codex Theodosianus als Ort der Verkündung eines Gesetzes vom 19. Juni 369 genannt.CTh. 11.31.4 (online).
Lage und Topographie Das Kastell gehörte zum Verwaltungsbereich der römischen Provinz Germania prima und wurde unmittelbar am linken Ufer des Rhenus (Rhein) auf einem Schwemmlandplateau errichtet. Der Nicer (Neckar) mündete zu jener Zeit in mehreren Armen in den Rhein. In römischer Zeit bildete der Rheinverlauf um Altrip eine nach Nordosten vorspringende Halbinsel mit einem Hochufer, die auf eine rechtsrheinische Geländeschwelle bei Rheinau stieß. Diese Engstelle war eine leicht zu passierende Übergangsstelle an dem sonst stark mäandernden Rhein mit seinen dicht bewachsenen Inseln sowie großflächigen und sumpfigen Auwäldern an den Uferrändern.
Funktion Die Garnison des Kastells überwachte – zusammen mit den Besatzungen von zwei Burgi auf einer Flussinsel beziehungsweise am gegenüberliegenden Rheinufer – das Umland und die Mündung des Neckars in den Rhein. Die Grenzbefestigungen sicherten hier eine Schlüsselposition, da die damalige hydrographische Situation mit zahlreichen Nebenarmen der beiden Flüsse eine schwer zugängliche Fluss- und Sumpfauenlandschaft bedingte, die nur bei Altrip einen relativ leicht zu befestigten und kontrollierenden Übergang zuließ.Britta Rabold, 2005, S. 195.
Forschungsgeschichte In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts berichtet Pastor Georg Litzel in einem Brief von römischen Mauern im Rhein bei Altrip. Erste Untersuchungen auf dem Kastellgelände fanden im 19. Jahrhundert, in den Jahren 1835, 1842/1843, 1884–1887 unter Rudolf Harster (Historischer Verein der Pfalz) statt. Harster gelangte zu keinen wesentlichen Erkenntnissen über Ausmaß und genauen Zweck der Befestigungsanlage, da die mangelnde Unterstützung der Grundstückseigentümer, die zum Teil die Erlaubnis zu Grabungen verweigerten oder nur oberflächliche Untersuchungen zuließen, dies unmöglich machten. Im 20. Jahrhundert untersuchten ab 1910 Eduard Anthes, 1926/1927 bzw. 1932 Gerhard Bersu, Friedrich Sprater, Robert und Ignaz Baumann, 1961 Günther Stein und 1981 Helmut Bernhard das Areal.
Bei Bauarbeiten kamen seit 1835 immer wieder römische Artefakte zum Vorschein, die entweder an Antikensammler weiterverkauft wurden oder – wie im Fall eines Weihesteins (Tonsandsteinplatte, 82 cm hoch, 1,36 Meter breit und 27 cm stark) der Nemeter – in den Besitz des Mannheimer Altertumsvereins gelangten. Bei Niedrigwasserstand des Rheins ragten auch die Reste der beiden Burgi aus dem Flussbett hervor, ein Ereignis, das oft zahlreiche Schaulustige anlockte. 1887 kam in einem Garten die antike Statue eines Jünglings zum Vorschein. Nach Analyse der Forschungsergebnisse von Rudolf Harster erkannte Eduard Anthes 1917 in den Überresten schließlich das spätrömische Kastell.Nemeterinschrift: „Dem Mars und der Nemetona haben die Silvinier Justus und Dubikatus in Erfüllung ihres Gelübdes das Denkmal gern und freudig errichtet.“
Besonders die beiden Grabungskampagnen unter Gerhard Bersu, von 1926/1927 und 1932, erbrachten durch Setzung von 98 Grabungsschnitten bedeutende Fortschritte in der Erforschung des Altriper Kastells. Da die Anlage unter dem östlichen Rand des dicht verbauten Ortszentrum lag, konnten die Stichgrabungen aber nur in einigen Höfen und Hausgärten durchgeführt werden. Sowohl der Umfang der Anlage als auch ihr ungewöhnlicher Grundriss erregten in der Fachwelt bald großes Aufsehen. An der dem Rheinufer zugewandten Kastellseite konnte auch ein Werkplatz der römischen Steinmetze entdeckt werden, die hier Spolien, wie zum Beispiel das obere Mittelstück einer geschuppten, 2,20 Meter langen Jupiter-Gigantensäule, Altäre, Quadersteine von Vorgängerbauten etc., für ihre Weiterverwendung grob zurichteten. Eine damals im Kastell aufgefundene Bronzelampe in Gestalt einer Taube wird als frühchristliches Fundstück betrachtet. Im Laufe seines Bestehens wurde das Lager vermutlich auch immer wieder von Hochwasserereignissen heimgesucht. Bersu musste schließlich aufgrund seiner jüdischen Abstammung die Arbeiten vor Ort einstellen und sich für die Dauer des Krieges nach England in Sicherheit bringen. Die Befunde der Ausgrabungen dieser Jahre wurden nach Berlin gebracht, gingen aber später durch die alliierten Bombardierungen der Stadt zwischen 1939 und 1945 wieder verloren.
Anfang der 1960er Jahre boten Kanalschachtarbeiten die Chance für neue Untersuchungen im Kastellareal. Vom 16. Oktober bis zum 8. Dezember 1961 konnte Günter Stein auf 78 Meter Länge – von der Reginostraße bis zum Kriegerdenkmal – einzelne Sondierungsgrabungen vornehmen. Diese vom Staatlichen Amt für Vor- und Frühgeschichte der Pfalz initiierten Grabungen wurden auch von Mitarbeitern der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Ziel war, die Ergebnisse, die seit 1884 gewonnen worden waren, zu überprüfen und gegebenenfalls zu ergänzen. Hierbei konnten vor allem Mauerreste der Innenbebauung, die Pfahlgründungen des Fundamentes und antike Gebrauchskeramik entdeckt werden. Es gelang auch der Nachweis, dass hier schon vor dem spätantiken Kastell eine römische Siedlung (vicus) existierte. Reste eines mit Ziegelplatten ausgelegten Bodens, der Fund von tubuli (Hohlziegeln), Ziegelpfeilern bzw. Ziegelplatten und von bemaltem Wandputz wiesen auf eine villa rustica (römischer Gutshof) oder ein Gebäude eines vicus hin. In Höhe der Pfarrkirche wurde in der Straßenmitte der über vier Meter tiefe Kastellbrunnen entdeckt. Aus diesem wurden 1700 Jahre alte Holzfragmente geborgen und konserviert. Zudem konnten auch Gebäudereste und ein Gräberfeld aus der Merowingerzeit freigelegt werden. Anlässlich der Grabung von 1981 lokalisierte Helmut Bernhard auch das Osttor.
Entwicklung 4. Jahrhundert Zur Zeit der Usurpation des Magnentius kam es zwischen den Jahren 352 und 353 zu verheerenden Einfällen der benachbarten Germanenstämme. Die Alamannen eroberten dabei das Gebiet zwischen Hochrhein und Nava (Nahe). Weiter im Norden drangen die Franken vor, die gesamte Niederrheinprovinz Germania secunda mit ihrer Hauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) wurde überrannt, selbst die Kaiserresidenz Augusta Treverorum (Trier) war von den Angriffen betroffen. Auch alle Orte in der Rheinebene und die Höhensiedlungen des Pfälzer Waldes wurden weitgehend zerstört und ausgeplündert. Erst um 357 gelang es dem Caesaren (Unterkaiser) des Westreichs, dem späteren Kaiser Julian, die Germanen wieder aus dem Reichsgebiet hinauszudrängen.
Die stetigen Übergriffe zwangen die Römer zum Aufbau einer tiefer gestaffelten Grenzverteidigung. Um 369 wurde der Mittelteil der Rheingrenze mit zusätzlichen Wachtürmen und Festungen, darunter auch Alta Ripa, noch einmal verstärkt. Diese Befestigungen konnten noch für 40 Jahre für eine relative Stabilität an der Rheinfront sorgen. Im Jahr 368 führte Valentinian I. von hier aus zwei Feldzüge in das Neckargebiet.Günther Haselier: 1969, S. 33 Der Kaiser hielt sich vermutlich auch 369 für kurze Zeit im Gebiet von Altrip auf, um den Fortschritt der – sich hier besonders schwierig gestaltenden – Baumaßnahmen zu überwachen. Die Bauarbeiten am Ländeburgi (siehe unten) – so die zeitgenössischen Chronisten Ammianus Marcellinus und Quintus Aurelius Symmachus – dürften durch den Kaiser sogar persönlich beaufsichtigt worden sein. Über die Bauarbeiten im Raum Altrip und Neckarau berichtet Ammianus folgendes:
5. Jahrhundert 401 drangen die Westgoten unter Alarich in Italien ein. Daraufhin war der römische Heermeister (magister utriusque militiae) Stilicho gezwungen, die meisten Grenztruppenverbände im Norden zum Schutz des weströmischen Kernlandes abziehen. Der Limes der Rheingrenze hatte sich nach diesem enormen Aderlass praktisch aufgelöst. Am Jahreswechsel 406/407 konnten deswegen die Alanen zusammen mit Sueben und Vandalen ungehindert den Strom bei Mogontiacum (Mainz) überschreiten, es zerstören und alle Kastelle zwischen Bingen und Seltz niederbrennen; die Zivilstädte – wie Borbetomagus Vangiones (Worms) und Noviomagus (Speyer) – wurden geplündert. Ob auch das Kastell durch seine Besatzung selbst oder im Zuge der oben beschriebenen Ereignisse zerstört wurde, lässt sich heute nicht mehr mit letzter Gewissheit sagen.
Die Römer waren nun nicht mehr in der Lage, die eingedrungenen Germanen wieder über den Rhein zurückzuwerfen. Die Stämme, die nicht weiter nach Gallien gezogen waren, setzten sich am westlichen Flussufer fest. Die Regierung in Ravenna machte aus der Not eine Tugend, verpflichtete die meisten von ihnen vertraglich als foederati und überließ den neuen Verbündeten die Verteidigung der Rheingrenze.Dietwulf Baatz: 1982, S. 223. Den Burgunden wurde um 413 der Abschnitt bei Borbetomagus zugewiesen, die Vertragsbedingungen beinhalteten neben der Bemannung der Grenzfestungen auch die Wiederherstellung der Wachtürme/Burgi.Helmut Bernhard: 1990, S. 159. Das sich bald herausbildende, mehr und mehr nach Unabhängigkeit strebende Burgunderreich unter König Gundahar hatte aber nur kurzen Bestand. 436 setzte Aetius seine hunnischen Hilfstruppen in Marsch, die die burgundische Eigenständigkeit blutig beendeten. Diese Strafexpedition sollte später einen Teil des historischen Hintergrundes für das althochdeutsche Epos des Nibelungenliedes beitragen. Diejenigen, die dem Massaker entgangen waren, wurden um 443 zwangsweise an den Genfersee oder ins Tal der Rhone umgesiedelt.
In vielen Orten und Siedlungen lassen sich für die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts noch Spuren einer Weiterverwendung der Kastelle durch die romanische Restbevölkerung und germanische Neusiedler nachweisen. Möglicherweise gab es vereinzelt auch noch eine (zumindest auf lokaler Ebene) funktionierende Verwaltung, aber die römische Herrschaft hatte sich zu dieser Zeit wohl schon größtenteils aufgelöst. Um das Jahr 455 verlieren sich auch die letzten Spuren römischen Lebens in der Vorderpfalz. Die Kastellruine wurde schließlich durch Steinraub zerstört. Selbst Teile der Fundamente wurden bis in eine Tiefe von vier Metern ausgerissen. Spätestens im 14. Jahrhundert dürfte das Kastell vollkommen verschwunden gewesen sein.
Kastell Gerhard Bersu bemerkte zu den baulichen Eigenheiten des Kastells folgendes: