Maytas Geschichte () ist ein Roman des peruanischen Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1984.Verwendete Ausgabe, S. 4, 1. Z.v.o.
Im Mittelpunkt des Romans steht die fragmentarische Biographie des ziemlich unbekannten peruanischen Trotzkisten Alejandro Mayta Avendaño, die im März 1958 ihren Höhepunkt in seiner Beteiligung an einer gescheiterten Erhebung zusammen mit einer Handvoll Aufständischer in Jauja im Departement Junín kulminiert. Der Roman könnte als Satire auf einen misslungenen Aufstandsversuch gelesen werden. Er muss jedoch als Entwicklungsroman einer fiktiven Person verstanden werden, dessen politische Überzeugung nicht an einer konkreten Niederlage seines politischen Kampfes oder seiner individuellen Unfähigkeit zerbricht, sondern beispielhaft zum Opfer der kollektiven Unfähigkeit des gesamten politischen Parteiensystems wird und der im Grau des Alltags schließlich aufgerieben wird. Nicht die Unterschiede einzelner Parteien, Gruppen, Splittergrüppchen und Gewerkschaften stehen im Mittelpunkt, sondern die Unfähigkeit einer Gesellschaft zu politischem Dialog über ideologische Grenzen hinweg, die bleibende Zerstörung und Entwicklungshemmung nach Auffassung des Autors hinterlässt. Die Gewaltbereitschaft der peruanischen Gesellschaft anstelle des politischen Dialogs verhindert neben den internationalen Machtverhältnissen wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung.
Form Zwei Tempi – die Gegenwart und die Vergangenheit – verweisen auf zwei Erzählebenen. In der Gegenwart – das ist im Jahr 1983 – teilt der Ich-Erzähler die Nachforschungen über seinen fiktionalen Mitschüler Mayta mit. In der 25 Jahre zurückliegenden Vergangenheit, also 1958, kommt Mayta zu Wort. Die Textverständlichkeit wird durch den fortwährenden unvermittelten Ebenenwechsel in manchen Kapiteln (siehe zum Beispiel 4. Kapitel) stark erschwert. Der Leser findet am jeweiligen Tempus einigermaßen Halt. Vargas Llosa bedient sich seit den 1970er Jahren einer fragmentarischen Erzähltechnik, die bewusst verschiedene Erzählstränge ineinander verwebt; Personen erhalten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Namen.
Die Befragung eines Zeitzeugen durch den Ich-Erzähler ist immer mit zahllosen Sprüngen zwischen den oben genannten beiden Zeitebenen verbunden. Mayta agiert meistens in der Ebene Vergangenheit. Vargas Llosa tritt notgedrungen in die Rolle des allwissenden Erzählerssiehe zum Beispiel verwendete Ausgabe, S. 278, 14. Z.v.u. oder auch S. 281, 4. Z.v.u. zurück. Der Roman teilt sich im Wesentlichen in jene Kapitel, die Maytas persönlichen Werdegang vor und nach den Ereignissen in Jauja beschreiben. Ist Mayta und der Roman bis zu Maytas Abreise nach Jauja eher statisch, wandelt sich seine Persönlichkeit und die Erzählweise danach stark. Obwohl sich Vargas Llosa der Rolle des allwissenden Erzählers bedient, wird die Wandlung nicht als Deutung des Erzählers, sondern als Schilderung seiner Zeitzeugen ausgeführt. Die Rolle des allwissenden Erzählers wird dann deutlich, wenn er die seitens der Zeugen bestrittene eigene Beteiligung am Aufstandsversuch anklingen lässt.
Inhalt Der Ich-Erzähler Vargas Llosa,Scheerer, S. 124, 17. Z.v.o. ein bei der Bevölkerung Limas allseits bekannter und nicht ungern gesehener Schriftsteller, räumt am Romanende ein, dass er fast alles erfunden hat: den SchulkameradenVerwendete Ausgabe, S. 127, 6. Z.v.u., S. 341, 16. Z.v.o. und S. 343, 3. Z.v.o. Mayta, dessen kriminelle Verfehlungen und dessen Homosexualität.Verwendete Ausgabe, S. 359 Aber im letzten Satz des Textes stellt Vargas Llosa unmissverständlich klar: Ein ganzes Jahr habe er mit seinen Erfindungen verbracht. Zweierlei sei allerdings keineswegs erfunden – der Anfang und das Ende. Darin werden die Müllkippen in den Außenbezirken Limas beschrieben, an deren Rändern Menschen in elenden, in einer Nacht fieberhaft zusammengezimmerten Behausungen vegetieren. Die wild wuchernden Müllkippen werden zum Symbol für den respektlosen Umgang der Peruaner mit ihrem paradiesisch schönen Land und der Verwahrlosung einer entwurzelten Gesellschaft. Das gesellschaftliche Umfeld Perus jener Jahre ist nicht erfunden.
Dem Aussehen nach sei der „Durchschnittsperuaner“ Mayta ein Mestize. Nach dem Tod seiner Mutter, einer Krankenschwester, wurde Mayta von seiner Tante erzogen. Der Vater verschwand bereits vor Maytas Geburt und spielte demzufolge keine Rolle bei seiner Erziehung; ein Schicksal, das er mit vielen Südamerikanern, nicht zuletzt mit dem Autor teilt. Als Kind besucht Mayta die katholische Schule der Salesianer Don Boscos in Lima. Anwalt wollte Mayta werden, um für Gerechtigkeit zu sorgen, ist es aber nie geworden. Nach einem Jahr des Studiums an der Nationaluniversität San Marcos verliert er die Hochachtung vor und das Interesse an Hochschullehrern, die ohne innere Überzeugung und Engagement in irgendwelchen „Nebenkriegsschauplätzen“ ihrer Fachgebiete verdorren und die Liebe zum Gegenstand ihres Wissensgebiets verlieren.Verwendete Ausgabe, S. 60 Sein politisches Engagement ersetzt diese Leere nur unzureichend. Im Laufe dieses Prozesses wandelt sich Mayta zum atheistischen Trotzkisten, der bei seinen Propagandaaktionen mehrmals verhaftet wird, deshalb verschiedene Gefängnisaufenthalte übersteht, ohne in seiner Überzeugung zu schwanken.
Im Interviewstil befragt der Ich-Erzähler Menschen in Lima und in Jauja, die in Phasen Maytas fiktionalen Lebens eine Rolle gespielt haben: Dazu zählt die Tante, aber auch seine ehemaligen politischen Weggefährten, die sich in der Gegenwart von 1983 in der politischen und kulturellen Szene der peruanischen Hauptstadt etabliert haben – nicht als Trotzkisten oder als Revolutionäre, sondern als opportunistischer Senator, der dem ehemaligen Diktator zeitweilig Reden formuliert oder als opportunistischer Direktor des Kulturzentrums „Zentrum für Entwicklungsförderung“, der sich von Amerikanern, Russen, Chinesen und Westdeutschen fördern lässt, Stipendien beschafft und Studien in Auftrag gibt. Schon in seiner katholisch geprägten Kindheit hat Mayta Anstoß an der krassen Armut in seinem Land genommen und aus Sympathie mit den hungernden Armen über Wochen eine Art Hungerstreik durchgeführt, bis er nach einem Kollaps in eine Klinik eingeliefert wird.Verwendete Ausgabe, S. 16 Auf diese Szene wird wiederholt Bezug genommen, um die Ernsthaftigkeit und individuelle Opferbereitschaft seines politisch-sozialen Engagements zu betonen. Mayta wird als jemand beschrieben, der im Unterschied zu seinen Zeitgenossen für sich keine bevorzugte Behandlung oder Versorgung beansprucht, sondern glaubhaft uneigennützig bereit ist, für seine Überzeugungen einzustehen. Die Konsequenz, mit der er seine Überzeugungen verfolgt, lässt ihn in immer kleinere politische Grüppchen der stets isolierten, in die Illegalität abgedrängten, politischen Linken Perus wechseln, um die Reinheit und Gradlinigkeit seiner Haltung unter Beweis zu stellen. Die Illegalität liefert diesen Gruppen regelmäßig den Vorwand, über den Stand der „revolutionären Situation“ in anderen Teilen der Welt, wie z. B. Ceylon zu philosophieren, statt sich mit der Alltagstauglichkeit ihrer fehlenden Rezepte zur Bekämpfung der Armut in ihrem eigenen Land zu beschäftigen. Von Maytas politischen Weggefährten wird er deshalb im Rückblick als Spalter mit Hang zur Häresie beschrieben.Verwendete Ausgabe, S. 40 Bemerkenswert, wenn ein politischer Weggefährte, der die politische Theorie Lenins und Trotzkis als wissenschaftlich auffasst, einen Begriff der katholischen Glaubenslehre verwendet, um das abweichende Verhalten Maytas zu beschreiben!
Im siebten Kapitel wird Adelaida, die als junges Mädchen attraktive und allseits begehrte, erste Ehefrau des Berufsrevolutionärs Mayta, befragt. Adelaida ließ sich bei Beginn ihrer Schwangerschaft von Mayta scheiden, um einen früheren heißen Verehrer, den Postangestellten Don Juan Zárate zu heiraten, nachdem sie erkannt hatte, das ihr Ehegatte schwul war und beschlossen hatte, dass sie die Farce einer Ehe mit Kind nicht fortsetzen wolle. Die Heirat mit Zárate fand unter der Bedingung statt, dass dieser das Kind, das sie erwartete, als seines anerkannte. Die Farce ihrer zweiten Ehe stört sie offenbar nicht. Später, als Adelaidas und Maytas Sohn fast erwachsen ist, entdeckt der Sohn, dass sich Zárate eine Geliebte genommen hat. Um den verstörten Sohn an sich zu binden, setzt Adelaida ihn daraufhin über seine Herkunft ins Bild. Der Sohn versteht die Welt nicht mehr, gibt sein Pharmaziestudium auf, kehrt Lima den Rücken, um in Pucallpa oder auch in Yurimaguas in einem Sägewerk zu arbeiten.
In einer Reihe von Abschnitten beschäftigt sich der Roman ausgiebig mit der in der Gesellschaft Lateinamerikas wandelnden Rolle bzw. dem wandelnden Selbstbild der katholischen Kirche in Form von Interviews mit Vallejos Schwestern, die als Ordensschwestern in den Elendsvierteln Limas tätig sind. Stand die katholische Kirche in den 1950er Jahren noch klar an der Seite der Herrschenden, weil sie die gesellschaftliche Hierarchie als ein notwendiges Ordnungsprinzip betrachtete – bei dem die Reichen ihr fehlendes Gewissen damit betäuben, dass ihre Kinder ein Kind der Ärmeren (die Kinder der Armen, die Mayta das Lumpenproletariat nennt, können sich die Schule in der Regel gar nicht leisten, weil sie auf den Müllkippen nach Verwertbarem suchen, um zum Unterhalt ihrer Familien beizutragen) ihrer Schule „adoptierten“, dem sie am Geburtstag Kuchen und Süßigkeiten durch den Chauffeur liefern lassen (damit das Kind der Oligarchenfamilie nicht in die Niederungen, den Schmutz, die Krankheiten und die Kriminalität der Armutsviertel absteigen muss) – wandelt sich die Stellung der Kirche unter dem Einfluss der Befreiungstheologie zu einer „Kirche der Armen“, die sich selbst verletzlich macht. Der Autor beschäftigt sich in seinem Roman mit diesen Wandel kritisch und kommt zu dem Schluss, dass die herrschende Klasse ihre symbolische Hilfe für die Armen z. B. durch die Förderung einzelner Kinder unter dem Einfluss der Befreiungstheologie ersatzlos eingestellt hat. Nicht einmal der gönnerhafte Geburtstagskuchen oder das paternalistische Schulstipendium findet mehr statt. Die arme Mittelschicht – und mit ihr Mayta – träumt vergeblich von einer täglichen Dusche, in einem Land, in dem es als selbstverständlich gilt, z. B. in strahlend weißer Kleidung zur Schule zu erscheinen.