Das Synoptische Problem oder die synoptische Frage betrifft die Erklärung der Übereinstimmungen und der Unterschiede in den Texten der ersten drei Evangelien des Neuen Testaments (synoptische Evangelien). Eine vergleichende Gegenüberstellung als Synopse zeigt, dass diese kanonisierten Evangelien – Matthäus, Markus und Lukas – viele Textpassagen gemeinsam haben, doch an manchen Stellen hinsichtlich Wortlaut, Reihenfolge und Stoffauswahl der Erzählungen voneinander abweichen.

Das Synoptische Problem ist ein klassisches Problem der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft. Die jeweilige Antwort auf das Synoptische Problem beeinflusst in hohem Maße die Auslegung (Exegese) der drei Evangelien (siehe auch Narrative Exegese). Dies betrifft insbesondere Redaktionsgeschichte und Formgeschichte der drei Schriften sowie darüber hinaus die Rekonstruktion von Leben und Predigt des historischen Jesus von Nazaret und ebenso Aspekte der frühesten Kirchengeschichte (Urchristentum).

Das Problem der kanonischen, synoptischen Evangelien steht darüber hinaus in Beziehung zu den Manuskripten (Liste der Papyri des Neuen Testaments) aus der späten Antike bzw. Spätantike. Die Handschriften als historische Quellen sowie als sprachliche Zeugnisse oder als Textzeugen literarischer Texte in ihrer Überlieferung weisen besonders viele Textvarianten auf. Viele dieser Varianten können plausibel als Fehler im Abschreibeprozess interpretiert werden. Eine ganze Reihe von Varianten geht aber eindeutig auf „redaktionelle“ Eingriffe in die Texte zurück.

Der Befund mini|400px|Statistische Angaben: Tony Honoré, 1968Anthony M. Honoré: A Statistical Study of the Synoptic Problem. In: Novum Testamentum. Bd. 10, Nr. 2/3, 1968, , S. 95–147, . Probleme dieser Statistik werden diskutiert von John J. O’Rourke: Some Observations on the Synoptic Problem and the Use of Statistical procedures. In: David E. Orton (Hrsg.): The Synoptic Problem and Q. Selected Studies from Novum Testamentum (= Brill’s Readers in Biblical Studies. 4). Brill, Leiden 1999, ISBN 90-04-11342-8, S. 127–150, hier S. 134. Im Einzelnen sind folgende Sachverhalte zu erklären: Übereinstimmungen im Wortlaut: Matthäus, Markus und Lukas stimmen bei parallelen Stellen in ca. 50 % der Wörter überein, während sie mit Parallelstellen bei Johannes in nur 10 % der Wörter übereinstimmen. Auffallende Übereinstimmungen in der Reihenfolge, aber auch zahlreiche Abweichungen Dreifache gemeinsame Überlieferung: fast das ganze Material von Markus ist in Matthäus enthalten, etwa zwei Drittel davon zudem in Lukas (sog. Lukanische Lücke) Zweifache gemeinsame Überlieferung: etwa 200 Verse sind bei Matthäus und Lukas, aber nicht bei Markus enthalten. Das Sondergut: Von einem einzigen Evangelium überlieferte Texte oder Einzelsprüche (Lukas: 35 %, Matthäus: 20 %, Markus: 3 %). Die Frage um die minor agreements („geringfügige Übereinstimmungen“), also die übereinstimmenden Abweichungen des Matthäus und Lukas vom Markustext oder die Einwände gegen die Benutzung des Markus durch Matthäus und Lukas.

Um diese Zusammenhänge und Verhältnisse zu erklären, werden verschiedene Hypothesen diskutiert; keine der vorgeschlagenen Lösungen vermag sämtliche Phänomene befriedigend zu beantworten.

Lösungsansätze Bereits im 18. Jahrhundert wurde von Johann Gottfried Herder angenommen, dass die Gemeinsamkeiten auf einem Stock mündlicher Überlieferungen beruhten.James D. G. Dunn: Christianity in the Making, Vol. 1: Jesus Remembered, William B. Eerdmans, Grand Rapids 2003, S. 193. Johann Karl Ludwig Gieseler legte 1818 eine ausgearbeitete Traditionshypothese vor. In den 1950er Jahren griff Rudolf Bultmann wieder auf Herders Ansatz zurück; in der Gegenwart vertreten unter anderem Armin Daniel Baum und James D. G. Dunn die Traditionshypothese.

Die meisten Forscher sind allerdings von einer literarischen Abhängigkeit zwischen den synoptischen Evangelien überzeugt. Im Laufe der literarkritischen Forschung wurde die dreifache gemeinsame Überlieferung im Wesentlichen auf vier verschiedene Weisen erklärt: Priorität des Matthäus: Matthäus wurde zuerst geschrieben, von Markus als Vorlage benutzt, der dann von Lukas verwendet wurde. Priorität des Markus: Markus wurde zuerst geschrieben und von Matthäus und Lukas als Vorlage benutzt. Priorität des Lukas: Lukas wurde zuerst geschrieben, von Markus als Vorlage benutzt, der dann von Matthäus verwendet wurde. Markus, der als dritter kam, kombinierte und kondensierte Matthäus und Lukas (Zwei-Evangelien-Theorie).

Um die zweifache gemeinsame Überlieferung zu erklären, gibt es die folgenden Ansätze: Matthäus und Lukas übernahmen bereits fest gefügte Traditionsstücke aus der mündlichen Überlieferung. Matthäus und Lukas kopierten die zweifache Überlieferung von einer gemeinsamen (schriftlichen) Quelle. Lukas kopierte die zweifache Überlieferung von Matthäus. Matthäus kopierte die zweifache Überlieferung von Lukas.

Lösungsvorschläge In der neutestamentlichen Wissenschaft wurden rund zehn Hypothesen zur Lösung des Synoptischen Problems vorgeschlagen und diskutiert. Einige davon wurden weiter modifiziert. Die Lösungsvorschläge lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen: Entweder geht man von einem gemeinsamen Grundbestand an Überlieferungen aus (schriftlich oder mündlich) oder von einer literarischen Abhängigkeit unter den Evangelien. Dabei wurde die Redaktionsgeschichte, als Teil der Historisch-kritische Methode zu einer hervorstechenden Methode der Synoptikerexegese.Udo Schnelle: Antidoketische Christologie im Johannesevangelium. Eine Untersuchung zur Stellung des vierten Evangeliums in der johanneischen Schule. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-53823-5, S. 49

Modelle mit gemeinsamem Traditionsbestand Urevangeliumshypothese: Erstmals stellte Gotthold Ephraim Lessing (1778) die These auf, dass die drei Synoptiker aus einem umfangreichen griechischen Urevangelium abgeschrieben hätten. Johann Gottfried Eichhorn (1812) schloss sich dieser Auffassung an. Dieses wiederum sei eine Übersetzung eines hebräischen Protevangelium gewesen, der so genannten Quelle «Q». Auf dieses bezögen sich jene antiken Autoren, wenn sie vom Hebräer- oder Nazarenerevangelium sprechen, und dieses habe die ganze Geschichte Christi enthalten. Diese Idee geht auf Origenes zurück, der die Papias­notizen so deutete. – Eine Modifikation dieser Theorie erklärt die Kürzungen bei Markus durch die Annahme, dass dieser nicht das ganze Urevangelium gekannt habe, sondern eine bereits gekürzte Fassung.Daniel Marguerat: De Jésus aux Évangiles. In: Daniel Marguerat (Hrsg.): Introduction au Nouveau Testament. Son histoire, son écriture, sa théologie (= Le Monde de la Bible. 41). 4e édition revue et augmentée. Labor et Fides u. a., Genf u. a. 2008, ISBN 978-2-8309-1289-0, S. 11–30, hier S. 35. Die Existenz eines Urevangeliums ist rein hypothetisch. Fragmentenhypothese (auch: Diegesen-Hypothese): Sie wurde 1817 von Friedrich Schleiermacher formuliert. Die Apostel und deren Hörer hätten einzelne Aussprüche und Geschichten über Jesus aufgeschrieben. Die Evangelisten hätten diese Fragmente gesammelt und daraus ihre Evangelien zusammengestellt. Heute wird die Theorie nicht mehr vertreten; sie ist nur noch von historischem Interesse. Traditionshypothese: Matthäus, Markus und Lukas haben jeweils nur (oder hauptsächlich) mündliche Überlieferung verwendet. Diese Theorie stammt ursprünglich von Johann Gottfried Herder. Sie wurde von Johann Karl Ludwig Gieseler ausgearbeitet und ausformuliert. Die relative Gleichförmigkeit der mündlichen Tradition wird durch Auswendiglernen (rabbinischer Lehrbetrieb), häufiges Wiederholen und feste Tradentenkreise begründet. Sie war sehr einflussreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der katholischen Kirche bis ins 20. Jahrhundert (in Frankreich von Eugène Tisserant und Jean Daniélou). Sie wird in neuester Zeit wieder vermehrt vertreten, zum Beispiel von Birger Gerhardsson, Rainer Riesner, Armin Baum, James D. G. Dunn und in Frankreich von Pierre Perrier.

Benutzungshypothesen Die meisten Theorien nehmen an, dass die späteren Evangelisten die Werke der früheren kannten und verwendeten. Daher spricht man von Benutzungshypothesen. Die Augustinische Theorie: Die auf Augustinus von Hippo zurückgehende Theorie sieht Matthäus als erstes Evangelium. Markus verwendete und kürzte Matthäus; Lukas als letzter verwendete Markus und Matthäus. Die Augustinische Hypothese war die traditionelle synoptische Theorie und wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts von vielen katholischen Theologen vertreten. Heute wird sie nur noch vereinzelt vertreten. Griesbachhypothese oder Zwei-Evangelien-Theorie: Diese Theorie geht davon aus, dass Matthäus zuerst geschrieben wurde und Lukas Matthäus verwendete. Markus hat sich dann auf Matthäus und Lukas gestützt, aber die Reden weitgehend weggelassen. Diese Theorie wurde zuerst von Johann Jakob Griesbach 1789 ausführlich beschrieben. Ferdinand Christian Baur (1847)Ferdinand Christian Baur: Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelien: ihr Verhältniss zu einander, ihren Charakter und Ursprung. L. F. Fues, Tübingen 1847. und späterhin Hampden Gurney Jameson (1852–1936) stellten 1922H. G. Jameson: The Origin of the Synoptic Gospels. Blackwell, Oxford 1922 die Reihenfolge um: Matthäus, Markus, Lukas. Karl Lachmann (1835) hingegen sah die Folge Markus, Matthäus, Lukas und damit die Markus-Priorität als die richtige an. Hingegen legte William Lockton (1922)William Lockton: The Origin of the Gospels. In: Church Quarterly Review 94 (1922), S. 216–239. die Reihenfolge Lukas, Markus, Matthäus fest. Eine Modifikation der Griesbachhypothese – zeitlich allerdings vor Griesbach veröffentlicht – lag bei Anton Friedrich Büsching (1766) vor. Markus habe die Texte von Matthäus und Lukas zusammengestellt (kompiliert), allerdings sei Lukas prioritär. Die Neo-Griesbach-Theorie (Two-Gospel-Hypothesis) ist in den USA durch William R. Farmer und seinen SchülernDavid Laird Dungan (Hrsg.): The Interrelations of the Gospels: a Symposium Led by M É Boismard, W R Farmer, F Neirynck, Jerusalem 1984. Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium 95, Leuven Univ. Pres, Louvain, Belgium 1990, S. 125–230, Reproduktion Ithaca, NY: Snow Lion Publications, 2002. Articles and Essays Authored zu einem wichtigen Alternativ-Modell zur Zweiquellentheorie geworden. Ihr Lösungsvorschlag sagt in allgemeiner Form, dass Matthäus und Lukas vor Markus und Johannes geschrieben wurden. So habe Matthäus unter Aufnahme umfangreicher mündlicher und schriftlicher Traditionen als Erster ein Evangelium verfasst. Die Existenz einer Logienquelle Q wird bestritten.Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegese. /. Auflage, UTB 1253, Vandenhoeck & Rubprecht, Göttingen, ISBN 978-3-8252-1253-7, S. 91 Farrerhypothese (auch: Farrer-Goulder-Hypothese): Sie geht davon aus, dass Markus zuerst geschrieben wurde, von Matthäus übernommen und dann von Lukas verwendet wurde. Die doppelte Überlieferung wird dadurch erklärt, dass Lukas weitere Teile von Matthäus übernommen hat, wodurch die Annahme einer Logienquelle Q unnötig wird. Diese von Austin Farrer aufgestellte Hypothese gilt vor allem in England als ernsthafte Alternative zur Zweiquellentheorie. Sie wird von Michael Goulder, Mark Goodacre und anderen vertreten. Wilkehypothese: So wie die Farrerhypothese geht die von Christian Gottlob Wilke 1838 aufgestellte und von Bruno Bauer unterstützte Theorie davon aus, dass Markus zuerst geschrieben wurde. Die zweifache Überlieferung wird dann aber durch das Kopieren von Lukastexten durch Matthäus erklärt, also umgekehrt als bei der Farrerhypothese. Diese Theorie wird insbesondere von Alan Garrow und Evan Powell vertreten.