mini|Konservierter Eiskeller in der Bereichsbibliothek Sozialwissenschaften und Psychologie (2013) miniatur|Südseite nach der Freilegung mini|hochkant|Freilegung des Gebäudes mit Porzellanscherben der Anstalt miniatur|Kuppel miniatur|hochkant|Eingang
Der Eiskeller ist ein historisches Bauwerk auf dem ehemaligen Affensteiner Feld in Frankfurt am Main. Es befindet sich heute auf dem Campus Westend der Universität Frankfurt im nordöstlichen Teil des Campusgeländes im Winkel von Hansaallee und Lübecker Straße. Das Bauwerk wurde konserviert und in die Bibliothek Sozialwissenschaften und Psychologie (BSP) integriert.
Fundgeschichte Auf dem Flurstück Affensteiner Feld befand sich die „Anstalt für Irre und Epileptische“, eine psychiatrische Einrichtung, die von 1859 bis 1864 am Rande der Stadt errichtet worden war. Die Anstalt, in der unter anderem Heinrich Hoffmann und Alois Alzheimer wirkten, wurde im Volksmund als „Irrenschloss“ bezeichnet. Im Nordosten des Anstaltsgeländes befand sich ein Eiskeller, der in einem Situationsplan des Architekten Oskar Pichler 1863 als „Eisgrube“ bezeichnet wurde, in einem Plan von 1908 als „Eiskeller“. Das obere Stockwerk lag noch zu Zeiten der psychiatrischen Klinik bis auf ein Portal mit Eingangstür unter einem Erdhügel,Pläne publiziert bei Hans-Markus von Kaenel, Thomas Maurer, Albrecht Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M., Bonn 2012, S. 168 Abb. 1 sowie S. 173 Abb. 5; auf ipernity.com der mit Bäumen bepflanzt war.Hans-Markus von Kaenel in: eiskeller-frankfurt.blogspot.de, Beitrag vom 12. September 2008 (abgerufen am 20. November 2013) Vermutlich in Verbindung mit dem Abriss des Klinikgebäudes im Jahre 1925/26 wurde auch die Eingangstür mit Erdreich zugeschüttet, das Gebäude geriet in Vergessenheit.Andrea Hampel: 600 Jahre „Affenstein“ – Ein Sensationsfund in Frankfurt am Main. In: Hessen-Archäologie 2008, S. 142–146, hier S. 145.
Später gehörte das Gelände der IG Farben, die hier 1928 das I.G.-Farben-Haus errichtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Areal zusammen mit dem I.G.-Farben-Gebäude vom V. Corps der US Army genutzt. Zu dieser Zeit hatte der untere Teil des Gebäudes (der eigentliche Eiskeller) unter Bodenniveau am Rande eines Parkplatzes gelegen.
Die Rückgabe des Geländes begann 1996, wobei das Areal an der Ecke Lübecker Straße / Hansaallee bis 2006 weitergenutzt wurde und erst dann in den Besitz der Hochschule gelangte. Im April 2008 wurde der Baukörper bei den Bauarbeiten für einen Bibliotheksbau des neuen Campus Westend aus einem mit Gestrüpp und Bäumen überwachsenen Hügel freigelegt und geriet in den Fokus der Aufmerksamkeit.Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, S. 729 und 734; dieselbe: 600 Jahre „Affenstein“ – Ein Sensationsfund in Frankfurt am Main. In: Hessen-Archäologie 2008, S. 143.
Beschreibung Der freigelegte zylindrische Baukörper besitzt eine erhaltene Höhe von über sieben Metern bei einem Durchmesser von über fünf Metern.Zahlen nach Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, S. 735. Die Mauern bestehen außen aus unverputztem Bruchstein, innen aus regelmäßigeren Steinquadern. Der Innenraum ist nicht zylindrisch, sondern nach unten konisch zulaufend, was durch außen lotrechtes, an der Innenseite nach oben zu dünner werdendes Mauerwerk (1,20 m bis 0,80 m) hervorgerufen wird.Albrecht Schlierer in: Hans-Markus von Kaenel, Thomas Maurer, A. Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Bonn 2012, S. 184; Profilschnitt, angefertigt von Steuernagel Ingenieure, November 2009, Hessisches Baumanagement (online); Foto des unteren Gebäudeinneren nach Freilegung Eine doppelte Kuppel, außen aus Sandsteinen, innen aus senkrecht gestellten Backsteinen gemauert, war bereits bei der Auffindung nicht geschlossen. Beide wurden nach der Freilegung aus statischen Gründen abgetragen.Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, S. 735.
Der Eingang besitzt eine dreifache, schleusenartige Tür mit einer Höhe von 1,50 m. Die Türlaibungen bestehen aus Basaltsteinen. Dieser Eingangsbereich wird von zwei Mauern zangenförmig flankiert. Sie laufen ohne erkennbare Baufuge auf einer Länge von etwa 6 m bis in den runden Baukörper hinein und verengen sich dabei zum äußeren Eingang hin.Angaben nach Andrea Hampel: 600 Jahre „Affenstein“ – Ein Sensationsfund in Frankfurt am Main. In: Hessen-Archäologie 2008, S. 144
Bei den Freilegungsarbeiten fand sich eine große Menge Geschirr der Klinik, das aufgrund angetroffener Porzellanmarken anscheinend in der Zeit der Auflösung des Standorts im Bauwerk entsorgt wurde. Im Innenraum befand sich ein Holzgerüst, von dem noch Reste auf dem Boden sowie zwölf Balken an der Wand erhalten waren.Zu erkennen auf einem Foto des unteren Gebäudeinneren nach Freilegung Sie konnten dendrochronologisch in die Bauzeit der Anstalt (1859–1864) datiert werden.Hans-Markus von Kaenel in: H.-M. von Kaenel, Thomas Maurer, Albrecht Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Bonn 2012, S. 170. Am Boden des Bauwerks befindet sich eine Grube (Sumpf), an deren Grund das Erdreich ansteht.
Deutungen Mittelalterliche Warte Andrea Hampel, Leiterin des Denkmalamts der Stadt Frankfurt, fasste unmittelbar nach der Freilegung im Jahr 2008 den unteren Gebäudeteil als Relikt eines mittelalterlichen Wehrturms aus dem 13./14. Jahrhundert als Teil der Frankfurter Landwehr auf. Diese Einschätzung hielt sie auch in späteren Fachpublikationen aufrecht.Andrea Hampel: 600 Jahre „Affenstein“ – Ein Sensationsfund in Frankfurt am Main. In: Hessen-Archäologie 2008, S. 142–146, hier S. 145f.; dieselbe: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, besonders S. 750–754. Begründet wurde die Bestimmung als Warte mit konstruktiven Details (Bruchsteinmauerwerk, oben einziehendes Mauerwerk, auf das eine Fachwerkkonstruktion mit Wehrgang aufgesetzt wurde)Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, besonders S. 746–750. und der topographischen Lage auf einer leichten Anhöhe.Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, besonders S. 750 und 752.
Es liegen keine Funde vor, welche eine derartige Datierung stützen würden, da der untersuchte Innenraum vollständig mit Material aus der Irrenanstalt, durchsetzt von neuzeitlichen Scherben, verfüllt war.Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, besonders S. 741–746. Als einzige urkundliche Erwähnung führt Hampel die Erwähnung einer Warte auf dem Affenstein bei Johann Georg Battonn im Jahr 1434 an, vermerkt aber, dass diese seit Johann Karl von Fichard als Verwechslung mit der 1,5 Kilometer entfernten Bockenheimer Warte eingeschätzt wird.Johann Georg Battonn: Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main Band 1.Frankfurt a. M. 1861–1875, S. 140 (online bei google-books); Andrea Hampel: Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. In: Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, S. 754. Die wenigen Quellen erwähnen den markanten Flurnamen erstmals am Ende des 13. Jahrhunderts. Denkbar wäre, dass sich die Endung auf „-stein“ auf ein Bauwerk bezieht. Eine Warte ist aber auf historischen Karten, darunter der Belagerungsplan des Conrad Faber von Kreuznach von 1552, nirgends vermerkt.Thomas Maurer in: Hans-Markus von Kaenel, Th. Maurer, Albrecht Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Bonn 2012, S. 172–177.
Die Entdeckung einer bisher unbekannten Warte der Landwehr rief umgehend ein besonderes Echo in regionalen Medien hervor.Claudia Michels: Spekulation um den Affenstein. In: Frankfurter Rundschau, 13. Juni 2008 (online); dieselbe: Fund auf Campus Westend. Der Emporkömmling von der Hansaallee. In: Frankfurter Rundschau, 17. Juni 2008 (online) Die Rhein-Main-Zeitung, Lokalteil der F.A.Z., bemühte Indiana Jones und wollte im Feuilleton der Ausgabe vom 11. Juni 2008 das Gelände sogar in einer Reihe mit Troja, Mykene oder Jericho sehen.Der Affenstein ist wieder aufgetaucht. In: Rhein-Main-Zeitung Nr. 134, 11. Juni 2008, S. 43 sowie Ein Ave für die Gotik. Fast wie in Jericho: Am Rand der Frankfurter Innenstadt wurde ein mittelalterlicher Wachturm entdeckt. ebenda S. 35. Auch politische Gremien machten sich in der folgenden Zeit für einen Erhalt der Ruine in situ stark, was von der Universität umgehend zugesichert wurde.Hans-Markus von Kaenel in: H.-M. von Kaenel, Thomas Maurer, Albrecht Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Bonn 2012, S. 178–180.
Archäologen der Universität Frankfurt kritisierten, obwohl institutionell nicht in das Verfahren eingebunden oder zuständig, schon währenddessen an dieser Darstellung, dass sie . Das Objekt sei unsachgemäß von dem umgebenden Hügel entkleidet worden, statt es von oben nach unten freizulegen. Entsprechend existieren keine Angaben über das Verhältnis des Bauwerks zu seinem Umfeld, das nicht untersucht wurde.Zunächst in einem eigens eingerichteten Internet-blog, später publiziert in Hans-Markus von Kaenel, Thomas Maurer, Albrecht Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Bonn 2012, S. 167–209 Zitat auf S. 206.
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